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Zur Lage (32)

| 23. November 2010 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 67, Zur Lage

Diesmal, sozusagen ein »Spezial«, ausschließlich über die immer mehr und mehr um sich greifende »Politikverdrossenheit«.

Ich kann das Wort »Politikverdrossenheit« nicht mehr hören. Noch viel weniger kann ich so hingeworfene Absolutheiten nicht mehr hören. Und auf gar keinen Fall kann ich nur das Wort »Politikverdrossenheit« nicht mehr hören. Wahrscheinlich würde diese Seite gar nicht ausreichen, all die Wörter nur aufzuzählen, die ich nicht mehr hören kann.

Etwa »Synergieeffekt«, »Migrationshintergrund«, »Internet«, »Handyschlussverkauf«, »Sale« auch nicht, überhaupt die meisten Anglizismen in der Werbesprache und sogar Vornamen (»Kevin«) sind dabei.
»Politikverdrossenheit« ist auf jeden Fall Spitzenreiter. Und das nicht, weil jeder Dorfbotenherausgeber ständig was vermeintlich Gescheites über dieses vermeintlich allgegenwärtige Phänomen aus seiner Edelfeder fließen lässt. (»Edelfeder« ist aber wirklich überhaupt das Letzte!) Etwa schreibe ich in beinahe jedem meiner Editorials (immer auf Seite sechs) über »Politikverdrossenheit«. Ich habe das nachgeprüft und soeben, das können Sie jetzt nachprüfen, diesmal das Wort »Politikverdrossenheit« in »politisches Desinteresse« umgeändert. Was die Weltlage auch nicht wirklich verbessert.

Und jetzt sag ich Ihnen, ganz unter uns, warum »Politikverdrossenheit« mittlerweile so in meinen Ohren schmerzt: Es gibt keine Politikverdrossenheit! Zumindest nicht als eine sich virengleich über immer größere Teile der Gesellschaft ausbreitende Krankheit. Der durchschnittliche Mensch hat schlicht kein Interesse an Politik. Hat er nie gehabt. Zu keiner Zeit der Geschichte, im alten Rom nicht wie auch nicht während (historischer) Völkerwanderungen, nicht im Spätmittelalter und in keinem Jahr der Neuzeit. Der Mensch ist nicht gern hungrig und der Mensch kann es nicht leiden, durstig zu sein. Außerdem hat er es gerne warm und trocken. Wichtig ist auch noch ein guter, womöglich ruhiger Platz zum Schlafen. (Und das nicht immer alleine.) Politik spielt da keine Rolle. Und wenn von diesen Dingen was fehlt, dann wird der Mensch auch nicht politisch. Nein. Er regt sich auf.

Natürlich gibt es immer auch ein paar patente Herrschaften, die eben solche Missstände »politisch« beheben. Das sind dann Politiker. Und das ist gut, dass es die gibt.

Die einen machen das besser, die anderen schlechter. Die, die es »besser« machen, sind vermehrt nach großen Naturkatastrophen oder gar Kriegen tätig. Die, die es »schlechter« machen, meistens in Zeiten, in denen es uns im Großen und Ganzen sehr gut geht. Wie etwa heutzutage. Was natürlich nicht bedeuten muss, dass jeder aktuelle Politiker eine Pappnase ist und jeder nach dem Krieg ein Helmut Schmidt war. Da geht es nur um die Tendenz.

Ich war in der Unterstufe Klassensprecher. Glaub ich halt, mich zu erinnern. Jedenfalls war ich es (beinahe) immer in der Oberstufe. (Nur in der letzten Klasse, als ich auch Landesschulsprecher für die Steiermark war, hat mich meine Klasse nicht mehr wiedergewählt. Wollten wahrscheinlich ein Zeichen gegen allzu großen Machtmissbrauch setzen. Das tun Menschen auch immer wieder gerne.) Wir haben damals in der Schülervertretung wirklich tolle Sachen diskutiert. Und gemacht. Etwa die Form, in der seit bald zehn, zwanzig Jahren die Matura an unseren Schulen abgehalten wird (Fachbereichsarbeit), das haben wir (also die Bundesschülervertretung damals und der Jahre danach) mit Minister Fred Sinowatz ausgehandelt. Was glauben Sie, wie sehr diese »Verhandlungen« den durchschnittlichen Schüler in meiner Schule, der Handelsakademie in Graz, interessiert haben? Überhaupt nicht wäre Schönschreiberei. Es war allen sowas von egal, wie man sich das gar nicht vorstellen kann. Und das ist gut so. (Bzw. »war« es gut so in diesem Fall. Ich reise gleich ab gen Berlin, da wollt ich den Oberbürgermeister hier grüßen lassen.)

Kein Mensch muss sich dafür interessieren, wie unsere Politiker arbeiten. Weil es eben kein natürlicher Zustand ist, dass sich mehr als die Gruppe der Politiker für die Arbeit der Politiker interessiert. Genauso wenig wie ich mich etwa für den Hochbau interessiere. Oder für Nanotechnologie. Oder die Herstellung von Motoren. Ist mir alles komplett wurst. Auch wenn ich regelmäßig über Brücken fahre und ganz sicher irgendwas von dieser Nanotechnologie hab.

Die immer weiter sinkende Wahlbeteiligung ist also kein Indiz für Politikverdrossenheit. Die ist zum einen dem geschuldet, dass alles dem Menschen zur Routine Werdende (eben Wahlgänge) seinen Reiz verliert, und zum anderen der Tatsache, dass »Pflichten« derzeit gesellschaftlich nicht unbedingt ganz oben rangieren. (Außerdem besteht gar keine Wahlpflicht mehr, warum also wählen gehen?)

So. Das ist die eine Seite der Medaille. Die wahrlich grottenschlechte Performance aller österreichischen Parteien vor allem auf Bundesebene (und die Landesebene ist im Grunde viel zu unwichtig, als dass da viel gerettet werden könnte) die andere. Aber dazu, vielleicht, ein anderes Mal. Heute bin ich zu verdrossen. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass eine große Koalition dem Lande nicht nutzen kann.

Zur Lage #32, Fazit 67 (November 2010)

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