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Frau mit Eigenschaften

| 12. Oktober 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 176, Fazitgespräch

Foto: Erwin Scheriau

Die steirische Landesrätin Juliane Bogner-Strauß über Gesundheitszentren, ihre Familie, über die Versorgungswirksamkeit von niedergelassenen Ärzten und ein Paralleluniversum, das es nicht gibt.

Das Gespräch führten Johannes Tandl und Volker Schögler.
Fotos von Erwin Scheriau.

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Ihr Fenster im Landhaus geht auf die Herrengasse, mit Blick in die Stempfergasse – also Morgensonne. Das ist angenehmer als es in ihrem, von der Sonne aufgeheizten Büro in Wien wegen der großen Fensterfront gewesen ist, wo die Molekularbiologin und Biochemikerin aus Wagna Ministerin für Frauen, Familie und Jugend und danach noch für Sport und öffentlichen Dienst war.

Im Dezember 2019 übernahm sie als Landesrätin in der steiermärkischen Landesregierung die Ressorts Bildung, Gesellschaft, Gesundheit und Pflege – große Brocken gerade in Zeiten der Pandemie. Unser Interview mussten wir deshalb sogar in zwei Etappen führen, denn Zeit ist Luxus und Mangelware zugleich, und wir hatten viele Fragen.

***

Wie sieht die Bildungslandesrätin den Schulstart, wie die Gesundheitslandesrätin die Gesamtlage in diesen Coronazeiten?
Mein Wunsch war, dass nur der Sitznachbar als K1-Person eingestuft wird, der Rest ist K2 oder bekommt überhaupt nur Informationsschreiben zum Verhalten nach einem positiven Fall in der Klasse. Alle, die geimpft sind, müssen ungeachtet des Sitzplatzes K2 sein oder weniger. Denn, wie der Verfassungsjurist Bernd-Christian Funk gesagt hat, es wäre eine Ungleichbehandlung, Geimpfte und Ungeimpfte gleich zu behandeln – da stehe ich klar dazu. Wir sind bei der Impfrate im europäischen Mittelfeld, nämlich 13. von 27. Wir wollten vor einem halben Jahr 70 Prozent der impffähigen Bevölkerung erreichen, und ich bin stolz, dass wir das in der Steiermark erreicht haben. Und ich bin zudem froh, dass wir mit dem niederschwelligen Angebot – freies Impfen, Impfstraßen, Einkaufszentren oder Impfbus – noch immer Tausende pro Woche zum Impfen bringen. Aber wir müssten schon auf mehr als 75 Prozent der Gesamtbevölkerung kommen, um sagen zu können, wir haben unsere Freiheiten zurück. Davon sind wir schon noch weit entfernt.

Ist die Spaltung der Gesellschaft, das Propagieren des Nicht-Impfens durch die FPÖ nicht ein wesentlicher Grund dafür, dass wir mit der Impfrate relativ weit hinten liegen, verglichen etwa mit Ländern wie Portugal oder Spanien, wo alle Parteien an einem Strang ziehen?
Genau, dort gibt es ein »Political Commitment« mit den Oppositionsparteien und so wird auch an der Öffentlichkeit politisch nicht über das Impfen diskutiert.

Ist unsere Zuckerbrot-und-Peitsche-Taktik vernünftig oder halten Sie noch strengere Maßnahmen für notwendig, etwa eine Impfpflicht?
Ich habe aus medizinischer Sicht überhaupt kein Problem mit dem Thema Impfpflicht. Wir haben bestimmte Erkrankungen bei uns ausgerottet, weil es eine Impfpflicht gab, zum Beispiel die Pocken. Wir haben trotz einer relativ hohen Durchimpfungsrate immer wieder Durchbrüche bei Masern. Treffen tut es ja dann immer die, die sich nicht impfen lassen können oder die eine chronische Erkrankung haben oder die Älteren – das ist die Tragödie. Jetzt haben wir lange auf die Älteren geschaut und nun wäre es an der Zeit, auf die Jüngeren unter zwölf zu schauen und auf alle, die vulnerabel und krank sind. Wir waren in der Steiermark nicht untätig – bei Neuaufnahmen in den Landesdienst gibt es ja eine Bevorzugung von Geimpften, somit auch bei der KAGes und den Lehrern, bei beiden gibt es ohnehin schon jetzt eine Durchimpfungsrate von über 80 Prozent.

