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Hotelrevolte

| 22. Dezember 2011 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 79, Fazitgespräch

Das Kaffee Weitzer wird langsam, aber sicher zum letzten Kaffeehaus alter Schule in Graz. Dabei ist das Lokal in der Belgiergasse nur ein kleiner Teil von Florian Weitzers Unternehmen, den Weitzer Hotels. Fast täglich sitzt der 38-Jährige auf den roten Polstern, die schon dort waren, als Hotel und Kaffee noch seinem Urgroßvater gehört haben. Und das ist ein Jahrhundert her.

Das Gespräch führte Michael Thurm.

::: Interview als PDF: DOWNLOAD

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Damals gehörte nur das Hotel Florian, das heutige Weitzer, der Familie. Es folgte 1974 der Kauf des Hotel Daniel am Hauptbahnhof und 1999 die Übernahme des Grand Hotel Wiesler. Dies allein ist schon beeindruckend, viel mehr aber, wie sich die einzelnen Hotels in den letzten Jahren entwickelt haben. 2010 fand der radikalste Bruch statt: Die fünf Sterne des Wiesler – bis dato einziges Fünf-Sterne-Hotel in Graz – wurden abgeschossen. Es folgte ein gelungener Spagat zwischen Jugendstil und Moderne, Graffiti und Stuck.
Seinen türkischen Kaffee trinkt der Hotelchef am liebstem im alten Kaffeehaus. Dieses, das hat uns Florian Weitzer versprochen, bleibt, wie es ist. Bis die Sitzbänke auseinanderfallen …

Herr Weitzer, wann haben Sie eigentlich das letzte Mal in Ihrem eigenen Hotel übernachtet?
Ich wollte letzten Samstag im Hotel übernachten, aber da war schon alles belegt, da ging es also nicht. Im Hotel Weitzer hab ich wohl das letzte Mal im Oktober übernachtet.

Ich frage mich nämlich, woher Ihr treffsicheres Gefühl dafür kommt, was Hotelgäste in Zukunft wollen könnten.
Ein Hotelier ist nicht das, was ich mir unter einem Unternehmer vorstelle. Ein Unternehmer ist jemand, der das Gesamte übersieht. Wir brauchen und haben auch Ahnung von Finanzen, der Küche, ein wenig weiß ich auch über Architektur. Und so entsteht eine Gesamtsicht. Ich bin ein Mensch, der von vielen Dingen etwas beherrscht, aber nie die gesamte Tiefe. Ein Universalist, wenn man so will. Deshalb bin ich auch nicht zufrieden, wenn man mich als Hotelier bezeichnet, denn das bin ich nicht. Ich habe nie die Hotelier-Ausbildung gemacht, mein Vater auch nicht.

Aber Sie sind bei ihm in die Schule gegangen, er hat das Hotel vor Ihnen lange Zeit geführt.
Vierzig Jahre lang! Und bei ihm war es genauso wie bei mir. Nur die Zeiten waren andere.

Sie haben mit der Umgestaltung der Hotels auch eine deutliche Reduktion der Preise vorgenommen. Ein lokaler Konkurrent hat gesagt, dass so ein Schritt nur getan wird, wenn die Auslastung zu niedrig ist.
Das kann er ja gern sagen, aber die Zahlen schau ich mir jeden Tag hier im Kaffee an und die sprechen eine deutliche Sprache.

Sind die Umsätze jetzt so gut, weil Sie die Preise gesenkt haben?
Nein, nein. Ich verkaufe ja nicht nur einen Preis, sondern das hängt immer alles zusammen. Und ich selbst will in Graz nicht um 150 Euro übernachten.

Was man bei Ihnen auch kann.
Ja, ich gebe auch die Möglichkeit dafür. Aber 59 Euro im Daniel sind ein Preis, wo jemand auch mal eine Nacht länger bleiben kann. Ich hab einfach versucht, die Preise auf ein Niveau zu bringen, das mir auch angenehm ist. Da braucht es keine große Marktforschung, da kann ich meine Freunde fragen.

