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Schule im Wandel

| 4. August 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 165, Fazitgespräch

Foto: Erwin Scheriau

Die steirische Bildungsdirektorin Elisabeth Meixner über Distance-Learning, digitale Kanäle, Mathematikmatura, Schulleiterbestellungen und die Verwaltungsreform im vormaligen Landesschulrat.

Das Gespräch führten Volker Schögler und Johannes Tandl.
Fotos von Erwin Scheriau.

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Die Corona-Pandemie hat die Schulen gezwungen, neue Wege zu beschreiten. Fernunterricht für Schüler und virtuelle Konferenzen für Lehrer beschleunigen die Digitalisierung auch auf dem sonst schwerfälligen Tanker Schule.

Wie es im Herbst weitergeht weiß niemand, jedoch soll ein nochmaliger Lockdown möglichst vermieden werden, weiß die Bildungsdirektorin: durch punktuelle Maßnahmen, Tests und Quarantänen.

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Wie schaut die neue Normalität im Schulalltag aus?
Durch Corona hat sich in der Organisation und im Zeitmanagement der Schulen sehr viel getan, insbesondere aber auch beim digitalen Lernen. Bei einem kürzlichen Treffen mit den Sprechern der Direktoren wurde aber auch klar, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen der Pflichtschulen und der höheren Schulen gegeben hat. Das neue Format des Distance-Learnings wird etwa im AHS- und BMHS-Bereich anders gesehen als im Volksschulbereich.

Wie äußert sich das?
Eine Meinung der Direktoren war, es den Schülern in der Oberstufe aufgrund des Erfolges von Distance-Learning zu ermöglichen, in Zukunft einen Tag pro Woche zu Hause betreut zu werden, andere hingegen haben gemeint, dass es notwendig wäre, dass alle wieder in die Schule kommen, um die sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten. So haben manche Schulen am letzten Schultag zum Zeugnis alle Schüler wieder in die Schule geholt, damit sie sich wieder im Klassenverband treffen. Die anderen haben die Sicherheit in den Vordergrund gestellt und das Schuljahr so beendet wie im Zuge des Blockunterrichts, wo immer nur die Hälfte der Klasse in die Schule gegangen ist.

Es gab mit den Klassenhälften zwei Unterrichtsmöglichkeiten – mehrere Tage geblockt oder tageweise abwechselnd im Reißverschlusssystem. Wie hat das funktioniert?
In unserer Reflexionsrunde wurde klar, dass wir die zwei Möglichkeiten nebeneinander nicht noch einmal haben wollen. Eltern mit mehreren Kindern hatten durch die beiden unterschiedlichen Schulzeitmodelle das Problem, dass die Kinder dann eben doch wechselweise daheim waren.

E-Learning stellt nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer vor enorme Herausforderungen. Viele vor allem ältere Lehrer waren während des Lockdowns angeblich nicht erreichbar, weil sie schlicht nicht mit einem Computer umgehen können. Gibt es diesbezüglich verpflichtende Schulungen?
Also ich bin überzeugt, dass der Großteil das kann. Wir haben das als Behörde auch intern gesehen, auch wir sind zu dieser Zeit auf digitale Konferenzen umgestiegen, sowohl im als auch außerhalb des Hauses – mit unseren Führungskräften, mit den Schulleitern von Volksschulen, NMS, AHS und BMHS, auch mit den Gewerkschaften und mit den Schulqualitätsmanagern. Dabei musste mit verschiedenen Kommunikationstools gearbeitet werden, weil es keine einheitlichen IT-Standards gibt, aber die unterschiedlichen Plattformen sind sich letztlich sehr ähnlich. Unsere Herausforderung ist es jetzt, über den Sommer die Schulleitungen anzuhalten, dass die Kinder das Empfinden haben: Da wird über eine Plattform kommuniziert. Aber viele haben es ohnedies schon so angelegt. In Volksschulen sind die Arbeitspakete vielfach auch analog zum Abholen bereitgestellt worden, in Graz gibt es zusätzlich eine digitale Plattform, die auf Albanisch, Kroatisch und so weiter übersetzt war, wodurch auch die Eltern in die Kommunikation eingebunden werden können. In der digitalen Bildung haben wir sicher einen Fünfjahressprung gemacht und da sind auch die älteren Lehrer miteingebunden.

Foto: Erwin Scheriau

Wie sieht es bei Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern aus? Gibt es Möglichkeiten, sie besser einzubinden?
Die erste Frage war zunächst: Sind die Kinder erreichbar? Das hat die große Mehrheit bejaht, aber vielfach war es nur ein Handy, und wenn mehr Kinder da sind, wie es gerade bei Migrationsfamilien oft der Fall ist, dann reicht das bei weitem nicht aus. Auch die E-Mail-Flut durch die Lehrer war ganz am Anfang eine Überforderung, was dann durch die Bündelung über die Klassenvorstände und die Klassenlehrer entschärft und verbessert wurde. Eine wichtige Maßnahme ist auch die Laptop-Offensive an den Bundesschulen durch das Bundesministerium und an den Pflichtschulen durch die Initiative des Landeshauptmanns gemeinsam mit der Industriellenvereinigung und verschiedenen Firmen, wodurch sehr viele Geräte zur Verfügung gestellt werden können.

