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Graz ist … anders!

| 30. November 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 168, Kunst und Kultur

Foto: J. J. Kucek

Verlängert, geschliffen formulierend und mit klaren Visionen ausgestattet. Ein Gespräch mit der Direktorin des Kunsthaus Graz, Barbara Steiner.

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Die jetzige Kunsthauschefin Barbara Steiner ist auch die zukünftige Kunsthauschefin, und zwar bis 2026. Nach einer Eingewöhnungsphase und dem Abarbeiten der noch von ihrem Vorgänger initiierten Programmpunkte setzt sie seit einiger Zeit deutliche Zeichen. Ihre Handschrift zeichnet sich durch eine fundierte theoretische Auseinandersetzung mit grundlegendem kunsthistorischen Theorem aus. Auszüge aus einem leider viel zu kurz geratenem Zwiegespräch mit Verve und Passion über theoretisches Wollen und kuratorische Praxis.

Es gibt momentan einiges an Verwunderung über die Schließungen im Kulturbereich, Stand erste Novemberwoche 2020. Etwa wieso denn nun Galerien offen haben dürfen und institutionelle Kunst- und Kulturstätten geschlossen bleiben.
Für mich ist nicht immer im Detail nachvollziehbar, wieso die einen schließen müssen und die anderen nicht. Wirtschaftliche Argumente scheinen leider zunehmend kulturelle zu überdecken. Doch wir arbeiten häuserübergreifend an Allianzen und wir wollen proaktiv darauf reagieren. Zudem versuchen wir, ein öffentliches Bewusstsein zu erzeugen, dass wir keine bloßen Freizeiteinrichtungen sind. Wir wurden ja nun in der Kategorie Freizeiteinrichtungen eingestuft und sind damit nicht systemrelevant. Was Leib und Leben anbelangt, stimme ich zu. Jedoch ist es für den Gesellschaftskörper als Gesamten betrachtet doch ein wesentlicher Faktor. Eine Welt ohne Kunst und Kultur kann ich mir definitiv nicht vorstellen.

Was uns zu deinem ganz persönlichen Kunst- und Kulturbegriff führt! Ist der ideologiefrei?
Kultur ist alles, was Menschen erschaffen, gestalten, womit sie für sich und andere Sinn stiften. Es ist ein »übersetzendes Tun«. Kunst ist für mich eine spezifische und eigene Form der Auseinandersetzung mit der Welt, das kann deutlich oder weniger offensichtlich kritisch ausfallen. Es ist reflektierendes Tun.

Wie ideologiebehaftet ist nun Kunst und Kultur?
Natürlich existieren beide nicht im ideologiefreien Raum. Wieso sollte es ausgerechnet mit Kunst anders sein? Mich interessiert es durchaus, mit Ideologisierungen zu arbeiten. Zur Ausstellung »Kunst/Handwerk. Zwischen Tradition, Diskurs und Technologien« haben mich gegenwärtige Einverleibungen von Heimat, Volk, Volkskultur und Tradition genauso motiviert wie das Vorurteil, dass Kunsthandwerk in einer progressiv-zeitgenössischen Kunstinstitution keinen Platz habe. Tatsächlich wurden die Bereiche Kunst und Handwerk in der Schau ins Verhältnis zueinander gesetzt. Die Künstler zeigten, wie ein fruchtbarer Dialog heute aussehen könnte. Diese Ausstellung hat genau die intendierte Diskussion ausgelöst, was an einem Ort wie dem Kunsthaus überhaupt gezeigt werden soll. Ähnlich gelagert war »Glaube, Liebe, Hoffnung«, eine Kooperation mit der Diözese Graz-Seckau. Konservative Kreise konnten sich keine Jubiläumsausstellung im Kunsthaus vorstellen, eingeschworene Fans zeitgenössischer Kunst wollten keine »Kirchenausstellung«. Es gibt einen roten Faden in meiner Biografie: Die von mir kuratierten Ausstellungen adressieren gezielt Erwartungshaltungen, diese werden teilweise erfüllt und teilweise nicht. Warum und für wen wir etwas zeigen, sind zentrale Fragen, aber auch wie sich die Ausstellungen zu ihrem Umfeld, zu ihrem gesellschaftlichen Kontext verhalten. Die Entscheidung, wie programmiert wird, hat nichts mit persönlichen Vorlieben zu tun. In der Mehrheit der Fälle ist es ohnehin so, dass die Projekte im Team erarbeitet werden.

