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Zwischen den Kulturen

| 16. März 2022 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 180, Fazitgespräch

Foto: Marija Kanizaj

Autor Omar Khir Alanam über Flucht, Revolution, Ausgrenzung, Heimat, Identität und Integration.

Das Gespräch führten Volker Schögler und Christian Klepej.
Fotos von Marija Kanizaj.

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Der aus Syrien stammende Omar Khir Alanam mutierte vom Flüchtling zum Bestsellerautor und Liebling der Medien. Von Graz aus hält er der europäischen und der arabischen Gesellschaft den Spiegel vor,  ohne zu beleidigen oder sich vereinnahmen zu lassen.

Nach einer zwei Jahre dauernden Flucht aus Syrien landete Alanam im November 2014 in Österreich. Im Eilzugtempo lernte er Deutsch und wurde 2017 Dritter bei den Österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften. Er gilt als Paradeintegrierter mit Popstarimage und hat bereits vier Bücher auf Deutsch geschrieben.

Wenn er dabei sowohl die österreichische wie auch die arabische Gesellschaft, Kultur und Politik kritisch, analytisch und scharfsinnig mit einer Prise Humor unter die Lupe nimmt, setzt er sich mit voller Absicht zwischen alle Stühle. Im Fazitgespräch spricht er aus dem Nähkästchen und liefert auch seinen Kritikern neue Munition.

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Sind Sie der Aufklärer der Nationen für Österreicher und Syrer? Oder ein Vermittler zwischen den Welten, vielleicht eine Art Hofnarr aus der arabischen Community, der ungestraft alles sagen darf, weil er so lustige lange Haare hat und witzig ist?
Nein, weil ich mir sehr viele Gedanken mache, wenn und vor allem wie ich etwas thematisiere. Ich denke, es nicht nur wichtig, was ich sage, sondern wie ich es sage. Das heißt, dass ich nicht einfach Grenzen überschreiten will oder dass ich mir alles erlaube. Gerade das letzte Buch »Feig, faul und frauenfeindlich«, hat eine heikle Thematik. Es geht um Vorurteile und ich wollte eine Stimme in die ganze Diskussion einbringen, die es noch nicht gab.

Was besagt diese Stimme?
Ich wollte die ständige »Entweder-Oder-Diskussion« brechen, weil ich für mich eine Position geschaffen habe, die sozusagen nicht nur den Arabern oder nur den Österreichern dient. Meine Position heißt »dazwischen« – das ich manchmal unschön, aber das ist genau das, was ich für meine Kunst, für meine Literatur brauche. Ich versuche, meine Betrachtungen und meine Perspektive durch Worte, Texte und Geschichten zugänglich zu machen, ohne eine Gruppe zu vertreten, weil ich letztendlich kein Politiker bin.

Also entspricht Ihnen am ehesten die Vermittlerrolle?
Ja, wobei eine der schönsten Beschreibungen, die ich über mich gehört habe, jene als Friedensbotschafter ist. Ich bin ja in zwei Welten und bekomme mit, wie jeweils argumentiert wird. Über die Österreicher als Rassisten und weisse Männer et cetera oder über die Araber als Kameltreiber und als Gewalttätige et cetera. Das möchte ich brechen. Wir brauchen in unserer Gesellschaft und Gemeinschaft eine Aufklärungsarbeit. Natürlich gibt es Probleme im Zusammenleben, wir sind nicht alle gleich. Deshalb setze ich mich gerade im letzten Buch dafür ein, über die Gemeinsamkeiten zu sprechen. Das ist wahnsinnig wichtig, aber ebenso wichtig ist es, darüber zu sprechen, was uns trennt. Das dürfen wir nicht rechten Politikern überlassen, die ihre Politik darauf aufbauen und deren Ziel nicht Frieden ist. Im Gegensatz zu meinem Ziel – vermitteln heißt, mich für den Frieden einzusetzen.

Foto: Marija Kanizaj

Sie sind knapp vor der großen Flüchtlingswelle 2015 nach Österreich gekommen, haben inzwischen vier Bücher auf Deutsch geschrieben, gelten als Paradeintegrierter mit Popstarimage. Wie war ihre Position davor in Syrien?
Auch dort habe ich mich für den Frieden eingesetzt, was natürlich gegen die Intentionen des Regimes von Assad gewesen ist. Diese Diskussionen »Wir und die Anderen« habe ich genauso in Syrien erlebt, auch mit Syrern untereinander, etwa zwischen Sunniten und Schiiten. Dieses »Wir« beschäftigt mich sehr, wie entsteht ein »Wir«? Ich versuche durch meine Arbeit ein neues »Wir« zu schaffen: wir, die hier leben.

