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Ökonom und Klimaschützer

| 5. Juli 2023 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 194, Fazitgespräch

Foto: Jacqueline Godany

Christian Helmenstein ist Chefökonom der Industriellenvereinigung, Wissenschaftsunternehmer und Universitätsprofessor. Seine Analysen liefern der österreichischen Industrie Grundlagen für ihre Forderungen an die Politik. Und sie zeigen Wege auf, wie Krisen überwunden werden können.

Das Gespräch führten Andreas Pankarter und Johannes Tandl.
Fotos von Jacqueline Godany.

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Mit seiner Expertise schafft es Christian Helmenstein bei einschlägigen Rankings regelmäßig unter die Top Ten der wichtigsten österreichischen Ökonomen. Als gnadenloser Optimist sucht er Möglichkeiten, Erfordernisse der grünen Transmission mit ökonomischen Notwendigkeiten in Einklang zu bringen. Das macht den Chefökonomen der Industriellenvereinigung zum begehrten Keyote-Speaker.

Dort, wo andere Gefahren und Risiken sehen, findet er Herausforderungen und Gelegenheiten. Gemeinsam mit seinem 110-köpfigen Team hat er den »Cognion Forschungsverbund« mit dem »Economica-Institut« zum größten nichtsubventionierten Wirtschaftsforschungsinstitut des Landes gemacht. Helmenstein lehrt an der Privatuniversität »Schloss Seeburg« in Seekirchen am Wallersee Volkswirtschaftslehre. Und er ist Mitglied des Generalrats der Österreichischen Nationalbank.

Das zwingt ihn zur Zurückhaltung bei Aussagen zum Zinsausblick. Seine Analysen zur Klimapolitik sind treffsicher und überzeugend. Dabei befürchtet er, dass wir das Etappenziel 2030 auf dem Weg zur Klimaneutralität vor allem wegen der langen Genehmigungsverfahren verfehlen werden.

***

Herr Helmenstein, wir haben gerade die achte Zinserhöhung erlebt. Wie lange kann die EZB, Ihrer Meinung nach, diese Politik noch fortsetzen? Und wie kriegsabhängig ist unsere Inflation tatsächlich?
Eine adäquate Therapie benötigt zuerst eine zutreffende Diagnose. Was also ist die Ursache für die Inflation? Wir tragen bereits seit der Lehman-Krise einen zu weit geschnittenen Geldmantel, und der wurde im Prinzip immer weiter statt enger. Im Gefolge der Eurokrise 2012 hat die EZB die Märkte sodann noch weiter mit Liquidität geflutet. Meine Modellrechnungen zeigen, dass es aber nicht die Leitzinspolitik per se war, die zur derzeitigen Inflation geführt hat, sondern die Fortführung der ultraexpansiven, unkonventionellen Geldpolitik über einen zu langen Zeitraum hinweg und in einem zu großen Umfang.

Also das Anleihekaufprogramm zugunsten finanziell schwächerer Euroländer …
Ja, hinzu kamen die langfristigen Refinanzierungsgeschäfte; bei den Anleihekäufen selbst ist noch einmal zwischen Corporate Bonds [Anmerkung: Unternehmensanleihen] und Sovereign Bonds [Anmerkung: Staatsanleihen] zu differenzieren.

Warum ist die Inflation nicht schon viel früher durch die Decke geschossen?
Solange der enorme Liquiditätszuwachs im Bankensystem geblieben ist oder sich »nur« im Vermögenssektor auswirkte – denken wir etwa an die gestiegenen Immobilienpreise oder die enorm teuren Anleihen mit entsprechend niedrigen Renditen –, stellte sie für die Güterpreise kein Problem dar. Erst in dem Moment, als Angebotsverknappungen infolge der Covid-Krise aufgetreten sind, wirkte sich die Liquiditätsschwemme dergestalt aus, dass große Spielräume für Preiserhöhungen entstanden, die genutzt wurden.

