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Außenansicht (27)

| 10. November 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 177

Die Rache des Mittelmaßes. Exbundeskanzler Sebastian Kurz ist gestürzt, darüber sind sich heimatliche Medien und die Opposition einig. Ob aktiv oder passiv, vom Sessel gestoßen oder selbst gestolpert, ist noch nicht für alle entschieden. Ein Teil der medialen und politischen Opposition feiert sich selbst, hat das sachliche Kommentieren aufgegeben und klopft sich gegenseitig auf die Schultern mit der Aussage: Kurz ist weg und wir haben es geschafft! Den hätten wir geschafft!

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Die Rache des Mittelmaßes. Exbundeskanzler Sebastian Kurz ist gestürzt, darüber sind sich heimatliche Medien und die Opposition einig. Ob aktiv oder passiv, vom Sessel gestoßen oder selbst gestolpert, ist noch nicht für alle entschieden. Ein Teil der medialen und politischen Opposition feiert sich selbst, hat das sachliche Kommentieren aufgegeben und klopft sich gegenseitig auf die Schultern mit der Aussage: Kurz ist weg und wir haben es geschafft! Den hätten wir geschafft!

Nun könnte man eine gewisse Nüchternheit bewahren und auf die Reaktionen der Gerichte und Untersuchungen warten, um zu verurteilen oder zu entschuldigen. Das passiert jedoch nicht. Die Dokumente, die Vermutungen und Verdächtigungen nähren das Vorurteil und bestätigen lediglich eine Meinung, die sich schon längst gebildet hatte.

Doch, und hier beginnt der Zweifel, geht es wirklich nur um politische Inhalte? Begründet sich die Ablehnung auf konservative Ideen und Programme, die von linker und rechter Seite abgelehnt werden? Oder geht es doch um eine Person, die in ausnehmend kurzer Zeit, innerhalb nur weniger Jahre, das traditionelle, politische System in Österreich völlig auf den Kopf gestellt hat? Kurz versuchte, eine konservativ strukturierte Partei zu modernisieren und komplett neu aufzustellen, und eilte mit seiner »Neuen Volkspartei« von Wahlsieg zu Wahlsieg.

Er ist eine Ausnahmeerscheinung in der österreichischen Politik. Seine Rhetorik, seine Argumentation und sein strategisches Denken sind bei Konkurrenten in der eigenen und in anderen Parteien nicht zu finden. Und dennoch stolperte er über ungeschickte, banale Textnachrichten, infantile Botschaften und der Unvorsichtigkeit bei seiner Personalauswahl. All das steht im Widerspruch zu seiner sonst präsentierten Perfektion. Warum sind sein Äußeres, seine Frisur, sein Anzug, seine Sprache, die öffentlichen Reden, Antworten gegenüber Journalisten perfekt und druckreif und warum unterlaufen ihm gleichzeitig solche Fehler?

Seine nach außen gezeigte Perfektion verrät die typische innere Unruhe der Begabten. Als müsse die äußere Ruhe den inneren Motor schützen. Er ist kein »bunter Hund«, der mit extravaganter Kleidung und Frisur aufzufallen versucht. Hinter solchen Fassaden verbirgt sich meist ein perfekter Kleinbürger. Andere versuchen eher, ihre Kreativität und Intelligenz zu beschützen und sie gezielt einzusetzen, wenn Situationen beeinflusst und verändert werden könnten.

Damit wird ein Großteil der »einflussreichen« Gesellschaft nicht fertig. Sie haben sich hoch gearbeitet mit Müh und Plag, sind Dutzenden Chefs in die verlängerten Rücken gekrochen und sitzen endlich (fast) schon auf dem Stuhl, von dem sie seit Jahren träumten. Und dann kommt einer und macht es ganz anders, schneller, ohne die peinliche Selbstverleugnung, die man erdulden musste, um wieder eine Sprosse auf der Leiter zu erklimmen. Er steigt einfach auf, Stufe um Stufe, manchmal zwei oder mehrere auf einmal, nur weil er intelligenter, geschickter, einfach besser ist.

Nichts verärgert das heimische Mittelmaß mehr als der Erfolg der Begabten. Gegen Kontakte und Beziehungen kann man nichts machen, die hat einer oder nicht. »Ist halt die Tochter vom Freund des Chefs«, die den Posten bekam, ist eher zu akzeptieren als die Erkenntnis: »Sie oder er ist einfach besser«. Gegen Talent und Fähigkeit rottet sich die Gesellschaft des Mittelmaßes zusammen und organisiert sich trotz Neid und Misstrauen, das sonst untereinander herrscht.

Talentierte machen Fehler, mehr als die anderen. Neben ihrer Konzentrationsfähigkeit sind sie unkontrolliert, fahrlässig und verlieren den Überblick. Mit außergewöhnlichen Leistungen auf einem bestimmten Gebiet entgleiten ihnen andere. Und darauf wartet das Mittelmaß, geduldig und ausdauernd, um im richtigen Moment zuzuschlagen. Sie stürzen sich auf das Außergewöhnliche, das ihren Durchschnitt bloßstellt.

Wie Antonio Salieri in dem Film »Amadeus«, als er auf die Noten von Mozart starrt und erkennen muss, dass er dieses Niveau nie erreicht wird. Also versucht er, Mozart zu vernichten. Das Mittelmaß hat die tragische Begabung, Qualität zu erkennen und den Unterschied zu sich selbst. Die einen erleben das als Bereicherung und Chance, die anderen als Gefahr und Bedrohung. Dementsprechend unterschiedlich reagieren sie.

Außenansicht #27, Fazit 177 (November 2021)

 
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