Sitzen Sie damit nicht zwischen allen Stühlen? Wie nachzulesen, werden Sie einerseits von Österreichern angegriffen, genauso aber von Arabern. Wie geht es Ihnen dabei?
Manchmal macht mich das traurig und verletzt mich, aber ich weiß genau, warum ich das tue, das ist meine allergrößte Inspiration. Man muss sich vorstellen: In Syrien ging ich auf die Straße, obwohl ich genau wusste, dass ich jederzeit erschossen werden kann. Auch hier weiß ich, dass ich angreifbar bin, von Europäern wie Arabern, trotzdem tue ich das und erhebe meine Stimme. Wenn ich mit Österreichern unterwegs bin, da bin ich der Araber, der Syrer, der Flüchtling, der Muslim. Wenn ich mit Arabern unterwegs bin, da bin ich der gute Integrierte, der zum Europäer geworden ist und seine Kultur abgelegt hat. Egal, was ich mache, mir wird etwas vorgeworfen, alle versuchen mich zu vereinnahmen oder schließen mich von allem aus. Insofern bin ich zwischen den Kulturen und zwischen den Stühlen.

Was bedeutet das für Ihre Identität und wo finden Sie so etwas wie Heimat?
In meinem Alltag bin ich manchmal mehr der Europäer und manchmal mehr der Araber. Das ist ganz normal, denn ich muss nicht eine Kultur ausziehen, um eine andere anzuziehen. Identität ist für mich nicht nur was ich gewohnt bin und wo ich aufgewachsen bin, sondern auch was ich im Laufe meines Lebens dazugewinne. So ist auch die Flucht ein Teil meiner Identität. Genauso wie die Welt aus der ich hergekommen bin, sowie die Welt hier, und ich weiß nicht, welche Identität ich in zwanzig Jahren dazugewonnen habe. Heimat ist in erster Linie in mir selbst. Ich konnte sie sogar im Kofferraum eines Schlepperautos quer durch Serbien finden. Auch da habe ich Heimat gefunden, in Form eines Gedichts, dass ich dort auf dem Handy geschrieben habe. In Österreich wurde mir Heimat geschenkt, auch wenn ich von den Straßen in Damaskus erzähle, fühle ich Heimat und auch wenn ich auf der Bühne bin, denn auch dort habe ich eine Stimme.

Werden Sie eigentlich noch immer auf Straße angesprochen? Sie schreiben öfter davon, dass auf Ihr Äußeres, vor allem auf Ihre Haare reagiert wird.
Ja, das ist nach wie vor so. Während meine langen Locken im arabischen Raum als unmännlich gelten, stoßen sie hier vorwiegend auf positives Interesse. Viele ordnen mich dadurch auch nicht als Araber ein.

Und wenn Sie sich dann als solcher zu erkennen geben, sind die Reaktionen sehr unterschiedlich.
So ist es, wie bei dem älteren Herren, der mich in der Herrengasse freundlich ansprach und mich für einen Spanier oder Italiener hielt. Als er von mir erfuhr, das ich Syrer bin, wandte er sich sofort ab. Im Prinzip gibt es vier Kategorien von Reaktionen: Die Ersten drehen sich beim Wort Syrien schnell weg. Die Zweiten verstricken mich sofort in politische Gespräche, die Dritten entschuldigen sich pauschal für alle Österreicher, mit denen ich schlechte Erfahrungen gemacht hätte und den Vierten ist es völlig egal, woher ich komme, die interessieren sich für mich als Mensch.