Haben Sie den Eindruck, dass sich durch die Veränderungen an Ihren Hotels auch die Konkurrenz verändert?
Das weiß ich nicht. Wir versuchen uns immer stärker auf uns selbst zu konzentrieren. Ich habe auch die Grazer Hoteliervereinigung aufgegeben, bei der ich ja der Vorstand war …

Das klingt, als schämten Sie sich dafür.
Ich schäme mich dafür, dass ich gleichzeitig Vorstand war und das eingeschlafen ist. Wir haben gesagt, dass wir diese ganze Marktbeobachtung nicht mehr wollen und uns nur noch auf das konzentrieren, was wir hier machen. Deshalb konnten wir auch mit den Preisen runtergehen. In der Hotellerie haben wir ein bisschen das Problem, dass es schlecht angesehen ist, wenn du mit den Preisen runtergehst. Wenn du bei einem Jeansgeschäft die Preise senkst, schreibst du es groß an die Fenster. Das Besondere bei uns ist, dass wir gleichzeitig mit der Qualität raufgegangen sind. Aber unser Konzept ist absolut richtig. Wir machen mehr Umsätze und haben mehr Nächtigungen.

Die Auslastung eines Hotels ist die entscheidende Kennzahl. In den Jahren nach dem Kulturhauptstadtjahr 2003 sank die Auslastung in den Grazer Hotels auf niedrige 60 Prozent. Jetzt zeigt Florian Weitzer stolz die Zahlen für den Monat Dezember. Fast immer sind die 107 Zimmer im Hotel Daniel zur Gänze belegt, den anderen Häusern geht es ähnlich. Der Hotelier – und das ist er, ob er will oder nicht – erzählt gern von seinen Hotels, von den Zimmern, von dem Konzept, das dahintersteckt. Man merkt, dass hier jemand ein Hotel gestaltet hat, in dem er selbst gern Gast wäre. Weitzer erzählt von Gästen, die wegen des Hotels nach Graz kommen und nicht wie früher wegen eines Stadtbesuches ein Hotel brauchen. Vor allem das Wiesler ist sein Lieblingskind – mit dem fast schon berühmten Zimmer 209, dessen Gestaltung inzwischen auf zwanzig weitere Zimmer ausgedehnt wurde.

Sie haben schon einige Indizien für Ihren Erfolg angesprochen, aber woran messen Sie ihn? Sind es die nackten Zahlen, oder ist es der Umstand, dass ein Arnold Schwarzenegger vor und nach der Renovierung des Hauses im Wiesler übernachtet?
Ich weiß nicht, woher dieses Gerücht kam, dass Schwarzenegger nicht bei uns übernachten würde.

Sie haben sogar extra eine Zeitungsanzeige geschaltet, weil Schwarzen-egger wieder da ist und bei Ihnen übernachtet. Wie wichtig ist prominenter Besuch für ihr Hotel?
Das Inserat war hauptsächlich für die Konkurrenz gedacht. Wir wollten denen zeigen, dass sie sich beruhigen können, weil Schwarz-enegger hier wohnt und das ist keine große Sache. Aber viel wichtiger ist, dass ich in den Steirer gehen kann und dort erkenne, oder zu erkennen glaube, dass es gut läuft und den Leuten gut geht. Der zweite Punkt ist: Wer sitzt drin? Bei uns sitzen junge Leute, Professoren, alte Leute und Arbeiter. Das ist eine gesunde Mischung, die verhindert hat, dass wir ein In-Lokal werden. Gott sei Dank. Der Steirer ist im fünften Geschäftsjahr und nahezu immer voll.

Hätten Sie auch noch Platz für die hohe Politik? Vor vier Jahren waren gleichzeitig neun europäische Bundespräsidenten zu Gast im Wiesler, das damals noch fünf Sterne hatte.
Na, wenn sie sich früh genug anmelden und ihnen das Hotel gefällt, dann haben wir natürlich Platz.

Ich frage das auch, weil Sie mit mehreren Plakaten werben, auf denen freche Sprüche gegen die Politik zu lesen sind. Jüngstes Beispiel: »Der Zustand der Politik zeigt, dass zu wenig Wein getrunken wird.«
Das müssen die Politiker aushalten. Wer deshalb nicht zu uns kommt, kann es bleiben lassen.

Man spürt bei Ihnen eine gewisse Unzufriedenheit mit der Politik, die Sie aber nur dosiert äußern.
Ja, aber das ist nicht anders als in Wien oder Triest. Wir haben überall die Politiker, die wir halt haben und die schauen überall nicht weiter als bis zur nächsten Wahl.