Etwa aus einem partizipatorischen Demokratisierungsdenken heraus?
Keineswegs. Es gibt einfach Felder, in denen man sich auskennt und in anderen weniger oder gar nicht. Bei bestimmten Themen ist es wichtig, das nötige Rüstzeug mitzubringen. Es wäre etwa vermessen gewesen, hätte ich eine Ausstellung über kongolesische Kunst alleine kuratieren wollen. Bei der in Bälde stattfindenden »Steiermark-Schau« ist es genauso. Wir verfolgen damit ein breites Spektrum an Themen und Projekten. Ich habe beispielsweise neben der bildenden Kunst und dem Ausstellen eine Nähe zu Architektur und Urbanismus – in der Ökologie und bei technischen Innovationen fehlt mir hingegen Wissen.

Ist das Publikumsverhalten in Graz anders als an den anderen Stätten, wie z. B. deiner ehemaligen Wirkungsstätte Leipzig?
Eindeutig. In Graz gab es anfangs ein Missverständnis meinerseits. Ich vermute jedoch, dass mit jeder neuen Aufgabe auch Fehleinschätzungen verbunden sind. Der Unterschied war: Weil ich vor mehr als 30 Jahren bereits in Graz war, nämlich an der Ortweinschule, dachte ich wohl zu wissen, was mich erwartet. Das Kunsthaus hat einen internationalen Ruf, der mich sehr motivierte, diese Stelle anzutreten. Bei meinen ersten Ausstellungen »Auf ins Ungewisse« über die beiden Kunsthausarchitekten Cook und Fournier und der parallel stattfindenden »Graz Architektur« wurde mir überraschend von mehreren Seiten zugeraunt, dass das Kunsthaus keine Architekturausstellungen machen, sondern »große Kunst« von »großen Künstlern« zeigen sollte. Der Diskurs an sich war jedoch für mich spannend, denn es zeigt sich ein Denken in Kategorien und Kategorisierungen. In dem Fall: Was ist Kunst, was nicht? Mich beschäftigt seit mehreren Jahren, wie sich Kategorisierungen auswirken, wie man sie verlassen oder zumindest verschieben kann. Denn sie haben eine große definitorische Kraft, legen fest und schließen vieles aus. Sie können einem also den Blick verstellen. Ich habe nichts gegen ansprechende Einzelpräsentationen. Ich nehme das singuläre Werk durchaus ernst, es ist für mich aber wichtig, es in Beziehung zu anderen Werken, zum Raum und zu den gesellschaftlichen Rahmen zu setzen. Die momentan laufende Ausstellung von Herbert Brandl ist ein gutes Beispiel, wie ich mir das vorstelle.

Ist das nicht ein schmaler Grat zwischen »Kompromiss« und »Kontextualisierung«?
Es ist eher ein Dialog, aber im Sinne eines Gegenübers, an dem man sich abarbeitet. Kompromisse, im Sinne von Zugeständnissen, muss man an bestimmten Stellen machen. So ist unsere Infrastruktur nicht immer sonderlich beweglich. Das haben wir mit allen großen Institutionen gemeinsam. Die Größe bietet natürlich andere Vorteile, wie beispielsweise Sichtbarkeit, Präsenz und eine größere Reichweite. Erwartungshaltungen gibt es auf jeden Fall, von allen Seiten. Das macht Institutionen lebendig. Da es sich um eine öffentliche Institution handelt, gehört es für mich programmatisch dazu, dass Erwartungen artikuliert und verhandelt werden. Mich interessiert durchaus, bestimmte Erwartungen zu erfüllen, aber es geht auch darum, das Publikum herauszufordern und von ihm herausgefordert zu werden. Ich betrachte das Kunsthaus so gesehen als Werkzeug, Aufmerksamkeit für bestimmte Anliegen der Kunst zu schaffen. In Wolfsburg oder Leipzig kamen Menschen, die diese Ausstellungen sehen wollten, Fachpublikum bzw. Menschen, die zeitgenössische Kunst schätzen. Im Kunsthaus hat man die Möglichkeit, Leute zu erreichen, die sonst weniger Zugang zur zeitgenössischen Kunst haben. Klassische Graz-Touristen, aber auch Schulkinder zum Beispiel. Aus dem heraus ergeben sich größere Heterogenitäten. Meine Hauptherausforderung lautet: Wie bekommt man verschiedene Interessengruppen ins Haus und zwar so, dass alle Platz haben, dass jeder etwas findet, das den Erwartungen entspricht, aber dennoch auch Herausforderungen bleiben?

