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Der Bikinifischer

| 2. August 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 175, Fazitbegegnung

Foto: Sascha Pseiner

Der Bikinifisch« heißt eine der Kreationen von Christian Polansek. Der Mann ist zugleich Künstler und Lebenskünstler, vor allem aber ist er ein »Original«. Originell ist man ja schon, wenn man sich hin und wieder nicht an Konventionen oder gesellschaftliche Übereinkünfte hält, also keinen Frack am Operball trägt oder in fremde Waschbecken pinkelt, aber trotzdem berechenbar bleibt.

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Ein Original hingegen ist umgeben von der Aura der Unberechenbarkeit, seine Stärken sind Konsequenz und Kompromisslosigkeit. Das hat es mit dem Künstler gemein, deshalb sind die beiden so schwer zu unterscheiden. Auch für Christian Polansek selbst ist das so: »Wer bin ich?« fragt er sich. Und uns. In den letzten Jahren hat er sich vermehrt der bildenden Kunst verschrieben und malt mit der ihn auszeichnenden energetischen Unruhe und ebenjener Konsequenz Fische, Segelschiffe, Katzen und »eurasische Giraffen«.

Und das auf eine ikonenhafte, scheinbar naive, oft ethnografisch anmutende Art und Weise, die schon Kultcharakter hat – einen echten Polansek erkennt man mittlerweile. Christian »Motor« Polansek, wie er sich selbst aufgrund seiner Antriebsstärke nennt, hat noch mehr Talente: Er ist ein begnadeter Organisator und Kommunikator und er hat ein gutes Gedächtnis – etwa was Namen betrifft. Und weil er ungefähr jeden Zweiten zwischen Köflach und Graz kennt und darüber hinaus noch ein paar, verfügt er über ein riesiges Informationspotenzial und ein ebensolches Netzwerk, das er auch philanthropisch-gern anderen zur Verfügung stellt.

»Im Leben geht es um Liebe, Macht, Geld und Tod«, sagt er in einem Interview mit einem deutschen Kulturmagazin und offenbart damit seine ernste Seite, die er sonst sehr gut verstecken kann. Denn der Schalk sitzt ihm fest im breiten Nacken und verlangt seinem Gegenüber oftmals Humor, Geduld und eine gute Auffassungsgabe ab. In den 80-er Jahren ist er einer der Mitbegründer der Grazer Zirkusschule und gefragter Feuerspucker, studiert querbeet und allgemeinbildend Architektur, Verfahrenstechnik, Meteorologie und Medizin und landet schließlich bei der Polizei – als Zivildiener. Dort kreiert er seine erste Ausstellung – über die Labyrinthe von Behördenwegen, zugleich das Ende einer allfälligen Polizeikarriere. Ein Werk davon hängt heute aber immerhin im Büro des Universitätsrektors. Damit beginnt eine rege Ausstellungstätigkeit an allen möglichen und unmöglichen Stätten, aber auch bis hin zum Europäischen Parlament, der Staatsgalerie Banja Luka und Paris. Zugleich wird Christian Polansek als Kulturorganisator tätig und organisiert Künstlergespräche und Atelierbesuche, Benefizveranstaltungen für Wings for Life und »Steirer helfen Steirern«, wird Veranstalter des Lesesommers in der Steiermärkischen Landesbibliothek. Endgültig zum Tausendsassa wird der »Motor« mit seinen Ideen und Anregungen etwa für den öffentlichen Raum. So entwirft er die Vorstellung eines »Murariums« für die Ausgestaltung des Andreas-Hofer-Platzes, um dort die Unterwasserwelt der Mur zu präsentieren: Polansek denkt dabei nicht nur an den berühmten Huchen, sondern auch an Muscheln oder den äußerst selten gewordenen Sterlet, immerhin die kleinste europäische Störart. »Die ganze Installation sollte einen pädagogischen Wert haben. Und wo sollte das ,Murarium‘ besser hinpassen als auf den Fischplatz«, verweist er auf den alten Namen des Platzes. Eine andere Idee, die tatsächlich auch umgesetzt wurde, ist der Abkühlungsbereich für Rollstuhlfahrer im Grazer Schloßberg.

»Ich bin immer auf Achse«, konstatiert Christian Polansek trocken und selbstskeptisch, als wäre er sich selbst nicht geheuer. Schließlich ist er auch noch Schriftsteller. Vier Romane und zwei Lyrikbände hat er bereits geschrieben und herausgegeben. Als One-Man-Orchester macht er natürlich alles selbst vom Satz bis zum Vertrieb. »Die Reise nach Kastanien« ist eine satirische Science-Fiction-Geschichte, »Der Radetzkyschars« (sic!) handelt von der Entführung einer Grazer Straßenbahn, »Guten Morgen Herr Müllermeier« von einer Art Seelenwanderung, allesamt wahre Phantasmagorien, während »Der Anfang vom Beginn« auf einer wahren Begebenheit beruht: Dem Abschuss des Bomberpiloten Thomas Klein gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in Graz-Gösting. Der eingangs erwähnte »Bikinifisch« ist eine Zeitschrift, die sich innerhalb von sechs Jahren vom Literaturmagazin zu einer Experimentalzeitung entwickelt hat – frei nach dem Motto »Wie weit darf ich gehen?«. Wenn das nicht Kunst ist.

Fazitbegegnung, Fazit 175 (August 2021) – Foto: Sascha Pseiner

 
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