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Amsterdam direkt

| 29. Dezember 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 179, Kunst und Kultur

Foto: John Lewis Marshall

Trotz der allseits bekannten Gegebenheiten steuert Graz nach wie vor mehrmals in der Woche Amsterdam an. Flugtechnisch. Ein Grund, sich wieder einmal dorthin zu begeben. Ein Kurztrip im Schnelldurchlauf.

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Reisen in Lockdownzeiten sind zwar nicht opportun, aber erlaubt. Berufliche ohnehin. Und Familienbesuche sind juristisch betrachtet auch ein Grundrecht. Ob es epidemiologisch sinnvoll und gar moralisch tragbar ist, wird im Folgenden nicht weiter diskutiert. Es gibt dazu mittlerweile einige Fachkräfte und Experten, die gefragt und ungefragt Auskunft geben können. Wir machen uns auf alle Fälle dreifach geimpft sowie vor und nach der Reise getestet auf den Weg nach Amsterdam.

Ein Herz für Second Citis
Die Fluglienie KLM hat ihr Herz für Second Cities entdeckt. Amsterdam als eine der größten Drehscheiben weltweit fliegt Graz (momentan noch immer) mehrmals wöchentlich an. Städteurlaube in Zeiten der Pandemie haben ein eigenes Momentum. War die innere Befindlichkeit beim Lustwandeln in Venedig dieses Jahr wie in einem Neorealismofilm der Neunzehnvierzigerjahre, so bietet die niederländische Hauptstadt ein ähnliches Bild in punkto Touristenreduktion. Der Umschlagplatz Schiphol hat sich von 70 Millionen auf unter 20 Millionen im Jahr reduziert. Ähnlich ist die Situation im Zentrum des, äh, Venedig des Nordens. Das Ausbleiben der Touristen bringt natürlich ein weitaus schöneres Besuchererlebnis mit sich. Das wirkt sich mannigfaltig, aber besonders direkt auf das Wohlbefinden aus.

Ruhig, frostig, angespannt
Der Flughafen Schiphol dient Südösterreichern seit über einem Jahr als bequemes Sprungbrett zum Weiterreisen oder spuckt den hungrigen Kurzurlauber für einen perfekten Zweitagebesuch in die hippe, angesagte Stadt. Die Stimmung in der Region dieser Tage darf nach wie vor als ruhig, als frostig und angespannt bezeichnet werden. Riots, also Unruhen zur Lage gab es im November 2021 allerdings eher in Rotterdam und anderen Orten. Das Bild der liberalen, lockeren Niederlande in den vielen bekannten Punkten fand ein abruptes Ende und einen Gegenpart in den gewaltbereiten Demonstrationen, die im Coronavirus nur einen Vorwand suchen, um sich auszutoben. So kann man sich friktionsfrei in der »City of sin« aufhalten. Apropos: Prostitution und Marihuana mag eine marktschreierische Perspektive gewesen sein, als wir zu Studentenzeiten nach Amsterdam pilgerten, um dann in der Enttäuschung über den eben bestenfalls damals bereits marketingstrategischen Schachzug Abend für Abend im Kulturzentrum Melkweg abzuhängen. Wir hatten andere Prioritäten. Günstig war es, das junge Lotterleben, nunmehr gibt es kaum ein annehmbares Studenten-WG-Zimmer unter 600 Euro. Gewieft, wer hier noch in Grund und Boden investierte, bevor der Immobilienhype zuschlug.

Radkultur
Dementsprechend pulsierend und beinahe gestresst wirkt die heutige Radfahrsituation auf den die Grazer Gemütlichkeit gewohnten Vorsichhinradler im Vergleich zu den Neunzehnachtzigern. Vergangenheitsbewältigung. Stadtkultur ist Radkultur. Und zum hierorts immer wieder diskutierten Thema Lastenfahrrad: Der Prozentsatz im Verhältnis zum klassischen Radler ist weitaus geringer. Die Grachtenhäuser bei Nacht sind nach wie vor idyllisch. In Lockdownzeiten mit Lokalschließungen um 17 Uhr noch idyllischer. Das Rijksmuseum und das Van-Gogh-Museum dank Pandemie angenehm durchschnittlich besucht.

Reichsmuseum und Rotlichtviertel
Die Sonderschau »Remember me« im Rijksmuseum (Reichsmuseum) ist fabelhaft und eine schwere Empfehlung. Die Kontextualisierung ausgewählter Renaissanceporträts mit aufgeweckt fundierter, kunsthistorischer Bildanalyse ist didaktisch perfekt aufbereitet und informativ in Szene gesetzt. Die Schau läuft noch bis Mitte Jänner und sei jedem Kurzurlauber ans Herz gelegt.

Der Rotlichtdistrikt ist momentan auch jedem Urlauber ans Herz gelegt. Und es geht uns naturgemäß nicht um sexuelle bzw. voyeuristische Auswüchse. Es tut einfach gut, das Viertel ohne Massen genießen zu können. Es ist zudem ein wenig spooky zu erleben, wenn die Einrichtungen ab dem späten Nachmittag geschlossen sind. Den gezielt umherschweifenden vorwiegend männlichen Besuchern ist dann auch eine gewisse Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Das Voyeurhafte bekommt eine eigene Note und schlingert in die Absurdität. Der Lustfaktor ist gedämpft. Die Vorweihnachtszeit mit all ihrer Pracht ist in der entkonsumierten Form doch die allerheiligste Möglichkeit der Ergriffenheit. Sei es in der Grazer Herrengasse, sei es in Amsterdam. Weihnachten wie früher, lieb. Die Pandemie in all ihrer Grauslichkeit hat zumindest diese eine gute, poetische Seite. Grachtensystem, Museumsviertel, Radfahrkultur und Giebeldächer, wir sehen einander wieder, wenn das Wetter besser ist.

Einen aktuellen Überblick über das Programm
finden Sie unter chemnitz2025.de

Alles Kultur, Fazit 179 (Jänner 2022), Foto: John Lewis Marshall

 
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