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Egoschneiderin – Fazitgespräch mit Lena Hoschek

| 3. Januar 2011 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 69, Fazitgespräch

Das Interview mit der steirischen Designerin Lena Hoschek bewegt sich zwischen den Oberflächlichkeiten des Modegeschäfts und ihrem Groll dagegen, all zu oft nur auf Trachten-Mode reduziert zu werden. Dabei hat sie traditionelle Kleider wieder modern gemacht.

Das Gespräch führten Michael Thurm und Markus Zottler.

::: Interview als PDF: DOWNLOAD

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Foto: Michael Thurm

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Ungeschminkt trafen wir die Designerin Lena Hoschek in ihrem Atelier am Joanneumring. Trotzdem ging Sie für das Gespräch mit uns ins Café Kaiserfeld. Nur für die anschließenden Fotos warf sich die 29-Jährige dann aber doch lieber in Pose.

Frau Hoschek, lieben Sie Frauen?
Ja, bestimmt. Ich bin ja selbst eine und ich liebe mich selbst schon auch.

Machen Sie Ihre Kleider für sich selbst?
Es liegt einfach auf der Hand, Damenmode zu schneidern. Das habe ich in der Modeschule gelernt und danach macht man oft das, wovon man selbst am meisten versteht. Es ist aber nicht so, dass ich mir eine Kollektion zusammengedeixelt habe, damit ich gut ausschaue.

Wie waren Sie vor Ihrer Karriere angezogen?
Ich war auch da schon sehr weiblich. In der Schule, ich war am Sacre Coeur, habe ich Cheerleader-Sachen getragen, die ich mir mit 14 oder 15 in Amerika gekauft habe: kurze blaue Röcke, enge Blusen und Krawatte. Das war die perfekte „Uniform“, aber die Lehrer haben halt geschimpft.

Wie sehen Sie die „grauen Mäuse“, Frauen, die mit einem ganz anderen Lebensgefühl durch die Welt gehen?
Ach, die hab ich eigentlich am liebsten. Über ein Jahrzehnt gab es ja fast nur Hosen – die minimalistische 90er-Mode. Da hat man sich das Weibliche fast abgewöhnt und viele sind in ihrer Mädchenhaftigkeit untergegangen. Und dann kommt so ein schüchternes Mädl bei dir rein, du gibst ihr ein Fifties-Kleid, und es ist unglaublich, wie die ihre Haltung aufrichtet und zu strahlen beginnt. Ein bisschen wie Kinder, die Prinzessin spielen.

Allzu viele Mauerblümchen kommen bei Ihnen aber nicht in den Laden, oder?
Vielleicht trauen sie sich nicht. Das ist auch schon dieses Image der starken Frau.

Haben Sie Mitleid mit Frauen ohne Selbstbewusstsein?
Gar nicht. Mitleid ist immer die allerletzte Stufe. So eine schüchterne Elfe ist auch etwas total Entzückendes. Aber ich mag nun mal aufbrausende Weiber wie Gina Lollobrigida und Sophia Loren. Auch wenn viele Männer Angst haben, wenn solche Superweiber irgendwo reinknallen. Was ist denn eine größere Bedrohung als eine bombastische Frau?

Ist Vivienne Westwood, bei der Sie gelernt haben, so eine bombastische Frau?
Die ist sehr weiblich, auch wenn sie jetzt nicht so eine weibliche Figur hat. Aber sie ist immer sehr betont angezogen, trägt extrem hohe Schuhe, und hat auch immer ihre eigenen Sachen an. Sie ist das Label. Und das hat mich begeistert. Westwood ist extrem höflich. Du erwartest eine knallharte Punkröhre, aber sie ist sehr britisch. Und trotzdem kann sie über Leute drüberfahren. Beim Weihnachtsdinner saß ich zufällig neben ihr und hab damals noch mit dem Gedanken gespielt, einen Master zu machen. Und da hat sie mich aber sowas von zusammen gepfiffen. Was das für ein totaler Quatsch sei. Sie lässt dann auch keine andere Meinung gelten. Sonst aber immer eine englische Lady.

Auf der einen Seite Höflichkeit, auf der anderen Seite die natürliche Arroganz. Sind das Grundbedingungen für Modemacher?
Eine natürliche Arroganz? Ich halte von Arroganz überhaupt nichts. Aber wenn jemand selbstbewusst ist und sich nicht um alles schert, was um ihn herum passiert, wird ihm immer Arroganz angehängt.

Das Selbstbewusstsein ist Ihnen wichtig, aber Ihre Mode kommt ohne den künstlerischen Anspruch aus, der Westwood auszeichnet. Sie sind eigentlich klassisch.
Das kommt bei mir von der Modeschule. Ich bin eher Handwerkerin und keine Künstlerin. Und von daher war das bei Westwood mehr bewusstseinserweiternd, weil die überhaupt keine klassischen Schnitte verwenden, und am Anfang weißt du gar nicht, was da entsteht. Das ist ganz verblüffend. Aber ich war nie wirklich weg von der klassischen Schneiderei.

Sie reduzieren Ihre Mode auf einen ästhetischen Anspruch.
Ich werde den Teufel tun, meine Mode zu reduzieren. Aber ich philosophiere über meine Sachen recht wenig herum. Außer, ich bin in einem Interview. An erster Stelle kommen bei mir Stoffe: meine Aufgabe ist es, aufregende Farben und Textilien zu finden, die dann ein stimmiges Bild ergeben.

