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Mut kann man nicht kaufen

| 24. Oktober 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 147

Wagniskompetenz in Zeiten wirtschaftlicher Dynamik. Gespräch von Carola Payer mit Veronika Windisch, sportlicher Allrounderin und Olympiateilnehmerin im Shorttrack.

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Verdrängungsmärkte, Digitalisierung, Unplanbarkeit, Generationenwechsel bei Mitarbeiterinnen, fehlende Fachexperten am Bewerbermarkt … Führungskräfte haben nur mehr wenig fixe Parameter, an denen sie ihre Entscheidungen orientieren können. Wo wenig fix ist, kann man wenig berechnen und forecasten und man muss experimentieren. Bewegung auf unsicherem Terrain bedingt Mut. Sind Unternehmen darauf auch ausreichend vorbereitet und Führungskräfte dafür ausreichend ausgestattet?

»Ich wurde schon als Kind immer vorausgeschickt, wenn es um die Erkundung von neuem Terrain oder um heikle Situationen ging. An was ich mich noch gut erinnern kann, war, dass ich mich mit meinen 130 Zentimeter Körpergröße vor einen Sonderschüler gestellt habe, der von mehreren Burschen gemobbt wurde. Die waren sicher alle drei Köpfe größer als ich«, erzählt Veronika Windisch.

Mut ist subjektiv
Das empfindet Veronika Windisch, die sich viel auf glatten Parketten bewegt. »Mut heißt, sich überwinden, etwas zu tun. Was für den einen eine Überwindung ist, ist für den anderen vielleicht selbstverständlich. Es kommt immer darauf an, welche Bedenken und Ängste mitspielen«, meint die Olympiateilnehmerin. Dabei geht es nicht nur um Situationen, wo man sein Leben aufs Spiel setzt. Es geht für mich eher darum, das Risiko einzugehen, auch Niederlagen zu erfahren. Nicht zu wissen, wie es ausgeht, nicht zu wissen, wie es einem dann geht – das ist mutig!« Führungskräfte werden als kompetent erachtet, wenn sie das Gefühl vermitteln, zu wissen, wie es ausgeht. Schaffen wir in Organisationen schon den Rahmen für mutiges Management? Reden wir offen über Scheitern, Fehler, falsche Wege und freuen wir uns über Lerneffekte? Werden wir noch von »Mehr vom Gleichen, aber das sicher« dirigiert?

Mut zur Innovation, Mut zu Neuem
Windisch: »Mut ist für mich, wenn man sich auf Neues einlassen kann, Neues ausprobiert. Bei der Entscheidung für meinen Werdegang war ich mutig: Mein großes Ziel war, dass ich mich als erste Österreicherin in der Sportart Short Track für die Olympischen Spiele qualifiziere und Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften hole. Österreich bot damals wie auch heute überhaupt keine Infrastruktur. Es gab keine Trainer, keine Trainingspartner und auch viel zu wenig Eiszeiten. Es waren ungefähr solche Voraussetzungen, wie die jamaikanischen Sprinter für die Teilnahme an den olympischen Winterspielen im Bobsport hatten. Ich konnte nicht vorhersehen, ob ich dieses Ziel wirklich erreiche. Den Weg einzuschlagen war mutig.« Veronika Windisch beschreibt hier, was Führungskräfte heute fordert. Der Wunsch nach Erfolg in neuen Gebieten unter Rahmenbedingungen, die nicht vorhanden oder unklar sind.

Mut und Ängste
Viele Menschen glauben, dass Mut und Angst nicht zusammenpassen. Mut wird aus Angst geboren. Die Art der Ängste, die Führungskräfte überwinden müssen, sind vielfältig: Angst, belächelt zu werden, Angst mit der eigenen Geschichte zu brechen, Angst vor Misserfolg, vor persönlichen Verlusten, vor Liebesentzug, unkonventionell zu sein, vor Imageverlust usw. Wann hat Veronika Windisch mehr Angst als Mut? »Also ich würde nicht skydiven oder Fallschirm springen. Da überwiegt meine Angst.

