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Nehmen Sie Platz!

| 2. Mai 2022 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 182, Serie »Erfolg braucht Führung«

Über das genussvolle Verweilen im Kaffeehaus. Ein Gespräch von Carola Payer mit Waltraud Merkl, der Betreiberin des Café König in der Grazer Innenstadt.

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Platz nehmen, entspannen und sich verwöhnen lassen – bei einem kleinen Braunen, Kuchen, Frankfurter oder Toast im Grazer Kaffeehaus König in der Sackstraße. Dort erlebt man noch ein Stück Lebensgefühl, das in ganz Österreich schon seit dem 17. Jahrhundert seine Anhänger hat. Traditionell traf man sich immer schon gern im Kaffeehaus nicht in erster Linie, um Kaffee zu trinken, sondern um Zeitung zu lesen und sich auszutauschen. Auch Schach und Karten spielen war neben dem süßen Nichtstun beliebt. Dabei saß man auf weich gepolstertem Samt oder auf Thonet-Stühlen an Marmortischen. Die anderen Gäste waren oft Künstler, Literaten und Intellektuelle, die das Kaffeehaus als zweites Wohnzimmer nutzten; manche ließen sich sogar die Post ins Stammlokal schicken. Zunächst waren Kaffeehäuser nur Männern vorbehalten, Frauen erhielten erst 1856 Zutritt. Frau Waltraud Merkl, meist von ihren Kunden mit »Frau König« angesprochen, ist eine Grazer Institution. Sie führt das Lokal in dritter Generation seit 1999. Die Tochter hat Architektur studiert, ist parallel in den Betrieb hineingewachsen und wird in vierter Generation das Lokal weiter betreiben. Das freut die Mutter besonders: »Ich bin tief und innig mit diesem Kaffeehaus verwurzelt. Es ist mein Beruf und mein Hobby. Ich habe mit fünfzehn Jahren hier zu arbeiten begonnen und die Frage nach was anderem hat sich mir nie gestellt. Daher freue ich mich sehr, dass meine Tochter Lust hat, das Lokal weiterzuführen.«

Tradition und Nachhaltigkeit
Das Café König ist ein Kaffeehaus der alten Tradition: Bezahlung an der Kassa, Einrichtung rustikal, gemütlich, seit Jahren unverändert. Waltraud Merkl: »Wir haben sehr hochwertige Tischlerarbeiten, die erhaltungswürdig sind. Außerdem wollen wir uns vom Modernen abheben. Ich bin total für Nachhaltigkeit und stelle fest, dass die Jugend das immer mehr schätzt. Die Kassa an der Vitrine hat sich bewährt und macht bei unserer Größe total Sinn. Viele Bestellungen passieren beim Reingehen des Gastes ins Lokal. Dann bringen wir ihm die ausgewählten Speisen und Getränke an den Tisch. Unsere Kunden schätzen das, weil sie nicht warten müssen und schnell bedient werden.« Damit es gemütlich ist, will Waltraud Merkl den Wohnzimmercharakter, klein, fein, ein wenig nostalgisch, erhalten. Auch das Angebot an Speisen und Getränken bleibt traditionell. Es gibt immer eine kleine, feine, aber ausgefallene Vitrine mit Süßem. Der Konditoreicharakter muss aus ihrer Sicht erhalten werden. Waltraud Merkl: »Hierfür pflegen wir langjährige Partnerschaften mit unseren Lieferanten.« Kaffee mit Toppings, wie in der Systemgastronomie, werden nicht nachgefragt, Milchvarianten und »Coffee to go« wurden ins Programm integriert.

Die persönliche Begegnung hat Wert
Waltraud Merkl startet auch bei unserem Interview immer wieder weg und begrüßt und verabschiedet die Gäste persönlich. Waltraud Merkl: »Wir gehen auf unsere Kunden durch die individuelle und persönliche Ansprache ein und pflegen die traditionelle Kaffeehaustradition des Austausches. Dieser wird immer mehr gesucht und bei uns auch gefunden. Das Café König ist und lebt österreichische Kaffeehauskultur. Ich habe sehr viele Stammkunden, etwa 60 Prozent, der Rest ist Laufkundschaft. Es kommen immer mehr junge Menschen. Die breite Palette an Kunden macht enorm Spaß. Sehr viele Gäste sind aus der Kunst und Kulturszene. Vormittags haben wir die meiste Arbeit. Da kommen Berufstätige aus dem Umfeld, Menschen, die für Besorgungen oder Termine kurz in die Stadt kommen, und jene, die zufällig ins Lokal stolpern. Am Samstag bewirten wir auch viele Touristen.«

Mitarbeiter bringen Mitarbeiter
Waltraud Merkl: »Die Mitarbeiter müssen unser Traditionskonzept verstehen. Die Lust zur Kommunikation und die Freude an Menschen ist wichtig. Ich gehe gut mit meinen Mitarbeitern um. Ich fordere Leistung, aber der Mitarbeiter soll sich bei uns wohl fühlen. Wie mit den Kunden ist auch bei Mitarbeitern der persönliche Austausch sehr wichtig. Ich habe immer langjährige Wegbegleiter in meinem Lokal. Die Studenten, die bei mir arbeiten, werden immer gut eingeschult, und wenn sie dann gehen, empfehlen sie wieder neue Mitarbeiter weiter. Die meisten sind relativ lange da und sehr loyal, fleißig und flexibel!«

Kleines Königreich Café König
Waltraud Merkl: »Es ist mein Haus, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin in diesem Haus geboren und aufgewachsen und arbeite seit dem fünfzehnten Lebensjahr hier. Ich will den Menschen hier ein Stück Lebensqualität und eine heile Welt bieten, wo man das Schlechte, Stressige auf der Straße lassen kann. Der Spaß und die Ansprache stehen im Vordergrund. Das soll immer so bleiben. Hier hat sich schon so viel ereignet. Eine Frau hat zum Beispiel fast in meinem Lokal ein Kind bekommen.« Das Café König, ein Ort, an dem Zeit, Raum und Austausch konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht. Ein Kaffeehaus muss man erleben, um es verstehen zu können. Im Kaffeehaus herrscht ein ganz eigenes Ambiente. Weil die Kaffeehaus-Kultur so markant und voller Geschichten ist, hat die Unesco sie 2011 zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Und wir erklären »Frau König«, die am gleichen Tag wie »der Hawelka« Geburtstag hat, zur Grazer Kaffeehausinstitution.

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Foto: Marija KanizajDr. Carola Payer betreibt in Graz die »Payer und Partner Coaching Company«. Sie ist Businesscoach, Unternehmensberaterin und Autorin. payerundpartner.at

Fazit 182 (Mai 2022), Fazitserie »Erfolg braucht Führung« (Teil 49)

 
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