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Vom Potenzial zur Performance

| 29. Juni 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 144, Serie »Erfolg braucht Führung«

Talente und Fähigkeiten erkennen, entwickeln und nutzen. Ein Interview von Carola Payer mit der Geschäftsführerin des Feel-Free-Yoga-Zentrums in Graz Christine Swoboda.

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Laut einer Studie der Princeton University über den Einfluss von Übung auf eine spätere Leistung kam heraus, dass nur 12 Prozent der Fähigkeiten auf ein regelmäßiges Wiederholen eines Prozesses zurückzuführen sind. Die restlichen 88 Prozent entstehen demnach aus purem Talent. Talente mehr in den Fokus der Personalentwicklung zu legen ist daher unabdingbar. Selbstreflexion zum Erkennen der eigenen Fähigkeiten muss gefördert werden.

Potenzial-Scouting
Aber wie findet man sie, die Talente? Egal ob es um außergewöhnliches Fachwissen, Verkaufstalent, besondere Beobachtungsgabe, hohe soziale Kompetenz oder besonders gute Führungsqualitäten geht, Unternehmen sind erfolgreicher, wenn sie diese Perlen früh genug erkennen, fördern und zielgerichtet einsetzen. Die schlimmste Nachricht ist: Jeder Mensch hat ein oder mehrere Talente und ganz bestimmte Fähigkeiten. Jedoch orientieren wir uns im Recruiting noch zu oft an erworbenen Fertigkeiten, Schulausbildungen und Biografien. Anstatt »Was haben Sie bis jetzt gemacht?« sollten die Fragen zeitweise in ganz andere Richtungen gehen: »Bei welchen Tätigkeiten vergeht für Sie die Zeit wie im Flug?« Das junge IT-Talent mag sich vielleicht auch durch gute Noten auszeichnen, doch weitaus wichtiger dürfte sein, was der junge Top-Performer gerne tut. Talente werden nämlich auch definiert als »Vorliebe, bestimmte Dinge zu tun«.

Fragt man Christine Swoboda danach, was sie bisher gemacht habe, würde man sie in einem Architekturbüro als Projektleiterin und für das Bauen von Modellen einsetzen. Sie wäre Organistin im Stift Seckau und Chorleiterin des dortigen Klosterchores oder würde an der Kunst-Uni unterrichten. Jedoch: Sie führt ein modernes Yoga-Studio in Graz, das Sie mit 52 Jahren gegründet hat, und spielt in einer Band. Die anderen Schauplätze wären für sie nicht attraktiv, obwohl planen, gestalten und musizieren zwei ihrer Kerntalente sind.

Tun, was Spaß macht. Und streben nach Neuem
Bei der Frage, was sie mit 52 antreibt, noch Unternehmerin zu werden, meint Swoboda: »Das Streben und die Lust nach Neuem und Tätigkeiten, die mir schon sehr lange gefallen. Zum Beispiel neue Instrumente und Sprachen lernen. Da kam dann die Idee, meine Expertise und mein Talent, den eigenen Körper elastisch und jung zu halten, auch an Yoga-Interessierte weiterzugeben. Ich habe auch das Gefühl, immer jung genug zu sein, um etwas Neues zu beginnen. Das ist ja jetzt schon bewiesen, dass das Hirn immer fähig ist zu lernen, vor allem wenn es mit einem positiven Gefühl verbunden ist. Früher galt die alte Regel: Entweder du beginnst etwas mit 5 Jahren oder es ist eh alles schon zu spät. So ein Blödsinn!«

»Selbst-be-wusst-sein« –
Selbstwahrnehmung als Basis
Christine Swoboda meint zur Frage, was ihrer Meinung nach wichtig sei, um den eigenen Begabungen zu folgen: »Sich und seine Potenziale wichtig zu nehmen und auch zu fördern. Im Coaching erlebe ich immer wieder, dass Menschen in ihrer Biografie weder im Elternhaus noch im Schulsystem genug Rahmen hatten, sich ihrer selbst bewusst zu werden. Daher fehlt das Entdeckern der eigenen Fähigkeiten, Wünsche und Bedürfnisse. Anpassen und Funktionieren im Elternhaus und in Gruppen und Gleichmachen im Schulsystem wirken immer noch stark nach und haben Konsequenzen in fehlender Selbstwahrnehmung.« Christines Rat für Menschen, die oft tagtäglich im Job »funktionieren« müssen: Täglich Zeit für sich nehmen! Eine kleine Morgenmeditation oder etwas Bewegung zwischendurch, um sich selbst zu spüren. Auch das Abschalten kann immer wieder geübt werden – mit Entspannung, in der Natur. »Es klingt banal, aber wird oft vergessen.« Wenn man sich wieder spürt, nimmt man auch mehr wahr, »wer man ist.«