Wie fremdenfeindlich empfinden Sie Österreich im Vergleich zu anderen Ländern, etwa im arabischen Raum?
So etwas basiert fast immer auf Vorurteilen, Klischees und Stereotypen. Deshalb schreibe ich ja auch meine Bücher. In arabischen Ländern wird großer Wert auf die Gastfreundschaft gelegt und ich kenne den Umgang mit Flüchtlingen seit meiner Kindheit und habe drei Flüchtlingswellen in Syrien erlebt. Die erste nach dem Irakkrieg im Jahr 2003. Die Iraker waren leicht zu erkennen an der dunkleren Haut und ihrem Dialekt. Ähnlich wie Deutsche oder Schweizer wegen der Aussprache in Österreich. Die Syrer waren stolz darauf, ihren Nachbarn zu helfen und spendeten auch Geld, Kleidung oder stellten ihre Häuser zur Verfügung. Genau wie die Österreicher. Als dann Lebensmittel und Mieten teurer wurden, gab man aber den Irakern die Schuld, denn sie kamen oft mit ausreichend Geld ins Land. Ausgenutzt wurde dies aber durch die Syrer. Nach dem Libanonkrieg 2006 sorgte der »gemeinsame Feind Israel« für Mitgefühl. Die dritte Welle erlebte ich 2011 als wir vor den Geheimdienstleuten von Assad von unserem Haus in einem Vorort hinein nach Damaskus geflohen sind. Mein Elternhaus wurde völlig zerstört. Auch hier explodierten die Preise und wir waren als Fremde schuld. Flüchtlinge sind immer Fremde, sogar im eigenen Land.

Foto: Marija Kanizaj

Ihre Flucht führte Sie schließlich in die Türkei, wo Sie versucht haben, sich eine neue Existenz auszubauen. Wie erging es Ihnen dort?
Im Vergleich zu Österreich gibt es dort kein Sozialsystem, das Flüchtlinge unterstützt. Um zu überleben, musst du dort arbeiten, aber als mittelloser Flüchtling bist du dort ein Mensch zweiter Klasse ohne Rechte. Du bekommst nur die schlechtesten Jobs und nur einen Bruchteil des üblichen Lohns. Als Flüchtlig war es mir nicht erlaubt, ein selbständiges Geschäft anzufangen, was ich machen wollte, weil ich ein guter Verkäufer bin. Ähnlich ergeht es Syrern auch in Jordanien und im Libanon. Hier in Österreich gibt es Institutionen an die man sich wenden kann – bis hin zu Frauenhäusern. Diese Art von menschlicher Hilfe ist in arabischen Ländern undenkbar. Auch darum kann ich Freiheiten, die Österreich seinen Menschen bietet, vermutlich mehr schätzen als jene, die hier geboren und aufgewachsen sind. Deshalb kann ich auch die Unzufriedenheit, die ich immer wieder erlebe, nur schwer verstehen.

Was sagen Sie einem österreichischen Steuerzahler, der Geflüchteten vorwirft, das Sozialsystem auf seine Kosten auszunutzen?
Zunächst sollte klargestellt werden, dass die Sozialleistung des Staates mit 150 Euro pro Monat begrenzt ist. So etwas wie Mindestsicherung kann es nur geben, wenn ein positiver Asylbescheid vorliegt und das kann sehr lange, manchmal sogar Jahre dauern. In dieser Zeit darf der Flüchtling auch nicht arbeiten. Dieser Umstand wiederum befeuert das Vorurteil des »faulen Flüchtlings«. Aber man muss immer beide Seiten sehen. Auch in der arabischen Community gibt es Vorurteile, die genauso wenig berechtigt sind. Vom Staat überwiesenes Geld fühlt sich für einen Syrer wie eine Bezahlung an oder bei manchen wie eine Entschädigung. Das Misstrauen gegenüber dem Westen sitzt tief und wurzelt auch im Kolonialismus der Vergangenheit. Auch hier gilt: Wer Vorurteile mitbringt, hält auch nichts von Integration und es ist immer leicht, durch Ausreden seine eigene Bequemlichkeit zu unterstützen.

Was ist Ihr Verständnis von Integration?
Den plakativen Vorurteilen wie »feig, faul und frauenfeindlich« gegen die arabische Community entsprechen ja etwa mit »rassistisch, verweichlicht und ungläubig« ebenso plakative Vorurteile gegen die westliche Welt. Europa mag seinen Teil zu den syrischen Problemen beigetragen haben, aber es sind dennoch syrische Probleme, unsere Probleme, wir müssen selbst Lösungen finden. Vorurteile und Schuldzuweisungen sind die Feinde jeglicher Integration. Was bedeutet Integration überhaupt, die letztlich nirgends definiert ist? Ich fordere lieber Toleranz und Akzeptanz seitens der Österreicher und der Araber, soweit das unsere Sicherheit und unser Wohlbefinden nicht gefährdet. Deshalb finde ich Aufklärung und Bildung so wichtig, das sind sozusagen Grundvoraussetzungen. Wichtig ist das Reflektieren darüber: Lebe ich hier wirklich im Feindesland, das nichts als Verwüstung und Schrecken über die arabischen Länder gebracht hat? Nein, ich lebe in Österreich und Europa, wo sie Probleme haben mit Migranten wie mir. Sie machen es uns oft nicht leicht, der Weg zu einer Arbeitserlaubnis ist beschwerlich, das Geld für Deutschkurse wird gekürzt und es gibt Menschen mit rassistischem und rechtsextremem Gedankengut. Ja, es gibt Missstände und ein Wandel muss her, aber gleichzeitig bietet Österreich alle Voraussetzungen, um sich ein gutes Leben aufzubauen. Bis hin zu medizinischer Versorgung und rechtlichem Beistand. Das habe ich weder in Syrien noch in der Türkei. Hier ist Sicherheit möglich. Darüber gilt es zu reflektieren, wenn wir über Integration sprechen.

