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Aufmöbeln motiviert

| 24. Dezember 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 169, Serie »Erfolg braucht Führung«

Bewusste Raumgestaltung im privaten und beruflichen Umfeld. Ein Gespräch von Carola Payer mit den drei Unternehmerinnen Eva Heimel, Petra Jerovsek-Peer und Barbara Widerhofer.

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Unternehmen experimentieren zunehmend in der Bürogestaltung. Der immer noch forcierte Trend zum Großraumbüro stößt nicht unbedingt auf Resonanz bei den Mitarbeitern. Räume werden auch als die »dritte Haut« bezeichnet und gerade in unbegrenzten Räumen erfahren Menschen daher ein großes Unbehagen. Man ist quasi ein wenig »nackt« im ganzen Umfeld. Statt mehr Kommunikation und Transparenz erfolgt eine Flucht in die meist zu wenig eingerichteten intimeren Gesprächskojen. Durch die Covid-19-Krise wird der Arbeitsprozess massiv ins eigene Heim verlagert und Raumgestaltung muss in dieser Vermischung daher bewusster passieren.

Aufmöbeln als Mission
Eva Heimel, Barbara Widerhofer, Petra Jerovsek-Peer: drei Frauen und eine ähnliche Mission, nämlich Lebens- und Arbeitsräume für Menschen optimal zu gestalten und mit dem passenden Interieur auszustatten. Was die drei noch vereint, ist das hohe eigene Bedürfnis, ihre Lebens- und Arbeitsräume für sich selbst ansprechend zu gestalten. Barbara Widerhofer: »Mein Mann und ich haben schon als Studenten das ganze Geld immer in unsere Wohnung gesteckt. Wenn ich was gestalten darf, bin ich absolut im Flow.« Eva Heimel: »Andere fahren auf Urlaub oder gehen Joggen, ich freue mich am Wochenende schon immer aufs Wohnen. Zuhause sein ist Sicherheit, Stabilität, Kindern Geborgenheit geben, Freunde einladen in ein angenehmes Umfeld. Design heißt für mich, Räume für die Erholung zu schaffen.« Petra Jerovsek-Peer: »Ich habe schon als Kind meinen Schreibtisch und meine Ecke sehr bewusst gestaltet. Senioren, Demenzkranke und Menschen mit physischen Erkrankungen sind mir ein besonders Anliegen, weil sie ganz spezielle Raumbedürfnisse haben.«

Bedeutung von Raum
Petra Jerovsek-Peer: »Durch die Covid-19-Krise wird die Gestaltung des eigenen Umfeldes jetzt noch wichtiger. Die Menschen sind jetzt noch mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Der eigene abgesteckte Raum ist auch der Ausdruck von Identität und Selbstbestimmtheit. Gerade bei Frauen erkennt man, dass sie sich immer noch schwer ihren ganz eigenen Raum im familiären Wohnumfeld zustehen. Eva Heimel: »Diese Selbstlosigkeit erlebe ich sogar bei mir. Ich habe den kleinsten Raum in der Wohnung, mein Sohn den größten. Im Lockdown wurde vielen erst bewusst, dass sie keinen persönlichen Rückzugsbereich haben. Sich Raum zu nehmen und anderen Raum zu geben, spielt bei der Wohngestaltung immer eine Rolle. Barbara Widerhofer: »Wichtig ist, dass Raum eine Umgebung ist, die von mir bewusst gefüllt ist. Viele richten einmal die Wohnung ein und dann passiert nichts mehr. Räume werden oft nicht an die eigene Entwicklung angepasst.«

Raum bewusst gestalten
Barbara Widerhofer empfiehlt hier, alle Dimensionen des Raums mit einzubeziehen, also Ecken, Decken oder Mitten, und keine Kompromisse einzugehen. Überprüfen Sie beim Interieur: Hänge ich wirklich noch daran? Nehmen Sie sich vor: Nichts kommt in meine Wohnung, wo ich mir nicht sicher bin! Umgestalten ist auch immer eine intensive Reflexion und bewusste Rituale der Verabschiedung. Petra Jerovsek: »Bewusste Raumgestaltung braucht ganz viel Achtsamkeit. Hier verwirren den Kunden oft auch die stylischen Wohnzeitschriften. Man muss erkennen, was tut mir gut, was passt zu mir und meinen Werten und nicht: Was ist trendig? Eva Heimel: »Bei Räumen ist es so wie bei der Kommunikation. Man kann nicht nicht kommunizieren. Bei Räumen heißt das, auch nicht gestalten ist ein Gestalten. Räume tragen das Innerste nach außen, es sagt was über die Menschen aus.«