Denken Sie über den Vorwzurf nach, Ihre Mode würde Frauen auf Objekte reduzieren?
Der Vorwurf ist abstrus. Wenn man meine Mode ordentlich beleuchtet, wird man feststellen, dass ich ja total feministisch bin. Dieses Selbstbewusstsein, diese Selbstverständlichkeit sollte doch auch der Feminismus vertreten. Was ist denn das für ein Ansatz, dass eine Frau kein Vollweib mehr sein darf, um ernstgenommen zu werden? Wie feministisch ist es, sich wie ein Mann anzuziehen und kurze Haare zu tragen? Das ist doch eigentlich antifeministisch.

Was trifft man für Männer in der Modebranche?
Ich habe nur wenige Freunde, die dort arbeiten. Die typischen „Fashion People“ sind nichts für mich. Diesen Partys, wo mich die Musik irrsinnig ankotzt, und dieser Champagner-Schicki-Micki, dem kann ich halt nichts abgewinnen und deshalb bin ich in dieser Szene gar nicht drin.

Wer ist Xaver?
Xaver?

Ja. Und Ludwig, und Franz …
Ah, die Dirndln. Ich mag Artikelnummern nicht, weil ich mit Zahlen für meine Kleider nichts anfangen kann. Unsere Kollektion hat große Einflüsse von englischer Jagdmode, Dandymode und Gentleman-Style. Und da haben wir Namen wie Stuart und Charles genommen, und die Dirndln haben wir dann auf österreichische Namen umgeschrieben.

Also stehen keine Personen hinter den Namen?
Nein, so viele Männer, wie die Kollektion Teile hat, hatte nicht einmal ich.

Wie verführen Sie Männer? Mit Prominenz, mit Schönheit?
Nein. Gar nicht. Ich schaue mich selten verführerisch im Spiegel an. Dann schaut man meistens blöd drein. Aber angeblich hab ich einen argen Blick.

Der reicht?
Und das Selbstbewusstsein. Obwohl das wohl auch viele abgeschreckt hat. In meiner vergangenen Karriere als Single.

Sie haben Läden in Graz, Wien und Berlin. Welcher Shop funktioniert am besten?
Berlin kann ich noch gar nicht beurteilen, da sind wir erst seit zwei Monaten. Graz und Wien gehen eigentlich ähnlich gut. Graz sogar noch ein bisschen besser, weil wir hier einfach ein großes Geschäft haben und schon etabliert sind.

Und wahrscheinlich ist es in Berlin auch schwieriger, eine Tracht zu verkaufen, als hier?
Wo sehen Sie denn hier eine Tracht?

Sie haben gerade keine an, aber Trachten sind doch das, wofür Sie medial bekannt sind.
Ja, und das ist vollkommen falsch. Darüber rege ich mich bei den Medien am meisten auf. Weil solche Idioten denken, das muss ich hier wirklich so sagen, wenn ich eine Tracht mache, ist auch alles andere Tracht. Ich hab eine Modelinie, die retrolastig ist, und ich habe Dirndln. Und dazwischen gibt es eine tiefe Kluft. Wenn ich jetzt ein Kleid mache, mit einem Druck, der vielleicht auch in der Folklore vorkommt, ist das keine Tracht. Wenn das von Etro oder Prada kommt, schreibt jeder von „Folklore-Einflüssen“. Wenn es die Frau Hoschek aus der Steiermark macht, ist es Tracht. Das ist der größte Bullshit, den ich je gehört hab.

Vielleicht entsteht diese Meinung auch wegen des tätowierten steirischen Panthers auf Ihrem Unterarm.
Ja, vielleicht. Aber von guten Journalisten erwarte ich mir eine differenzierte Beobachtung. Kriegt man aber leider nicht, und in Österreich schon gar nicht.

Sie hassen es, auf Tracht reduziert zu werden.
Mich stört es, wenn eine Kundin ins Geschäft kommt und sich ein Fifties-Kleid ansieht und dann sagt: „Mei super, das kann ich für eine Trachtenhochzeit anziehen.“ Dann muss ich mir aufs Hirn greifen und „Oh mein Gott“ denken. Wie habe ich das verdient?

Wie erklären Sie sich diese mediale Sehnsucht nach jemandem, der modisch für Heimat steht?
Es ist keine Sehnsucht, das ist Faulheit. Viele Zeitungen, vor allem die Massenblätter, haben oft nur wenig Platz. Da wollen sie was Griffiges schreiben, das super klingt. Dabei bin ich einfach an Folklore interessiert. Auch an indischer, peruanischer oder bulgarischer Tracht.

Was ist Heimat?
Heimat ist das, was mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Meine Wurzeln sozusagen.

Wann bekommen Sie Fernweh?
Das würde ich gerne wissen. Aber so weit ist es noch nie gekommen, weil ich schon davor wieder weg war.

Heimweh? Kennen Sie das?
Ich bin nie lang irgendwo. Das einzige, was ich hab, ist Zuhauseweh. Ich bin einfach zu viel unterwegs. Ich bin oft in Wien, in Graz, in Berlin und in letzter Zeit auch in Kärnten. Es ist überall schön, aber ich hab meinen Arsch so zwischen vier Stühlen. Und das macht mich am meisten fertig. Du packst den Koffer für vier, fünf Tage, bleibst dann vielleicht sechs oder sieben. Dann hast du oft zu wenig Gewand mit. Das nervt mich natürlich besonders. Ich komm nie zur Ruhe.

Frau Hoschek, vielen Dank für das Gespräch.

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Fazitgespräch, Fazit 69 (Jänner 2011)

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