Foto: Jacqueline Godany

Und der Krieg hat das dann verschärft?
Die Inflation lag zu Beginn des Ukraine-Kriegs, im März 2022, bei rund fünf Prozent, denn bereits während der Pandemie entstand eine Kluft zwischen Angebot und Nachfrage. Durch den Krieg mit Lieferkettenunterbrechungen und Auswirkungen auf die Energiepreise ist die Situation noch einmal deutlich verschärft worden. Die steigenden Preise haben nach den Vermögensmärkten sodann auch die Gütermärkte erfasst.

Und wie wirken sich die aktuellen Zinserhöhungen auf die Geldmenge aus?
Der Jahresabschluss der EZB weist immer noch eine erhebliche Bilanzverlängerung [Anmerkung: Aktiva und Passive steigen ohne Auswirkung auf den Erfolg gleichermaßen] aus. Die Geldmenge stagniert inzwischen und ging zuletzt sogar leicht zurück, aber der mitgezogene Liquiditätsüberhang ist erst einmal über höhere Preise zu absorbieren.

Die Zinspolitik muss also so weitergehen?
Eine gelingende Geldpolitik ist nicht nur Ausdruck von Wissenschaft, sondern auch von Kunst. Und zwar der Kunst, Erwartungen der Marktteilnehmer in stabilitätsorientierter Weise zu beeinflussen. In meiner Wahrnehmung versucht die EZB eine Gratwanderung, indem sie die Zinsen zur Eindämmung der Inflation moderat erhöht, zugleich aber die Tragfähigkeit der Staatsverschuldung zu gewährleisten versucht.

Aber sind wir nicht bereits in einer Rezession?
Die europäische Wirtschaft befindet sich in einer Stagnationsphase. Das ist insofern bemerkenswert, als die Lieferkettenunterbrechungen und die Energiepreisexplosion im Kontext des Kriegs in der Ukraine durchaus das Potenzial für eine weitere konjunkturelle Großkrise in sich bargen.

Wie beurteilen sie die Antiteuerungsmaßnahmen der Regierung?
Ohne das massive fiskalpolitische Gegensteuern der europäischen Staaten befänden wir uns jetzt nicht in einer Stagnationsphase, sondern nach Lehmann und Covid in einem dritten Rezessionstief. Insofern waren die Stabilisierungsmaßnahmen durchaus erfolgreich.

Wie wirkt sich das auf die zukünftige Inflation aus?
Die EZB erwartet während der kommenden beiden Jahre einen deutlichen Rückgang der Kerninflation.

Das Zweiprozentziel lebt also noch?
Wir werden uns wieder in diese Richtung entwickeln. Grundsätzlich bin ich allerdings der Überzeugung, dass auch zwei Prozent Inflation zu hoch sind. Bei zwei Prozent Inflation pro Jahr nimmt die Kaufkraft einer Geldeinheit innerhalb einer Generation um 45 Prozent, grosso modo also um die Hälfte ab. Preisstabilität ist bei null Prozent gegeben und nicht bei zwei Prozent.

Aber aus Sicht der EZB ist eine zu niedrige Inflation doch ähnlich schädlich wie eine zu hohe …
Meiner persönlichen Ansicht nach ist selbst ein Inflationsziel von zwei Prozent vor dem Hintergrund strukturell wirkender Preisauftriebsfaktoren durchaus ambitioniert.

Wie hoch werden die Zinsen also noch steigen?
Das Maß für den von den Kaptalmarktteilnehmern erwartete Zinshöhepunkt ist die sogenannte »Terminal Rate«. Die kann man zwar messen, sie verhält sich aber mitunter sprunghaft. Als die Fusion von UBS und Credit Suisse bekanntgegeben wurde, ist sie kurzzeitig sogar auf ein Niveau unterhalb des damals herrschenden Leitzinsniveaus gefallen. Die EZB hat sich davon nicht beirren lassen. Ihre folgende Zinserhöhung drückt aus, dass sie dem Ziel der Preisstabilität verpflichtet ist. So ist auch die letzte Zinserhöhung einzustufen, insbesondere da die Leitzinsen noch unter der aktuellen Kerninflationsrate liegen [Anmerkung: im Mai: 5,3 Prozent].

