Anzeige
FazitOnline

Gekommen, um zu bleiben

| 2. August 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 175, Kunst und Kultur

Foto: Wolfgang Thaler

Club Hybrid – ein (hoffentlich nicht nur) temporäres Begegnungszentrum.

::: Hier im Printlayout lesen.

Das aufgrund der bekannten Umstände verschobene Kulturjahr 2020 geht in die Endphase. Ein Highlight ist ein neu entstandenes Kultur- und Denkzentrum in der Herrgottwiesgasse 161. Der Club Hybrid ist für einige Monate mit Intensivprogramm aktiv und hofft leise auf weiteres Bestehen in der Zeit danach. Wir sprechen mit den Masterminds Heidi Pretterhofer und Michael Rieper über Gentrifizierung, die Grazer Randzonen und die Macht kultureller Umwälzungen. Beide konzipierten als Architekten das Gebäude und bespielen ihn beinahe täglich mit Intensivprogramm in einem vordergründig nicht so noblen Gebiet in Grazer Randlage.

Was ist der Club Hybrid? Was will er?
Club Hybrid ist ein zunächst temporäres Projekt im Feld urbaner Praxis, architektonischer Forschung, diskursiver und performativer Formate, Teilhabe und Gesellschaft, das sich dem Paradigma »Hybridität«, also zukunftsbezogenen Mischungen, annähert.

Club Hybrid ist sowohl ein Prozess als auch ein physisches Produkt, das einen passenden Ort in der Stadt braucht. Vor zwei Jahren haben wir uns auf Grundstücksuche begeben, kein leichtes Unterfangen, denn die Anforderung und das Ziel war: Nutzen statt besitzen. Wir legten den Fokus auf bis dato »unbeachtete Flecken« des Grazer Stadtraums, der außerhalb des klassischen Stadtbildes und außerhalb des Stadtdiskurses liegt. Ein Stück Stadt, das zu dünn, zu heterogen oder zu privat ist.

Fündig wurden wir im Grazer Süden, wir nennen dieses Gebiet die »urbane Nebelzone« der Stadt. Hier spielen Infrastrukturthemen eine zentrale Rolle, Ver- und Entsorgungseinrichtungen wie Schrottplatz, Mühlgang und Zentralfriedhof sind in unmittelbarer Nähe, gleichzeitig ist das Gebiet bestens an den öffentlichen Verkehr durch die Straßenbahn angeschlossen. Wohnen, Arbeiten, Lernen, Sporteln, Verwerten, Beten und Basteln schließen hier einander nicht aus.

Der gesamte Grazer Süden ist aus stadtklimatologischer Sicht aufgrund geringer Luftzirkulation und hoher Nebelhäufigkeit ein benachteiligtes Gebiet. Dieser Umstand und der zusätzliche Einfluss diverser Gerüche durch Abluft (Gewerbegerüche) stellen für Wohnnutzungen schlechte Voraussetzungen dar.
Wir wollen die Wertigkeit der Stadt und ihre Facetten überdenken und die Potenziale von Gebieten, die keine oder nur wenige kulturelle Codes vorweisen aktivieren. Hier liegen andere Koexistenzen ohne Interaktion vor. Könnten sich diese nicht vernetzten, einander stützen? Also zukünftige multifunktionale Stadträume generieren, abweichend vom klassischen Stadtbild (europäische Stadt). Was kann die unmittelbare Peripherie, was die Innenstadt nicht kann? Was entsteht zwischen Schlachthof, dem BFI Steiermark und einer Moschee? Club Hybrid versteht sich als Prozess zur Umsetzung und Sichtbarmachung der Denkmodelle von nutzungsoffenen Grundstücken. Der Club arbeitet an einer urbanen Verträglichkeitskultur! Und weiß über die so unterschiedlichen Anforderungen wie etwa die Nachverdichtung, die Schaffung von Nutzungsmischungen oder die Qualifizierung des öffentlichen Raums Bescheid. Ziel sollte es sein, Dichte und die sich andeutende Gentrifizierung dieser Areale zu moderieren. Arbeiten muss trotz Wohnen vor Ort leistbar sein. Um die Entwicklung der immer wertvolleren Flächen nicht vorwiegend Investoren zu überlassen, benötigt es seitens der Stadtverwaltung innovative Überlegungen und Nutzungspartnerschaften, um mit dem Flächenmangel umzugehen.

