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Tandl macht Schluss (Fazit 145)

| 26. Juli 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 145, Schlusspunkt

Was tun mit den Digitalisierungsopfern? Als vor 35 Jahren die ersten Desktop‐Publishing-Computer eingeführt wurden und der fünfhundert Jahre alte Beruf des Schriftsetzers praktisch über Nacht verschwand, konnte tatsächlich noch niemand erahnen, wohin uns die digitale Reise einmal führen wird. Inzwischen wird seit Jahrzehnten Branche um Branche digitalisiert. Tausende Bankangestellte wurden durch Foyerautomaten und noch viel mehr Einzelhandelskaufleute durch Onlineshoppingportale ersetzt. Trotzdem ist die Gesamtbeschäftigung, gemessen in Vollzeitäquivalenten, in den letzten 25 Jahren konstant geblieben. Die Wirtschaft ist so stark gewachsen, dass die technologisch nicht mehr benötigten Mitarbeiter genügend neue Berufschancen vorfanden. 

Doch inzwischen gehen alle Experten davon aus, dass sich die Digitalisierung deutlich beschleunigen wird. Damit besteht die Gefahr, dass tatsächlich mehr Jobs wegfallen, als neu hinzukommen.

»Uber« ist eigentlich nur ein Computerprogramm, das Kunden an Mietwagen samt Fahrer vermittelt. Obwohl Uber kein einziges Fahrzeug besitzt, sind die Betreiber längst zum größten Taxiunternehmen der Welt geworden. Damit drücken sie weltweit Millionen Taxifahrer an den Rand. Doch das ist erst der Anfang. Denn sobald selbstfahrende Autos marktfähig sind, wird gar niemand mehr einen Taxifahrer benötigen. Und schon in wenigen Jahren werden die meisten Autobesitzer auch kein eigenes Auto mehr brauchen. Ein normal ausgestatteter VW Golf mit Benzinmotor kostet seinen Besitzer etwa 600 Euro pro Monat (fünf Jahre Behaltedauer und 15.000 Kilometer im Jahr). Mit dem selbstfahrenden Auto kann sich bald jeder zu einem Bruchteil dieser Kosten ein Fahrzeug rufen, das ihn zur Arbeit oder ins Kino bringt. Fahrzeugnutzer müssen auf einmal nur mehr für die tatsächlich gefahrene Strecke bezahlen. Der Wertverlust sowie alle weiteren Fixkosten werden natürlich auch bei autonomen Autos in den Fahrpreis eingerechnet, sie werden aber auf viel mehr Fahrzeugnutzer aufgeteilt. Die Zahl der Autos wird sich dramatisch auf zehn bis zwanzig Prozent des heutigen Fahrzeugbestandes reduzieren. Nicht nur Millionen Berufsfahrer werden ihre Jobs verlieren, auch die Fahrzeugindustrie wird ihre Rolle als Wirtschafts- und Beschäftigungsmotor einbüßen.

Trotz der dramatischen Folgen für die Arbeitnehmer macht dieses Beispiel klar, wie viel Wohlstand und Bequemlichkeit die Digitalisierung bringen kann. Sozial verträglich ist das aber nur, wenn jeder unmittelbar Betroffene einen adäquaten Ersatz für sein verlorenes Einkommen erhält. Sonst entwickelt sich die Digitalsierung wie schon die erste industrielle Revolution im 19. Jahrhundert zu einer sozialen Katastrophe.

Immer noch wächst das Leistungsvermögen von Computern exponentiell. Bereits heute haben Junganwälte in den USA große Probleme, einen Einstiegsjob zu finden. Denn Supercomputer auf denen etwa die künstliche Intelligenz (KI) »IBM-Watson« läuft, haben längst angefangen, »Jus zu studieren«. Vorläufig reicht die Online-Rechtsberatung von Watson nur für grundlegende Dinge. Dabei ist die KI allerdings schon heute wesentlich schneller und um etwa 20 Prozent genauer als die Auskunft von topausgebildeten Juristen. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis Programme wie Watson auch hochkomplexe Fälle übernehmen können.

Die Digitalisierung wird mehr Wohlstand und ein bequemeres Leben mit sich bringen. Doch die Gefahr, dass dieser Wohlstand nur jenen zur Verfügung steht, die das Glück hatten, noch nicht »wegdigitalisiert« worden zu sein, ist riesig.

Die wirkliche digitale Herausforderung ist daher, ein belastbares Gesellschaftsmodell zu entwickeln, das jeden Bürger an diesem neu entstehenden Reichtum teilhaben lässt. Erstmals könnte der technische Fortschritt tatsächlich dazu führen, dass nicht mehr genug bezahlbare Arbeit zur Verfügung steht. Aber es gibt ja ausreichend Arbeit – etwa im Sozial- und Bildungsbereich – die derzeit nicht verrichtet wird, weil sie sich niemand leisten kann. Daher steht die Diskussion darüber, wie sich ein Grundeinkommen mit unserer Leitungsgesellschaft vertragen kann, erst am Anfang.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Tandl macht Schluss! Fazit 145 (August 2018)

 
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