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Resilienz in der Führung

| 29. Mai 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 163, Serie »Erfolg braucht Führung«

Stabil und trotzdem flexibel durch die Krise. Ein Gespräch von Carola Payer mit Arno Eisel, dem Inhaber des Fahrradgeschäftes Drahteisel.

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Ein anschauliches Beispiel für Resilienz im engeren Sinn ist die Fähigkeit eines Stehaufmännchens. Es kann sich aus jeder beliebigen Lage wieder aufrichten. Resilienz ist die Fähigkeit Krisenzeiten durch Zurückgreifen auf vorhandene Ressourcen zu meistern und für Entwicklung zu nutzen. Im Interview mit Arno Eisel, der nach dem Profiradsport seine Liebe zum Radsport mit einem Shop für Radsport weiterlebt, erzählt er, wie er die letzten Monate gemeistert, auf welche Ressourcen er zurückgegriffen und was er Neues entwickelt hat.

Gedanken und Emotionen nach dem Lockdown
Die ersten Gedanken, die Arno Eisel nach dem Lockdown beschäftigt haben, war die Frage: Wie lange dauert das? Er sah die Existenz sehr schnell bedroht, weil schon die gesamte Vorbestellung an Rädern im Haus und die Zahlungsziele definiert waren. Arno Eisel: »Hätte der Lockdown länger gedauert, wäre der Konkurs unvermeidbar gewesen, weil auch die stärksten Monate und das gesamte Ostergeschäft weg waren. Angst war auf jeden Fall da. Unruhig machte mich vor allem der Gedanke, dass die gesamte Wirtschaft den Bach runter gehen könnte und die Menschen gar kein Geld mehr für Privatausgaben haben. Kraft habe ich mir in der Familie geholt. Eine stabile Grundhaltung hat mir auch der Spitzensport gelehrt. Wirtschaftlich habe ich so eine Situation noch nie erlebt. Ich kenne zwar die zähe Winterzeit, aber darauf stellst du dich jedes Jahr ein. Meine Gedanken jetzt: Hoffentlich kommt sowas in dieser Form nicht noch einmal!«

Krise als Chance. Neues entwickeln, positive Zukunftsbilder kreieren
Zu den sieben Faktoren der Resilienz zählt man: Akzeptanz – Eine Situation anzunehmen wie sie ist, Optimismus – Eine positive Grundhaltung, Zukunftsplanung – positive Zukunftsbilder entwickeln und Handlungsfelder definieren, Lösungsorientierung, Selbstwirksamkeit und Opferrolle verlassen – In die eigenen Ressourcen vertrauen und gestalten, Verantwortung übernehmen und Netzwerkorientierung. Arno Eisel: »Die Not hat dazu beigetragen, dass wir innerhalb von zehn Tagen unseren Onlineshop hochgefahren haben. Den hatten wir all die Jahre vernachlässigt. Wir haben uns keine Zeit dafür genommen. Der stationäre Handel war unser absoluter Fokus. Nach drei Wochen hatte unsere neue Onlinestrategie Erfolg und das Geschäft fing an zu laufen.« Nach zwei Wochen kam Arno Eisel auch noch der Gedanke: »Österreicher können keinen Urlaub machen, sie müssen zuhause bleiben. Das Rad und Ausflüge im eigenen Umfeld sind eine gute Urlaubsalternative. Da waren wir wieder alle sehr positiv gestimmt für die Zukunft und motiviert mit voller Kraft weiter zu machen!«

Arno Eisel fand auch eine perfekte Lösung für ein kontaktloses Logistikkonzept: »Die Leute haben online bestellt. Am Anfang haben wir die bestellten Räder vor dem Geschäft abholen lassen und einen Erlagschein dazu gelegt. Teilweise habe ich auch frei Haus zugestellt mit kontaktloser Übernahme. Die schnell hochgefahrene Facebook-Werbung war erfolgreich und hat das Geschäft angekurbelt. Wir haben es als Mut zu einem kleinen Experiment gesehen und waren über die erfolgreiche Wirkung eher überrascht.« Arno Eisel hat damit einem guten Grundsatz von resilienten Organisatonen entsprochen: Bewahre den Kern und fördere die Weiterentwicklung.

