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Von sanften Maschinen und grantigen Körperteilen

| 9. Juni 2022 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 183, Kunst und Kultur

Foto: Georg Petermichl

Die Eröffnung der 59. internationalen Kunstausstellung der Biennale Venedig 2022 ist geschlagen. In den nächsten Monaten kann man sich noch davon überzeugen lassen, ob sich die Reise in ein (leider wieder) heillos überfülltes Venedig gelohnt hat. Soviel vorweg, es lohnt sich!

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Das Wetter war gnädig bei der Eröffnung des österreichischen Pavillons und gnädig war auch die Stimmung. Denn sehr entspannt gestaltete sich der Umgang mit den beiden Kunstschaffenden Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl. Als Duo arbeiten sie seit Jahren an Themenstellungen, die gesellschaftlich breit diskutiert werden. Anlässlich des Auftritts bei der letzten Documenta durften wir schon hoffen, dass in noch höhere Sphären vorgestoßen wird – und es wurde.

Kollektiv in Höchstform
Unter dem Titel »Invitation of the Soft Machine and Her Angry Body Parts« konzipiert das Duo Rauminstallationen, in denen sich ihr gesamter künstlerischer Kosmos ausbreitet. Das Pendeln zwischen Malereien, Skulpturen und Fotografien, über Textilarbeiten, Schrift und Video ist natürlich ein Drahtseilakt. Zusammengehalten wird dieser Akt durch die intensive inhaltliche Auseinandersetzung mit körperlicher Identität. Jetzt »mag« man ein wenig vorverurteilend anmerken, dass »man« hier auf einen schon recht flott fahrenden Zug aufspringt. Natürlich tut »man« das, allerdings ist es wohl so, dass das Kollektiv bereits seit Jahren in diese Richtung arbeitet und unter Kuratorin Karola Kraus im diesjährigen Pavillon zur Höchstform aufläuft. Hinter mehr oder weniger versteckter Modekollektion und einer Publikation in Form eines Magazins verbirgt sich eine kluge und Gott sei Dank nicht affirmative Auseinandersetzung mit dem Thema Gender im Allgemeinen und dem Teilspezifikum Identitätskonstruktion im Besonderen.

»Die Installation ist von einer dynamischen Gegenüberstellung bzw. Verschränkung von verschiedenen, zueinander paradox anmutenden Räumlichkeiten, Stilen und piktogrammartigen Symbolen gekennzeichnet, die alle mit ihren jeweiligen Mitteln die Aufmerksamkeit der BesucherInnen erhaschen wollen. Diese wiederum werden zu ProtagonistInnen in diesem Stück und setzen die Szenerie mit ihren Körpern in Bewegung«, so Karola Kraus, Chefin des mumok und auch Kuratorin des Pavillons ist.

Begehbares Selbstporträt
So erweist sich ein Teil der Installation Ashley Hans Scheirl als begehbares Selbstporträt einer Malerin. Wie in der Szenerie eines Theaters staffeln sich flache Kulissenelemente, die gleichzeitig die Schichten dieser aufgeklappten Malerei sind. Diese Szenerie besteht aus architektonischen Interventionen, Malereien, Tapeten und Objekten aus verschiedenen Materialien. Es ist faktisch eine betretbare, zugängliche Malerei und gleichzeitig eine Theaterbühne, die in den Zuschauerraum versetzt wird.

Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer ergänzt anlässlich der Eröffnung: »Mutige und reflektierte künstlerische Beiträge wie der im österreichischen Pavillon der Biennale di Venezia 2022 schulen unser Auge und unseren Geist, unser Verständnis von der Welt und den herrschenden Zuständen.« Ganz so ist es ja nicht, dass Kunst irgendetwas oder irgendjemanden schult, da sie ohnehin nur von jenen gesehen wird, die sie sehen, der Rest lässt sich auch nicht schulen.

Über Transgender …
Und sonst so? Neben der gesamten zentralen Ausstellung, die von Cecilia Alemani auf dem Gelände der Gardini kuratiert wurde, sind wohl folgende Pavillons der Länder einen intensiveren Besuch wert und attraktiv.
Francis Alÿs etwa bekam für seinen belgischen Pavillon eine Menge Vorschusslorbeeren, und er enttäuscht die Erwartungen nicht. Der studierte Architekt Alÿs ist vor zwanzig Jahren nach Mexiko-Stadt gezogen, um nach dem verheerenden Erdbeben von 1985 Aufbauarbeit zu leisten und er ist geblieben. Mittlerweile verschrieb er sich der Stadt als Künstler, der diese in immer neuen Anläufen kartografiert. Seine mehrteilige Videoarbeit »The Nature of the Game« im Pavillon kann durchaus als poetisch bezeichnet werden. Im Stile eines vergleichenden Anthropologen filmte der Künstler Kinder aus verschiedensten Gegenden der Welt beim Spielen. Auf hohen Videowänden betrachten wir Kinder in Afrika, die singend und tanzend einen Mosquitoschwarm in Schach halten oder eine kleine Schar im Irak, die ohne Ball Fußball spielt. Zum Gesamtkunstwerk zählen zudem kleinformatige Gemälde. Ein anrührender Blick auf die Resilienz von Kindern und Facetten des Menschseins.

