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Zur Lage (84)

| 4. Oktober 2017 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 136, Zur Lage

Über einen flotten Einstieg ins Präsidentenleben, über eine Reise zweier österreichischer Politiker nach New York City und über die dubiosen Machenschaften einer nichtsozialistischen Partei in diesem Lande.

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Ich freue mich. Ich freue mich ausnehmend, denn unser Bundespräsident hat sich jetzt doch noch entschlossen, seine Amtsgeschäfte aufzunehmen. Und ich bin beeindruckt, mit welcher Coolness dieser alte Haudegen, voller Respekt darf ich ihn hier so beehren, ganz am Anfang einmal mit einer Reise beginnt. Und, auch ein grüner rot-weiß-roter Präsident lässt sich nicht lumpen, diese Reise führte ins Zentrum allen Weltgeschehens, in die Metropole des bekannten Universums, nach New York City. (Singen Sie es auch immer mit, New York, New York, If I can make it there, I’ll make it anywhere, herrlich.)

Das nenne ich präsidial, unsere bundesdeutschen Freunde würden sagen: der kann Präsident. Ein ganz klein wenig war ich ja schon besorgt, als es Juni und dann Juli, sogar August geworden ist und – man will sich nichts herausnehmen, das ist der Präsident – immerhin wissen wir auch, er ist jetzt nicht mehr ganz der Jüngste. Ich meine, ich vergesse auch Sachen, jeden Tag vergesse ich was, und immerhin hat es damals, im letzten Jahr also, ganze drei Wahlgänge gebraucht, bis das entschieden war. Da haben andere schon wichtigere Sachen vergessen. Aber meine Sorge war unbegründet, Alexander van der Bellen hat es in gewohnt ausnehmend überlegter Manier angehen lassen und das Arbeitsjahr im September voller Elan und mit großem Tatendrang begonnen. Was mir als Bürger dabei besonders gut gefallen hat, waren seine tollen Fotos, die er aus seinem Hotelzimmer gemacht hat. Wir erinnern uns, jeder von uns ist begeistert, wenn diese Häuserschluchten sich so beeindruckend unter einem auftun. Das haben wir alle fotografiert und das macht den Präsidenten ein Stück weiter zu einem von uns.

Auch Sebastian Kurz, um an das andere Ende aktueller austropolitischer Generation zu denken, war bei dieser Reise mit. Und mit ihm fällt mir Jörg Leichtfried ein, Bundesminister, ich denke für Infrastruktur, der sich – so mein bescheidener Eindruck – etwas despektierlich über diese Reise geäußert hat. So nach der Art, alle roten Minister seien jetzt täglich mindestens zweimal bei einem Standeinsatz in der Kärntnerstraße, nur der Sebastian hätte keine Zeit, um für das Land zu arbeiten. Interessante Sicht eigentlich, denn ich könnte mir gar keinen wichtigeren Termin für einen Außenminister auf die Schnelle vorstellen, den Sebastian Kurz da in New York wahrgenommen hat. Weil, also mir alleine hätte schon gereicht, dass der Bundespräsident im Big Apple Fotos macht, um die Anwesenheit des zuständigen Ministers zu rechtfertigen, die beiden waren aber zudem bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Und wenn auch die feuchten Träume der internationalen Sozialisten mit »no borders« und »no nations« wahrscheinlich gut umrissen sind, erscheint mir, zumindest bis es soweit ist mit den no borders, eine friedliche Beratung aller Staaten über die Weltlage jetzt nicht ganz sooo unwichtig. Aber das kann man sicher anders sehen. Außerdem ist Wahlkampf und damit nicht ganz so leicht, Friede zwischen den Parteien herrschen zu lassen. (Dieses Wortspiel, Sie haben es womöglich gar nicht einmal mitbekommen nicht, hat sich heute unter der morgendlichen Dusche deutlich besser angehört, als ich es jetzt hier aufzuschreiben in der Lage bin, aber sei’s drum.)

Wahlkampf! Da möcht ich mich jetzt gar nicht vertiefen, da bin ich selbst allzuoft erschrocken, wie einfaltslos mein Wahlverhalten über die letzten Jahrzehnte daherkommt, da lassen wir das Hickhack also außen vor, da möchte ich heute mit Ihnen auf die Metaebene gehen. Und darf Ihnen – voller Dank – von schockierenden Ereignissen erzählen, die von der Redaktion der Wiener Wochenzeitung »Der Falter« vor wenigen Tagen ans grelle Licht der Öffentlichkeit gebracht wurden. Und da den Falter neben allen grünen, sozialdemokratischen und neosischen Parteimitarbeitern wie -sympathisanten nur die überschaubare österreichische Twitterblase kennt, ist es mir Pflicht, Freude und Ehre mit meiner kleinen Monatserörterung zur weiteren Verbreitung dieser Ungeheuerlichkeiten beitragen zu dürfen.
Barbara Toth, Redakteurin beim Falter, hat mit einer mehr als angemessenen Betroffenheitsmiene sowie in einem etwas unangemessenen Sweater per weltweit auf Facebook ausgestrahltem Video eine ausführliche Reportage über Machenschaften der Österreichischen Volkspartei in der aktuellen Falterausgabe angekündigt. Barbara Toth wörtlich: »Wir veröffentlichen Strategiepapiere, Sponsorenlisten und Kompromate über Christian Kern und Heinz-Christian Strache erstellt von Mitarbeitern der ÖVP.«

Ja, beim Wort »Kompromat« war ich auch ganz erregt; wenn ein Vokabel aus dem Jargon des sowjetischen Geheimdienstes Verwendung finden muss, dann kann die Sache nur Hand und Fuß haben. Zusammengefasst geht es in dieser endlich aufgedeckten Schweinerei darum, wie »früh, professionell und skrupellos« Sebastian Kurz seine »Machtübernahme« geplant hat. Das hat mich erschüttert. Nicht genug, dass es eine nichtsozialistische Partei gibt, die – allen Ernstes – die nächste Nationalratswahl gewinnen möchte, nein, diese Partei bereitet sich darauf auch noch »früh und professionell« vor! (Skrupellos waren wir Konservativen immer, da brauchen wir keinen Aufdeckerjournalimus.) Dabei ganz außer Acht lassend, dass ja dann, würde (ich schreibe natürlich nur im Konjunktiv!) die ÖVP die Wahl gewinnen, die SPÖ – bitte fassen Sie sich! – dann nicht mehr die stärkste Kraft in diesem Lande wäre und nicht mehr – Kompromat bewahre – den Kanzler stellen würde. Ungeheuerlich, was diesem Sebastian Kurz da einfällt.

Ungeheuerlicher wahrscheinlich nur, dass ich ihn wählen werde. Aber gut, Aufdeckerjournalismus war nie meines.

Zur Lage #84, Fazit 136 (Oktober 2017)

 
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