Anzeige
FazitOnline

Zur Lage (96)

| 28. November 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 148, Zur Lage

Leider dann doch gar nichts über mein linkes Herz, ein paar Gedanken über ein Mail voller wichtiger Tipps und vor allem über den wesentlichen Text einer Wiener Kolumnistin in der Zeit.

::: Hier im Printlayout online lesen

Eigentlich wollte ich ja diesmal mit Ihnen ein wenig über mein linkes Herz sprechen. Nur halten mich leider wichtige Mailnachrichten davon ab. Was bleibt mir anderes übrig, als Ihnen davon zu berichten, was mir etwa Seraphine Stentz soeben geschickt hat. Zumindest auszugsweise. Schon der Betreff hatte durchaus amusanten Charakter und wies offenbar – gar nicht allzu behutsam – auf die im Mail selbst behandelte Thematik hin. »Ihr Mitglied wird heute um 3 cm lÄ$nger.«

Mein »Mitglied«, was immer die gute Seraphine, der kleine Schlingel, da jetzt meint, soll also »3 cm lÄ$nger« werden. Ich denke mir übrigens, da ist »länger« damit gemeint und es handelt sich um eine bloße Umlautschwäche, dass da so um den heißen Brei herumgetippselt wird.

Wie auch immer, ich – nicht fad – lese das natürlich. So ein Betreff, der gehört belohnt! Und Sie wissen genauso gut wie ich, wie immer gilt: nutzt’s nix, schad’s nix. Drei Zentimeter! Die Nachricht selbst war dann fast enttäuschend kurz und noch dazu in Großbuchstaben verfasst: »TUN SIE DIES (EINMALIGER TAG), UM IN 5 SEKUNDEN EREKT ZU WERDEN«, gefolgt von einem über fünf Zeilen gehenden Link.

Wer wird nicht gerne »erekt«? Noch dazu bei nur »einmaliger Tag«! Also, ich ja noch immer nicht fad, klicke den Link selbstredend an. Was passiert? Nichts. Gar nichts. Die verlinkte Seite existiert nicht im Internet. Dabei hatte mir Seraphine – je länger ich mich mit ihrer Botschaft befasse, desto vertrauter erscheint sie mir – das Mail keine zehn Minuten zuvor erst geschickt. Auf den Kopf bin ich ja nicht gefallen, also habe ich sofort das Richtige gemacht und versucht, Seraphine Stentz eine Antwort zu schicken. In letzter Konsequenz wird die ja auch nur ihren Job machen und irgendwer sollte sie schon darauf hinweisen, dass sie offensichtlich einen falschen Link (Tippfehler oder was immer) verschickt. Habe ich umgehend eine Fehlermeldung zurückbekommen, diese Emailadresse würde gar nicht existieren. Schade. Seraphine wird jetzt nie erfahren, dass ich gar nie nicht die Möglichkeit hatte, beim besten Willen nicht einmal, von ihrem Angebot Gebrauch zu machen.

Das nächste Mail kam dann von der Zeit. Das war ein sogenannter »Newsletter«, für den ich mich irgendwann in den Sechzigern angemeldet hatte und der noch immer brav seinen Dienst verrichtet. Darin wurde ich auf einen Text einer »1991 in Wien geborenen, freien Autorin, Kolumnistin und Social-Media-Konzepterin« aufmerksam gemacht, den ich natürlich ob dieser interessanten und so vieldeutigen wie aussagekräftigen Zuschreibungen umgehend lesen wollte. Er trägt den Titel »Wir haben aus falschen Gründen verlernt, uns zu betrinken« und auch dieser hat mich ungeheuer »angefixt« (sagt man da heutzutage). Mein Interesse an einem Bewusstseinszustand, der es verlernen mag, zu saufen, war natürlich ungemein. Ich einfacher Geist kann mir das nämlich nicht vorstellen, das Saufen zu verlernen. Aber was weiß ich schon.

Bianca Jankovska, so heißt die Konzepterin, beginnt ihr Elaborat mit folgendem Satz: »Irgendwo zwischen meinem Studienende und dem ersten Vollzeitjob ist mir die Fähigkeit abhandengekommen, mich so richtig volllaufen zu lassen.« Das ist ein Einstieg! Der evoziert mir – und Ihnen sicher auch – sofort viele Bilder, die das Umfeld dieser freien Autorin ausmachen. Und ihr Text hält auch das Versprechen dieser einführenden Worte. Sie erzählt weiter aus ihrem Leben und recht rasch outet sie »große, mittelgroße und kleine Konzerne« als Verantwortliche dafür, dass sie und ihre Generationsgenossinnen jetzt nicht mehr so »selbstverständlich mitgingen in die nächste Bar, ohne vorher den bestmöglichen Heimweg zu googeln«. Zusammengefasst eine wunderschöne und gerade heute viel zu selten in unseren Breiten vorkommende Kapitalismuskritik der allerfeinsten Sorte. Besonders gefallen hat mir dabei der Satz »… nicht trinken – und früh nach Hause gehen – , nur weil wir am nächsten Morgen arbeiten müssen?«

Da muss man Jankovska recht geben. Wo sind wir da nur hingeraten? Was ist das für eine Welt, in der man doch tatsächlich in der Früh (!) aufstehen (!) muss, »nur« um seiner Arbeit nachzugehen. Hier sind die Jungen gefordert, das abzustellen; ich werde mich da nicht mehr aufraffen können.
Was mich dabei irritiert an der Kollegin, an der ganzen Generation (solcher Schreiberlinge! Mit der echten Welt hat das weniger zu tun, als Konzepterinnen glauben würden), ist deren körperlicher Zustand. Sie schreibt nämlich, »Heute wie damals ist die schlimmste Konsequenz eines Katers, nicht mehr arbeiten zu können.« Da muss ich sagen, als einer der 25 Jahre »fortgegangen« ist, das besorgt mich. Mir etwa hat es zur besten Zeit schon passieren können, dass wir Dienstag Nacht draufgekommen sind, hallo!, wir sind jetzt seit Montag jeden Abend unterwegs! Montag der Vorwoche wohlgemerkt. Und waren trotzdem jeden Tag in der Früh (gut, die Welt vor Neine war nie meine; galt es zumindest bis zur Geburt meiner ersten Tochter) im Büro. Manchesmal direkt aus der Schluckbar, manchesmal mit einem Zweistünder-Boxenstopp entweder zuhause oder halt woanders zuhause. Schlafen, das wussten wir damals schon, konnten wir am Wochenende. Ich denke, ich habe die gesamten Neunzigerjahre kein sonntägliches Tageslicht erblickt, zumindest nicht im Winter.

Bianca feiert wieder und begrüßt mittlerweile ihren »Kater wie einen Freund. Einen, der von ziemlich weit weg kam«, um sie »aus der Spießerhölle einer berufstätigen Erwachsenen zu retten«. Was bin ich froh, nicht dieser Generation aus der Antihölle angehören zu müssen. Und erst froh, dass es meine beiden Zwergerl ebenfalls nicht tun. Es kann nämlich nur besser werden. Nur besser.

Zur Lage #96, Fazit 148 (Dezember 2018)

Share |
 
Anzeige
 

Kommentare

Antworten