Mut zur Augenhöhe und Teilung von Verantwortung
Der Ruf nach agilen Organisationen erfordert, neue Sichtweisen und innovative Zugänge zuzulassen, Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen, Eigenverantwortung zu übertragen und Kommunikation auf Augenhöhe. Auch das erfordert von Führungskräften Mut. Mut zu Vertrauen, zum Konflikt, Eigenverantwortung zuzulassen, Verantwortung abzugeben, Feedback zu geben, unpopuläre Führungshandlungen zu setzen, zur Offenheit, neue Modelle der Zusammenarbeit zu leben.

Mut erfordert Loslassen
Wir lassen zahllose Dingen nicht los, obwohl es keinen Sinn ergibt. Unternehmen halten an Prozessen, Technologien oder Stellenbeschreibungen fest, nicht weil sie gut sind, sondern weil man schon viel in sie investiert oder sich an sie gewöhnt hat. Unternehmen neigen dazu, sich zu konservieren, statt sich neu zu erfinden. Wer Gewohntes durchbricht, bricht mit der Sicherheit. Wer mutig ist, verlässt die sichere Komfortzone und gibt Bequemlichkeit auf. Es zahlt sich aus, die eigene Organisation darauf zu überprüfen, ob Führungskräfte noch Raubtiermentalität haben. Hunger nach Erfolg und unbekannten risikoreichen Jagdgebieten. Unzufriedenheit kann ein guter Motor für Mut sein. Sind unsere Führungskräfte eventuell manchmal auch »zu satt«? Begegnet man Veronika Windisch, strahlt ihre ganze Aura diesen Mut aus, sich immer wieder auf den Weg zu machen, nicht bequem zu werden und dem Schmerz ins Auge zu sehen. »Noch macht mir das Spaß«, sagt sie. Ob Crashed Ice, Radsport, Tower Run, höher, weiter, schneller.

Mut erfordernde Situationen brauchen Vorbereitung, Austausch und Reflexion
Veronika Windisch: »Wenn ich etwas zum ersten Mal probiere wie z. B. ein Sprung beim Inlineskaten, dann gehe ich die Situation in meinen Gedanken durch. Ich fahre den Sprung im Kopf und gehe jede einzelne Bewegung durch. Aber so, wie es perfekt wäre. Ich versuche mich dabei wirklich zu spüren. Führungskräfte müssen heute mit ihren Mitarbeitern mehr in Innergaming investieren. Sich Szenarien der Zukunft vorstellen, durchspielen, experimentieren und die Spielräume Schritt für Schritt erweitern. Was wirkt und Erfolg bringt, wird forciert, was nicht wirkt, wird losgelassen.

Mut ist Wagniskompetenz
Risikobereitschaft mit Kalkül ist eine wesentliche Kompetenz in Organisationen. Der Mut, neue Wege zu wagen und konventionelle Denkmodelle zu verlassen, sichert Wettbewerbsfähigkeit. Mutige Führungskräfte verbreiten ein eigenes Charisma, das andere auch aktiviert, wieder lustvoll auf neues Terrain zu schreiten. Mut motiviert! Führungskräfte sind aufgefordert, sich nicht zu viel in Excel-Listen zu verlieren und mögliche Szenarien realistisch, pessimistisch runterzurechnen.

Sie sollen wie hungrige Raubtiere mutig neue Futterplätze aufsuchen, um dort aus realen Erfahrungen zu lernen. Reale Erlebnisse vor realistischen Berechnungen. Dialogisches Auswerten von Erlebnissen vor Bewerten von scheinbar realistischen Hochrechnungen. Erfahrung vor pessimistischen Hypothesen.

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MMag. Veronika Windisch Profisportlerin, Sportwissenschaftlerin, Lehramtsstudium Sport und Bewegung sowie Biologie und Umweltkunde, staatlich geprüfte Fitness- und Athletiktrainerin, Resilienztrainerin, Train-the-Trainer-Trainerin. 2010 und 2014 als erste und bisher einzige Shorttrackerin Österreichs bei den Olympischen Spielen im Shorttrack. Weltcupteilnahmen in fünf weiteren Sportarten.  veronika-windisch.at

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Foto: Marija KanizajDr. Carola Payer betreibt in Graz die »Payer und Partner Coaching Company«. Sie ist Businesscoach, Unternehmensberaterin und Autorin. payerundpartner.at

Fazit 147 (November 2018), Fazitserie »Erfolg braucht Führung« (Teil 18)

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