Der Club Hybrid fungiert als Katalysator. Er setzt eine Entwicklung in Gang für eine intensivere Nutzungen mit mittelfristigem Zeitrahmen. Der Innovationsgehalt des Vorhabens liegt vor allem in der tatsächlichen Verknüpfung von Entwicklung, Konstruktion und Nutzung. Raum- und Wissensproduktion werden nicht symbolisch, sondern physisch und in Echtzeit zusammengebracht und sollen sich weiterentwickeln.
Nutzungsoffen, also ohne funktionale Festschreibung, erproben die NutzerInnen das Stadtobjekt im Spektrum von Forschung, Arbeit und Wohnen.

Mit der Stadt Graz, vertreten durch die Holding Graz, haben wir einen Prekariats-Vertrag geschlossen und machen somit, vorerst zeitlich begrenzt, die Herrgottwiesgasse 161 zur Spielwiese und zum Testfeld, also zur Herrgottwiese.

Was versteht ihr persönlich unter Urbanisierung und Gentrifizierung?
… das Urbane (wir sagen nicht mehr: die Stadt) ist Raum- und Wissensproduktion. Raum ist nicht gegeben, sondern wird produziert, wie der Philosoph Henri Lefèvre in seiner Raumtheorie ausführt. In der »Produktion des Raums« überlagern sich drei miteinander interagierende Dimensionen. Der »wahrgenommene Raum«, als Produkt der räumlichen Praktiken der in der Stadt lebenden Menschen, der Kontinuität und Zusammenhalt sichert. Zweitens der »konzipierte Raum«, als geplante, gebaute, geordnete Stadt mit ihrer symbolischen Bedeutung, wie sie durch die Raum gestaltenden und reflektierenden Disziplinen vermittelt und zur Darstellung gebracht wird. Und Drittens als »gelebter Raum«, als imaginierte Stadt, als Ort der Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen, aber auch der Ängste, durch die hindurch der Raum erlebt wird. Gentrifizierung ist monetäre Produktion, es steigen die Mieten, die Renditen, die Preise für Konsumgüter. Das Wohnen wird in erster Linie zur Ware, zum Geschäft und zur Blase. Dem gegenüber steht das Recht auf Wohnen. Aber dort wo der Club Hybrid an der Grenze der Bezirke Gries und Puntigam im Augenblick agiert, sind wir von den negativen Auswirkungen einer Gentrifizierung weit entfernt.

Gehen gut gemeinte Kunst- und Kulturprojekte nicht oft auch nach hinten los à la »zuerst kommen die Künstler, dann die Investoren und die Ureinwohner werden vertrieben«?
Der Club Hybrid ist kein Kunstwerk, sondern eine performative bzw. situative Architektur, ein Projekt und verweist damit auf eine Tradition sich mit temporären Installationen einer Bauaufgabe zu nähern oder für diese Spuren zu hinterlassen. Diese Form der performativen Planung kann direkt an die Raumproduktion rückgekoppelt werden. Sie ist in der Lage, kontroverse Themen zu vermitteln, Auseinandersetzung zu provozieren und Stadträume in ihrer Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit zu erfassen. Und sie kann dazu beitragen, die Praxis des Städtebaus bzw. des Stadt-Entwerfens für Notwendigkeiten, wie die der Improvisation oder die »Planung des Unplanbaren«, zu sensibilisieren. Sie unterscheidet sich grundsätzlich von der Strategie der »Festivalisierung«, die durch Großveranstaltungen die Attraktivität des Ortes bzw. der Region erhöhen und Aufmerksamkeit erregen will, aber dabei Stadtbewohner/innen in der Regel zu passiven Konsument/innen macht. Im Fall der Stadt Graz sprechen wir in keinem Stadtteil von Gentrifizierung. Die Signifikanz der steirischen Landeshauptstadt liegt in einer Stadtentwicklung, die vorwiegend von Investoren und institutionellen Veranlagern bestimmt wird.

