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Wagner macht Schluss (Fazit 154)

| 9. Juli 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 154, Schlusspunkt

Willkommenskultur und andere Perspektiven der Migration. Manchmal ist ein kleines Feuer vielleicht Vorbote für einen bevorstehenden Brand. Am 19. Juni hat sich ein Mann, der im Irak geboren wurde, aufgemacht, um an vier Orten in Graz einen Brandanschlag zu verüben. Es dürften eher dilettantische Akte gewesen sein, zu Schaden ist glücklicherweise niemand gekommen. Sein Motiv soll privater Natur gewesen sein. Selbst wenn der Mann psychisch krank ist, war sein Verhalten wohl Ausdruck des Unverständnisses, der Machtlosigkeit und noch wahrscheinlicher: der Perspektivlosigkeit.
Einer der Orte, den er ausgewählt hat, war die Bezirkshauptmannschaft Graz-Umgebung beim Grazer Hauptbahnhof. Wenige Tage nach dem Vorfall war ich selbst in dieser Einrichtung. Auch Grazern stehen diese Amtstüren nämlich offen, was die wenigsten Menschen wissen, und dazu führt, dass man hier Stempel für verringerte Kinderkrippenbeiträge verhältnismäßig rasch bekommt. Die mir nun ab nächstem Herbst bevorstehende Kostenersparnis in der Nachwuchsbetreuung ist nur ein regionalspezifischer Beweis dafür, dass wir uns in Österreich an einem Sozialstaat erfreuen können, der im globalen Vergleich beneidenswert ausgebaut ist.

Dieser Sozialstaat ist einer der Hauptgründe dafür, dass ich an diesen Junivormittagen als Vertreter einer Jungfamilie mit Migrationshintergrund alles andere als eine Ausnahme war. Als überzeugter Freund der Diversität fühle ich mich dann nicht fremd im eigenen Land, sondern wohl im eigenen Land. Aber ich hab auch leicht reden.

Es waren jeweils wohl kaum mehr als sieben Minuten, die ich in der Bezirkshauptmannschaft verbracht habe. Und doch war ich lange genug vor Ort, um als aufmerksamer Beobachter ein stichprobenartiges Bild zu erhalten, was in der Umgebung eines sozialen Brennpunktes wie dem Grazer Hauptbahnhof an Problemen in der Luft liegt. Viele der Antragssteller haben kaum oder schlecht Deutsch gesprochen, einige waren Mindestsicherungsempfänger oder arbeitslos. Als ich nach dem zweiten Besuch erleichtert und mit Stempel in der Tasche das Gebäude verließ, habe ich für mich eine These aufgestellt.

Ich glaube, dass es mit Amtsmitarbeitern in solchen Gegenden in etwa so sein dürfte wie mit Polizisten, von denen ich selbst ein paar kenne, die in Gebieten stationiert sind, wo sehr viele Straftäter erwischt werden, die Migrationshintergrund haben – viele dieser Beamten sind so genervt von Menschen mit Migrationshintergrund in sozialen Notlagen, dass sie Parteien wählen, die sich für Einwanderungsstopps und Diskriminierung von Migranten aussprechen. Ich verzichte hier auf Statistiken zu Kriminalfällen, weil einerseits keiner weiß, welche Zahlen wirklich ungeschönt sind – und das ist keine Verschwörungstheorie – und andererseits jegliches Zahlenmaterial nach gerade passender Textaussage verdreht werden kann.

Zugespitzt in zwei Beispielen ausgedrückt: Menschen mit Migrationshintergrund verkaufen deshalb oft Drogen, weil sie schlicht und ergreifend keine andere Chance haben, in der Gesellschaft anzukommen. Und Menschen mit Migrationshintergrund kommen deshalb oft ins Amt, um Sozialleistungen zu beantragen, weil sie ebenso schlechte Chancen haben, in unserer Mitte aufgenommen zu werden. Und nun das Paradoxon meiner These: Trotzdem wählen gerade jene, die am meisten unter mangelnden Integrationsmaßnahmen einer Regierung leiden, oft Parteien, die Mittel zur Integration kürzen wollen.

Man kann der Meinung sein, dass Boote leer sind oder voll, aber man sollte sich in Österreich einig werden, dass kleine Feuer wie jenes in Graz Vorbote genug sind. Wir brauchen hoffentlich keine brennenden Vorstädte wie sie Frankreich schon vor 15 Jahren erleben musste, um nüchtern und ehrlich über die Perspektiven von Zuwanderern zu diskutieren. Ganz ohne naive Willkommenskultur und geleugnete Mentalitätsunterschiede auf der einen Seite oder menschenverachtenden Rassismus und unrealistische Ausweiseszenarien im anderen politischen Extrem.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Wagner macht Schluss! Fazit 154 (Juli 2019)

 
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