Potenziale sehen und heben –
Wie gut kennen Sie Ihre Mitarbeiter wirklich?
Talente müssen sich nicht schon im Kindes- oder Schulalter herauskristallisieren. Möglicherweise erkennen Arbeitgeber durch »Ausprobieren« besondere Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter. Man sollte sich nicht nur an Spitzenbegabungen orientieren. Viele Menschen haben eine allgemeine gute Durchschnittsbegabung. Was Eltern und Führungskräfte sich zu Herzen nehmen sollten: »Lassen Sie Ihre Kinder oder Mitarbeiter viel ausprobieren, ohne gleich den Zwang zur Leistung oder dem Generieren von Nutzen zu haben.« Das ist oft wertvoller als der nächste Fachkurs. Nur zu wissen, wo das Talent verborgen ist, reicht nicht aus. Motivation ist der Schlüssel zum Erfolg. Oftmals benötigen Kinder und Mitarbeiter hier Unterstützung und Zuspruch, vor allem wenn es an Mut mangelt oder Ängste vorhanden sind.

Christine Swoboda bringt die Potenziale ihrer Yogateilnehmer auf diese Weise zur Performance: »Ich hole sie dort ab, wo sie sind. Es kommen so viele verschiedene Menschen aus verschiedenen Bereichen von 14 bis 80 Jahren zu mir. Sie bringen verschiedene körperliche Fähigkeiten mit. Ich versuche zu erspüren, wie viel Entwicklung step by step möglich ist. Es ist wichtig, dass sich niemand defizitär fühlt und sich an Yoga-Bildern der Stars aus dem Internet orientiert. Jeder hat die Fähigkeit zur Bewegung. Hier das Beste für sich selbst raus zu holen, ist mein Anspruch.«

Vom Potenzial zur Performance
Christine Swoboda meint auf die Frage, ob man reich werde, wenn man seinen Talenten folgt: »Wenn ich möglichst viel Zeit mit Tätigkeiten verbringen kann, die mir Freude machen. Mein Yoga-Zentrum führen, Instrumente üben, mit Menschen musizieren, Weiterbildungen in den Bereichen, die mir Freude machen, und meine Begabungen fördern und qualitätsvolle Zeit mit meiner Familie und Freunden zu verbringen – das ist für mich »reich« sein. Und ich war immer überzeugt, dass sich Freude am Tun und das wirkliche Interesse, für andere etwas Nutzen bringendes zu tun, auch materialisiert. Und als Unternehmerin muss ich sagen: Es rechnet sich auch. Stärken der Mitarbeiter nutzen und Unterstützung beim Umgehen mit den eigenen Untugenden – das ist es, was Unternehmen erfolgreich macht. Denn wer täglich das tun darf, was er am besten kann, arbeitet am effektivsten.

*

Das Yogastudio »Feelfree – Yoga & Musik« wurde 2013 von Christine Swoboda eröffnet und bietet verschiedene Yogastile an: entspannendes, fließendes und auch »fliegendes« Yoga. Nach ihrem Architekturstudium in Graz und dem Orgelstudium in Wien widmete sich Christine neben der Musik der intensiven Ausbildung in verschiedenen Yogatechniken. Nach der Ausbildung zur Yogalehrerin in Graz (City-Yoga), absolvierte sie die »Hormon-Yoga«-Lehrausbildung nach Dinah Rodriguez sowie die »Aerial-Flow-Yoga«-Ausbildung in Wien. Sie nahm an Weiterbildungen im In- und Ausland teil – unter anderem bei Patrick Broome, Bryon Kest, Joung-Ho Kim, Annette Söhnlein, Tara Judelle, Katchie Ananda und Markus Hennig Giess. Ihr »Lieblingsyoga« ist das Yin-Yoga (am Boden oder auch im Yogatuch), bei dem man mehrere Minuten in einer dehnenden Position verweilt, um das Bindegewebe zu dehnen und zu stimulieren und »gehen lässt«. feelfreeyoga.at

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Foto: Marija KanizajDr. Carola Payer betreibt in Graz die »Payer und Partner Coaching Company«. Sie ist Businesscoach, Unternehmensberaterin und Autorin. payerundpartner.at

Fazit 144 (Juli 2018), Fazitserie »Erfolg braucht Führung« (Teil 15)

 
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