Und die Impfskeptiker?
Es ist schade, wenn man diese nicht überzeugen kann und auch dass die Skeptiker und Skeptikerinnen auch nicht zu den Ärzten und Ärztinnen gehen, um sich verlässliche Information zu beschaffen, sondern zu viele die Sozialen Medien nutzen, wo ziemlich viel Nichtwissenschaftliches aufgeschwemmt und verbreitet wird. Bei der Einreise in bestimmte Länder muss man auch bestimmte Impfungen haben. Die meisten fragen dabei nicht nach den Nebenwirkungen und auch nicht nach der Herstellerfirma. Ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns noch weiß, welche Masernimpfung er bekommen hat oder welche Pockenimpfung. Wir wollten populärwissenschaftlich kommunizieren, haben das aber in manchen Bereichen nicht ganz auf den Punkt gebracht. Da werden wir mit einer Kampagne gemeinsam mit der Medizinischen Universität Graz nachbessern müssen.

Foto: Erwin Scheriau

Stellt sich da nicht die Frage, ob man es überhaupt besser hätte machen können, wo doch das Klima durch die Sozialen Medien schon so verseucht ist, dass man gerade als Politiker gar nicht mehr durchdringt, sondern auf Ablehnung stößt, egal was man macht?
Es gibt kein Paralleluniversum zum Ausprobieren. Du kannst als Politikerin nur Entscheidungen treffen und jede Entscheidung, die du nicht triffst, ist eine falsche Entscheidung.

Wie ist die Meinung der Gesundheitslanderätin zur Impfung der unter 12-Jährigen, die vor der Zulassung steht?
Da ich keine Ärztin bin, werde ich mich ganz klar auf die Meinung der Kinderärzte und Kinderärztinnen verlassen. Wir haben zu Hause zwei Jugendliche, die über zwölf sind, und beide haben sich impfen lassen, weil sie gesagt haben, sie möchten sich der Gefahr der Infektion und der Erkrankung nicht aussetzen. Ich glaube, das ist auch das Ziel der meisten, die sich impfen lassen. Niemand will eine Infektion und schon gar nicht Long Covid riskieren, wo niemand weiß, wann und ob man jemals wieder jenen Gesundheitszustand erreicht, den man vorher gehabt hat.

Wie ist die Vorgangsweise in der Steiermark bezüglich einer dritten Impfung?
Wir haben bereits angefangen. Wir impfen bereits in den Pflegewohnheimen und Risikopatienten und -patientinnen sowie auf Dialysestationen und danach wird nach Alter vorgegangen. In der Steiermark sind wir bei der Durchimpfungsrate der Ältesten ganz vorne. Da hat sich der Brief per Post am besten bewährt, das machen wir für die Auffrischungsimpfung wieder so. Wir richten uns bei allem nach den Vorgaben des nationalen Impfgremiums.

Zu Ihrem Ressort gehören auch die Krankenhäuser. Das Spitalsressort war ein Knackpunkt der letzten Landesregierung. War aus heutiger Sicht der unter der Reformpartnerschaft begonnene Bettenabbau die richtige Entscheidung?
Ohne jetzt gleich wieder in die Region Ennstal zu schauen, muss man sagen, dass wir hier ganz klare Rechnungshofberichte haben. Wir haben in gewissen Abteilungen nur mehr Auslastungen von 60 bis 70 Prozent der Betten. Man darf nicht vergessen, dass sich die Medizin ja ständig weiterentwickelt. Während wir vor 20 Jahren bei einer Blinddarmoperation noch mehrere Tage im Spital gelegen sind, kann man das heute auch durch das Schlüsselloch operieren. Die Patientinnen und Patienten können am selben Abend wieder nach Hause gehen. Sehr viele Eingriffe benötigen also nur mehr eine stark verkürzte Liegedauer. Daraus ergibt sich, dass man nicht mehr so viele Normalbetten braucht wie früher. Und auf der Intensivstation gibt es ohnehin keinen Bettenabbau. Und wie wir wissen, muss man eine Pandemie vor den Toren des Krankenhauses besiegen. Denn sonst besiegt sie leider uns. Das hat uns die erste Welle in manchen südlichen Ländern deutlich gemacht.

