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Der Unfassbare

| 3. Juni 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 153, Fazitbegegnung

Foto: Heimo Binder

Der Mann mit der charakteristischen Baskenmütze ist stadtbekannt – und weit darüber hinaus. Die einen kennen Walter Felber als den letzten Kaffeehauszeichner von Österreich, oft auch »live« aus eigenen Wirtshausbesuchen, oder als zweiten Kammermaler aus dem Erzherzog-Johann-Film von Alfred Ninaus.

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Die anderen kennen ihn als umtriebigen Stadt- beziehungsweise Raumplaner. Raumplanung hat er auch studiert, seine Diplomarbeit in Denkmalpflege abgefasst und nach Praxis die Ziviltechnikerprüfung abgelegt. Er unterrichtete als Lektor für »Umwelttechnik im Städtebau« 22 Jahre bis 2014 an der Technischen Universität Graz und lehrte fünf Jahre an der Universität Innsbruck am Institut für Experimentelle Architektur. Eigentlich wollte er Siedlungswesen studieren. Da es das an der Wiener Uni aber nicht gab, fing er mit Geschichte an, sattelte auf Geologie mit Geografie um, spezialisierte sich auf Sozialgeographie und dissertierte schließlich über die Industrie- und Stadtentwicklung von Brünn von 1815 bis 1970. Was in den 1960er- und Anfang der 70er Jahre in der damaligen Tschechoslowakei – Visumpflicht, Einmarsch der Russen 1968 – ein ziemliches Abenteuer war. Seine Mitgliedschaft als aktiver Basketballer (!) bei einem Wiener Verein erwies sich dabei für Ein- und Ausreisen als sehr hilfreich. Wieder andere kennen den Mann mit den vielfältigen Kompetenzen und Interessen vor allem als Experten für das Spezialgebiet Abfallverwertung. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Dipl. Ing. Dr. Walter Felber als Erfinder auf dem Gebiet der Verfahrenstechnik über ein erstes Patent für die radikale Aufbereitung von Siedlungsabfällen verfügte. Außerdem verfügt er über die Gabe, sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen, sowie über eine große Portion Freundlichkeit und Geduld.

Letztere muss man aber auch selbst mitbringen, um einigermaßen zu verstehen, wovon er spricht. Als kritischer Freigeist und übrigens auch Mitbegründer der ALG (Alternative Liste Graz, Vorläufer der Grünen) verfolgt er konsequente Ziele – so auch, was die Abfallwirtschaft betrifft: »Verwertung statt Deponie und Müllverbrennung« lautet sein diesbezügliches Credo. Felber im O-Ton: »Gott sei Dank bin ich suspekt, sonst wäre ich korrupt.« Aufmerksamkeit und Geduld zahlen sich in einem Gespräch mit Walter Felber aber aus, weil er auch noch ein wandelndes Lexikon ist. So zumindest beim Thema Müll und Umwelt. Wir lernen: Wir haben in Graz noch immer etwa 30 Prozent Restmüll, »das sind rund 47.500 Tonnen zu viel.« Deponien und Müllverbrennungsanlagen sind für ihn längst technische Vergangenheit. Nach diversen Verwertungsprozessen bleibt als Rest vom Restmüll nur mehr rund ein Viertel schwermetallbelasteter »Junk« übrig, der zu entsorgen wäre. Aber auch statt dieser Entsorgung will Walter Felber eine Verwertung: Zwischen 2006 und 2017 entwickelte er geduldig ein weiteres Verwertungsverfahren durch sogenannte »Phytoremediation«, seine spezielle Prozesstechnik mit Zuführung von Pflanzen-Mycelien. Dabei wird der toten Feinfraktion eine speziell aufbereitete Inokulierungsmasse beigefügt, um sie zu vitalisieren. Die schließlich darauf wachsenden Gräser und Pflanzen binden in ihren Wurzeln Restschadstoffe wie Schwermetalle. Nach fünf Jahren sinkt deren Gehalt im vormalig toten und belasteten Substrat so weit, dass sie auch nach den Grenzwerten von Bioabfällen in Österreich kein Abfall mehr sind. Und damit auch die Kreislaufwirtschaftsrichtlinie der EU übererfüllen. Der Industrie allerdings gefallen solche Lösungen weniger, weil damit andere – weitaus weniger – Geld verdienen. Wieder O-Ton Felber: »Man wird einfach selbst Standort der Komplexität.«

Als Zeichner und Maler hat der schwer Fassbare (»Ich bin kein Künstler, sondern Handwerker im schönsten Sinn«) insgesamt rund 27.000 Bilder angesammelt. Von sich aus bietet er keine an, doch wer fragt, kann sein Portrait – meist in Kohle, Graphit, Aquarell oder Pastellkreide, oft in Minutenschnelle gezeichnet – zu einem selbstgewählten Preis erstehen, aber auch Werksaufträge sind willkommen.

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Walter Felber wurde am 5. Dezember 1945 in eine Handwerkerfamilie in Wien geboren, hat Geologie, Sozialgeographie und Raumplanung, später noch Soziologie und Politikwissenschaft studiert, lehrte an der TU Graz und an der Universität Innsbruck, arbeitet mit Berufskollegen an Raumplanungs- und Umwelttechnikprojekten und ist Kaffeehauszeichner. Felber hat zwei Kinder und zwei Enkel.

Fazitbegegnung, Fazit 153 (Juni 2019) – Foto: Heimo Binder

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