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Nachhaltiges Ende

| 26. März 2015 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 111, Fazitthema

Illustration: Pedro el libre

1972 öffnete uns der »Club of Rome« mit dem Buch »Grenzen des Wachstums« die Augen: Das Ende der Menschheit naht. Auch deshalb reden wir im Jahr 2015 eigentlich nur noch über Nachhaltigkeit. Aber eine Lösung ist noch lange nicht in Sicht.

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Es klingt ein bisschen naiv. Und deswegen nennt man solche Gedankenexperimente mit Zahlen gerne Milchmädchenrechnung. Diese ist bekannt unter dem Titel »Josephspfennig«. Von einem Pfennig ging man nämlich aus. Ein Pfennig, den man der Einfachheit halber heute zum Cent macht und den Joseph theoretisch zum Beginn unserer Zeitrechnung für seinen Sohn Jesus anlegen hätte können. Hätte er damals fünf Prozent Zinsen ausgehandelt und das Sparbuch im Jahr 2000 zur Bank gebracht – dieses Sparbuch wäre schon vor 15 Jahren knapp 24 Sextilliarden wert gewesen. Eine Zahl mit 41 Stellen also, die selbst jegliches Vermögen der Erde ad absurdum führt. Hätte Joseph allerdings jedes Jahr die Zinsen abgehoben, hätte er im Jahr 2000 lediglich 1 Euro auf seinem Bankkonto gehabt.

Diese Rechnung erklärt ganz einfach den Unterschied zwischen exponentiellem und linearem Wachstum. Und zeigt vielmehr noch, dass exponentielles Wachstum nicht funktionieren kannund man irgendwann an eine Grenze stoßen wird. Aber das gilt nicht nur für die Wirtschaft. Auch für Ressourcen. Und das liegt an der Weltbevölkerung. Gab es zu Zeiten von Joseph etwa 200 Millionen Menschen, so war es um 1650 etwa eine halbe Milliarde. Schon bald wurde das Bevölkerungswachstum ebenfalls exponentiell. Und im 20. Jahrhundert sogar superexponentiell, weil sich die Wachstumsrate weiter erhöhte. Selbst wenn diese seit den 1970ern wieder im Sinken ist, gehen die Vereinten Nationen davon aus, dass im Jahr 2100 rund zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben werden. Zum einen weil die Fortschritte in der Medizin immer längere Lebenserwartung garantieren, zum anderen weil die Anzahl der hungernden Menschen weltweit zwar noch immer bei 870 Millionen liegt, aber seit 1990 zurückgeht. Und weil es uns eben immer besser geht, was bei all dem Leid auf der Erde natürlich irritierend wirkt, aber dennoch Fakt ist.

Vom Verständnis der »World Problematique«
Die Schlussfolgerungen aus diesen Wachstumszahlen liegen auf der Hand und werden seit 1972 gerne mit einem ganz besonderen Zusammenschluss unabhängiger Denker aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Verbindung gebracht. Damals veröffentlichte nämlich das so genannte »Executive Committee des Club of Rome« erstmals eine Publikation, was seitdem immer wieder dann passiert, wenn diese Damen und Herren das Gefühl haben, einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der »World Problematique« vorlegen zu können. Der erste Bericht trug den Titel »Grenzen des Wachstums« und gilt noch immer als das Standardwerk aller Zukunftsstudien. 30 Millionen Exemplare wurden bis heute in 30 Sprachen verkauft.

Dass es bis heute gelesen wird, liegt auch daran, dass das Thema die Gesellschaft mehr beschäftigt als je zuvor. Warum, wurde vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft »Club of Rome«, Max Schön, gegenüber ARTE kürzlich erklärt: »Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches hat die Menschheit geglaubt, dass man alle Probleme der Welt mit Technologie lösen kann. Zum Beispiel war man sich sicher, dass unendlich Energie mit Atomkraftwerken erzeugt werden kann.« Er spricht gar von einer Änderung des Blicks auf die Welt, der ihn zu folgender, fast banaler Feststellung führt: »Wir haben einen Planeten. Und mit diesem müssen wir auskommen.« Theoretisch besteht natürlich eine andere Möglichkeit. Die Marsmission »Mars One« will ab 2025 Menschen auf dem Mars landen und eine Siedlung aufbauen lassen. Gut möglich, dass sich mit dem Kärntner Günter Golob sogar ein Österreicher auf den Weg zum roten Planeten macht – zumindest hat er es unter die letzten 100 Kandidaten geschafft. Aber glaubt man dem WWF, benötigen wir bis 2050 drei Erden, um unseren Bedarf zu decken. Und leider ist der Mars gerade einmal halb so groß wie unser Planet. Man sollte sich also nach Alternativen umsehen. Und damit sind nicht unbedingt andere, noch unrealistischere Besiedlungsszenarien in unserer Galaxie gemeint.

