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Urbane Zukunft?

| 20. Januar 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 159, Kunst und Kultur

Foto: Johannes Gellner

Das Kulturjahr 2020 kommt gerade ordentlich in Schwung. Und das mit über 90 Projekten, politischer Einhelligkeit, klaren Strukturen und dem Wunsch nach Erneuerung der Grazer Stadtidentität mit den Werkzeugen Kultur und Wissenschaft. Damit so etwas gelingen kann, braucht es ein starkes Team.

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Ich spreche mit Christian Mayer, Programmmanager und gleichzeitig schon mal die Hälfte des starken Teams. Aus einem mittelstarken schnellen Espresso entwickelt sich ein langes Gespräch über breite Aufgestelltheit und semiaristotelische Weitsicht. Womit wir beim Einstieg wären …

Ihr seid recht wenig für so eine Riesengeschichte. Im Vergleich zu anderen Festivals, wie etwa dem steirischen herbst, ist ja alles sehr schlank, geht das überhaupt?
Es ist in der Tat sehr schlank aufgestellt! Für das Kulturjahr stehen zwei volle Stellen zur Verfügung. Eine Stelle besetze ich und eine weitere zwei Mitarbeiterinnen je zur Hälfte. Zusätzlich steht jemand begleitend für das Marketing zur Verfügung. Außerdem sind wir Teil des Kulturamtes. Daher steht das ganze Knowhow, die Expertise etc. des Kulturamtes um Leiter Michael Grossmann dahinter. Es handelt sich ja um eine Förderstruktur, das heißt die Einreicherinnen und Einreicher bewarben sich um Förderung zur Realisierung ihrer Projektideen. Die Experten zur Abwicklung der Förderansuchen sitzen im Kulturamt. Es ist eine Gemeinschaftsarbeit. Weitere Abteilungen der Stadt kommen auch mit dem Kulturjahr in Berührung. Diese sind dann für Bewilligungen und andere organisatorische Details zuständig. Ohne diesen Hintergrund ginge es wohl nicht so schlank.

Im Vergleich zu 2003 bewegen sich die Projekte ja fast wie freie Radikale, gibt es Prioritäten in der Auswahl, wer wann drankommt?
Das Kulturjahr ist in seiner Form völliges Neuland und damit eine neue Erfahrung für beide Seiten. Es folgt einer Förderstruktur, also sind die Einreicher zu 100 Prozent für die zeitliche Umsetzung der Projekte selbst verantwortlich. Mein Credo von vornherein war, dass sich das Kulturjahr in friedlicher Koexistenz in den normalen Veranstaltungsreigen des Jahres einfügt. Und dahingehend begleiten wir alle Vorbereitungen unterstützend. Auch in der Kommunikation der Kulturschaffenden untereinander. Damit sich nicht alles am Wochenende ballt, haben wir die Projekte eingeladen, den Mittwoch als Veranstaltungstag mit einzuplanen. Die »Kultur-Mitte der Woche« könnte ein neuer Fixpunkt im reichhaltigen Grazer Veranstaltungskalender werden. Am Ende werden all diese Aktivitäten auch eine Werbung für das reiche Kulturleben der Stadt insgesamt sein.

Favorisierst du selbst Projekte?
Ich freue mich selbstredend über Ideen, die mich im Tiefsten meines Herzens ansprechen. Viele Projekte finden in großen Produktionsgemeinschaften statt und dies entspricht schon einmal der ursprünglichen Absicht, dass durch Vernetzung und Kooperation eine innere Stärkung der Kulturlandschaft vollzogen wird. Aus der Fülle der Einreichungen zeigt sich im Nachhinein, dass sich die Kulturlandschaft 2020 offenbar fünf thematischen Hauptsträngen zuwendet: Umwelt und Klima. Soziales Miteinander. Digitalisierung. Arbeit von Morgen. Urbanismus. Sehr konkret waren ja im Call schon die Grundfragestellung und das Motto ausformuliert, welche Zukunft unserer Stadt wünschenswert sei. Erfreulich, dass die Projekte nun auch dementsprechend pointiert ausgerichtet sind.

Ist Graz überhaupt eine »Stadt«?
Auf jeden Fall. Die Fragestellung wird interessanter, je mehr ich mich damit beschäftige. Die Frage des »urbanen Lebens« ruft unter Wissenschaftern und Experten vieldeutige Interpretationen hervor. Die Bedeutung als zweitgrößte Stadt Österreichs, die noch dazu rasant wächst, ist nicht von der Hand zu weisen. Das wiederum in einer Kulturnation. Die Frage, die mich beschäftigt, ist, wie begleitet man dieses Wachstum, wie gelingt es, ein friedliches Miteinander zu finden?
Als Theatermensch fällt mir Aristoteles mit seiner Theatertheorie ein, die Muster für das menschliche Zusammenleben zum Thema macht. Er entwickelte diese vor dem Hintergrund des Wachstums der antiken Stadt, in einer räumlichen Anordnung mit starker Menschenkonzentration also. Zum Graz Kulturjahr 2020: Woanders gab es so etwas noch nicht! Die Grazer Kulturlandschaft war immer dafür bekannt, gesellschaftlich engagiert und progressiv zu sein. Denken wir an den steirischen herbst oder die Literaturtradition! Vielleicht kann sowas wie das Kulturjahr nur hier in Graz stattfinden.

