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Tandl macht Schluss (Fazit 169)

| 24. Dezember 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 169, Schlusspunkt

Die psychologische Wirkung der Coronaimpfung. Der Impfstoff ändert alles.« Hoffentlich stimmt dieser Satz von Gabriel Felbermayr, dem aus Linz stammenden Chef des deutschen »Institut für Weltwirtschaft«. Aber alle bei der Zulassung beteiligten Naturwissenschaftler bestätigen unisono, dass die Impfung wirkt und es auch keine gefährlichen Nebenwirkungen gibt. Daher sagen die Ökonomen der Österreichischen Nationalbank in ihrer Dezemberprognose nach dem wirtschaftlichen Rekordeinbruch von minus 7,1 Prozent für 2020 für das kommende Jahr bereits wieder ein kräftiges Plus von etwa 3,6 Prozent voraus.

Trotzdem wird die Regierung wohl noch mehrere Lockdowns verordnen, bis irgendwann im Herbst 70 Prozent der Bevölkerung durchgeimpft sein werden und endgültig keine Überlastung des Gesundheitssystems mehr droht. Daher stehen vor allem den finanzschwachen Unternehmen noch mehrere harte Monate bevor. Denn viele konnten ihre Liquidität seit dem ersten Lockdown nur aufrecht erhalten, weil ihnen von den Finanzämtern die Zahlung der Unternehmenssteuern und von den Banken die Kreditraten gestundet wurden. Und selbst die jetzt diskutierte Verlängerung der Stundung auf bis zu drei Jahre wird nur jenen Unternehmen helfen, die stark genug sind, um neben den laufenden Zahlungen auch Rückzahlungen der gestundeten zu stemmen.

Natürlich stellt sich die Frage, wie zuverlässig die Prognosen ohne Vergleichswerte sein können, denn noch nie zuvor ist die gesamte Weltwirtschaft mit Ausnahme der chinesischen gleichzeitig in eine Rezession gestürzt.

Auch der steirische Wirtschaftskammerpräsident präsentierte vor wenigen Tagen eine allerdings bereits im Oktober erhobene Konjunkturumfrage unter den steirischen Unternehmen. Und obwohl die Daten noch nie so schlecht gewesen sind, glaubt die WK fest daran, dass der Abschwung einen Wendepunkt erreicht hat und ein Silberstreif am Horizont zu erkennen ist.

Sollte das stimmen – und bis jetzt lagen sowohl die Nationalbank als auch die Wirtschaftskammer fast immer mit ihren Prognosen richtig –, bleibt der Wirtschaft eine langanhaltende Depression erspart.

Ob eine Wirtschaft wächst oder schrumpft, hängt nämlich zu mehr als zur Hälfte von den Aussichten der Beteiligten ab. Denn solange sowohl die Unternehmen als auch die Konsumenten an ein Licht am Ende des Tunnels glauben, werden sie sich mit ihren Ausgaben an ihren Erwartungen für die Zeit nach der Pandemie orientieren. In Bezug auf die Konjunkturentwicklung ist Psychologie daher alles. Die subjektiven Aussichten auf gute Geschäfte und einen sicheren Arbeitsplatz sind somit wichtiger als die tatsächliche wirtschaftliche Lage.

Anders als in der Naturwissenschaft gibt es bei sozialwissenschaftlichen Prognosen das Problem einer Rückwirkung der Prognose auf das zu prognostizierende Geschehen. Während eine Wettervorhersage niemals eine Auswirkung auf das Wetter haben kann, entwickeln Wirtschaftsprognosen Rückwirkungen auf den tatsächlichen wirtschaftlichen Verlauf. Oder anders gesagt: Glauben alle daran, dass sich die Lage aufhellen wird, dann tut sie das tatsächlich. Daher kämpfen Ökonomen und andere Sozialwissenschaftler seit jeher gegen das Vorurteil, die Zukunft lieber optimistischer als tatsächlich berechnet vorherzusagen. Meistens stimmen die Vorschauen der wichtigsten Konjunkturinstitute aber bis auf die erste Stelle nach dem Komma mit dem nachträglich gemessenen Ergebnis überein. Ob sich die Wirtschaft so wie vorhergesagt entwickelt, weil eine Prognose treffsicher ist, oder ob sie das tut, weil sich alle so verhalten, als ob sie stimmen würde, ist daher nebensächlich.

Tatsächlich sprechen neben dem baldigen Beginn der Corona-Impfkampagne aber auch die Erfahrungen der Ökonomen mit dem kurzen Aufschwung zwischen den Lockdowns im Frühling und im Herbst für die Richtigkeit der Prognosen. Und selbst im Dezemberlockdown ist die steirische Industrieproduktion mit wenigen Ausnahmen auf hohem Niveau geblieben. Solange wir daran glauben, dass sich die Menschen impfen lassen werden, ändert die Impfung daher wirklich alles.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Tandl macht Schluss! Fazit 169 (Jänner 2021)

 
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