Es beginnt bei Vanuatu
Es ist ja schon lange kein Geheimnis mehr, dass Erderwärmung und Klimawandel zu immer mehr Wüsten und Naturkatastrophen führen. Dass dort, wo die Wasserversorgung knapp ist, immer wieder Konflikte aufbranden. Dass das Öl auszugehen droht oder irgendwann schlicht und ergreifend niemand mehr garantieren kann, dass wir genügend Wohnraum für uns alle haben werden. Ganz zu schweigen von der Ernährung von immer mehr Menschen oder dem Abfall, den immer mehr Menschen produzieren. Es ist eben neben der wirtschaftlichen immer die Umweltfacette, die den größten Herausforderungen unserer Zeit ein Gesicht verleihen. Wenn ein Land wie Vanuatu, das ohnehin aufgrund des steigenden Meeresspiegels vor dem Untergang steht, auch noch durch eine Naturkatastrophe verwüstet wird wie jüngst, dann wird der Weltöffentlichkeit ein plakatives Beispiel dafür präsentiert, was Max Schön auch in seinem Blick in die Zukunft beschreibt: »Was auf uns zukommen wird, sind große Flüchtlingsströme«, sagt er. »Menschen, die an Küstenregionen leben und deren Häuser weggespült werden, oder Menschen, die in Dürreregionen leben, werden nicht einfach dort bleiben. Sie werden dort hinziehen, wo es bessere Lebensbedingungen gibt.« Das werde zu Diskussionen führen. »Die Gesellschaft in Europa wird nicht nur vor der Frage stehen: Wie geht es uns einigermaßen noch gut? Sondern vielmehr wird sie sich ebenfalls fragen: Bleiben wir ein offenes, freies Land? Wenn nicht, wird das Auswirkungen auf die Ökonomie haben und es wird bergab gehen.« Die Lösung seien neue Systeme. Und das Zauberwort dafür ist Nachhaltigkeit.

Der Wissenschaftler Karl Farmer ist Professor an der Karl-Franzens-Universität in Graz, die allein durch das Studium der Umweltsystemwissenschaften über Landesgrenzen hinaus einen besonderen Ruf für nachhaltige Studien genießt. Farmer hat zusammen mit Ingeborg Stadler ein Standardwerk mit dem Titel »Marktdynamik und Umweltpolitik« veröffentlicht. »Wir sprechen in der Wissenschaft von zwei unterschiedlichen Grenzen des Wachstums«, sagt Karl Farmer. »Die der erschöpfbaren Ressourcen und die der erneuerbaren Ressourcen.« Erschöpfbare Ressourcen sind Energieträger wie Öl, Kohle oder Erdgase, erneuerbare etwa Wald- und Fischbestände. Diese Annahme sei gegen den »common sense«. Er nennt ein Beispiel: »Wenn der Ölpreis steigt und dadurch eine Verknappung vorherrscht, führt das zu steigenden Preisen. Dadurch wird automatisch weniger genutzt. Es entsteht ein Anreiz, weniger davon zu verbrauchen.« Viel größer seien da schon etwa die Sorgen um die Erderwärmung und ihre Folgen. »Es gibt wenig Signale am Markt, die auf eine Verknappung hinarbeiten. Eine katastrophale Entwicklung ist absolut möglich.«

Aufregung, aber keine Veränderung
Jörgen Randers ist Norweger und mehr oder weniger ein Kollege von Karl Farmer. Er war Mitautor der 72er-Version von »Grenzen des Wachstums« und hat 2012 einen neuen Bericht für den »Club of Rome« herausgegeben. Der Titel: »2052 – eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre.« Im Unterschied zu den Feststellungen der alten Schrift ist sein neues Werk allerdings vielmehr ein deutender Blick in die Zukunft. Thema sind natürlich auch die ominösen zwei Grad, die der weltweite Temperaturanstieg bis ins Jahr 2052 betragen wird. Es ist dabei nicht neu, wenn er von den Folgen wie Naturkatastrophen, Wirbelstürmen, Korallenbleichen, Waldsterben oder neuartigen Insektenplagen spricht. Vielmehr ist der nächste Schritt interessant. Wenn man nicht aktiv wird, würde folgendes Szenario eintreffen: »Die Aufregung in der Öffentlichkeit wird jedes Mal groß sein und die Menschen werden immer ängstlicher in die Zukunft blicken«, sagt er. »Aber in den meisten Fällen werden die kurzfristigen Kosten für wirkungsvolle Gegenmaßnahmen unakzeptabel hoch erscheinen und daher werden solche Maßnahmen nach ›reiflicher Überlegung‹ aufgeschoben werden.« Konsens: Die Politik werde eher dann handeln, wenn es zu spät ist. Wenn Wälder von Borkenkäfern befallen sind, Brunnenkresse in gemäßigten Zonen die Fauna stört oder – um den größeren Kontext dieser Beispiele zu erklären – die Klimazonen eben um 100 Kilometer in Richtung der Pole verschoben werden. In den Tropen werden sich die Wüsten ausbreiten und die nördlichen Permafrostböden werden auftauen. Und Randers geht noch weiter: Immer mehr Menschen werden dann in die Städte ziehen. Sie werden es nicht nur wollen wie heute, sondern eher müssen. Aufgrund der »ständig wachsenden Bedrohung auf dem Land durch gefährliche Extremwetterereignisse«.