Jetzt sehen wir uns zwar seit einem Jahr mit fallenden Energiepreisen konfrontiert. Trotzdem beträgt unser Energiepreisniveau ein Vielfaches des amerikanischen oder des asiatischen. Sind die Energiepreissubventionen für die Unternehmen ausreichend, um im Wettbewerb bestehen zu können?
Sie sind eine wesentliche Hilfe für die energieintensive Industrie. Unternehmen mit Inlandsausrichtung ohne einen nennenswerten Wettbewerb durch Anbieter aus Drittländern haben ein viel geringeres Problem als die international exponierte Industrie, die gegen globale Mitbewerber bestehen muss. Die große Herausforderung für den Standort Österreich ist also, dass wir die energieintensive Industrie und die damit verbundenen Wertschöpfungsnetzwerke nicht verlieren dürfen, indem sich ein Gaspreisniveau etabliert, das beim vier- bis fünffachen des US-amerikanischen liegt. Dass kann die energieintensive Industrie Europas auf Dauer nicht aushalten.

Die energieintensive Industrie ist also kaum zu halten?
In Deutschland wurde wegen der hohen Gaspreise zum Beispiel die Ammoniakherstellung zurückgefahren. Sie wird bei dieser Energiepreisrelation nicht mehr zurückkehren. Dadurch kann auch die weiterverarbeitende Industrie am Standort in Probleme geraten. Das ist eine wirkliche Bedrohung für Europa als Industriestandort und damit den Wohlstand der Gesellschaft.

Müssen die Energiepreise für die energieintensive daher dauerhaft vom Steuerzahler gestützt werden?
Das ist das in Deutschland diskutierte Modell eines Industriestrompreises von sechs Cent. Das Problem dabei ist jedoch, dass sich dadurch die Wettbewerbsposition aller anderen europäischen Staaten, die bei diesen Subventionen nicht mithalten können oder aus ordnungspolitischer Überzeugung heraus nicht mithalten wollen, erheblich verschlechtert.

Welchen Ausweg gibt es aus diesem Dilemma?
Es gilt, bei der Erschließung sämtlicher Formen erneuerbarer Energie so rasch wie möglich voranzukommen, um von fossilen Energieimporten möglichst unabhängig zu werden.

Halten Sie es für denkbar, dass Europa bis 2050 vollständig klimaneutral wird?
Ich bin optimistisch, dass wir über die Technologien verfügen werden, um diese Zielmarke zu erreichen, fürchte aber, dass wir sie trotzdem verfehlen werden; und zwar wegen der langen Vorlaufzeiten für die Implementierung der grünen Transformation auf Projektebene. Die Blockaden entstehen längst nicht mehr durch Konflikte zwischen Ökonomie und Ökologie, sondern aufgrund widerstreitender ökologischer Interessen.

Die Naturschützer gegen die Klimaschützer …
Die grüne Transformation geht nicht ohne Eingriffe in die Ökosysteme. Rohstoffe müssen gewonnen, Stahl und Beton produziert, Energieerzeugungsanlagen, Trassen und Speicher errichtet werden, die Bodeninanspruchnahme fällt dementsprechend nicht vernachlässigbar gering aus. Wenn die Erreichung der Klimaziele scheitert, dann nicht am Investitionsinteresse oder an der Technologiekompetenz, sondern an intraökologischen Zielkonflikten.

Das gemeinsame Klimaschutzcommitment reicht also nicht aus?
Allein um die Ziele des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes bis 2030 zu erreichen, sind über 50 Milliarden Euro in Österreich zu investieren. Das käme einer Verdopplung der gesamten Industrieinvestitionen gleich. Neben den langen Genehmigungsverfahren sind außerdem noch Kapazitätsengpässe in der Produktion und Beschäftigtenengpässe in der Implementierung zu überwinden. Eine seriöse Prognose, bis wann wir klimaneutral sind, vermag ich daher schlichtweg nicht abzugeben. Die Leitlinie kann nur lauten: Schnellstmöglich genehmigen und ehestmöglich die Orders platzieren, um zumindest einen Teil des Weges bis 2030 zurückzulegen.

