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Ein Schnitzel in London

| 9. Juli 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 154, Sichrovsky und ...

Foto: Adriane Benten

Im Norden Londons, direkt mit der »Northern Line« der Londoner U-Bahn erreichbar, kann der hungrige Tourist aus Österreich, der nach indischen, chinesischen, persischen und koreanischen Spezialitäten immer noch keine Lust auf typisch englisches »Pub-Food« mit Fish and Chips und einem eher zähen Sonntagsbraten hat, sich in ein heimatliches Café-Restaurant flüchten, das ihm alles bietet, was er von Zuhause gewöhnt ist.

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Das »Kipferl« ist eine Institution hier in London unter Österreichern und allen, die österreichisches Essen lieben, das sich weit über den kleinen Kreis der heimatlichen Fans durchgesetzt hat und immer wieder in Listen der besten Restaurants von London auftaucht.

Die nahe gelegene Untergrundbahnstation ist Angel im Stadtteil Islington, das sich in den letzten Jahrzehnten aufgrund der hohen Lebensqualität immer mehr als Wohngegend der oberen Mittelklasse durchgesetzt hat, ohne die protzigen Autos der Millionärsviertel. Besonders um die U-Bahn-Station herum haben sich viele kleine Restaurants angesiedelt. Dort gibt es (über einem Pub) auch ein Theater, The Old Red Lion Theatre, in dem kleinere, unabhängige Produktionen zu sehen sind, sowie verschiedene Clubs, unter anderem den der von Carsten Höller entworfene Double Club, der westliche und kongolesische Kultur und Lebenskunst zu verbinden sucht. Teile der Harry-Potter-Reihe spielen in Islington. Hier befindet sich das Hauptquartier des »Orden des Phönix«, der »Grimmauldplatz Nr. 12«. Der Claremont Square diente in den Harry-Potter-Filmen als Drehort.

Von der U-Bahn-Station erreicht man das Restaurant über die Upper Street, der Hauptgeschäftsstraße der Gegend, biegt einfach einmal rechts und dann wieder links ab und erreicht eine schmale Gasse, kaum breit genug für die zuliefernden LKW, mit kleinen Läden, Eisgeschäften, Cafés und Restaurants und mitten drinnen das Restaurant »Kipferl«. Schräg gegenüber »The African Waistcoat« mit interessanten Kleidungsstücken aus aller Welt und ein paar Meter weiter der Comedy Club »Angel Comedy«.

Foto: Adriane Benten

Christian Malnig, der das Restaurant gemeinsam mit mehreren Partnern leitet, war eine Zeitlang nicht erreichbar für ein Gespräch und antwortete mir per Email, er sei in Schottland. Als ich ihn eine Woche später in seinem Restaurant traf, prahlte er nicht mit der Qualität seiner Speisen, sondern erzählte, dass er einmal im Jahr in einem Nationalpark in Schottland arbeiten würde, wo er mit anderen Freiwilligen die frisch gelegten Eier der Fischadler bewachen würde, damit sie nicht von anderen Tieren gestohlen werden. Auf dem Weg nach Schottland und zurück habe er der Erzählung »Die Tante Jolesch« zugehört, von Friedrich Torberg persönlich gelesen, und wie leid es ihm täte, dass er Torberg nie persönlich kennenlernen konnte.

Von Kanada über Österreich nach England

Diese ungewöhnliche Einleitung eines Gesprächs mit einem Restaurantbesitzer setzt sich fort in der kurzen Beschreibung seines Lebens. In Montreal als Sohn eines Ingenieurs geboren, mit fünf Jahren nach Europa übersiedelt und mit 15 Jahren nach Österreich, wo er in Baden die Matura abschloss und in Wien Wirtschaft studierte. Nach dem Studium ging er nach England, arbeitete im Finanzbereich in Nottingham, eine Zeitlang in Skandinavien, dann wieder zurück in England, wo er seit 23 Jahren lebt und sich hier eigentlich zu Hause fühlt. Christian Malnig überrascht mit der Vielfalt seines Backgrounds. Einen Schnitzelkoch in London stellt man sich anders vor. Vor mir sitzt ein fast fünfzigjähriger Mann, dessen Ehefrau Architektur unterrichtet, ein Doktorat in Philosophie hat und der seine Freizeit in einem schottischen Nationalpark verbringt, wo er frisch gelegte Eier von Fischadlern bewacht. Doch da lauerte eben auch das andere »Ich« in ihm, das er entdeckte, als er während des Studiums in Wien in einem türkischen Restaurant arbeitete. Die Faszination für Esskultur und Spezialitäten schlummerte in ihm die nächsten Jahre, auch wenn er mit ganz anderen Tätigkeiten sein Geld verdiente. Doch die Jahre im Finanzsektor wurden immer unerträglicher und so entwickelte er ein Konzept für ein Delikatessengeschäft in London, das sich auf kontinentale Spezialitäten konzentrierte. 2004 eröffnete er mit einem britischen Partner in der Nähe von Smithfield im Zentrum von London das Geschäft. Der Laden lief gut, doch der eigentliche Hit waren die paar Tische vor dem Geschäft. Malnig erkannte bald, dass die Londoner im Grunde genommen keine Lust haben, selbst zu kochen, und besonders gern neue Restaurants ausprobieren. Vor acht Jahren fanden sie den Platz in der »Camden Passage« in Islington, der ideal zu ihrem Plan passte, ein Café-Restaurant zu eröffnen.

