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Polnische Gegensätze

| 22. Dezember 2016 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 129, Fazitreise

Foto: Terra Libera

Eine Reise in die Vorkarpaten.

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Schon die kurze Fahrt vom Flughafen Rzeszow-Jasionka in die Stadt versetzt den Reisenden ins Staunen. Rzeszow, die Hauptstadt der polnischen Wojwodschaft Vorkarpaten, präsentiert sich ausnehmend modern.

Obwohl nur ein paar hundert Kilomter nordöstlich von Wien gelegen, ist Rzeszow am sinnvollsten per Flugzeug via Warschau zu erreichen.  Und direkt neben dem nagelneuen Flughafen liegt ein hypermodernes Kongresszentrum. Und den Weg in die Innenstadt säumen zahlreiche moderne Produktionshallen global tätiger Zulieferkonzerne im Flugzeugbau. Auch die historische kleine Innenstadt von Rzeszow präsentiert sich modern, mit einer internationalen Business-Community und Angehörigen einer einheimischen Spaßgesellschaft, die die zahlreichen um den »Rynek« – dem Marktplatz – angesiedelten hippen Themenlokale bevölkert.

Europa wirkt in einer der ärmsten Regionen
Aus dem Reiseführer und anderen Nachschlagewerken weiß man vor einem Besuch lediglich, dass die Vorkarpaten zu den ärmsten Regionen Europas gehören, mit einem Gehaltsniveau das rund 25 Prozent unter dem polnischen Durchschnitt von etwa 950 Euro pro Monat liegt. Beim Besuch wird dann schnell klar: Europa wirkt. Mithilfe von Strukturfondsmitteln wurden historische Gebäude revitalisiert, die Verkehrsinfrastruktur auf den letzten Stand gebracht, Ausfallsstraßen in Lärmschutzbauten eingehaust und Plattensiedlungen thermisch saniert. Touristisch ist die Region bekannt für ihre bäuerlich geprägten Naturlandschaften, einige Holzkirchen, die sogar Weltkulturerbestatus erlangt haben, und viele prächtige Schlösser der ehemaligen polnischen Aristokratie. Politisch hat in der Region eindeutig die »Pis« das Sagen, die Partei »Recht und Gerechtigkeit« des noch lebenden Kaczynski-Bruders Jaroslaw, die einmal als nationalistisch, konservativ und populistisch, dann wieder als EU-kritisch oder als christdemokratisch charakterisiert wird.

Ländliches Phänomen »Recht und Gerechtigkeit«
Unsere Reisebegleitung sind der polnische Honorarkonsul in der Steiermark, Gerold Ortner, und eine Dame aus dem polnischen Tourismusministerium. Beide ahnen, wie eine österreichische Journalistendelegation in Zeiten der postfaktischen politischen Korrektheit der Pis wohl gegenüber eingestellt sein wird, und betonen daher, dass es sich bei »Recht und Gerechtigkeit« bloß um ein ländliches Phänomen handelt, während in den Städten der Region seit vielen Jahren dieselben Namenslistenbürgermeister das Sagen haben, die sich dort auch schon in Zeiten einer liberalkonservativen Parlamentsmehrheit durchsetzen hatten können.

Wenn ein Pole in den Südosten seines Landes fährt, tut er das wohl am ehesten als jemand, der in Warschau arbeitet und seine alte Heimat besucht, oder als Tourist, der eine alte malerische Kulturlandschaft mit herrlich revitalisierten Ortskernen und Dörfern genießen will. Die Region ist bekannt für ihre typische polnische Küche mit viel Kohlgemüse, Fleisch und Fisch. Wenn wir als Österreicher dorthin gelangen, werden wir zwangsläufig mit der gemeinsamen Geschichte, die uns mit der Wojwodschaft Vorkarpaten verbindet, konfrontiert.

Gemeinsame Geschichte
Die Region wurde nämlich mit der ersten Teilung Polens im Jahr 1772 Teil des Südpolen und die Westukraine umfassenden Königreichs Galizien, das bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörte. Die Habsburger bildeten sich ein, den Hauptort Westgaliziens, die malerische Stadt Przemysl (deutsch: Premissel), zur Festung auszubauen. Und so fanden dort im Zuge des ersten Weltkrieges blutige Belagerungsschlachten statt, die an die hunderttausend Menschenleben gekostet haben, darunter zahlreiche Soldaten des Regiments Nr. 27 der Habsburger-Armee, des sogenannten »Grazer Hausregiments«, das auch unter der Bezeichnung »König der Belgier« bekannt war. Und weil zahlreiche »Belgier« in Przemyśl ihr qualvolles Ende fanden, sah sich das steirische Schwarze Kreuz – eine ehrenamtliche Organisation, die sich mit der Erhaltung und Pflege von Kriegsgräbern befasst – veranlasst, sein Wirken auf die zahlreichen Soldatenfriedhöfe in und um Przemysl auszudehnen. Ein Besuch der Soldatenfriedhöfe und der Reste der zahlreichen Befestigungsanlagen, die sich in einem 45 Kilometer langen Ring um die militärisch eigentlich völlig wertlose Bischofsstadt Przemysl reihten, wird so zu einem beeindruckenden Erlebnis, das den Besuchern die Sinnlosigkeit eines Krieges vor Augen führt. Die Schlachten um Przemysl bildeten gemeinsam mit den Kämpfen an der Westfront bei Verdun und in den Dolomiten die blutig schaurigen Höhepunkte des ersten Weltkrieges mit seinen geschätzten 17 Millionen Toten.

Vorposten der Europäischen Union
Heute ist Przemysl der östlichste Vorposten der Europäischen Union in Richtung Osten. Bei einem Besuch an der polnisch-ukrainischen Grenze in Medyka führte uns das polnische Grenzmanagement seine Maßnahmen vor, mit denen die grüne EU-Außengrenze mithilfe modernster Technologie überwacht wird. Die Polen nehmen ihre Aufgabe ernst und wollen mithilfe einer möglichst lückenlosen Kontrolltätigkeit unter allen Umständen den Übertritt illegaler Migranten auf ihr Gebiet verhindern. Da die Aussicht auf einen Flüchtlingsstatus in Polen ebenfalls nicht besonders attraktiv sein dürfte, ist die polnisch-ukrainische EU-Außengrenze daher weitgehend geschützt.

Während die Bewohner der Provinzhauptstadt Rzeszow überwiegend in der Industrie, im Handel und der Verwaltung arbeiten, haben es die Menschen im abseits gelegenen Przemysl diesbezüglich schwerer. Und so gehen zahlreiche Bewohner ihren persönlichen Import-Export-Geschäften nach, indem sie EU-Waren in die Ukraine ausführen, um sie auf den Schwarzmärkten im nahen Lemberg zu verkaufen.

Von Wien nach Galizien sind es auf der Autobahn etwa 600 Kilometer. Mit dem Flugzeug fliegt man entweder von Wien über Warschau nach Rzeszów oder von Wien nach Krakau und fährt von dort mit einem Leihauto weiter. Der Mythos Galizien ist auch heute noch ein zentrales Identitätsmerkmal für einen Landstrich beiderseits der Grenze zwischen Polen und der Ukraine, der es wert ist, erkundet zu werden.

Fazitreise, Fazit 129 (Jänner 2017) – Foto: Terra Libera

 
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