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Exportieren oder verlieren

| 28. November 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 148, Fazitthema

Foto: Chuttersnap/UnsplashExporte wachsen um ein Vielfaches schneller als die Gesamtwirtschaft. Das steirische Bruttoregionalprodukt, die Gesamtwertschöpfung, ist im Vorjahr nur um 0,7 Prozent gestiegen. Die Exporte sind hingegen um 12 Prozent nach oben geschossen. Obwohl der gesamte Wirtschaftsstandort über den »Exportmultiplikator« an diesen Außenhandelserfolgen partizipiert, gilt inzwischen auch für viele KMU: »Wer nicht exportiert, verliert.«. Text von Johannes Tandl.

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Die steirischen Technologiekonzerne wie Voestalpine oder AVL List und die »Hidden Champions«, die es wie der Gleisdorfer Anlagenbauer »Binder und Co« in ihren kleinen Nischen zu Weltmarktführern gebracht haben, bearbeiten die internationalen Märkte seit Jahrzehnten mit großem Erfolg.

Dank ICS und SFG sind Exporte nicht mehr nur etwas für die Industrie.
Mit der Unterstützung der öffentlichen Hand wagen sich aber auch immer mehr Start-ups, traditionelle Handwerksbetriebe und Dienstleister auf internationale Zielmärkte. Die Unternehmen versprechen sich trotz höherer Risiken bessere Ertragschancen auf den wachstumsstarken Exportmärkten. Oder die Unternehmen sind so innovativ, dass sie ihre F&E-Ausgaben auf unserem kleinen Binnenmarkt gar nicht erst erwirtschaften könnten und daher auf Skalierungserträge angewiesen sind. Unterstützt werden diese KMU dabei vom »Internationalisierungscenter der Steirischen Wirtschaft« (ICS), das vom Wirtschaftsressort, der Wirtschaftskammer und der Industriellenvereinigung getragen wird. Die steirische Wirtschaftsförderungsgesellschaft SFG wickelt gemeinsam mit dem ICS Exportförderungen ab, die von der Exportfinanzierung über Exportgarantien bis zur Förderung von Auslandsinvestitionen reichen können. Daneben gibt es auf KMU zugeschnittene Förderprogramme wie etwa das Programm »Welt!Markt«, mit dem die SFG internationale Messeauftritte, Wettbewerbsteilnahmen, grenzüberschreitende Kooperationen und die Markterschließung in neuen Zielregionen unterstützt.

Wer exportieren will, braucht eine erfahrene Hausbank.
Und auch von ihren Hausbanken dürfen die steirischen Exporteure Unterstützung erwarten. Das betrifft etwa bei der Abwicklung von Akkreditiven, einer besonderen Finanzierungssicherung, mit der Importeure die Lieferung und Exporteure die Bezahlung der Waren sicherstellen können. Der von einem solchen Akkreditiv begünstigte Exporteur muss sich dabei nicht nur auf das Zahlungsversprechen seiner Kunden verlassen, sondern erhält als zusätzliche Sicherheit das unwiderrufliche Zahlungsversprechen einer Bank. Für den Importeur (Akkreditivauftraggeber) garantiert das Akkreditiv die tatsächliche Lieferung. Der Exporteur erhält die Zahlung nämlich erst, wenn er den kontraktgemäßen Warenexport nachgewiesen hat.

Die EU-Integration hat die internationale Vernetzung gesteigert.
Insgesamt lag das steirische Außenhandelsvolumen im Vorjahr bei knapp 21,6 Milliarden Euro. Seit dem EU-Beitritt und der Euro-Einführung haben sich die meisten Lieferketten stark internationalisiert. Produkte wechseln von Produktionsschritt zu Produktionsschritt von einem EU-Land in ein anderes. Besonders bei kleinen Ländern wie Irland, Luxemburg oder Malta liegt die Exportquote dadurch manchmal deutlich über der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung. Das kann dadurch erklärt werden, dass die Staaten gleichzeitig sehr hohe – nicht im BIP enthaltene – Importe aufweisen, die nach der Weiterverarbeitung wieder exportiert werden.