Kann man daher sagen, dass alle Kinder erreichbar sind, sollte es im Herbst wieder zu einem Lockdown kommen?
Man geht nicht davon aus, dass es zu einem weiteren Lockdown kommen wird. Wenn ein Kind positiv getestet ist, werden Maßnahmen punktuell gesetzt. Man wird stärker auf Testen setzen, man wird schauen, wer war mit wem in Kontakt, wer muss noch getestet werden, wer kommt in Quarantäne. Wir haben aus den Schulen jeden Tag die Rückmeldungen bekommen, wie viele Verdachtsfälle es gibt und in der Folge, ob positiv getestet wurde oder nicht. Insgesamt hatten wir bislang in allen steirischen Schulen bei 141.000 Schülern und fast 17.000 Lehrern 16 Personen, die positiv getestet wurden. Das zeigt, dass die Hygienemaßnahmen gepasst haben und dass der Lockdown der Schulen die richtige Maßnahme war. Am Anfang war die Lieferung der Masken zögerlich, aber in zahlreichen Initiativen wie Nähanleitungen haben Schulen sich auch selbst versorgt. Die Bundeslehrer sind vom Ministerium mit Masken versorgt worden, die Pflichtschullehrer vom Land Steiermark.

Warum konnten Bundeslehrer über 60 zu Hause bleiben, Landeslehrer aber nicht?
Die meisten sind nicht zu Hause geblieben. Die Vorgabe des Bundes war, das alle Bundesbediensteten im Alter von 60 plus zur Risikogruppe gehören, weil der Bund besonders vorsichtig war und diesbezüglich eine Vorreiterrolle einnehmen wollte. Die Länder haben damit keine Freude gehabt, weil das auch Auswirkungen auf die systemrelevanten Bediensteten in der Pflege und in den Krankenanstalten gehabt hat. Wenn also die KAGES-Bediensteten da sein müssen, dann hat man auch den Pflichtschullehrern zugemutet, dass sie da sein können.

Vor allem die Wirtschaft fordert regelmäßig bessere Qualifikationen der Schüler in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Wie gut sind die steirischen Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften?
Bei den Reifeprüfungen haben wir im Bundesländervergleich sehr gut abgeschnitten, in der AHS vor allem in Deutsch und Englisch. Die Erfahrung lehrt aber auch, dass es im Schnitt immer zehn bis zwölf Prozent an Kindern gibt, die nur eingeschränkt bildungsfähig sind. Das sind teilweise Kinder aus Brennpunktfamilien, mit sozialen Defiziten, aber auch aus dem Bereich der Migration. Die Lehrer bemühen sich besonders um diese Kinder.

Wie geht es Ihnen als Pädagogin dabei, wenn Bildungsressourcen in den MINT-Bereich verlagert werden und dafür die musisch-pädagogischen Fächer zusammengestrichen werden?
Ich denke, das findet so nicht mehr statt. Das war vor rund fünfzehn Jahren so, da hat man die Stundentafel von 127 bei den Pflichtschülern in der Mittelstufe auf 120 gekürzt. Die öffentliche Wahrnehmung spiegelt diesbezüglich die schulische Realität nicht wider, wo die kreativ-musischen Bereiche sehr gut abgebildet werden. Ich denke an die Meistersingerschulen oder die Naturparkschulen, an den bildnerischen Bereich, wo wir sehr viele Akzente gesetzt haben oder an unseren Schwerpunkt auf Begabungs- und Talenteförderung. Man kann nicht alles messen, auch das macht Bildung aus.

Bei der Mathematikmatura wurde statt Mathe wieder einmal die Befähigung zum sinnerfassenden Lesen abgeprüft. Was läuft das schief? Warum werden Rätsel und Fallen aufgestellt, anstatt klassische Mathekenntnisse von der Algebra über Kurvendiskussionen bis zu Funktionen und Wahrscheinlichkeiten abzufragen?
Lesen ist die Grundkompetenz allen Lernens und Arbeitsaufträge muss man natürlich erfassen können. Aber der Minister hat angekündigt, bei der Matura etwas ändern zu wollen, um vom Textlastigen wegzukommen. Er hat festgestellt, dass heuer der Aufgabenteil eins in Ordnung war, der zweite Teil aber zu schwierig. Heuer setzt sich ja die Endnote zu je fünfzig Prozent der Jahresnote und der Reifeprüfungsnote zusammen. Vielleicht findet er dort einen neuen Ansatz.