Foto: Jacqueline Godany

Jetzt gibt es nicht nur den europäischen CO2-Zertifikatehandel, sondern auch den österreichischen CO2-Preis für Endverbraucher, um die Marktteilnehmer zum Umstieg zu bewegen. Die Industriezahlt derzeit etwa 85 Euro je Tonne CO2. Beschleunigt das die Dekarbonisierung?
Die Industrie unternimmt enorme Anstrengungen, um fossile Energieträger zu ersetzen, weil die CO2-Zertifikate durchaus markante Kostenbelastungen darstellen.

Jetzt zahlen auch die Endverbraucher einen CO2-Preis. Derzeit beträgt er 36 Euro inklusive Mehrwertsteuer je Tonne und in vier Jahren wird er bei 80 Euro liegen. Ist dieser Lenkungseffekt immer noch nicht ausreichend?
Die Herausforderungen liegen nicht im Sektor Industrie. Vielmehr liegt die Sanierungsrate bei Gebäuden derzeit in einer Größenordnung von ein bis zwei Prozent pro Jahr. Wir würden also 50 bis 100 Jahre benötigen, um alle Gebäude energetisch zu sanieren. Damit lassen sich die Dekarbonisierungsziele nicht erreichen. Hier bestehen auch noch technologische Hindernisse: Wie kann man dichtverbaute, historisch wertvolle Innenstädte energetisch auf den erforderlichen Stand der Technik bringen?

Wie beurteilen Sie die Chancen der klimaneutralen Mobilität?
Da bin ich optimistischer. Bis zum Jahr 2040 sollte die Dekarbonisierung des Verkehrs weitgehend gelingen. Vor allem dann, wenn E-Fuels als Teil der Lösung mitberücksichtigt werden, denn dann kann der auch jenseits von 2040 noch erhebliche Bestand an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren klimaneutral betrieben werden.

Der Gamechanger ist also die Technologieoffenheit?
Werfen wir einen Blick auf die Innovationsraten in Technologiefeldern, die wir üblicherweise nicht mit »Hochtechnologie« assoziieren würden. Hätte jemand im Jahr 1995 erwartet, dass sich die Erzeugungsleistung je Windkraftanlage alle 48 Monate verdoppeln lässt? Die Windkrafterzeugung bildet hier ein Analogon zur Halbleiterbranche mit ihrer Mooreschen Gesetzmäßigkeit der Verdopplung der Prozessorleistung. Im Herbst dieses Jahres werden erste Windkraftanlagen mit sieben Megawatt Nennleistung in Österreich errichtet werden. Damit ersetzt eine einzige Windkraftanlage des Jahres 2023 ganze 240 Windkraftanlagen des Jahres 1995. Das ist eine fantastische Relation. Voraussichtlich im Jahr 2026 vermag ein neues Windrad 500 Windräder jenes Modells zu ersetzen, wie es seinerzeit im Weinviertel errichtet wurde. Was für eine großartige Perspektive!

Aber das Speicherproblem lässt sich damit nicht lösen …
Das trifft zu. Mit Pumpspeicherkraftwerken lässt sich das Problem nicht lösen. Die vorhandenen Pumpspeicher eignen sich nur zur kurzfristigen Glättung der Lastspitzen und wären bei Volllast nach wenigen Tagen leer. Daher brauchen wir andere Speicher wie Wasserstoff oder Methan.

Macht das dann nicht auch den Einsatz von E-Fuels wirtschaftlicher?
Wir rechnen derzeit mit Kosten von etwa drei Euro pro Liter für in Österreich hergestellte E-Fuels. Aus heutiger Sicht wird dies bei gestiegener Kaufkraft der Bevölkerung kein prohibitiver Preis sein, zumal auch hier beträchtliche Effizienzsteigerungen zu erwarten sind. Zudem werden Flugzeuge auf E-Fuels angewiesen sein. Sie werden also verfügbar sein.

Ist das Klimaproblem damit technologisch gelöst?
Da ist noch sehr viel zu tun. Einer Innovationsdynamik, wie wir sie anhand der Windkraft diskutiert haben, bedarf es auch bei der Speicherproblematik. Wir haben noch keine effiziente Möglichkeit gefunden, erneuerbar produzierten Strom sowie Wärme, die vor allem im Sommer gewonnen werden, während des gesamten Winters verfügbar zu halten.