Klingt da noch Ihre Frustration durch, dass Sie Ihren Plan über eine Mur-Terrasse nicht umsetzen konnten? Sie hatten damals die Zusage des Bürgermeisters und durften am Ende doch nicht bauen.
Das ist nur ein weiterer Beweis. Aber die Terrasse wäre nur ein kleines Projekt gewesen, da gibt es andere Dinge, in die das Herzblut investiert wird. Da ist keine Zeit für so etwas. Überhaupt darf für Ärger eigentlich keine Zeit sein. Wenn ich mich damit zu viel beschäftige, engt das den Blick ein. Die Welt dreht sich immer schneller und deshalb funktioniert unser Konzept auch so gut. Wir ändern uns so schnell, weil es nötig ist. Dreißig Jahre lang war alles klar. Von fünf Sternen ging es hinunter bis zu einem Stern, die großen Vorbilder aus Amerika waren auch klar. Und das bricht alles komplett auf und verstärkt wurde es noch durch die Krise 2008.

Sie verstärkt das Tempo oder die Art der Veränderung?
Die Krise verstärkt vor allem den Druck sich zu verändern. Aber sie ist nicht der Grund, sondern der besteht darin, dass sich die Menschen ändern. Niemand zahlt mehr 150 Euro für irgendein Zimmer.

Noch wird es in vielen Hotels gezahlt – wie haben Sie es geschafft, dass Sie früh genug diesen Wandel registriert haben und deshalb jetzt eine so hohe Auslastung haben, dass Sie selbst kein Bett finden?
Als ich das Hotel Daniel umgebaut habe – mit dem Geld, das wir 2003 verdient haben, das war damals ein Wahnsinn – habe ich gesagt: »Wenn wir nur die Vorhänge austauschen oder den Boden erneuern, wird das kein Kunde merken.« Deshalb sind wir da radikal vorgegangen. Bis auf den Rohbau wurde alles niedergerissen und neu gestaltet.

Wie funktioniert das Hotel Daniel am Hauptbahnhof im Moment? Das Gebäude steht inmitten einer Baustelle.
Wir haben eigentlich mit mehr als minus zehn Prozent gerechnet, aber passiert ist nichts. Wir haben sogar gewonnen und sind bestens ausgebucht. Und das trotz des letzten Bombenschlages aus dem zweiten Weltkrieg. (Anm. Im Mai explodierte eine Fliegerbombe auf der Baustelle des Grazer Hauptbahnhofes und zerstörte mehrere Fenster und Türschlösser.) Wir haben einen Schaden von etwa 70.000 Euro eingereicht, aber noch nichts davon bekommen. Einen kleinen Betrieb würde so etwas umbringen. Gut, wir hatten einen schönen Nebeneffekt, weil in der Folge halb Graz im Daniel frühstücken war, um zu sehen, was da passiert ist. Der Bürgermeister ist aber reingekommen und hat geschaut und gesagt: »Tut uns leid. Wir zahlen das alles.« Aber passiert ist noch nichts.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie nie auf die Idee kommen würden, selbst in die Politik zu gehen. Was halten Sie von Initiativen wie jener von Frank Stronach, der gesagt hat, dass er eine neue und wirtschaftsfreundliche Partei finanziell unterstützen würde?
Das hat durchaus seinen Grund. Niemand ist mehr bereit eine Autorität zu akzeptieren. Nicht in der Kirche – der Priester ist ja nur noch eine Witzfigur …

Außer für die Katholiken.
Nein. Das ist de facto so. Einem Familienvater tanzen seine 16-jährigen Töchter auf der Nase herum …

Sie haben ein unheimlich negatives Weltbild. Warum denn das?
Mein Weltbild ist negativ, aber meine Aussichten sind positiv. Gut, das ist viel Zweckoptimismus. Aber was ist in den letzten fünfzig Jahren passiert? Da war es leicht Politiker zu sein. Da saß der an den Schalthebeln der Macht und konnte den steigenden Wohlstand verteilen. In Wahrheit hat er aber alles von uns genommen, weil wir Steuern gezahlt haben. Jetzt sind wir aber an einem Wendepunkt angekommen, wo eben nicht mehr das große Füllhorn ausgeschüttet wird. Und da brauchen wir einen anderen Typ des Politikers. Ein Bürgerlicher müsste sagen: »Das, das und das tragen wir als Bürgerliche zur Sanierung des Staatshaushaltes bei.« Und er muss erwarten können, dass die Roten oder die Grünen auch herkommen und sagen, was sie beitragen können. Solange aber alle nur vom jeweils anderen etwas fordern, solange die Schwarzen sagen, dass die Lehrer etwas hergeben sollen und die Roten etwas von den Reichen wollen, ist das vollkommen witzlos.

