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Slowenischer Obama

| 28. November 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 148, Fazitgespräch

Foto: Arno FriebesPeter Bossman war der erste schwarze Bürgermeister Osteuropas. Zum Abschied spricht er über die europäische Lösung der Flüchtlingskrise und schwere Zeiten für Politiker seines Formats.

Das Gespräch führten Peter K. Wagner und Denise Hruby.
Fotos von Arno Friebes.

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Es sind nur etwa 46 Kilometer, die Slowenien an der langen Adriaküste hält. Aber es ist Platz genug, um Heimat von Piran zu sein. Die Stadt im äußersten Südwesten des Landes würde mit ihrer venezianischen Architektur samt Campanile eigentlich besser nach Italien passen.

Sogar der große Platz am Hafen, der so etwas wie das Zentrum des kleinen Städtchens mit seinen verwinkelten Gassen darstellt, ist nach einem Italiener benannt. Der Violinist und Komponist Giuseppe Tartini ist Namenspatron. Geboren wurde er hier in Piran, im Jahr 1692. Die italienische Note, die sich auch in zweisprachigen Ortstafeln und Hinweisschildern zeigt, geht auf die Zeit des Faschismus zurück, in der Slowenisch gar verboten war.

Auch im Rathaus, direkt am Tartiniplatz gelegen, ist Italienisch omnipräsent. Wie ein kleiner Palast muten die Räumlichkeiten an, in denen unten, gleich rechts neben der Eingangstür, bereits die ersten Stimmen für die am Sonntag anstehende Bürgermeisterwahl entgegengenommen werden. Die vergangenen acht Jahre war Peter Bossman Oberhaupt der Stadt. Geboren im westafrikanischen Ghana, machte der erste schwarze Bürgermeister Osteuropas das schöne kleine Städtchen an der slowenischen Riviera noch berühmter. An einem seiner letzten Tage im Amt nimmt sich Sloweniens Obama, wie er stets genannt wurde, über eineinhalb Stunden fürs Fazit Zeit.

***

Herr Bossman, als Sie gewählt wurden, gab es einen richtigen Medienzirkus. Weltweit wurde über den ersten schwarzen Bürgermeister Osteuropas berichtet. Sie waren der berühmteste Slowene. Wie geht es Ihnen damit, dass Sie von Melania Trump abgelöst wurden?
Das stimmt [lacht]. Da hat sich viel verändert. Ich war damals selbst über den Medienrummel überrascht. Die Nacht, als ich gewählt wurde, hat CNN angerufen, die wollten ein Interview, und dann natürlich kamen BBC und alle anderen, sogar die japanischen Nachrichten. Nun ist es eben Melania Trump. Ich bin kein großer Fan von Donald Trump, aber die Menschen hier sind von ihrer Geschichte fasziniert. Sie kommt aus einer sehr bescheidenen Familie in einem kleinen Dorf, und dass sie jetzt First Lady ist, ist schon beeindruckend.

Sie wurden als Migrant 2010 zum Bürgermeister Pirans gewählt, bei der Nationalratswahl diesen Sommer gewann aber eine migrationsfeindliche Partei die meisten Stimmen. Jetzt treten Sie zurück. Wie konnte sich das politische Klima so schnell verändern?
Das ist sicher wegen der Flüchtlingskrise, das hat eine fundamentale Wende für Europa bedeutet und den rechten und extremen Parteien viel Zulauf beschert. Der Zustrom von so vielen Menschen, die Angst vor Terrorattacken und um die eigene Sicherheit haben, hat den Rechten zugespielt, die sich dieser Angst bedienen.

Würde Sie jetzt noch zum Bürgermeister gewählt werden?
Ich glaube es wäre sehr, sehr schwierig. Europa und auch die Slowenen haben eine Identitätskrise, das macht es für Nichteuropäer sehr schwierig, irgendwas zu erreichen. Vor zehn Jahren war es für mich möglich, Bürgermeister zu werden, auch vor fünf. Heute wäre es wirklich sehr schwer.