Diesbezüglich gibt es keine Lösungen? Was ist mit Wasserstoff und E-Fuels, die in der südlichen Hemisphäre hergestellt werden?
Lösungsansätze gibt es. Dazu gehören neben den E-Fuels auch Batteriespeicher mit enormer Kapazität. In der Steiermark könnte ein riesiger unterirdischer Warmwasserspeicher entstehen, der im Sommer aufgeheizt wird, und aus dem im Winter die Wärme entnommen wird. Noch größer gedacht bräuchte es Energiespeicherunternehmen, die hinsichtlich ihres Wertschöpfungspotenzials auf Augenhöhe mit den bekannten US-amerikanischen und chinesischen High-Tech-Giganten operieren könnten. Am besten mit Headquarter in Europa.

Österreichs globaler Treibhausgasteil liegt bei 0,2 Prozent der deutsche bei knapp über zwei Prozent. Welchen Sinn ergibt es, dass Europa klimaneutral wird, während in China und Indien wöchentlich neue Kohlekraftwerke und Flughäfen eröffnet werden?
In der Tat liegt die Erreichung der globalen Klimaziele nicht in europäischer Hand. Daher ist es zwar sinnvoll, entsprechende Anlagen zu bauen und im Erfolgsfall die zugrundeliegenden Technologien weltweit auszurollen, um zu demonstrieren, dass sich erneuerbare Energie günstig erzeugen lässt. Weil sich der globale Transformationserfolg aber dem direkten europäischen Einfluss weitgehend entzieht, sollten wir parallel zur Treibhausgasvermeidung stark auf Adaptierungstechnologien setzen, mit denen wir uns an den Klimawandel anpassen können.

Was meinen Sie damit?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Bei einer steigenden Weltbevölkerung und infolge des Klimawandels gleichzeitig steigendem Meeresspiegel werden die fruchtbaren Äcker immer knapper und die Lebensmittelpreise weiter steigen. Daher gilt es, die Bodenversalzung hintan zu halten. Das kann mit sogenannten Halophyten mit entsprechenden Weiterverarbeitungstechnologien gelingen. Dabei erhalten Pflanzen, die Salz einlagern, bei wiederholt von Meerwasser überschwemmten Böden die Fruchtbarkeit – oder stellen diese erst wieder her.

Wie weit sind die Technologien zur CO2-Einlagerung noch vom Durchbruch entfernt?
Vor allem die Pyrolyse hat ein enormes Potenzial. Das ist meines Erachtens aus heutiger Sicht die Königsdisziplin des Klimaschutzes. Dabei wird aus organischen Abfällen Pflanzenkohle hergestellt, die CO2 dauerhaft bindet. In jeder größeren österreichischen Gemeinde sollte eine Pyrolyseanlage errichtet werden. Die Pflanzenkohle eignet sich wiederum zur Bodenverbesserung, während die Gülledüngung Methanausdünstungen mit hoher Treibhauswirkung verursacht, oder man kann die inerte Pflanzenkohle schlicht als Kohlenstoffsenke endlagern.

Sehen Sie dafür einen Markt?
Ich halte den Weltmarkt für Adaptionstechnologien sogar für deutlich größer als jenen für CO2-Vermeidungstechnologien.

Und sehen Sie auch eine Chance, die Sinnhaftigkeit dieser Technologien in das Bewusstsein der stark ideologisierten Klimaschützer – etwa jenen der letzten Generation – zu pflanzen?
Wir sollen Narrative wie jenes über die Windkraft, welches wir zuvor diskutiert haben, unter die Menschen bringen, um Wege aufzuzeigen, dass die Herausforderungen lösbar sind. Ähnlich wie mit der Windkraft verhält es sich auch beim Wirkungsgrad der Photovoltaik. Auch diesbezüglich werden wir noch gewaltige Technologiesprünge erleben. Ich wundere mich, dass so vielen Menschen die Zuversicht in unsere Lösungskapazität abhandengekommen ist.