Die Welt scheint ein unwohnlicher Ort zu werden, wenn sich nichts ändert. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass ein regelrechter Nachhaltigkeitshype in unserer Gesellschaft zu spüren ist. Der Begriff Hype klingt negativ und das ist er auch oft. Es gibt nämlich diese Menschen, die so verbissen versuchen, für ihre Sache zu kämpfen, dass sie verurteilen und unsere Gesellschaft spalten. Verurteilung wird uns allerdings nicht weiterbringen. »Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst«, soll Mahatma Gandhi einmal gesagt haben. Auch Randers macht in seinem Buch eine Schlussbemerkung. Nur drei Sätze, groß gesetzt auf einer ganzen Seite. »Es bleibt mir nur noch eines zu sagen: Bitte helfen Sie mit, dass meine Prognose sich als falsch erweist. Gemeinsam können wir eine bessere Welt schaffen.« Worte, die schon fast platt wirken, weil es diese Parolen sind, die man zu oft hört und liest. Aber so unkreativ und langweilig sich solche Sätze anfühlen, stehen sie doch als Synonym für ein Problem der nachhaltigen Gedanken: Durch die vielen Berichte über Erderwärmung, Umweltschäden, die Grenzen des exponentiellen Wachstums der Weltbevölkerung und der Wirtschaft, also eben diese Kleinigkeit namens »bevorstehendes Ende der Welt«, werden wir desensibilisiert, obwohl wir doch eigentlich immer mehr erschüttert werden sollten.

Die Macht der Basis
Natürlich auch, weil die Politik mitmacht. Denn es gibt ja etwa – um nur eines von vielen Beispielen zu nennen – ein Kyoto-Protokoll und dennoch halten sich die, die sich daran halten sollten, erst recht nicht daran. »Das Umdenken der Politiker und Menschen wird prinzipiell dort anfangen, wo es keine Substitute gibt«, sagt Karl Farmer dazu. Und sieht einen breiteren, neutraleren Ansatz: »Wir versuchen zu verstehen, warum Politiker nicht handeln. Wir versuchen, Mehrheitswahlsystem und andere Mechanismen wie den Wunsch, wiedergewählt zu werden, mit einzubeziehen. Weil diese Tatsachen dagegen sprechen, Maßnahmen durchzusetzen, die dem Bürger weh tun.« Vielmehr stellt sich also die Frage, was von der Basis aus passieren kann. Was der Einzelne tun kann. Um wieder nur ein Beispiel zu nennen: Reicht es, nur auf Thunfisch zu verzichten und kein Diskonterschweinefleisch zu kaufen? Und dafür eben ein bisschen mehr Geld für Bio-Produkte in die Hand zu nehmen? Aber wer kann sich das leisten und wie viele kommen gar nicht zu solchen Gedanken, weil sie in ihrer Existenz bedroht sind durch wirtschaftlich schwere Zeiten? Muss man dann dennoch vegan leben und darf sich nur mit Gemüse aus der Region sättigen? Und das obwohl man dann gleichzeitig dem Körper auf anderen Wegen über Nahrungsergänzungsmittel Vitamine oder Mineralstoffe zufügen muss, weil sie über das Essen nicht mehr aufgenommen werden können?

»Der Einzelne kann im Rahmen seiner Möglichkeiten viel tun«, sagt Farmer. Und bringt ein anderes Beispiel. »Man denke nur an die Mobilität: Das Auto stehen lassen und stattdessen den öffentlichen Verkehr benutzen oder zu Fuß gehen. Es beginnt so klein und geht viel weiter.« Es erfordere natürlich Ethos und moralischen Antrieb, aber wenn die Motivation da sei, gäbe es viele Möglichkeiten. »Man merkt ohnehin, dass etwas passiert in der Gesellschaft, aber noch spielt es sich auf einer zu intellektuellen Ebene ab. Das Bewusstsein hat sich deutlich geändert, aber die Praxis hinkt noch hinten nach. Das ist der Zwiespalt der heutigen Zeit.«

All die Probleme und Krisen, all dieses exponentielle Wachstum und die Grenzen, die wir auf unserem Planet aufgezeigt bekommen, wird von den großen Pessimisten dieser Welt vielleicht auch deshalb gerne wie folgt zu Ende gedacht: Irgendwann gibt es einen weltumfassenden Atomkrieg oder eine Epidemie epochalen Ausmaßes. Und dann ist es überstanden. Frei nach diesem alten Witz, dem man nicht mehr recht hören mag und in dem sich der eine Planet beim anderen ausweint: Sagt der eine: »Mir geht es gar nicht gut.« Antwortet der andere: »Was hast du denn?« – »Menschen.« – »Keine Angst, geht bald vorbei.« Klingt so naiv wie das Gedankenexperiment vom Josephspfennig. Nur dass dieser viel weniger realistisch ist.

Titelgeschichte Fazit 111 (April 2015) – Illustration: Pedro el libre

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