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Außenansicht (15)

| 6. Juli 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 164

Die zweite Welle. Es ist besser, wenn wir uns fürchten. Nur dann hören wir auf Warnungen der Politiker und folgen ihren Anordnungen. Corona-Verordnungen funktionieren wie der Sicherheitsgurt im Auto. Schnallt man sich nicht an, beginnt ein warnendes Signal, und wenn wir von der Polizei erwischt werden, müssen wir Strafe zahlen – also schnallen wir uns an.

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Die Regierung verzichtete von Anfang an, das Problem mit Einsicht und Verständnis zu lösen. Wir wurden nicht wie Erwachsene behandelt, die einen Ratschlag annehmen, weil er überzeugend klingt, auf diese Ebene der Kommunikation hat man von Beginn an verzichtet. Alles lief nach der bedrohlichen Logik, mach, was man dir sagt, oder du wirst sterben, oder dein Nachbar, oder deine Großmutter, oder die halbe Belegschaft des Altersheims, gleich um die Ecke, wo du wohnst.

Nach Wochen der physischen und psychischen Unterordnung, das uns körperlich und geistig in ein Internat für Schwererziehbare verlegte, lockerte die Regierung die Vorschriften und aufgeregt wie Eingesperrte nun mal sind, freuten wir uns auf das alte Leben und versuchten es zu finden. Doch es war nicht leicht zu entdecken, selbst wenn man es suchte. Irgend etwas war anders und das verordnete Glück, das uns die Regierung versprach, stellte sich nicht ein. Sie hatten es sich so logisch, so verständlich vorgestellt. Zuerst der Zwang, dann die Lockerung und alle sind zufrieden, die Regierung würde uns sozusagen ins Glück begleiten. Doch es zeigte sich keine Dankbarkeit, weder darüber, dass wir und Großvater nicht gestorben sind, sondern auch nicht, dass wir jetzt wieder Bier trinken durften im Gasthausgarten. Die Menschen reagierten störrisch und bockig, und die einst in den politischen Himmel ragenden Umfragewerte der Zustimmung für die Regierung begannen zu bröckeln. Als Gerettete zeigte sich die Bevölkerung ausgesprochen undankbar, ganz anders als vor und während der Rettung, als noch längst nicht klar war, ob wir überhaupt gerettet werden könnten. Im Zustand der Unsicherheit und Angst war es weit aus leichter, dankbar zu sein.

Die Logik der Regierungsverantwortlichen stützte sich offensichtlich auf ein Menschenbild, das so nicht existiert. Nimmt man uns die Angst, oder spüren wir, dass sie unbegründet war, weil weder die Mizzi-Tant, noch der Onkel Joschi erkrankten, niemand, den man kannte in der Intensivstation endeten, oder gar elend zugrunde ging, regt sich Zweifel an den Voraussagen der Fachleute und Regierenden. Man fühlt sich wie ein bunter Kasperl, dem zwischen den Beinen eine Schnur hängt, an der je nach Belieben gezogen werden könnte. Wir beginnen zum ersten Mal in dieser Periode des Schreckens und Fürchtens Fragen zu stellen. War das alles notwendig?

Einzelne Ereignisse bestätigten unsere Zweifel, wie zum Beispiele die Demonstration in Wien von 50.000 Gegnern der Rassendiskriminierung, als Menschen auf engstem Raum laut schreiend mehrere Stunden neben einander standen und in der Woche danach keine Steigerungen der Infektionszahlen zu beobachten waren. Wozu dann der Terror mit den Masken in den öffentlichen Verkehrsmittel, wozu die ständigen Verzögerungen bei Öffnung der Schulen, der Theater, der Konzertsäle?

Nachdem die Disziplinierung der Bevölkerung nicht mehr so funktionierte wie zu Beginn der Krise, kam nun das Zauberwort der »Zweiten Welle« auf den Tisch. Die werde noch schlimmer sein, hören wir und lesen wir und all die Freiheiten, die man uns jetzt großzügig gewährt, würden zurückgenommen werden, und noch schlimmere Einschränkungen wären möglich. Wieder die Angst, wieder die Drohungen, wieder ein Auftritt der Autorität um uns zu retten.

Wie wärs, liebe Regierung, wenn ihr uns eine Pause am »Gerettet werden« gönnt. Fürchten ist kein Dauerzustand, und kann leicht in Gewöhnung übergehen, bis er in einem Zustand endet, in dem es nichts mehr zu Fürchten gibt. Die zweite Welle erschreckt niemanden, und wenn ihr in diesem Zusammenhang neuerliche Einschränkungen des täglichen Lebens verkündet, wird sie wahrscheinlich kaum jemand einhalten, egal wie die Zahlen sind, die verlautbart werden. Der polnische Pädagoge Janusz Korczak nannte es provokativ »Das Recht des Kindes auf seinen Tod«, das sich ständig bewegende Pendel zwischen Sicherheit und Freiheit, das bei totaler Sicherheit ein Leben verhindert, das ohne Freiheiten nicht lebenswert ist.

Außenansicht #15, Fazit 164 (Juli 2020)

 
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