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Außenansicht (12)

| 26. März 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 161

Heimatlos. »Ich bin überall in der Welt zuhause, so etwas wie Heimat ist einfach vorbei und braucht man nicht mehr«, erklärte mir mein Gegenüber im Zug von Graz nach Wien, nachdem er mich fragte, von wo ich käme und wo ich leben würde. »Wo kommen sie denn her?« Fragte ich ihn. »Aus Graz, aber ich habe schon in Deutschland gearbeitet und in den Niederlanden«, antwortete er.

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»Österreich, Deutschland, Niederlande, und das macht sie schon heimatlos?« Fragte ich ihn. »Es hat nichts mit den Ländern zu tun, es geht um ein Lebensgefühl,« entgegnete er. »Aha, um ihr Lebensgefühl, ich kann mir darunter nichts vorstellen«, sagte ich. Er saß schräg gegenüber am Gangplatz, ich am Fenster, ein Tisch zwischen uns. »Wir leben doch in einer Zeit, in der es keine Heimat mehr gibt, ich könnte in jeder Stadt der Welt mich wohlfühlen. Ich kann die nur bedauern, die immer noch am Heimatbegriff hängen«, fing er wieder an, mir seine Philosophie zu erklären. »Die meisten Menschen bleiben an dem Ort, wo sie geboren wurden, und haben gar keine Möglichkeit, von einem Ort zum anderen zu ziehen, das sollte man ihnen nicht vorwerfen,« versuchte ich ihm zu entgegnen. »Ach Gott, das sind doch nur Ausreden, weil den meisten der Wille fehlt, aus dem Alltag auszubrechen!« Sagte er.

Der Schaffner kam und kontrollierte unsere Fahrkarten. Ich beobachtete ihn mit seiner billigen Uniform und einem weißen Hemd, das sich über dem Bauch spannte und man fürchten musste, die Knöpfe des Hemdes würden aufspringen. Eine rote Krawatte lag in einem Bogen wie ein kleiner Hügel auf dem Hemd. Er hatte einen Wiener Akzent und ich fragte ihn, ob er aus Graz oder Wien sei. »Na Wien natürlich!« Antwortete er stolz und lächelte. »Entschuldige, wenn ich sie frage, aber wie lange arbeiten sie schon als Schaffner?« Fragte ich. »24 Jahre. Ich hätt schon längst in Pension gehen können. Aber ich bleib, so lange es geht,« antwortete er. »Und sie haben immer in Wien gelebt?« »Natürlich!« Wieder dieses langgezogene natürlich mit einer Betonung, wie es nur ein Wiener sagen konnte. Er tippte leicht auf seine Mütze mit seinem Zeigefinger als seine Form des Grüßen’s und ging weiter.

»Sehen sie, der hat ein Zuhause und ist in Wien zuhause, der braucht diese ganze Welt nicht,« sagte ich zu meinem Gegenüber. »Das kann man doch nicht vergleichen, der ist ein Schaffner!« Meinte er fast schon abfällig. »Dieser Schaffner ist einer der Tausenden, die ihnen ihre Heimatlos-Fantasien ermöglichen«, sagte ich. »Ich versteh nicht, was sie meinen?« Fragte er mich. »Wenn sie zurück kommen von ihren Reisen in die Heimatlosigkeit und den Bus vom Flughafen nehmen, in ihrer Wohnung das Licht aufdrehen, die Wasserspülung der Toilette benutzen, am Herd sich ein Abendessen kochen. Wer garantiert ihnen diesen Alltag? Der U-Bahnfahrer, die Mitarbeiter der Wasser- und Elektrizitätswerke, des Gaswerkes. Ein ganzes Heer muss bereit stehen, Tag und Nacht um ihnen ihr gewohntes Leben zu sichern!« Ich spürte, wie ich lauter wurde und ärgerte mich über mich selbst. »Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss, was kann denn ich dafür, dass der Schaffner nie aus seinem Leben herauskommt! Ich bin eben Weltbürger!« Sagte er. »Nur weil sie die Möglichkeiten haben, verschiedene Länder zu besuchen, oder dort zu arbeiten, bleibt es ein kleinbürgerliches Klischee. Sie machen wahrscheinlich in jedem Land das gleiche, und glauben sich vom Alltag jener zu unterscheiden, die ein ganzes Leben an einem Ort ihre Arbeit machen!« Er sah mich länger an und schien zu überlegen, was er antworten sollte. Dann stand er auf und sagte: »Ich brauche mich hier nicht belehren zulassen. Sie kennen halt die Welt nicht, sonst würden sie nicht so reden. Wer immer nur in seinem Dorf bleibt, glaubt natürlich, dass es das Zentrum der Welt ist, ist es aber nicht, sie versäumen etwas, wenn sie so leben!«

Ich musste lachen und dachte an einen Abend vor ein paar Tagen, als ich mir ausgerechnet hatte, dass ich seit dem Ende des Studiums 24 mal übersiedelt bin und in neun Länder gelebt hatte. Doch kam ich nie auf die Idee, daraus einen Kult zu machen und die angebliche Heimatlosigkeit als eine besondere Errungenschaft zu sehen. Die Busfahrer in New Delhi, die Müllabfuhr in Singapur, der Arzt in Chicago und der Schaffner von Graz nach Wien boten mir die Freiheit, in der Welt herumzuziehen. Dafür bin ich jenen, die die Stabilität im Leben gewählt hatten, dankbar, denn ihre angebliche Unfreiheit ermöglicht mir erst diese ebenso angebliche Freiheit.

Außenansicht #12, Fazit 161 (April 2020)

 
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