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FazitOnline

Ein Leben im Dazwischen

| 9. März 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 160, Fazitbegegnung

Foto: Heimo Binder

Mona ist nicht Nava, so wie Brad Pitt nicht Achilles ist, auch wenn er ihn in »Troja« gespielt hat. Doch ist Mona, die Hauptfigur in Nava Ebrahimis Roman »Sechzehn Wörter«, von der Biografie der Autorin geprägt. Was es dem Leser schwer macht, die fiktive Romanfigur von der realen Person zu trennen. Um diesem unwürdigen wie dummen Zustand zu entkommen und um vielleicht ein Geheimnis zu lüften, trafen wir uns.

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Nava Ebrahimi stammt aus dem Iran, kam aber schon mit drei Jahren gemeinsam mit ihren Eltern nach Deutschland und wurde dort als »Kölsche Jeck« sozialisiert, studierte in Köln Journalismus kombiniert mit Volkswirtschaft und arbeitete als Redakteurin bei der Financial Times und der Kölner Stadtrevue, bis sie vor acht Jahren nach Graz heiratete, eine Familie gründete und – ein Buch schrieb. Für »Sechzehn Wörter« erhielt sie im Rahmen des Österreichischen Buchpreises 2017 den Preis für das beste Debüt und kürzlich im Rahmen der Landeskulturpreise den in Kooperation mit der Kleinen Zeitung erstmals vergebenen Morgenstern-Preis 2019.

Im Buch lässt sie Mona gemeinsam mit ihrer Mutter von Köln zur Beerdigung ihrer Großmutter in den Iran reisen. Die Reise wird zur Konfrontation mit vielen Fragen zu Identität und Herkunft. Darüber hinaus werden dem Leser aber auch so tiefe wie subtile Einblicke in fremde wie auch vermeintlich vertraute Kulturen und Welten gewährt. Einblicke, die eigene Werte, Maßstäbe und (Selbst-)Gewissheiten gehörig ins Wanken bringen. Aber erst das Leben der Protagonistin zwischen den Kulturen vermag ungeahnte Horizonte zu eröffnen, die sich durch das bloße Verschieben von Blickwinkeln allein nicht aufgetan hätten. Es ist das eigentliche Verdienst dieses Buches, den Weg zu mehr oder besserer Empathie, Toleranz und geistiger Freiheit zu ebnen. Das gelingt der Autorin auch durch Witz und gekonnt eingesetzten Humor und mit ausgesprochen poetischen Einfällen und Bildern. Dass dann auch noch ein Plot folgt, der nicht nur das Handlungsgerüst stützt, sondern der einfach zum Niederknien ist, darf als der sprichwörtliche Punkt auf dem i angesehen werden und mag nicht zuletzt auch für die Juryentscheidungen ausschlaggebend gewesen sein. Angesichts der Struktur, des formalen Aufbaus, der Spannungsbögen, der so professionell eingesetzten Ideen fällt es schwer zu glauben, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt, und es stellt sich die Frage, wie handwerklich perfekt ein Roman denn noch sein kann.

Nava Ebrahimi hat in der Tat das Handwerk gelernt. Nach der Journalismusschule und der Praxis absolviert sie auf Anraten des Verlagsagenten, der schon vom ersten Entwurf angetan war, noch die Bayerische Akademie des Schreibens in München. »Das ist eine Art Romanwerkstatt, zur inhaltlichen und formalen Besprechung von Manuskripten, was mein Bewusstsein für Erzählperspektive, Figurenzeichnung und Struktur geschärft hat«, erklärt die Autorin. Außerdem war sie zuvor schon Finalistin beim »Open Mike«, einem der wichtigsten deutschsprachigen Nachwuchswettbewerbe für Prosa und Lyrik. Damit wäre auch das Geheimnis – wenn auch nur teilweise – gelüftet, wie man es denn anstelle, als Journalistin einfach so ein Buch zu schreiben, oder? Nava Ebrahimi lacht: »Das ist sicher auch ohne Schreibschule möglich, aber … « Länger habe ich nicht zugehört – es ist die Hoffnung, die zuletzt stirbt. Wie zur Bestätigung erscheint Ende Februar ihr zweites Buch »Das Paradies des Nachbarn«. Ebrahimi: »Auch hier geht es nicht bloß um den Einblick in fremde Welten, sondern um das Leben zwischen zwei Kulturen.« Tipp: Premierenlesung der Autorin am 18. März um 19 Uhr im Grazer Literaturhaus.

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Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, aufgewachsen in Köln, verheiratet, zwei Kinder, lebt in Graz. Sie studierte Journalismus kombiniert  mit Volkswirtschaft in Köln und arbeitete bei der Financial Times Deutschland und der Kölner Stadtrevue. Gastautorin bei »Spiegel Online« oder FAZ. Ihr erster Roman erhielt den Debütpreis beim Österreichischen Buchpreis und den Morgenstern-Preis.

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Fazitbegegnung, Fazit 160 (März 2020) – Foto: Heimo Binder

 
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