Sie sagen, die Rechtspopulisten bieten einfache Lösungen an. Slowenien hat im Jahr 2017 etwa 150 Flüchtlinge aufgenommen. Da fragt man sich: Lösungen für welche Probleme?
Die meisten Slowenen wissen nicht einmal, wie viele Flüchtlinge aufgenommen wurden. Aber man kann Menschen Angst machen, indem man nur in Aussicht stellt, dass Flüchtlinge aufgenommen werden könnten. Die rechte Partei inszeniert sich als Wächter der slowenischen Identität und unterstellt liberalen und linken Parteien, Tausende Flüchtlingen aufnehmen zu wollen, was das gesamte soziale Gefüge ändern würde. Sie streben nach einer Politik von Viktor Orban mit einer Mauer rund um unser Land, die alle Probleme lösen würde. Aber wir wissen, dass die europäische Bevölkerung rasant altert. Europa wird Millionen von Migranten benötigen, um durch ihre Arbeitskraft die Wirtschaft aufrecht zu erhalten. Europa war immer ein Kontinent der Migration, das ist nicht neu. Neu war im Jahr 2015 lediglich die große Anzahl an Menschen, die nach Europa wollte. Wir waren nicht vorbereitet. Über 200.000 sind durch Slowenien marschiert. Das hat viele Menschen verunsichert. Ich kann das verstehen, weil Menschen nicht wussten, ob sie sicher sind.

Was war Ihre Reaktion auf die Flüchtlingskrise?
Ich war sehr traurig. Ich bin seit fast siebeneinhalb Jahren Mitglied des Europäischen Ausschusses der Regionen in Brüssel. Ich werde nie vergessen, wie oft Mitglieder aus Italien in diesem Komitee vor der Flüchtlingskrise warnten und nie hörte jemand zu. Angela Merkel hat viel Courage gezeigt, sie hat gesagt, dass diese Menschen unsere Hilfe brauchen, helfen wir ihnen. Das hätten wir alle tun sollen, dann wären wir jetzt in einer anderen Position. Diese Chance haben wir verpasst. Wir sind mit der Flüchtlingskrise schlecht umgegangen. Ich bin der Überzeugung, dass man das Problem an der Wurzel packen muss. Wir kennen die Probleme in Syrien, im Irak oder im Iran. Die EU hat die Instrumente, um damit umzugehen. Es wird besser werden, aber es ist ein Prozess.

Foto: Arno Friebes

Auch aus Afrika drängen noch immer viele Migranten nach Europa, das aufgrund der Kolonialisierung eine Vorgeschichte mit Afrika hat. Aber ist es Europas Aufgabe, souveränen Ländern wie etwa jenen in Afrika dabei zu helfen, ihre Probleme zu lösen?
Viele afrikanische Länder erleben Missmanagement, es gibt sehr viel Korruption. Das Problem war in den letzten Jahrzehnten stets, dass industrielle Länder ärmere Staaten ausnützen. Sie geben die Preise vor und es kommt zu einer sehr einseitigen Wirtschaftsbeziehung. Dazu kommt, dass viele afrikanischen Länder seit Jahrzehnten von den gleichen Männern geführt werden und es keine echte Demokratie gibt. Diese Instabilität hat dazu geführt, dass sich Länder nicht entwickeln konnten. Ich glaube nicht, dass es nur Europas Aufgabe ist, zu helfen, aber sie geben viel Geld. So wie die USA, Kanada oder auch China. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass es Gründe für Migration gibt und sie wieder endet. Man denke an die große irische Migration nach Amerika infolge der Hungersnot, die eine ausgefallene Kartoffelernte ausgelöst hat. Als es dem Land wieder besser ging, sind kaum Iren in die USA ausgewandert.

Glauben Sie noch an die europäische Lösung der aktuellen Flüchtlingskrise?
Ich glaube nicht daran, Zäune aufzustellen und Mauern zu bauen. Wir müssen Wege finden, damit Migranten legal einwandern können. Ein Land alleine wird diese Herausforderung nicht schaffen. Ich weiß, wir kritisieren Länder wie Polen. Aber Polen nimmt aktuell Flüchtlinge aus der Ukraine auf. Das schaffen sie im Moment, aber auch sie werden vielleicht bald Solidarität von anderen Staaten brauchen.

Benötigt Slowenien legale Migration?
Slowenien hat damit zu kämpfen, dass es nicht genügend Fachkräfte gibt. Auf den Baustellen und im Tourismus gibt es viele Bosnier, Mazedonier und Menschen aus dem Kosovo. Aber sie werden weniger als Ausländer wahrgenommen, was die Integration vereinfacht.