Aber passen technische Lösungen überhaupt zum religiösen Eifer, mit dem viele junge Menschen die Dekarbonisierung vorantreiben wollen? Sind da nicht Verzicht und Leid die Voraussetzung für eine Erlösung?
Was vielen Klimaschützern jetzt als Erlösungsszenario vorschwebt, kommt einer neotribalistischen Rückkehr in die Subsistenzwirtschaft gleich, bei der die Menschen in kleinen Einheiten leben und sich bestmöglich wieder selbst versorgen. Abgesehen von nichttrivialen anderweitigen Problemen würde dann das Malthusianische Szenario einer durch Unterernährung in ihrer Größe beschränkten Weltbevölkerung wahrscheinlich Realität werden.

Foto: Jacqueline Godany

Was halten Sie von den Gefahren, die angeblich die »Greenflation« mit sich bringt; dass also die klimaneutrale Transmission unser Leben dermaßen verteuert, dass viele sich kein Auto oder keine klimaneutrale Heizung mehr leisten können werden?
Wir beobachten derzeit gegenläufige Prozesse. Die hohen Produktionszuwächse bei der Photovoltaik oder beim Windstrom wirken stückkostensenkend und damit inflationsdämpfend. Anders verhält es sich mit den erforderlichen Investitionen etwa in den Netzausbau. Aber auch die Sanierungskosten bei den Gebäuden, denken wir etwa an den Heizungstausch, werden die Inflation eher antreiben. Denn diese gewaltigen Investitionen müssen, ich darf nochmals den Betrag von über 50 Milliarden Euro bis 2030 für den Ausbau der erneuerbaren Energien aufrufen, finanziert werden. Ob der Nettoeffekt auf das Preisniveau positiv oder negativ sein wird, wage ich noch nicht anzugeben. Das hängt stark von den Annahmen ab, mit denen die Berechnungen durchgeführt werden.

Wie sehen sie eigentlich die Chancen für die Steiermark, unter den gegenwärtigen Bedingungen im globalen Standortwettbewerb zu bestehen?
Ich nehme wahr, dass in der Steiermark mehrere positive Standortfaktoren zusammentreffen. Da ist zunächst die gute Ausbildung der Beschäftigten zu nennen, zweifellos auch die ausgeprägte F&E-Orientierung – die Steiermark gehört bekanntlich zu den europäischen Nuts-2-Regionen mit der höchsten Forschungsquote. Es gibt hervorragende wissenschaftliche Einrichtungen und außerdem ein sehr gut ausgebautes System der Kooperation zwischen der Industrie und den Wissenschaftseinrichtungen. Eine wirtschafts- und standortaffine Wirtschaftspolitik versucht darüber hinaus beständig, Fortschritt zu ermöglichen.

Wie beurteilen Sie Infrastrukturprojekte wie den Koralmtunnel, der ja 2025 in Vollbetrieb gehen soll?
Das ist ein faszinierendes Vorhaben, weil die Steiermark und Kärnten wirtschaftlich zusammenwachsen werden. Derzeit arbeiten nur drei Prozent der Kärntner Bevölkerung in der Steiermark. Umgekehrt ist es sogar nur ein Prozent. Das wird sich im Laufe der Zeit um ein Mehrfaches steigern. Durch ein besseres Matching von Arbeitskräfteangebot und Arbeitskräftenachfrage erwachsen daraus beträchtliche Produktivitätszuwächse. Einen ähnlichen Effekt hatte übrigens die Eröffnung der Neubaustrecke zwischen den Hauptbahnhöfen von Wien und St. Pölten einschließlich des Lainzer Tunnels, welche die Fahrzeit zwischen Wien und St. Pölten auf 27 Minuten reduziert hat. Das mündete in einen Arbeitsmarkteffekt von 60.000 neuen Jobs.

Herr Helmenstein, vielen Dank für das Gespräch.
Ich danke Ihnen, es war mir ein Vergnügen.

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Dr. Christian Helmenstein studierte in Köln und Bochum und ist seit 2004 Chefökonom der österreichischen Industriellenvereinigung. Zuvor war er zwölf Jahre am Institut für Höhere Studien in Wien tätig. Er ist Gründer und Leiter des Economica Wirtschaftsforschungsinstituts, Mitglied des Generalrats der Österreichischen Nationalbank und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Privatuniversität Schloss Seeburg in Salzburg. Helmenstein ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

Fazitgespräch, Fazit 194 (Juli 2023), Fotos: Jacqueline Godany

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