Es gibt immer weniger Kassenärzte und immer mehr Wahlärzte. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung?
Das ist ein Thema, das mir unter den Fingernägeln brennt, ich bin für die Versorgung in der Steiermark zuständig, aber nicht für die Besetzung der Kassenstellen. Tatsächlich haben wir bereits über 50 Prozent Wahlärzte in der Steiermark. Deren Versorgungswirksamkeit liegt aber unter 20 Prozent. Ich glaube, wir haben in den letzten Jahrzehnten in der Gesundheitspolitik österreichweit, aber auch europaweit etwas übersehen. Nämlich erstens, dass die Gesundheit inzwischen sehr weiblich ist und immer mehr Frauen Medizin studieren – was erfreulich ist –, aber bei den Frauen für einige Jahre die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu Stundenreduzierungen führt. Das gilt auch für die Pflege – ebenfalls ein sehr weiblicher Beruf – und übrigens auch für die Elementarpädagogik. Und zweitens gibt es heute ein anderes Verständnis von Work-Life-Balance. Daher spreche ich mich ganz klar für eine Erhöhung der Studienplätze aus, um wieder mehr Ärzte und Ärztinnen auszubilden. Und es braucht auch eine Attraktivierung der Allgemeinmedizin für den niedergelassenen Bereich, damit die Leute nicht immer gleich ins Krankenhaus müssen. Tatsächlich haben wir in der Steiermark in den letzten zwei Jahrzehnten bei den stationären Belegungen zahlenmäßig kaum Veränderungen gehabt, hingegen hatten wir im ambulanten Bereich eine Verdoppelung. Auch deshalb, weil wir im niedergelassenen Bereich zu wenig Versorgungswirksamkeit haben.

Wie kann die Politik da lenkend eingreifen?
Wir versuchen mit den Gesundheitszentren in der Steiermark gegenzusteuern, da haben wir schon zwölf, das sind mehr als im Rest von Österreich, und die funktionieren auch wunderbar, zum Beispiel in Mariazell. Allerdings sind die Rahmenbedingungen für die Eröffnung eines Gesundheitszentrums sehr strikt, da braucht es noch Anpassungen. Die Gesundheitszentren haben Riesenvorteile. Da wäre einmal das Zusammenarbeiten. Viele Ärzte und Ärztinnen sagen sich ja auch: Vielleicht will ich gar nicht ein Leben lang an einem Ort als niedergelassene Ärztin leben. Ich glaube, ein Gesundheitszentrum hat da ein großes Angebot, gerade für Frauen. Außerdem ist es für die Patientinnen und Patienten großartig, weil es von Montag früh bis Freitag am Abend geöffnet ist. Es gibt dort ein Team, wo jeder das macht, was er am besten kann – Sozialarbeit, Wundversorgung durch Pflegepersonal oder eben Arzt bzw. Ärztin. Aber es gibt natürlich immer Luft nach oben. Ich spreche mich auch klar für Heimatstipendien aus: Wenn ich hier studiere, bekomme ich ein Stipendium, muss mich aber verpflichten, eine bestimmte Zeit da zu bleiben.

Stimmt es eigentlich, dass die KAGes nicht alle ihre Ausbildungsstellen mit Ärzten befüllt?
Der Punkt ist, dass wir viele Ausbildungsstellen gar nicht ausfüllen können, weil es die angehenden Ärzte und Ärztinnen dafür schlicht nicht gibt, etwa bei den Anästhesisten. Die Gründe sehe ich in den bereits genannten Themen wie Work-Life-Balance und Gesundheit wird immer weiblicher.

Thema Leitspital Liezen, wie ist der Status quo?
Wir haben drei Spitäler, es gibt zwei Rechnungshofberichte, wir haben dort Abteilungen und Stationen, die nur mehr sehr gering, das heißt zu 60 bis 65 Prozent ausgelastet sind und entsprechend sehr geringe Fallzahlen. Dazu kommen ein Ärztemangel und ein Pflegemangel. Denn das Interesse, an einen Standort zu gehen, an dem die Fallzahlen gering sind, ist nicht besonders groß. Deshalb bekommen wir dort kaum noch junge Ärzte und Ärztinnen hin, denn die wollen ja etwas lernen und brauchen Routine und Expertise, also hohe Fallzahlen – was ja auch Voraussetzung für einen Ausbildungsort ist. Mit der Entscheidung, dieses Leitspital zu bauen, haben wir den großen Vorteil, dass wir dort mehr Leistungen erbringen als alle drei bisherigen Standorte zusammen und es wird das Angebot geben, dass dort alle unsere bisherigen Arbeitnehmer eine Anstellung finden werden. Im Herbst wird ausgeschrieben, bis Ende 2024 sollten wir zu bauen anfangen und bis Ende 2027 geht das Leitspital in Betrieb. Damit sind wir genau im Plan. Ich denke, dass es mittlerweile vom Großteil der Bevölkerung gut angenommen wird.