Effekte des Aufmöbelns
Petra Jerovsek-Peer: »Man sieht immer wieder, wie Menschen beim Umgestalten richtig ankommen.« Barbara Widerhofer ergänzt: »Ich erlebe immer eine Art der Beruhigung. Die Menschen sind oft extrem überrascht, wie stark sich die Raumenergie verändert. In Veränderungssituationen bewirkt das Aufmöbeln auch ein Loslassen von allem, was belastet. Die bewusste Gestaltung lässt zum Beispiel bei Familien viel mehr Ideen entstehen, wie jeder Raum bekommen kann. Manchmal kann eine Kiste, wo niemand was rausnehmen oder reingeben kann, schon genug Intimbereich sein. Barbara Widerhofer: »Aufgezwungene Möbelstücke, zum Beispiel wenn man das Haus von den Schwiegereltern übernimmt, können Menschen wahnsinnig machen und ihnen den Raum quasi versperren.« Eva Heimel: »Manchmal endet in neuen Partnerschaften der Versuch, das bestehende Reich des Mannes oder der Frau aufzumöbeln, auch in einem kompletten Umzug in ein gemeinsames neues Reich. Der neu Zugezogene sieht oft viel zu viel die Vergangenheit.«

Arbeitsplätzen ohne Leben
Warum sitzen wir so oft an Arbeitsplätzen ohne Leben oder in Besprechungsräumen, wo einem die Luft wegbleibt und keine Spur von zur Effektivität oder Kreativität spürbar ist? Barbara Widerhofer: »Es wird viel zu stark an Funktionalität gedacht und daran, dass die Leute in der Arbeit nicht abgelenkt werden dürfen. Auch das Mindset, dass Beruf und Privat nicht gemischt werden dürfen, ist noch stark verankert. Ja nicht zu gemütlich! Dabei ist sogar vieles über die Wirkung von Räumen schon wissenschaftlich erforscht, wie der Sachverhalt, dass Menschen schneller gesünder werden, wenn sie was Grünes vorm Fenster oder im Raum haben. Petra Jerovsek-Peer: »Es ist schlimm, wenn wir 80 Prozent des Lebens in Arbeitsräumen verbringen und die Räume so nüchtern sind. Richtige Farben können beruhigen, kreativer machen. Vieles ist ohne viel Aufwand optimierbar.« Eva Heimel: »In Organisationen existiert noch oft das Vorurteil: Wenn es zu gemütlich ist, wird nicht gearbeitet.« Andererseits hat sie miterlebt, wie Mitarbeitern das eigene Unternehmen energetisch auf den Kopf fällt und zum Ausstieg einlädt. Sie sagt: »Gebäude machen was mit Menschen.«

Tipps fürs Arbeiten im Home Office
Petra Jerovsek-Peer: »Der Perspektivenwechsel durch Platz- und Möbelwechsel ist wesentlich. Wichtig ist auch, dass der Arbeitsplatz aufgeräumt ist.« Eva Heimel: »Die Wahl der richtigen Sitzmöbel ist essenziell. Das bestätigt auch Barbara Widerhofer Sie empfiehlt bei der Bepolsterung auch darauf zu achten, dass das Sitzmöbel im Arbeitsbereich härter ist und auch nicht zu flauschig und sich auch mindestens zwei Plätze für verschiedene Arbeitssettings einzurichten. Einmal rigider, einmal bequemer. Barbara Widerhofer betont aber auch zu lernen den eigenen Home-Office-Platz zu verteidigen. Spielsachen der Kinder haben dort nichts zu suchen. Man muss Grenzen setzen.

Autor Dieter Funke hat für Räume den Begriff der »dritten Haut« populär gemacht und zieht wie die Raumgestaltungsexpertinnen Parallelen zwischen dem Umgang mit dem Raum und den eigenen seelischen Bedürfnissen und den Beziehungen zu einander. Die bewusste Gestaltung von Räumen ist immer wieder auch ein Prozess der Identitätsentwicklung und dem bewussten Sichtbarmachen der Corporate Identity des Unternehmens. Achtsamkeit zahlt sich hier aus. Wie innen, so außen. Wie außen, so innen.

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Foto: Marija KanizajDr. Carola Payer betreibt in Graz die »Payer und Partner Coaching Company«. Sie ist Businesscoach, Unternehmensberaterin und Autorin. payerundpartner.at

Fazit 169 (Jänner 2021), Fazitserie »Erfolg braucht Führung« (Teil 36)

 
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