Stabile Basis ins Team bringen
Kooperation auf Augenhöhe und gelebte Solidarität hat in vielen Unternehmen in der Corona Krise eine wesentliche Basis für das »Weitermachen können« geschaffen. Arno Eisel: »Ich habe keine Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Die ersten drei Wochen waren meine Mitarbeiter zu Hause und haben einen Teil ihres Urlaubs konsumiert. Es waren alle Mitarbeiter sehr kooperativ. Jeder war einverstanden und hat meine Entscheidungen mitgetragen. Das freut mich als Unternehmer sehr, dass ich da ein super Team habe. Der Kontakt untereinander wurde trotzdem virtuell aufrecht erhalten. Das erste Krisenmonat haben alle in der Familie mit angepackt. Meine Tochter hat den Facebook-Auftritt gestaltet und betreut, meine Frau das Geschäft auf »Vorderfrau« gebracht und ich die Werkstätte. Das war massiv viel Arbeit für uns. Aber rückwirkend hat es sich gelohnt.«

Regionales Konsumentenverhalten fördert Stabilität in der Krise
Viele Unternehmen berichten von einem Trend, dass Kunden den Kauf in regionalen Betrieben auch online forciert haben. Das hat auch Arno Eisel wahrgenommen: »Extrem viel Kinderräder konnten wir durch die Onlinewerbung verkaufen. Ich bin auch sehr froh das die Leute regional bei mir gekauft haben und nicht bei den großen Onlinehäusern bestellt haben. Ich glaube unser regionales Standing und unser Ruf ist schon gut. Ich denke, das regionale Konsumentenverhalten wird bleiben, weil die Leute jetzt wachgerüttelt sind. Die Menschen möchten nun mehr die Regionen fördern. Bauernläden boomen auch im Moment. Das nur die Grossen abzocken wird nicht mehr gut geheißen.«

Quellen der persönlichen Resilienz
Persönliche Resilienz beschreibt die Widerstandsfähigkeit mit Krisen, Veränderungen, Unsicherheiten und Drucksituationen umgehen zu können. Zu den sogenannten Faktoren der Resilienz gehören neben empathischen und vernetzenden Fähigkeiten auch eine der Situation entsprechende und lösungsorientierte Handlungsfähigkeit. Arno Eisel »Ich arbeite generell sechs Tage pro Woche und im Schnitt 15 Stunden pro Tag. Durch den Spitzensport bin ich sicher härter im Nehmen und kann mich durchbeißen. Die Einstellung »Wenn´s mal weh tut dann hören wir lieber auf.«, die viele Menschen haben, kenne ich nicht. Das hilft sicher auch in einer Krisensituation und wir haben so auch den Kopf nicht in den Sand gesteckt.«

Politik und Staat als Förderer oder Verhinderer von Resilienz
Die Steigerung der Widerstandsfähigkeit gegen Wirtschafts- und Finanzkrisen ist seit der globalen Finanzkrise von 2008 zu einem wesentlichen wirtschaftspolitischen Ziel der industrialisierten Welt anvanciert. Ökonomische Resilienz ist die Fähigkeit einer Volkswirtschaft, vorbereitende Maßnahmen zur Krisenbewältigung zu ergreifen, unmittelbare Folgen ab zu mildern und sich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Der Resilienzgrad wird dadurch bestimmt, inwieweit das Handeln und Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Performance der Volkswirtschaft auch nach der Krise sicher stellen kann. Arno Eisel: »Kredite und Stundungen sind keine Unterstützungsmassnahmen. Wir müssen in unsere eigenen Kräfte vertrauen und diese nutzen.«

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Foto: Marija KanizajDr. Carola Payer betreibt in Graz die »Payer und Partner Coaching Company«. Sie ist Businesscoach, Unternehmensberaterin und Autorin. payerundpartner.at

Fazit 162/163 (Juni 2020), Fazitserie »Erfolg braucht Führung« (Teil 30)

 
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