Sie sind 1977 ganz legal ins Land gekommen. Damals war Slowenien noch Teil Jugoslawiens. Was führte Sie in dieses Land?
Ich hatte das Problem, dass es aufgrund der politischen Entwicklung in meiner Heimat sehr schnell gehen musste. Jugoslawien und Ghana waren Teil der blockfreien Staaten, deshalb bekam ich sehr schnell ein Visum. Ich wollte nach Zagreb oder Belgrad, wurde aber Laibach zugeteilt. Um ehrlich zu sein, hatte ich von der Stadt noch nie gehört.

Wie schwer fiel Ihnen die Integration?
Ich habe zunächst die Sprache gelernt und dann Medizin studiert. Als ich in den 1980ern angefangen habe, hier zu arbeiten, gab es einen Mangel an Ärzten in Slowenien. Dennoch war ich anfangs der schwarze Arzt. Nach etwa zwei Jahren haben die Menschen nicht mehr gesagt, dass sie zum schwarzen Arzt gehen, sie gingen einfach nur zu ihrem Arzt. Da wusste ich, dass ich endgültig akzeptiert bin. Ein paar Jahre später wollte ich zurück nach Ghana, wo mein Vater Kliniken aufgebaut hatte und mich dort als Mitarbeiter wollte. Da haben meine Patienten eine Petition gestartet. Sie wollten, dass ich bleibe. Also blieb ich.

Als wir mit Menschen in Piran über Sie gesprochen haben, hieß es sofort: »Ja, unser Bürgermeister. Er ist aus Ghana, müssen Sie wissen.« Ihre Herkunft scheint noch immer Thema zu sein.
Die Menschen sind sehr stolz. Es war eine große Geschichte, die international für Aufsehen gesorgt hat. Also erzählen sie, dass ich aus Ghana bin. Vor meiner Zeit als Bürgermeister ist es vorgekommen, dass ich mich in ein Restaurant gesetzt habe und jemand gesagt hat, dass er neben mir nicht sitzen wolle. Jetzt kennt man mich aber in ganz Slowenien als den Bürgermeister Pirans.

Sie haben oft gesagt, dass Integration nur gelingt, wenn man auch bereit ist, sich anzupassen. Wie mussten Sie sich anpassen?
Ich war immer davon überzeugt, dass es zwei Dinge braucht, um in einem Land anzukommen. Wenn jemand nicht an einem Ort sein will, wird er sich nicht integrieren. Das ist die Tragödie einiger Migranten, die nach Europa kommen. Man muss seine Identität nicht aufgeben, aber man muss einen Teil seiner Unabhängigkeit aufgeben. Die zweite Facette ist, dass die neue Heimat bei der Integration helfen muss. Man muss die Möglichkeit bekommen, die Sprache zu lernen und gleichgestellt mit Einheimischen sein, um eine faire Chance zu erhalten, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Als Beispiel: In Ghana ist der Tod eine wichtige Feier, bei der wir lebendige Tiere in Gedenken an den Verstorbenen opfern. In Europa wird das niemand verstehen, wenn ein Migrant aus Ghana in seinem Garten ein Tier tötet. Es ist nicht Teil der Kultur und es gibt etwa sehr strenge Hygienestandards. Diese Unabhängigkeit muss man zum Beispiel aufgeben. Trotzdem kann man in Europa ein Afrikaner bleiben. Wenn Sie an Terrorismus denken, dann waren das nicht Migranten der ersten Generation, sondern jene, die schon in zweiter Generation hier sind. Diese Menschen wurden hier geboren, also warum wenden sie sich gegen die Länder, die ihnen ihre zu Hause und ihre Bildung gegeben haben? Weil sie ihre Identität verloren haben. Ihre Eltern haben sich nicht integriert, aber sie haben auch zu viel ihrer eigenen Kultur verloren.

Ihr Vater war Diplomat, Sie kommen aus einer sehr wohlhabenden Familie. Fällt es da nicht leichter, gewisse Dinge aufzugeben?
Mein Privileg ist mir bewusst. In Ghana, ein paar Kilometer von unserem Haus, gab es einen Slum ohne fließendes Wasser. Da hat meine Familie immer versucht zu helfen, und das wollte ich auch tun. Ich hatte immer Glück im Leben, und ich hatte immer Leute, die mir geholfen haben.

