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Außenansicht (3)

| 26. April 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 152

Das Wort des Jahres schon im Mai. Es ist erst ein Drittel des Jahres vergangen, dennoch könnte man jetzt schon das »Wort des Jahres« wählen: die Glaubwürdigkeit.

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Kein Kommentar, keine Rede, kein kritischer Beitrag gegenüber der Regierung ohne das Wort »Glaubwürdigkeit«, als sei es das wichtigste Kennzeichen für den Erfolg der regierenden Koalition. Sogenannte kritische Medien, Oppositionspolitiker, Künstler und Kreative, die sich am anderen Ufer der politischen Landschaft gegenüber der Regierung sehen, können kaum mehr eine Beschreibung des Zustands der Koalition abgeben, ohne sich selbst zu fragen, ob sie den Aussagen der Regierenden auch glauben könnten.

Nun leitet sich das Wort »Glaubwürdigkeit« vom Wort Glauben ab, jemandem zu glauben, um diesen dann als würdig genug zu erkennen, ihm bzw. ihr seine bzw. ihre Glaubwürdigkeit zu garantieren, betrifft also eher die Gläubigen unter den Kritikern, die sich weniger auf Tatsachen konzentrieren, sondern Signale und Botschaften bewerten, inwieweit diese ihren Glauben beeinflussen. Gehen wir vom Glauben aus und versuchen ihn als Grundlage einer Religion zu verstehen, so ist die Glaubwürdigkeit innerhalb einer Gemeinschaft eine wichtige Grundlage der Anhänger einer bestimmten Religion, also weniger wichtig für Glaubensbrüder und -schwestern einer anderen religiösen Gruppe. Ähnlich sollte man es in der Politik verstehen. Gläubigkeit betrifft eigentlich nur die Anhänger einer Partei und nicht ihre Gegner. Ob nun Politiker für die Gegner dieser Partei glaubwürdig sind, ist relativ unwichtig. Verliert eine Partei die Glaubwürdigkeit unter ihren Anhängern, läuft sie Gefahr, ihre Anhänger und Wähler zu verlieren, oder in der Umkehr, verliert eine Partei ihre Wähler, hat sie ein Problem mit der Glaubwürdigkeit.

Warum also der immer wieder vorgebrachte Vorwurf der Opposition gegenüber der Regierung, dass diese nicht glaubwürdig sei? Ist es überhaupt die Aufgabe einer bestimmten Partei oder Koalition, gegenüber der Opposition und den Kritikern glaubwürdig aufzutreten? Oder ist die Unglaubwürdigkeit sogar ein Vorteil, weil sie garantiert, sich inhaltlich von jenen zu unterscheiden, die glaubwürdig die Opposition unterstützen und vertreten?

Eine mit Mehrheit regierende Koalition, die aus der Opposition heraus die Wähler überzeugte, ihnen eine Chance zu geben, muss versuchen, dieses Vertrauen zu halten und als Regierende keine Anhänger und Unterstützer zu verlieren. Sie sollte daher glaubwürdig gegenüber ihren Anhängern agieren und diesen durch Verantwortlichkeit zeigen, dass man ihnen zurecht geglaubt und sie gewählt hatte. Glaubwürdigkeit ist daher ein wichtiger Faktor für die Stabilität einer Regierung, allerdings nicht für die Kritiker, sondern unter den eigenen Anhängern. Eine regierende Koalition ist mit einer Gemeinschaft zu vergleichen, der man sein Vertrauen lieh und es jederzeit widerrufen könnte.

Die Demokratie zeigt ihre Stärke einerseits durch die freie Wahl einer Regierung, allerdings auch durch die Möglichkeit, sie wieder abzuwählen. Die Möglichkeit der Wiederwahl nach einer Regierungsperiode, wenn nicht aus der Position der Opposition um Wähler geworben wird, sondern mit dem Versuch, Wähler durch die Leistungen zu überzeugen, ihnen eine weitere Chance zu geben, ist eng verbunden mit der Glaubwürdigkeit.

Für die Wiederwahl einer Regierung ist das Vertrauen ein entscheidender Faktor, wenn Wähler daran glauben, dass diese Koalition aufgrund der Leistungen weiter gute Arbeit leisten könnte und die Opposition wahrscheinlich nicht halten werde, was sie verspricht. Wählen ist eine Glaubenssache, mit Hoffnungen und Erwartungen verbunden, für die es keine Garantie gibt. Gegen den Vorwurf der Gegner, unglaubwürdig zu sein, sollte man sich nicht verteidigen. Bei unterschiedlichen Programmen und Strategien glaubt man eben an den Erfolg der einen und misstraut den anderen. Unglaubwürdig sind immer nur die Verlierer einer Wahl.

Außenansicht #3, Fazit 152 (Mai 2019)

 
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