Gibt es einen dialogischen, gar einen dialektischen Prozess zwischen dir und der Politik?
Wir haben lange um das jetzige Leitbild gerungen. Stadtrat Riegler war es ein großes Anliegen, einen umfänglichen Leitbildprozess zu starten. Mit uns und dem Land. Das war gut, dann ab diesem Zeitpunkt mussten die Vorstellungen artikuliert werden, von Seiten der Politik, aber auch von unserer Seite – und zwar so lange, bis eine gemeinsame Sprechebene hergestellt war. Das war eine lange Entwicklung, aber letztlich hat jeder Beteiligte auch verstanden, was dem anderen wichtig ist. Bereits in meinem ersten Jahr habe ich auch bei anderen Stadträten vorgesprochen, etwa bei den Stadträtinnen Kahr, Rücker, den Stadträten Hohensinner, Rüsch und auch Eustacchio. Natürlich gab es auch ein Gespräch mit Bürgermeister Nagl. Ich wollte deren Blick auf das Kunsthaus kennen lernen. Es waren allesamt gute Gespräche. Ich wollte die Gelegenheit haben zu zeigen, wo die Schwerpunkte des Kunsthauses liegen, meinen Standpunkt deutlich zu machen und andere Perspektiven kennen zu lernen. Es ging hingegen nicht darum, Einigkeit über die Ausrichtung des Kunsthauses zu erzielen.

Ist das Kunsthaus konkurrenzlos in Graz?
Es ist am sichtbarsten und am größten. Ich hatte ja viele Menschen aus der sogenannten »freien Szene« schon vorher gekannt, aus anderen, früheren Arbeitszusammenhängen. Doch als ich hier ankam, fiel mir auf: Das Kunsthaus ist für viele in der Szene eine Art Feindbild. Das hat sich geändert. Die großen und kleinen Player tauschen sich aus, halten zusammen, wenn es darauf ankommt, und sind in Netzwerken gut verbunden. Das ist wichtig, wenn es darum geht, gemeinsam kulturpolitisch Stellung zu beziehen. Für eine Stadt ist es existenziell, eine große Breite an kulturellen Angeboten zu haben. Ich besuche, so oft ich kann, andere Veranstaltungen und kooperiere gerne mit anderen.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass es zu viel Kulturangebot in Graz gäbe?
Nein. Dieses trägt zur Lebendigkeit und zum Geist einer Stadt bei. Eine reiche Kulturszene erzeugt eine wichtige gesellschaftliche Dynamik und das wird in dieser Stadt tagtäglich unter Beweis gestellt.