Auch Nichtexporteure profitieren vom Außenhandel.
Mit einem Anteil von 15 Prozent an den gesamten österreichischen Warenexporten liegt die Steiermark innerhalb Österreichs hinter Oberösterreich gemeinsam mit Niederösterreich an zweiter Stelle. Wie groß die Bedeutung der Außenwirtschaft für den Standort ist, kann aufgrund schwierig ermittelbarer Daten nur geschätzt werden. Vorsichtige Berechnungen gehen aber davon aus, dass bereits jeder zweite steirische Arbeitsplatz durch Exporte gesichert wird. Zählt man zu den Warenexporten auch noch die Dienstleistungen und den Reiseverkehr hinzu, lässt sich sagen, dass die Internationalisierung den mit Abstand wichtigsten Wohlstandsfaktor der kleinen, offenen österreichischen Volkswirtschaft bildet. Unterschieden werden direkte Exporte, bei denen ein inländischer Exporteur ohne Einschaltung eines inländischen Zwischenhändlers an einen ausländischen Abnehmer liefert. Als Käufer können Endkunden, Mittler, Einzel- oder Großhändler oder eigene Auslandsniederlassungen in Erscheinung treten. Daneben gibt es die indirekten Exporteure, die ihre Produkte an einen inländischen Zwischenhändler oder ein weiterverarbeitendes inländisches Unternehmen liefern, von dem die Waren schließlich exportiert werden. Aber auch alle anderen Unternehmen profitieren vom Außenhandel; selbst wenn sie weder importieren noch exportieren. Denn die aus den Exporterlösen bezahlten Mitarbeiter der Exportunternehmen zahlen Steuern, essen und trinken, wohnen und fahren mit dem im Außenhandel verdienten Geld auf Urlaub. Diese Vervielfältigungswirkung der aus Exporten stammenden Geldmittel auf die Einkommen in der Volkswirtschaft wird mit dem sogenannten Exportmultiplikator angegeben. Steigende Exporterlöse führen daher zu zusätzlichen Einkommen auch bei Nichtexporteuren.

Drei Viertel der steirischen Industrieproduktion werden exportiert.
Der Geschäftsführer der steirischen Industriellenvereinigung, Gernot Pagger, kennt die Verflechtungen der Exportunternehmen mit anderen heimischen Unternehmen. Er sieht im Umstand, dass inzwischen drei Viertel der steirischen Industrieproduktion weltweit exportiert werden, die wichtigste Wohlstandsquelle unseres Landes. Der wichtigste Exportmarkt der steirischen Unternehmen ist mit großem Vorsprung immer noch Deutschland, gefolgt von Italien, den USA, China und Großbritannien. Insgesamt gehen über 80 Prozent unserer Exporte in die EU und Länder wie Russland oder die Türkei.

Die Trump- und die Brexit-Gefahr.
»Unter den wichtigsten Handelspartnern befinden sich aber auch zwei Länder, mit denen der Warenhandel zusehends unberechenbarer wird«, sieht Pagger eine neue Gefahr am immer noch strahlenden Konjunkturhimmel aufkommen. Er bezieht sich dabei auf die US-Strafzölle und den Brexit und lässt sich im Gespräch mit Fazit die folgende Spitze nicht entgehen: »Interessant ist, dass gerade diejenigen, die sich zunächst am deutlichsten gegen TTIP, CETA und freien Handel positioniert haben, nunmehr am lautesten über den US-Protektionismus klagen.« Der Brexit stellt, solange die zukünftigen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien unklar sind, eine riesige Unbekannte dar. Mit Großbritannien verlässt ein Land die EU, dessen BIP so groß ist wie jenes der 20 kleinsten EU-Mitgliedsländer zusammen.

Eibinger-Miedl sieht große Chancen in Asien und Lateinamerika.
Die steirische Wirtschaftslandesrätin Barbara Eibinger-Miedl sieht daher die Notwendigkeit, sich bei der Erschließung neuer Auslandsmärkte nicht auf Europa zu beschränken. Obwohl etwa China, Indien und Südostasien rund ein Drittel der globalen Wirtschaftsleistung erbringen, gehen bisher nur knapp zehn Prozent der österreichischen Exporte in asiatische Länder.
Die Steiermark kann, so Eibinger-Miedl, auch mit ihrer Rekord-F&E-Quote von fünf Prozent beispielgebend für viele Schwellen-, aber auch Industrieländer sein. Und wie die letzte Delegationsreise des Wirtschaftsressorts nach Mexiko und Kolumbien ergeben hat, gibt es hervorragende Chancen, diese Länder beim Aufbau der Infrastruktur oder der Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen zu unterstützen. In Mexiko traf Eibinger-Miedl mit dem der neuen der Linksregierung angehörenden Infrastrukturminister Javier Jimenez zusammen. Der Österreich-Kenner ließ keinen Zweifel dran, dass er für österreichische Unternehmen hervorragende Chancen sehe, am Aus- und Aufbau der Infrastruktur mitzuwirken und schlug einen Arbeitskreis vor, in dem man das Leistungsspektrum der österreichischen Unternehmen mit den Bedürfnissen Mexicos abgleichen wolle.