»Wir wollten ein Kaffeeaus-Restaurant-Konzept umsetzen, wo es den ganzen Tag warmes Essen gibt, man aber auch bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen Zeitung lesen kann, so lange man will. Im Kipferl kann man um zehn Uhr morgens ein Schnitzel und ein Bier oder auch nur ein Frühstück bestellen,« beschreibt Malnig sein Restaurant. Auf der Speisekarte findet sich Frittatensuppe, Backhendlsalat und Palatschinken, obwohl Malnig meint, er könnte auch ein Lokal eröffnen, wo es nur Schnitzel, Apfelstrudel und Sachertorte gäbe, das wären die meistbestellten Speisen.

Malnigs Kollege unterbricht uns und bringt einen kleinen Teller mit zwei Vanillekipferln …

»Wir haben das Restaurant Kipferl genannt, weil es so gut die Vielfalt der Wiener Küche symbolisiert. Mit einem türkischen Halbmond und Mandeln, die es gar nicht gibt in Österreich«, sagt Malnig. Der Legende nach sei das Kipferl in seinen vielen Formen in Wien als Hohn auf die erfolglose zweite Türkenbelagerung entstanden. »Viele, die zu uns kommen, haben einen Bezug zu Österreich, waren dort im Schiurlaub oder in Wien oder im Sommer Bergsteigen in Tirol. Andere sind zweite oder dritte Generation von Österreichern, die noch den Kaiserschmarren der Großmutter in Erinnerung haben, oder Engländer, die mit einem österreichischen Partner leben. Es geht oft um Erinnerungen und Erlebnisse, andere sind einfach nur neugierig und kommen mit dem Wunsch eines neuen Erlebnisses, « beschreibt Malnig seine Gäste.

Österreichische Küche sei nicht einfach zu verkaufen, meint er. Im Gegensatz zu italienischen, chinesischen Restaurants und anderen Spezialitäten habe sich die Wiener Küche kaum international durchgesetzt. Viele Speisen seien aufwendig in der Vorbereitung, mit regionalen Gewürzen und Zutaten. Selbst die Semmelwürfel für die Knödel und die Brösel für Schnitzel hätten eine ganz besondere Qualität.

Die komplizierten Rezepte aus Österreich

Ich erzählte ihm von einer warmen Süßspeise, die meine Mutter immer gekocht hatte, dem »Scheiterhaufen«, den ich immer wieder versucht hätte, der mir jedoch nie richtig gelingen wollte. Malnig nickt und meint, das sei ein gutes Beispiel. Ein simples Rezept, das in der Durchführung extrem kompliziert sei. Das gelte für viele österreichische Spezialitäten. Wien habe alle guten Speisen und auch den Kaffee aus den umliegenden Ländern zu eigenen Spezialitäten gemacht, das sei das eigentliche Geheimnis der Wiener Küche. Malnig blickt optimistisch in die Zukunft. Die Schließung zahlreicher Restaurantketten zeige, dass die Kunden kleine, unabhängige Unternehmen schätzen würden, die zwar eine begrenzte Speisekarte hätten, jedoch gute Qualität bieten. Der Kunde sei nicht mehr bereit, nur für einen Namen einen hohen Preis zu zahlen, wenn dann auch noch mittelmäßige Qualität angeboten werde. An Wochenenden würden vor seinem Lokal die Menschen sich anstellen und müssten oft lange warten, während andere Lokale mit klingenden Namen halb leer seien. Er selbst beschäftige sich immer weniger mit dem Alltag im Restaurant und denke an neue Konzepte und mögliche Neueröffnungen. Es gäbe zum Beispiel weder in London noch in der Umgebung einen Heurigen.

Malnig unterbricht das Gespräch. Eine Weinlieferung sei gekommen. Wir gehen hinaus auf die Straße, wo aufgestapelt die Kisten mit Weinen aus Österreich über einander liegen. Er lächelt und sagt, er kenne jeden Weinbauer, bei dem er bestelle, und man kann sich plötzlich gar nicht vorstellen, dass dieser Mann ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und einst im Finanzbereich gearbeitet hatte.

Kipferl
Austrian Coffeehouse & Kitchen
20 Camden Passage, London, N1 8ED
kipferl.co.uk

Sychrovsky und … (5), Fazit 154 (Juli 2019), Fotos: Adriane Benten

 
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