Es ist also auch ein Zeitschnitt, ein Generationenschnitt in der Szene gar? Welche Vorgaben gibst du dir selbst? Was soll dabei rauskommen, ist das überhaupt »messbar«?
Eine Sache scheint sich momentan zu manifestieren: Es gab den Wunsch, dass nicht immer dieselben Leute zusammenarbeiten, sondern auch neue Allianzen gebildet werden. Das findet durch viele neue transdisziplinäre, genreübergreifende Kooperationen statt.

2020 ist eine Chance für eine weitere Stärkung der Kulturlandschaft, die sich freilich nicht so einfach in Zahlen messen lässt, die aber im Selbstbewusstsein und damit auch in der Strahlkraft nachwirkt. Auch 2003 hat dahingehend gewirkt.
Es wird natürlich auch Kennzahlen geben, die lasse ich professionell erheben. Natürlich wird das alles international gestreut, Tourismus und Marketing sind ja mit an Bord. Nachhaltigkeit entsteht auch insbesondere durch die Projektinhalte. Wir werden 2020 zum ersten Mal Dinge durchspielen, die in den Folgejahren greifen könnten. Gerade zum Thema Umwelt und Klima könnte ich mir vorstellen, dass manche Erkenntnisse ihren Weg in den Grazer Alltag finden.

Ist der Faktor Kultur als Vehikel zur Identitätsbildung momentan überhaupt brauchbar? Wir schielen mir oft zu sehr nach Wien oder nach Salzburg. Haben wir gar einen kleinen Minderwertigkeitskomplex?
Nein, es geht um Folgendes: Das Grazer Kulturjahr beschäftigt sich mit der Frage nach der urbanen Zukunft in Graz. Die Bevölkerung soll abgeholt und miteinbezogen werden, das impliziert natürlich, dass Dinge vor Ort entstehen und in Graz verbleiben. 2020 soll nicht als neues internationales Gegenfestival kreiert werden! Immer wenn wir über Kultur reden, sind wir schnell bei der Frage Kosten versus Nutzen. Die Salzburger Festspiele sind in ihrer Art ein weltweit beispielloser Wirtschaftsfaktor. Damit muss man sich nicht vergleichen. Kultur wird oft wahrgenommen als etwas Nice-to-have, aber nicht als etwas Werthaltiges. Reduziert auf den Unterhaltungswert oder auf geschmackliche Bewertung. Das ist mir klarerweise zu kurz gedacht. Kultur ist das, was uns ausmacht und was wir aktiv formen. Kunst bietet Reflexionspotenziale, die uns helfen, über die Welt und das Menschsein nachzudenken. Graz genießt internationalen Stellenwert als eine Stadt voller Kultur.
Es gab anfangs den Vorwurf, dass die Idee des Kulturjahres nur dazu dienen soll zu behübschen. Aber die Fragestellung lautet: In welcher Gesellschaft möchte ich leben und was kann ich dazu beitragen? Die Beschau solcher Fragen durch Kunst und Wissenschaft macht den kulturellen Reichtum einer Stadt aus!

Was ist das Schöne, das Erbauliche für dich?
Ich habe momentan so viele Kontakte mit so vielen begabten Menschen, die haben Ideen und die bringen etwas mit. Das ist das wirklich Schöne.

Heißt das eigentlich Gentrifizierung oder Tschentrifizierung? Ist das positiv oder negativ besetzt?
Ich hatte den Begriff in meiner Berliner Zeit erstmals gehört, da war er negativ besetzt – vor über 15 Jahren. Auf der anderen Seite ist es einfach ein Ausdruck für Strukturwandel, den gab es ja immer schon. Es wird manchmal gern so getan, als seien die Zeiten ganz schlecht, und das gab es alles noch nie. Soziologen betrachten Kultur als einen sich ständig wandelnder Prozess, nicht als etwas statisch Abgeschlossenes. Wandel war klarerweise schon immer eine Herausforderung.

Hast du es als Deutscher in Graz schwerer oder leichter als ein Grazer in Graz? Deutsche formulieren ja präziser als Österreicher, zumindest sehen die das so …
Ich weiß es nicht. Ich habe im Leben ja sehr viele Ortswechsel getan, und das unterm Strich als Bereicherung empfunden. Ich nehme Graz als eine weltoffene, internationale und erfolgreiche Stadt wahr. Ich bin jetzt seit acht Jahren hier, bin angekommen und habe vor zu bleiben. Aber zum Thema Formulierungen: Ich bin ja Pfälzer und das ist manchmal in der Sprache unverkennbar, da denke ich ab und an, ich könnte mal durchaus präziser formulieren [lacht].

Alles Kultur, Fazit 159 (Jänner 2020), Foto: Johannes Gellner

 
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