Der slowenische Beitrag im Arsenale zeigt vorbildlich, wie man den Malereibegriff gekonnt und ergriffen in Szene setzt. Gewidmet ist er dem Maler Marko Jakše, den der Autor dieser Zeilen schon selbst kuratieren durfte. Der 1959 in Ljubljana geborene verfolgt seit dreißig Jahren seine ganz eigene künstlerische Vision als Maler. Auch das ist revolutionär. Die Wände des Beitrags sind in schwarzes Tuch gehüllt, sodass der Fokus ganz auf den hervorragend beleuchteten Gemälden liegt, die – Kirchenfenstern gleich – geradezu von innen heraus zu strahlen scheinen. Sie zeigen eine surreale Welt aus gepfählten Kühen, klagenden Eisbären und bedrohlichen Kaninchen, die auch gut in Cecilia Alemanis Hauptausstellung »The Milk of Dreams« gepasst hätte. Er hätte sich mehr Aufmerksamkeit verdient, der slowenische Beitrag, wahrlich!

Mit Transgender und Kolonialismus in der Kunstgeschichte geht der neuseeländische Pavillon gleich zwei momentan global präsente Themen auf geradezu spielerische Weise an. Und er steht zugleich für einen Trend der diesjährigen Biennale, nämlich die indigene Bevölkerung des jeweiligen Landes zu Wort kommen zu lassen, wie es etwa auch der nordische Pavillon mit seinen Sami-Künstlerinnen und -Künstlern tut. » ,…‘ live matters!« scheint die Schablone zu lauten. Zutreffendes bitte einsetzten.

… zurück zu den Wurzeln
Die US-Amerikanerin Simone Leigh ist die Künstlerin der Stunde auf der Biennale 2022. Mit einer ihrer überlebensgroßen Büsten, »Brick House« von 2019, beginnt der Rundgang der Hauptausstellung im Arsenale, und sie bespielt den Pavillon der USA auf dem Giardini-Gelände mit einer Reihe weiterer monströser Arbeiten. Unter dem Titel »Sovereignty« eröffnet sich hier die Erfahrungswelt schwarzer Frauen sowie eine Synthese afrikanischer Kunsttradition und europäischer Moderne.

Dass die Arbeit des Ukrainers Pavlo Makov dieses Jahr in Venedig zu sehen ist, ist eine wichtige Randnotiz der Geschichte. Mag es Ausdruck von Mut und Entschlossenheit sein, mag es Kalkül sein. Die Kuratorin Maria Lanko schaffte Fragmente des »Brunnen der Erschöpfung«, so der Titel, in den ersten Kriegstagen mit ihrem privaten Auto aus dem umkämpften Kiew nach Italien. Die Kokuratorin Lizaveta German floh erst später und dazu hochschwanger aus Kiew, bekam in Lwiw ihr erstes Kind und ist gerade rechtzeitig zur Eröffnung eingetroffen. Ein stilles Werk im Stil der Arte povera, entstanden in den Neunzehnneunzigerjahren und seit mehr als zwei Jahrzehnten in unfertigem Zustand, ist er jetzt ein Mahnmal geworden. Der russische Pavillon selbst bleibt geschlossen und wird von Sicherheitskräften bewacht, eine Sozialskulptur.

Im Großen und Ganzen ist die diesjährige Biennale wieder verstärkt zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Man hat den Eindruck, Corona hatte etwas Gutes. Die Themenlagen sind griffiger, die Aussagen sind aussagekräftiger. »Kunst« als Kunst scheint sich eine wenig vom eingeschlichenen L’art pour l’art-Gedanken erholt zu haben und macht wieder mehr in Richtung gesellschaftspolitischer Relevanz.

Deutscher Pavillon
Der ganz persönliche Sieger des Autors ist der deutsche Pavillon. Die wunderbare Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn überrascht mit Fragestellungen nach Architektur, Historizität und Eigentum. So bleibt der Pavillon wie schon im letzten Jahr zur Zeit der Architekturbiennale weitgehend kahl. »Relocating a Structure« heißt das Projekt, und es besteht aus verschiedenen Komponenten. Das ist Eichhorn wichtig. Sie ist eine Konzeptkünstlerin, für die Kunst ein Prozess ist. Eine Auseinandersetzung mit einem Problem. In diesem Fall ist das Problem zunächst einmal der Ausstellungsort und seine Geschichte. Manche werden abwinken: Das gab es doch schon vielfach, das Abarbeiten am Deutschen Pavillon, der 1909 zunächst als Bayerischer Pavillon errichtet worden war, den die Nationalsozialisten anschließend ins Monumentale erweiterten. Die Künstlerin organisiert zudem Stadtführungen durch das Venedig der Partisanen und der Judendeportationen, um auch diese deutsch-venezianische Geschichte auszuleuchten. Alles wie gehabt? Das Angenehme: Das Gebäude ist weitgehend leer und wirkt durch seine Wuchtigkeit am, ja, am schönsten. Einer evangelischen Kirche gleich. Ein Ort der Beglückung. Während sich die Besucher vor dem Nachbarn Großbritannien und Frankreich die Beine in den Bauch stehen, ist der deutsche Beitrag geradezu ein Labsal für die wunden Augen im Allgemeinen und sämtliche restlichen müden Sinne im Speziellen. Das Abarbeiten an deutscher Geschichte selbst mag mittlerweile fadisieren, die Ruhe in den Räumlichkeiten tut das Gegenteil und bereitet auf den schönsten Spot der Gardini vor: das kleine Buffet neben den Deutschen mit dem wunderbaren Blick unter den Pinien auf das venezianische Meer. Ein Ort, auf den man sich Jahr für Jahr aufgrund seiner Ruhe am meisten freut.

Der Grazer Kunstverein wurde 1986 von Peter Pakesch und dem Kulturpolitiker Helmut Strobl als gemeinnützige Institution gegründet. Er versteht sich als eine Plattform für Produktion, Ausstellungstechnik und Vermittlung zeitgenössischer Kunst.   grazerkunstverein.org

Alles Kultur, Fazit 183 (Juni 2022), Foto: Georg Petermichl

 
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