Foto: Erwin Scheriau

Seit etwa eineinhalb Jahren gibt es nun die Bildungsdirektionen. Was macht den Unterschied zum vormaligen Landesschulrat aus?
Die Bildungsdirektion ist eine Bund-Länderbehörde, die für das gesamte Schulwesen zuständig ist, außer für die Elementarpädagogik, das Musikschulwesen und die landwirtschaftlichen Schulen – da könnte man auch sagen „noch nicht“, das ist eine Frage der weiteren Entwicklung. Denn in Oberösterreich etwa sind die alle dabei, mit einer stärkeren Verknüpfung zu den Gemeinden. Ein wesentlicher Unterschied zu früher ist die Gliederung der Steiermark in sieben Bildungsregionen, in denen die Bezirke zusammengefasst sind. Dabei geht es darum, schulartenübergreifend die Schulen näher zusammenzubringen und zu schauen, welches Kind gemäß Begabungen und Neigungen in welcher Schule Platz hat. Statt den Bezirksschulräten in den Bezirkshauptmannschaften haben wir heute sieben Außenstellen. In jeder Bildungsregion gibt es ein Team von Schulqualitätsmanagern und Schulpsychologen zur Begleitung der Schulen vor Ort. Außerdem verwalten wir als Bildungsdirektion auch das Budget für die Bundesschulen. Im Rahmen des neuen Schulentwicklungsprogramms haben wir für die nächsten Jahre 283 Millionen Euro für die Bundesschulbauten genehmigt bekommen.

Daher musste die Behörde selbst stark umstrukturiert werden?
Natürlich, früher gab es jeweils eigene Landesschulinspektoren für die Pflichtschulen, für die AHS, für die BMHS und für die Berufsschulen. Die wurden von Schulqualitätsmanagern abgelöst, so dass der Bereich „Pädagogischer Dienst“ heute aus sieben Abteilungen besteht, die für die erwähnten sieben Bildungsregionen zuständig sind – ein wesentliches Resultat der Verwaltungsreform.

Bei den Bestellungen der Schuldirektoren kam es immer wieder zu parteipolitischem Hick-Hack. Hat sich daran etwas geändert?
Die Strukturen haben sich völlig verändert. So gibt es etwa das Kollegium des Landesschulrates nicht mehr, wohin die Parteien ihrer Vertreter geschickt haben. Allein das waren in der letzten Legislaturperiode 15 Personen: fünf von der ÖVP, fünf von der SPÖ, vier von der FPÖ und eine von den Grünen. Dazu kamen die Schulaufsicht, die Gewerkschaft, Kammern, Religionsgemeinschaften, Schülervertreter und Elternvertreter, insgesamt 70 Leute. Das ist Vergangenheit, heute wird für die Bundesschulleiter nach dem Bundesausschreibungsgesetz vorgegangen, unter Einsatz einer Kommission, die ein Gutachten erstellt und aufgrund dessen dem Minister ein Vorschlag unterbreitet. Im Pflichtschulwesen ist das System ebenso abgestellt. Die Letztentscheidung liegt bei der Landesregierung.

Die Frage ist natürlich, ob die Kommission objektiver entscheiden kann?
Ich glaube, ja. In der vierköpfigen Kommission sind zwei Behördenvertreter aus der Bildungsdirektion: ein Vertreter von mir, das ist in der Regel ein Jurist, der den Vorsitz führt, und ein Schulqualitätsmanager sowie ein Vertreter aus der Gewerkschaft und einer aus der Personalvertretung. Diese Kommission beurteilt die Bewerbungsunterlagen der Kandidaten, wobei von besonderer Wichtigkeit das jeweilige Konzept ist, in dem der Bewerber erläutert, was er für diese Schule vorhat. Anhand der Unterlagen kann bereits entschieden werden. Wenn es notwendig erscheint, findet noch ein Hearing statt. In der Kommission dabei sind noch die Gleichbehandlungsbeauftragte und die Schulpartner, das sind die Eltern- und Schülervertreter, jeweils ohne Stimmrecht sowie eine gesetzlich geforderte externe Beratungsfirma. So wird das – erst kurz, seit 2019 – gehandhabt, und bis jetzt hat der Minister noch nie anders entschieden.

Was ist für Sie das Wichtigste an Ihrer Tätigkeit als Bildungsdirektorin?
Im Mittelpunkt stehen die Kinder und Jugendlichen als soziale Wesen. Aber auch die Pädagogen, die unsere Schüler mit viel Herzblut begleiten.

Frau Meixner, vielen Dank für das Gespräch.

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Elisabeth Meixner, geboren am 18. 4. 1963, ist verheiratet und Mutter. Die gelernte Hauptschullehrerin war zunächst im Kollegium, dann Vizepräsidentin und von 2013 bis 2017 amtsführende Präsidentin des Landesschulrats Steiermark, dann Bildungsdirektorin der Bildungsdirektion Steiermark.

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Fazitgespräch, Fazit 165 (August 2020), Fotos: Erwin Scheriau

 
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