Lässt sich Stadtentwicklung noch im Sinne eines positiven zwischenmenschlichen Zusammenlebens kontrollieren oder haben die Investoren ohnehin alles in der Hand?
Nein, zum Glück haben Investoren nicht alles in der Hand. Im urbanen Sinn geht es uns nicht ums Kontrollieren, Stadt soll aktive Raumproduktion sein, mit bekannten Spielregeln. Damit ist gemeint, dass die Stadtverwaltung ihre Verantwortung klar formuliert und gemeinschaftlich umsetzt und nicht Interessen nach mehr Dichte und Höhe folgt.  

Kann man sich wehren?
Natürlich können wir uns einmischen, der Club Hybrid ist ein kleines Beispiel einer aktiven urbanen Werkstätte, in der am aktiven Projekt die Raumproduktion ausprobiert wird. Das Experiment, der Raum für Versuche, ist ein Garant, um Monofunktionalität und Eindimensionalität zu vermeiden. Dafür braucht es Mut und Entschlossenheit bzw. mehr als ein Kulturjahr 2020. Aber eine Mittelstadt wie Graz hat einfache Möglichkeiten Prozesse zu initiieren und Forschungen im Maßstab 1:1 zu betreiben.

Ist das Kulturjahr 2020 eine Möglichkeit, nachhaltiges Umdenken einzuleiten? Wenn ja, wie? Oder ist das eine Feigenblattaktion?
Wie schon zuvor gesagt, wir brauchen Ambitionen und Aktionen zur Raumbildung, nicht nur in einem Kulturjahr. Wir wissen zu gut, dass eine »gute Stadt« vor allem dadurch überzeugt, dass sie sozial ausgeglichene Strukturen schafft, in denen Leben, Arbeiten, Wohnen, Produzieren und Lernen gleichermaßen Platz finden. Erst eine soziale Stadt kann nachhaltig werden.

Sind Projekte wie der Club Hybrid darauf ausgelegt, zu bleiben und weitergeführt zu werden? Wie könnte das ab Herbst 2021 funktionieren?
Club Hybrid ist eine räumliche Versuchsanordnung, hier wird durch eine antizipative Praxis ermöglicht, dass sozialräumliche Komponenten der Nutzung von Architektur mit ihren subjektiven Momenten als reale Parameter verarbeitet werden. Übergeordnetes Ziel ist es, eine Genossenschaft zu gründen, die den Demonstrativbau als permanentes exemplarisches Stadtobjekt nützt. Wir sind optimistisch, dass der Club Hybrid im Spannungsfeld von Raum, Stadt, Experiment und Forschung weiterbestehen wird.

*

Heidi Pretterhofer ist Architektin und führt das Büro Pretterhofer Arquitectos. Ihre Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Architektur, Urbanismus, Theorie und Kulturproduktion. Parallel zu ihrer architektonischen Praxis ist sie Kuratorin, Herausgeberin und Verfasserin und zahlreicher Ausstellungen und Publikationen, die das Verhältnis zwischen urbanen Bedingungen unarchitektonischem Handeln erkunden. prearq.at

Michael Rieper ist Architekt und Grafikdesigner. Die meist von ihm im Team entstandenen Projekte umfassen theoretische wie praktische Forschungsarbeiten im Spannungsfeld von Privatheit und Öffentlichkeit. Er ist Gründungsmitglied von MVD Austria – Verein zur Förderung von Architektur, Kunst, Musik und Film. mvd.org

Alles Kultur, Fazit 175 (August 2021), Foto: Wolfgang Thaler

 
Anzeige

Wellbeback

 

Kommentare

Antworten