Thema Pflege: Warum tut die Politik so wenig, um den Zulauf zur stationären Pflege zu bremsen?
Die Frage ist sehr kritisch gestellt, denn die Politik ist seit Jahren dran, mobil vor stationär zu forcieren. Das gelingt uns inzwischen in der Steiermark auch ganz gut. Wir haben die mobile Hauskrankenpflege aufgestockt, wir haben die Alltagshilfen eingeführt, wir fördern Betreutes Wohnen und bauen stark aus bei Tageszentren.

Aber das ist alles ist für die Familien wesentlich teurer, als wenn sie ihre alten Menschen ins Altersheim abschieben.
Da muss man sich überlegen: Was ist dir lieb und was ist dir teuer? Ich kenne das von zu Hause, denn ich habe mit meiner Mama meine Oma die letzten sechs Monate ihres Lebens gepflegt. Aber das ist ein zweischneidiges Schwert. Meistens pflegen Frauen zu Hause, das geht ihnen dann in der Pension ab, denn zumeist sind sie auch für die Kinderbetreuung nach der Geburt zuständig. Da schlagen in meiner Brust zwei Herzen. Als Frauenlandesrätin sage ich, ich möchte Entlastung und Unterstützung für die pflegenden Angehörigen und ich sage auch »Was ist mir lieb?«. Die zweite Frage ist »Ist es deshalb teuer, nur weil es mir lieb ist?« Natürlich kann man wählen, ob das Pflegeheim eine Option ist, aber das ist eine individuelle, familiäre Entscheidung, da möchte ich mich als Politikerin nicht einmischen. Unser Angebot besteht jedenfalls aus der mobilen Hauskrankenpflege, der Tagesbetreuung, dem betreuten Wohnen und dem stationären Wohnen. Ich denke, da ist für alle etwas dabei. Auch der sehr hohe Altersdurchschnitt von 82, 83 Jahren in Pflegewohnheimen – mit Ausnahme von zwei oder drei Bezirken – ist ein Indiz dafür, dass niemand leichtfertig seine Liebsten in ein Pflegewohnheim gibt. Was tut die Politik? Im Sinn von mobil vor stationär haben wir die mobile Hauskrankenpflege günstiger gemacht, wir haben die Alltagshilfen günstiger gemacht und wir evaluieren auch gerade den Preis der Tagesbetreuung in den Tageszentren.

Zur Bildung: Warum können immer weniger 15-Jährige sinnerfassend lesen und schreiben?
Da gibt es ja genug Studien. Jugendliche lesen immer weniger, es findet auch immer weniger verbale Kommunikation statt, sondern nonverbale über die mobilen Devices – also Geräte  wie Handys. Vor allem in Ballungsräumen wachsen viele Kinder mehrsprachig auf und haben nicht Deutsch als Muttersprache. Oft wird auch im Elternhaus nicht Deutsch gesprochen. Ich kann nur von meinem eigenen Stiefsohn sprechen, der als Muttersprache Ungarisch hat. Auch er hat sich am Anfang in der Schule mit Deutsch ein bisschen schwerer getan. Auch mit der Migrationswelle 2015 sind Kinder in die Klassen aufgenommen worden, obwohl sie kaum Vorkenntnisse in Deutsch hatten. In Graz haben im Schnitt bereits fast 50 Prozent der Schüler nicht mehr Deutsch als Muttersprache, an manchen Schulen noch viel mehr.