Inwieweit hast du dich selbst gewandelt oder wurdest gewandelt in den letzten zwanzig Jahren?
Ich habe dazugelernt. Als ich kleinere Institutionen leitete, waren meine Mitstreiter und ich davon überzeugt, dass wir mit unseren großen gesellschaftlichen Anliegen nachhaltig in die Gesellschaft hineinwirken würden. Mit der Zeit erkannte ich, dass es kritische Diskurse gibt, die für Außenstehende sehr hermetisch wirken. Und sie sind es auch ein Stück weit. Ich hatte mir mit meiner Arbeit in den kleinen Kunstvereinen mehr Wirksamkeit imaginiert, als de facto da war. Das Kunsthaus ist insofern interessant, weil es eine größere Reichweite hat. Damit geht auch einher, dass künstlerische und gesellschaftliche Anliegen vollkommen anderes formuliert werden müssen. Fragen wie »Auf welche Weise spreche ich Menschen an, kann ich sie erreichen? Womit?« spielen eine viel bedeutendere Rolle. Ich habe mir vorgenommen, dass mit jeder neuen Ausstellung Leute erreicht werden sollen, die sich vorher nicht angesprochen fühlten. Bei »Glaube, Liebe, Hoffnung« etwa erreichten wir viele, die aus einem katholischen Umfeld kamen und nur aufgrund des Diözesanjubiläums das Kunsthaus besuchten. Bei »Congo Stars« 2018 sind wir auf die afrikanische Community zugegangen. Und wir haben uns den Spuren kolonialistischen und rassistischen Denkens in der österreichischen Geschichte gewidmet. Bei Jun Yang haben wir einen Schritt hin zur asiatischen Community gemacht. Meine Strategien haben sich also geändert. Ich überlege heute viel mehr, in welcher Weise zeige ich was, für wen und wie bekomme ich Menschen dazu, sich auf Ungewohntes einzulassen. Die »Steiermark Schau« wird ein spannender Versuch sein, neue Besucherschichten anzusprechen.

Was gibt’s denn unter deiner Ägide in den nächsten Jahren außer der »Steiermark Schau« noch zu erwarten?
Bei uns gab es bislang zu wenige große Einzelausstellungen von Künstlerinnen. Da sehe ich klaren Handlungsbedarf! 2022 wird es eine Monica-Bonvicini-Schau geben, eine Kooperation mit dem Kunstmuseum in Winterthur und andern Partnern. Hito Steyerl hat gerade eine Ausstellung im K21 in Düsseldorf, und dann im Pompidou in Paris. 2022 kommt diese nach Graz. Direkt anschließend an die »Steiermark Schau« wird es eine Einzelausstellung von »Superflex« geben. Das wird der Abschluss ihres »Fünfjahresplanes« für das Kunsthaus Graz, und parallel dazu werden Johanna und Helmut Kandl den Space-02 bespielen. »Mapping Painting«, also Malerei verorten, von Johanna und Helmut Kandl ist ein Projekt, das die beiden schon lange verfolgen. Sie beschäftigen sich mit der Frage, woher die Pigmente und Malmittel, also Bindemittel, Grundierungen usw., kommen. Da landen wir schnell bei einer globalen Karte, bei Fragen der Ausbeutung, aber auch bei Emanzipation. Auf den ersten Blick arbeiten Superflex und die Kandls verschieden, sie sprechen aber von den exakt gleichen Thematiken.

Wird dir nicht fad in Graz bis 2026, jetzt kennst du die Player schon?
Mein Vertrag wurde tatsächlich verlängert. Ohne Koketterie: Ich war mir sicher, dass das nicht passiert. Fünf Jahre sind zu kurz, um zu zeigen, wohin die Reise geht. Die ersten Jahre habe ich mit Aufarbeiten verbracht. Wenn du in einer Institution beginnst, sind viele Schritte gleichzeitig zu setzen, aber nun sind wir in einem Dreijahresrhythmus, der die Voraussetzung für große internationale Kooperationen ist. Dieses Radl funktioniert jetzt. Zurzeit zeigt die Kestner Gesellschaft in Hannover unser »Kunst/Handwerk«. Im Sommer war die Schau in Leipzig zu sehen. Unsere Ausstellung von Jun Yang setzt sich in Taipei an zwei Museumsstandorten fort. Ich denke also nicht, dass mir langweilig wird. Letztendlich geht es um die Bedingungen, unter denen man arbeitet und die man sich auch ein Stück weit erarbeiten muss. Mit unserer Ausgliederung haben sich die Eckdaten positiv verändert. Dafür brauchte es auch politischen Mut – und dafür bin ich dankbar.

Alles Kultur, Fazit 168 (Dezember 2020), Foto: J. J. Kucek

 
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