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Zur Lage (99)

| 26. April 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 152, Zur Lage

Diesmal gar nichts über Regierungen, Klimawändel oder Prophetinnen, dafür viel zu viel über sprachliches Ungemach. Über die Chimäre vom Gleichen und kurz was über Buttelbach, Lebensqualität, Fürnixfibeln und die Stillosigkeit von heute.

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Was hab ich in der letzten Lage hier schwadroniert von gelösten Problemen und davon, dass ich jetzt voller Freude mich den Nebensächlichkeiten widmen könne! Pah, schreib ich Ihnen heute. Buxtehude, nichts geht mehr! Jetzt gehen mir nämlich diese Nebensächlichkeiten viel mehr noch auf den Geist. Hab ich doch die Zeit, statt über Regierungen, Klimawändel oder Prophetinnen, über sprachliche Ungelenkigkeiten zu sinnieren. Etwa die vom »Sinn machen« oder die noch größere Trottelei von »in keinster Weise« – in kleinster Weise werden manche immer wieder denken, aber in keiner Weise werden sie das in »keinster« Weise tun.

Wobei mir der eben beendete erste Absatz dieses Textes schon jetzt überhaupt keine Freude mehr bereitet, gibt es doch – ich habe es bitte schon zigmale geschrieben – nur eines, das öder ist, als Halloween in unseren Breiten zu begehen: sich darüber aufzuregen. Ausweglosigkeit, ick hör Dir trappsen. Denn, bevor ich noch damit beginne, über »Gendersprech« mich zu verlieren, bin ich schon verloren. Und trotzdem, es ist einfach nicht zu ertragen, all den Radfahrenden, Studierenden, Anwohnenden, Beischlafenden und sonstig Endenden immer und immer öfter in immer und immer weniger sinnvollen Textierungen universitärer und öffentlicher Stellen zu begegnen. Irgendeine Stadt voller Hirnlosenden hat jetzt par ordre du mufti (ja schauen Sie halt nach!) den gesamten Schriftverkehr auf Gendergerechtigkeit umgestellt. Ich will es beim Teufel gar nicht einmal googeln, welche Flachgeisterkommune das war, es ist nämlich eh vollkommen egal, es werden ja auch in unseren Breiten höchstbezahlte Beamtrixen damit behelligt, in dummdreisten Genderseminaren diesen neuen Sprech, diese wortgewordene Schizophrenie einiger vollkommen geistloser Weltverbessernden zu erlernen und »im täglichen Umgang mit unseren Bürgerinnen und Bürgern und Bürgernichtgenauwissenden und Bürgerallemöglichkeitenoffenlassenden« dann wohl auch zu verwenden!

Dabei ist es so unglaublich sinnlos. Diese oktroyierte Gleichmacherei, die gar nie nicht gelingen kann. Weil es gleich machen will, was nicht gleich ist. Keine Angst, ich alter Postfeminist bin natürlich nicht gegen die Gleichberechtigung der Frau! Nicht einmal nur deswegen, weil ich sie so verehre. Zudem geht es mir auch gar nicht darum, mir geht eben nur diese ganze Verhunzung unserer Sprache so fürchterlich auf den Geist, dass ich mich geradezu sehne nach großen Problemen, um sie hier platt mit Ihnen zu wälzen. Wobei, auf das Gleichmachen, auf das muss ich nochmal zurückkommen. Das ist nämlich eine so riesengroße Chimäre, die geht auf keine Kuhhaut. Noch dazu ist sie sowas von an allem Menschlichen vorbei, ja geradezu unmenschlich. Kennen Sie zum Beispiel irgendjemanden, der nicht davon überzeugt ist, dass er zumindest ein klein wenig »besser« ist als zumindest zwei, fünf, sechse von den Menschen, denen der tagtäglich begegnet? Einen? Kennen Sie einen?

Oder schauen wir uns Städte an, etwa Sankt Buttelbach an der Brunzen. Das kennen Sie nicht? Ich sage Ihnen, warum Sie das nicht kennen: weil Sankt Buttelbach nicht einmal eine abgebrannte Notre Dame hat. So schauts aus! Das heißt jetzt im Übrigen gar nicht, dass Sankt Buttelbach irgendwie schlecht wäre, dass alle Buttelbacher weniger wert wären als etwa Wiener (das ja ganz sicher nicht!) oder Salzburger. Es fahrt halt nur keiner hin nach Buttelbach, es interessiert keine Sau, wo Buttelbach überhaupt ist! Warum auch?

Dass jetzt ich persönlich meine Zukunft in Sankt Buttelbach an der Brunzen sehe, das ist wieder ganz eine andere Geschichte. Das hat ausschließlich mit meiner schrägen Persönlichkeit zu tun; und mit meiner genienahen Gabe, Trends vorwegzunehmen, ja ihnen geradezu vorauszueilen. Weil falls irgendwer von Ihnen wirklich noch glaubt, die Zukunft liegt in den Megacities, da muss ich Sie nämlich enttäuschen. Jedenfalls dann, wenn Sie an wahrer Lebensqualität interessiert sind. Die findet bald nur mehr in all unseren Buttelbachs statt. Zumindest wenn deren Gemeinderat so gescheit ist, kein Geld für gendergerechte Fürnixfibeln zu verbraten; ich kann Ihnen übrigens verraten, insgesamt bin ich da recht guter Dinge. Aber bevor ich jetzt zu lange darüber nachdenken muss, wie ich den Bogen zum Anziehen schaffe, lass ich Sie einfach wissen, dass ich die die Verluderung der Sprache begleitende Verluderung aller sonstigen Sitten auch wenig schätze.

Wie sich so viele heute so wenig stilvoll kleiden können, ist mir ein verdammt großes Rätsel. Und da denke ich jetzt gar nicht primär an irgendwelche Kulturschaffenden, die »ein Zeichen setzen wollen«, nein, mir erschließt es sich schlicht und einfach nicht, wie manche Leut’ herumrennen. Ich würde so nicht auf meine Toilette gehen, wie zahlreiche sich bei Sitzungen, Vorlesungen, Diskussionsveranstaltungen oder Opernabenden wohlfühlen. So feiert etwa das Tshirt – ein Hilfskleidungsstück, das (mit Ausnahme bei körperlicher Arbeit) einzig dazu dient, es unter einem Oberhemd zu tragen – auf sich alleine gestellt und damit seine Hilflosigkeit uns allen vorführend, fröhliche Urständ bei den festlichsten Anlässen. Noch größere Pfeifen bringen dann auch irgendwelche uninteressante und aberwitzige Botschaften damit unters Volk. Natürlich gilt auch hier, dass Ausnahmen die Regel bestätigen; nur ist das (meist schlampige) Tshirt schon lange keine Ausnahme mehr. Und bevor ich jetzt auch noch über die superklugen Köpfe nachzudenken beginne, die ihr Haupt in geschlossenen Räumen mit einem Hut oder – besonders dähmlich! – einer Haube bedecken, schließe ich für heute in der Hoffnung, dass Sie ein schönes Osterfest gehabt haben werden.

Zur Lage #99, Fazit 152 (Mai 2019)

 
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