Aber würden Sie so jemanden auch finanziell unterstützen – so wie es Frank Stronach vorhat?
Das weiß ich nicht, darüber hab ich noch nicht nachgedacht. Ich hab schon die Hoteliervereinigung abgeschoben und gesagt: Wir müssen uns auf uns konzentrieren. Man kann mir durchaus vorwerfen, dass ich von den anderen nichts wissen will.

Wenn Sie schon selbst nicht wollen, kennen Sie jemanden, den Sie gern in der Politik sehen würden?
Ich habe eigentlich nur andere Vorbilder. Nikolaus Harnoncourt hat eine unheimlich tiefe Einsicht in die Welt. Erwin Wurm hat tiefe Einsicht. Und das sind Leute, die etwas ändern wollen. Aber Typen wie Neugebauer und Konsorten wollen einfach alles festhalten. Die verteidigen mit Zähnen und Klauen Dinge, die eigentlich nicht mehr zu verteidigen wären, wenn die Politik vernünftig arbeiten würde. Aber kein Wunder, denn wer sitzt im Nationalrat?

Beamte, Lehrer, …
… Gewerkschafter und Bauernvertreter. Genau. Aber das bildet doch nicht die Gesellschaft ab.

Was wäre das richtige Umfeld, um mutig zu sein? Ist es wie bei Ihnen die Familie? Sie haben das Hotel Daniel gegen den Willen Ihrer Familie umgestaltet.
Dafür bin ich meiner Familie auch sehr dankbar. Und da unterscheide ich mich von denen, die immer fordern und nie zufrieden sind.

Sie sind doch auch nicht zufrieden, selbst bei 100 Prozent Auslastung!
Gut, das stimmt auch wieder. Aber ich bin trotzdem dankbar. Und die Kirche kann das Gefühl von Dankbarkeit nicht mehr vermitteln. In Familien sehe ich es nicht und in der Politik schon gar nicht. Es funktioniert nur noch in Unternehmen, bei denen einer sagt, wo es langgeht und wenn es funktioniert, ist es gut.

Kommt daher Ihr Veränderungsdrang? Sie brauchen eine Herausforderung, damit Sie mit dem zufrieden sind, was Sie haben?
Ja, durchaus. Seit dem Jahr 2000 haben wir eine Zeitenwende, weil es eben nicht mehr immer weiter bergauf geht. Wir brauchen andere Politiker, andere Lehrer und andere Hotels und da versuche ich meinen Teil beizutragen.

Ihre persönliche Zeitenwende – und ich hoffe, Sie erlauben die Frage – war etwas später. 2005 hatten Sie einen Unfall und in dessen Folge einen Schlaganfall. Die radikalen Änderungen kamen alle erst danach.
Das stimmt nicht ganz. Das Daniel hab ich vorher gemacht und das ist auch fertig geworden. Ein Vierteljahr später hatte ich den Unfall und war weg. Dadurch hat sich sicher vieles beschleunigt. Ich weiß selber nicht genau, wie ich mich verändere. Ich höre nur, dass nachher und vorher … wurscht.

Sie wollen nicht darüber reden? Woran liegt das?
Das liegt daran, dass ich das Negative immer versuche wegzustecken. Aber es war auch nicht negativ, dass ich diesen Unfall hatte. Ich habe meinem Vater gesagt, dass es das positivste war, was mir passieren konnte. Das hat er nicht verstanden.

Ich verstehe es auch nicht.
Da wurde einfach einmal die Zeit angehalten. Während ich krank war, hatte ich nur die Konzentration auf mich, keine unternehmerischen Gedanken. Ich hab zwar noch gewusst, wie ich heiße, aber nicht, wie ich dieses Handy bediene. Ich kann es nicht begründen, aber es ist gut.

Dann lassen wir dieses Thema da, wo es ist, in der Vergangenheit, und blicken in die Zukunft: Sie haben gerade erst das Daniel in Wien eröffnet und planen schon wieder München, London und Budapest. Wie konkret sind diese Pläne?
Wir haben noch keine Gebäude, deshalb gibt es noch keine genauen Pläne. Der Wunsch ist konkret und ich weiß nicht, was das Jahr 2012 bringt. Wir werden sicher wieder einige Zimmer hier in Graz umbauen.

Warum wollten Sie unbedingt nach Wien? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es finanziell nötig ist.
Wir wollten einfach in der Bundeshauptstadt vertreten sein. In Österreich wird man immer ein bisschen belächelt, wenn man irgendwas in Graz macht. Und das hat mich immer angezipft.

Herr Weitzer, vielen Dank für das Gespräch.

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Fazitgespräch, Fazit 79 (Jänner 2012)

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