Foto: Marija Kanizaj

Wie erleben Sie die österreichische Politik? Sie scheinen hin- und hergerissen zwischen »Links« und »Rechts«, zwischen liberalen und konservativen Strömungen.
Ich sehe, dass rechte Politik Flüchtlingen und Migranten vor allem auf ihre Fehler reduziert, während sich linke Politik meist gar nicht erst traut, Probleme innerhalb von migrantischen Communitys anzusprechen. Denn zu groß ist die Angst, damit den Rechten in die Hände zu spielen. Das erscheint nicht völlig unbegründet, treibt auf längere Sicht die Wähler aber erst recht in die Hände der Rechten. Gerade die sogenannten Bildungsbürger, die schnell die Nazikeule gegen ihre Landsleute schwingen, verurteilen Kritik an der arabischen Community schnell als islamophob und rassistisch. Als wären wir Geflüchtete nur Opfer, die für ihr Tun keine Verantwortung übernehmen können. Dabei meinen sie es natürlich gut und haben damit recht, dass Minderheiten unter oft einer ungerechten Vorverurteilung leiden. Aber Fehler zu machen ist menschlich, das sollte man auch Minderheiten zugestehen, damit sie auch Verantwortung übernehmen. Für derartige Aussagen werde ich sowohl von Österreichern wie auch von Arabern oft kritisiert, aber dazu stehe ich.

Sie sagen, dass Sie einen »Europäischen Islam« für notwendig erachten. Ist das auch realistisch?
Meiner Meinung nach schon. Wenn Sie vergleichen, welcher Islam in diesem Land und welcher in jenem Land gepredigt wird, wie er wo gelebt wird, so lassen sich große  Unterschiede und Tendenzen feststellen. Man sieht, dass sich der Islam entwickeln kann, daher bin ich davon überzeugt, dass er als friedliche Religion jedenfalls auch kompatibel ist mit Werten wie Demokratie, Menschenrechten oder auch Feminismus. Viel wichtiger als die Frage, ob am Freitag ein Muezzin fünf Minuten zum Gebet rufen darf, ist also die Frage, was in den Moscheen gepredigt wird. Welchen Islam haben wir in Europa und welchen wollen wir? Die muslimische Community muss unser neues Leben hier als Möglichkeit begreifen, innerhalb von Demokratien mit Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit, in denen gegen Geschlechterungerechtigkeit und sexuelle Unterdrückung gekämpft wird, an einem Islam zu arbeiten, der all diese demokratischen Werte auch als seine Werte begreift. Das wünschen sich nach meiner Erfahrung viele Muslime, denn sie wissen, dass nur so ein friedliches Zusammenleben möglich ist.

Herr Alanam, vielen Dank für das Gespräch.

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Omar Khir Alanam wurde am 13. Mai 1991 in Syrien geboren und floh 2013 vor dem Assad-Regime zunächst in den Libanon, dann in die Türkei und über die Balkanroute nach Österreich. Als auf Deutsch schreibender Autor hat er bereits vier Bestseller verfasst: »Danke!« 2018, »Sisi, Sex und Semmelknödel« 2020, »Feig, faul & frauenfeindlich« 2021 sowie den Gedichtband »Auf der Reise im Dazwischen« (vergriffen). Er begann als Poetry-Slammer und leitet heute Workshops, bei denen er vorwiegend mit Jugendlichen etwa über das Thema Integration diskutiert und Schreibwerkstätten anbietet. Alanam hat einen Sohn und lebt in Graz. omarkhiralanam.com

Fazitgespräch, Fazit 180 (März 2022), Fotos: Marija Kanizaj

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