In Bogotá trafen sich die Wirtschaftslandesrätin und WKO Vizepräsident Jürgen Roth mit der kolumbianischen Vizepräsidentin Marta Lucía Ramírez zu einem Gespräch. Dabei wurde rasch klar, dass Kolumbien vieles von dem benötigt, was die Steiermark zu bieten hat. In einem 60-Milliarden-Dollar-Programm werden bis 2035 zahlreiche Autobahnen und Eisenbahntrassen gebaut. WKO-Vizepräsident Jürgen Roth war in seiner Zuständigkeit für die österreichische Außenwirtschaft mit ihren zahlreichen Außenhandelsstellen Mitglied der Delegation. Er zeigte sich über den Gesprächsverlauf mit der Vizepräsidentin zufrieden. Denn aus seiner Sicht ist der persönliche Kontakt mit ausländischen Machthabern unverzichtbar, um für österreichische Unternehmen zu lobbyieren und Chancen im Infrastrukturbereich zu öffnen. Inzwischen hat Roth der kolumbianischen Regierung bereits eine Liste potenzieller österreichischer Partner bei Infrastrukturprojekten zur Verfügung gestellt. Die lateinamerikanischen Regierungen wollen ihre Abhängigkeit von den USA angesichts der eher unberechenbar gewordenen US-Administration nicht noch stärker ausweiten. Sowohl Kolumbien als auch Mexiko wollen sich beim Ausbau ihrer Infrastruktur nicht nur in den USA oder China, sondern auch in Europa umsehen.

Die ICS-Delegationsreisen eröffnen Chancen auf unbekannten Märkten.
Auf der vom ICS organisierten Delegationsreise nach Mexiko und Kolumbien wurde die Wirtschaftslandesrätin von zahlreiche innovativen Unternehmern – darunter viele Kreative – begleitet, die die Chance nutzen wollten, diese starken, aber für sie bislang völlig unbekannten Märkten zu sondieren.

So reiste etwa auch der oststeirische Tischler Matthias Prödl mit nach Lateinamerika: »Ich nütze solche Chancen gerne, um zuerst eine neue Kultur kennenzulernen und danach neue Märkte für unsere hochwertigen Maßmöbel zu erschließen«, begründet der Betriebswirt seine Motivation. »Wir sind bereits in Afrika, aber auch in den USA und natürlich überall in Europa geschäftlich aktiv. Bisher wurden wir fast immer von Architekten, die dort Aufträge hatten, in diesen Märkten eingeführt.« Auf diese Art schafft es Prödl, sich in neuen Zielmärkten festzusetzen und neue Zielgruppen zu erschließen. Auf die Frage, ob dieses Auslandsengagement für sein Unternehmen tatsächlich essentiell sei, antwortet er, dass hochwertiges Handwerk durchaus auch in Österreich sehr geschätzt werde. Für das Ausland spreche aber, dass es dort nicht so einfach sei, an Spitzenqualität zu gelangen. Die potenziellen Kunden seien daher eher bereit, die entsprechenden Preise zu bezahlen.