Jetzt sind Sie ein Vorbild – ein Migrant, der nicht nur beliebter Arzt ist, sondern sich auch politisch engagiert. Wie wichtig ist diese Vorbildrolle?
Wir vergessen immer, wie viele erfolgreiche Migranten es gibt, nicht nur von Afrika oder Asien, aber auch innerhalb Europas, sei es im Sport, in der Kultur oder der Wissenschaft. Und über diese Erfolgsgeschichten müssen wir auch sprechen, über die, die einen Beitrag leisten und ihre neue Heimat erfolgreich machen. Ich war in einem Dorf in Finnland, dort ist einer der beliebtesten Einwohner ein Flüchtling aus dem Iran, der eine Fabrik betreibt und Leute einstellt. Das inspiriert andere Flüchtlinge, und niemand hat dort Angst vor Migranten.

Empfanden Sie als Bürgermeister Pirans mehr Druck als ihn etwa ein gebürtiger Slowene haben würde?
Definitiv. Ich habe viel Druck gespürt, und ich kriege viele Fragen von lokalen Medien, die andere Bürgermeister nicht kriegen. Man wird auch ganz anders unter die Lupe genommen und das hat damit zu tun, dass ich nicht von hier bin. Als Beispiel: Nicht weit von hier gibt es einen Bürgermeister, der muss fast jedes Monat vor Gericht, weil er ständig in Korruptionsskandale verwickelt ist. Darüber wird fast nie berichtet. Ich wurde einmal der Korruption beschuldigt, das war bei der Auftragsvergabe für das kostenlose WLAN der Stadt. Das war sofort in allen Zeitungen, auf den Titelseiten. Warum? Tatsache ist einfach, dass ich kein gebürtiger Slowene bin, sondern Peter Bossman. Am Ende wurde ich von allem freigesprochen, aber behandelt wurde ich wie der schlimmste Verbrecher.

Hat die Berichterstattung über Sie auch rassistische Untertöne?
Ich würde sagen, nein, aber es geht schon darum, dass ich nicht von hier bin. Viele Leute fragen mich, ob ich mit Rassismus konfrontiert bin. Und ja, man geht in ein Restaurant und jemand sagt, neben dem will ich nicht sitzen. Das ist mir alles passiert, aber das finde ich nicht so schlimm.

Foto: Arno Friebes

Haben Sie da in den letzten Jahren Veränderungen gesehen?
Ich bin recht populär [lacht]. Vielleicht bin ich sogar noch beliebter außerhalb Pirans. Alle, die mich sehen, fragen, ob ich der Bürgermeister von Piran bin. Es gibt nicht viele Leute in Slowenien, die mich nicht kennen. Die Gegend um Piran ist auch besonders, weil sie den italienischen Faschismus erlebt hat. Da gibt es viele negative Erinnerungen – Slowenisch wurde verboten, Namen mussten ins Italienische geändert werden. Die Ideologie der rechten Parteien ist hier also nicht beliebt.

Was war eigentlich Ihr größter Erfolg als Bürgermeister?
Ich wurde Bürgermeister während der Wirtschaftskrise und habe mich um Leute gekümmert, denen es nicht gut ging. Ich habe etwa ein Programm mit Restaurants gestartet, in dem Menschen Essen bekamen. Auch wird auf meine Initiative eine neue medizinische Einrichtung gebaut in Lucija, das auch zur Gemeinde Piran gehört.

Und was bedauern Sie am meisten?
Ich habe es nicht erfolgreich geschafft, die Stadt von Autos abzuschotten. Es gibt noch immer viele Ausnahmegenehmigungen, mit denen Menschen ins Zentrum fahren können. Es ist ein langwieriger Prozess, der noch Jahre dauern wird.

Und den Sie nur noch als Beobachter verfolgen werden. Warum sind Sie heuer nicht noch einmal angetreten?
Ich war lange genug in der Lokalpolitik. Ich glaube auch, dass es Limits für Amtszeiten geben sollte. Es ist nicht gut, wenn jemand immer wieder gewählt wird. Ein Bürgermeisteramt ist eine sehr mächtige Position, man sollte nicht zu lange an der Macht bleiben.

Was ist Ihr Plan für die Zukunft?
Ich will wieder mehr als Arzt arbeiten, das ist während meiner Zeit als Bürgermeister zu kurz gekommen. Aber ich würde auch gerne auf europäische Ebene an Integration und Migration arbeiten. Vielleicht trete ich für die Europaparlamentswahlen an, aber das hängt natürlich von meiner Partei ab.

Herr Bossman, vielen Dank für das Gespräch!

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Fazitgespräch, Fazit 148 (Dezember 2018), Fotos: Arno Friebes

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