Foto: Erwin Scheriau

Ist das nicht auch eine Mitursache für die neue Landflucht? Familien, die vor städtischen Volksschulen flüchten, weil diese vorwiegend von Kindern nichtdeutscher Muttersprache besucht werden? Gibt es offiziell Vorstellungen zum Beispiel über eine 30-Prozent-Quote oder Ähnliches?
Das haben wir schon diskutiert, nicht nur für die Schule, sondern auch für Kindergärten. In Graz ist das schon rein technisch nicht möglich, weil wir wie eben erwähnt schon bei fast 50 Prozent sind. Außerdem wäre der Aufwand riesig, wenn man in Puntigam wohnt und in der Früh eine dreiviertel Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bis nach Andritz fahren müsste, um das Kind dort in den Kindergarten zu bringen. Man muss eine Lösung finden die jetzt hilft, weil die Leute dort wohnen, wo sie eben wohnen. Natürlich hätte gerne jeder alles vor der Haustüre – Kinderkrippe, Kindergarten, Schule. Wenn die Kinder älter werden, dann sind die Eltern für weiteres Pendeln bereit, um die gewünschte Ausbildung zu ermöglichen. Das ist auch bei den Lehrplätzen ein Thema.

Was antworten sie jenen, die sagen, dass es auch um den Schutz der Kinder mit deutscher Muttersprache geht?
Ich sehe in den gemischten Klassen keinen Nachteil für jene Kinder, die Deutsch als Muttersprache haben, besonders ab dem Alter, ab dem das Handy spannend wird. Da kommunizieren die Kinder in den Pausen und in den Öffis, unabhängig von der Sprache, leider ohnehin kaum mehr miteinander, sondern oft über das Handy. Auch weil die Kinder die nonverbale Kommunikation extrem spannend finden, Emojis oder abgekürzte Sätze benutzen und dergleichen. Studien sagen uns ja, dass Kinder in einem gewissen Alter vier bis sechs Stunden am Tag am Handy, am Computer und Laptop verbringen. Natürlich ist es auch eine Frage, was die Eltern den Kindern vorleben und ob sie Ihnen zum Beispiel vorlesen und auch selbst lesen, also darin ein Vorbild sind. Aber das ist komplett unabhängig von der Muttersprache. Deswegen müssen wir eine Lösung finden, dass alle Kinder wieder sinnerfassend lesen können und damit auch der Zugang zu Ausbildung gewahrt bleibt.

Auf Drängen der Lehrergewerkschaft wird bei uns auch Nachmittagsbetreuung und Kinderaufbewahrung in einem Hort als Ganztagesschule bezeichnet, obwohl sich die Wissenschaft einig ist, dass nur eine verschränkte Ganztagesschule Sinn ergibt. Wo bleibt der Mut der Politik, zumindest im Pflichtschulbereich endlich eine echte verschränkte Ganztagesschule mit Unterricht und Anwesenheitspflicht der Lehrer zwischen 8 und 16 Uhr durchzusetzen?
Persönlich hätte ich nichts gegen die verschränkte Ganztagsschule, aber das stimmt, sie wird bei uns relativ schlecht angenommen, während sie in Frankreich oder Skandinavien als Erfolgsmodell gilt. Abgelehnt wird sie aber weniger von den Lehrern, als vielmehr bei den Abstimmungen von den Eltern. Es gibt bei uns sehr viele außerschulische Angebote. Am Nachmittag gehen die Kinder etwa in die Tennisvereine, die Fußballvereine oder in die Musikschulen. Wenn man in eine verschränkte Ganztagsschule geht, müsste man versuchen, das zu integrieren. Die Ehrenamtlichkeit, die Vereinstätigkeit hat in Österreich einen sehr hohen Stellenwert. Das muss man bedenken, wenn es darum geht, das System zu ändern, um pädagogisch jene Kinder besser unterstützen zu können, die es bräuchten.

Frau Landesrätin, danke für das Gespräch.

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Juliane Bogner-Strauß wurde am 3. November 1971 in Wagna geboren. Sie studierte Chemie an der Universität Graz, wo sie ihre wissenschaftliche Karriere startete. Nach ihrem Doktorat und einer ersten Universitätsassistenz wechselte sie 2005 auf die TU Graz, wo sie bis zur assoziierten Professorin und stellvertretenden Institutsleiterin am Institut für Biochemie aufstieg. Im Dezember 2017 wurde sie als Ministerin der Regierung Kurz 1 mit den Agenden Frauen, Familie und Jugend und ab 2019 zusätzlich mit Sport und öffentlichem Dienst betraut. Seit Dezember 2019 ist sie als Landesrätin in der steiermärkischen Landesregierung für Bildung, Gesellschaft, Gesundheit und Pflege zuständig. Bogner-Strauß ist verheiratet und hat drei Kinder.

Fazitgespräch, Fazit 176 (Oktober 2021), Fotos: Erwin Scheriau

 

 
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