Drei Millionen der 23 Millionen
Bewohner von Mexico-Stadt sind sehr reich.
»Mexiko ist für uns besonders interessant, weil dort europäische Qualität einen außerordentlichen Stellenwert besitzt«, so Prödl. Auf die Frage, wie man die Markterschließung anlegen wolle, verweist er auf die Delegationsreise: »Ich bin nicht zu Endkunden gegangen, sondern habe versucht, die wichtigsten Architekten zu erreichen.« Auf einem Präsentationsevent der CIS (Creative Industries Styria) im »Mumedi« – dem Museum für zeitgenössisches Design in Mexiko-Stadt – durfte sich Prödl als steirischer Kreativer präsentieren. Und er konnte tatsächlich zahlreiche interessante Kontakte knüpfen: »Ich wollte ursprünglich nur in den mexikanischen Markt hineinschnuppern.« Es sei aber gar nicht schwierig gewesen, Architekten zu finden, die für seine Wunschzielgruppe tätig sind. Mit Wunschzielgruppe meint Prödl die drei Millionen Reichen und Superreichen unter den 23 Millionen Bewohnern von Mexiko-Stadt. Außerdem lassen sich Synergien mit anderen Unternehmen erschließen, die eine ähnlich exklusive Klientel bearbeiten. In den wenigen Tagen, die seit der Reise vergangen sind, konnte Prödl seine Kontakte bereits so weit intensivieren, dass er schon im Frühjahr wieder nach Mexiko reisen wird. »Ich kenne den Markt nun in groben Zügen. Unser Unternehmen hat den mexikanischen Interieur-Designern sehr viel zu bieten. Spätestens ab 2020 werden wir daher in Mexico City präsent sein.« Prödl räumt ein, dass auch leere Kilometer bei der Erschließung neuer Märkte dazugehören. Die müssen natürlich eingepreist sein. Doch während die meisten seiner österreichischen Mitbewerber sich einen harten Wettbewerb um die wenigen heimischen Kunden für exklusives Möbeldesign liefern, sucht er für das Familienunternehmen im südoststeirischen Kirchberg an der Raab eine wenig erschlossene internationale Kundenschicht, bei denen der Preis nicht die einzige Rolle spielt. Und wie man in einem hochpreisigen Segment in Mexiko erfolgreich sein kann, zeigt übrigens eine Vertriebsniederlassung des Benediktinerstiftes Admont mit exklusiven Parkett- und Holzböden eindrucksvoll vor.

Wissenschaft und Forschung sind auf internationale Vernetzung angewiesen.
Auch der Geschäftsführer der FH Joanneum, Karl Pfeiffer, sieht für seine Hochschule die dringende Notwendigkeit nach internationalen Austausch: »Wissenschaftliche Exzellenz lebt vom Austausch und vom Wettbewerb der weltweit Besten«, stellt der Mathematiker klar. »Gerade als kleines Land ohne nennenswerte Rohstoffe muss Österreich ständig Schritte setzen, um seine Position als international attraktiver Studien- und Forschungsstandort zu festigen.« Gleichzeitig erhöht die FH Joanneum durch die internationale Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher Ebene die Mobilität der eigenen Studierenden und Forschenden. Und so hat die größte steirische Fachhochschule im Zuge der Delegationsreise eine lange geplante Partnerschaft mit der Universität Navarra im Bereich Luftfahrttechnik abgeschlossen. Pfeiffers Ziel ist es, den Grazer Avionik-Studiengang zu einem Bezugspunkt für ausländische Forscherinnen und Forscher zu machen. Davon profitieren letztlich alle Unternehmen, die auf die knappe Zahl der Absolventen und auf die F&E-Ergebnisse der FH angewiesen sind. Wirtschafts- und Wissenschaftslandesrätin Barbara Eibinger-Miedl zog nach einer Woche in Lateinamerika eine zufriedene Bilanz: »Wir konnten unsere hervorragenden Beziehungen nach Mexico stärken und erste wichtige Kontakte mit der neuen lateinamerikanischen Boom-Nation Kolumbien knüpfen. Dabei kommt uns die innovations- und internationalisierungsgetriebene Wirtschaftsstrategie sehr entgegen.« Dass mit dem ICS eine Institution zur Verfügung steht, die auch kleinen Unternehmen, die das sonst womöglich nicht wagen würden, den Weg in Richtung Internationalisierung vorzeichnet, ist ebenfalls Teil der steirischen Erfolgsstory, zu der auch die Clusterphilosophie gehört. Erst dadurch werden überzeugende unternehmensübergreifende internationale Auftritte wie jene des Designclusters in Mexiko oder Bogota möglich, mit denen sich die Steiermark als hochinnovative Wirtschafts- und Forschungsregion international branden kann.

Fazitthema Fazit 148 (Dezember 2018), Foto: Chuttersnap/Unsplash

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