Brüderlich geteilt
Peter K. Wagner | 9. Juni 2026 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 223, Fazitportrait
Die Scharmers steuern ihr Familienunternehmen bereits in vierter Generation. Gerhard Scharmer-Rungaldier ist Geschäftsführer am Standort in Feldbach, Peter Scharmer ist Hausherr in Fürstenfeld. Und wie arbeiten die beiden am besten? Mit Druck. Schon immer.
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Wir wissen alle, wie oft wir früher Druckwerke in der Hand gehalten haben. Vor allem, um Artikel wie diesen zu lesen. Und wir alle wissen, wie oft wir mittlerweile nicht mehr nur in einem Buch, einer Zeitschrift oder einer Zeitung analog lesen, sondern auch, richtig, digital! Und ausgerechnet Digital ist das große Thema der letzten Jahre in der Welt der Druckereien? Sind das nicht natürliche Feinde? Mitnichten. Bestes Beispiel ist die Druckerei Scharmer. Seit 1891 besteht das Familienunternehmen in Feldbach, seit 1999 auch in Fürstenfeld. Und dort steht Digital hoch im Kurs.
Zwei Millionen investiert
»Ich war 23 Jahre alt, als wir in Fürstenfeld eine kleine Druckerei übernommen haben«, erinnert sich Peter Scharmer. Der gelernte Typografiker leitet den Unternehmensstandort in Fürstenfeld, sein Bruder Gerhard Scharmer-Rungaldier jenen in Feldbach. Mittlerweile ist Peter Scharmer 51 und lange im Geschäft. Lange genug, um den Wandel der Branche mitbekommen zu haben. War früher nur Offset gefragt, ist seit einigen Jahren auch eine andere Form der Produktion ein großes Thema. Und genau dafür gibt es seinen Standort in Fürstenfeld. »Wir haben frühzeitig entdeckt, dass der Digitaldruck ein Thema wird und gespürt, da müssen wir mehr machen«, erklärt Peter Scharmer. Spätestens mit der Eröffnung des neuen Gebäudes, das heute noch so aussieht, als wäre man erst gestern eingezogen. 2019 war‘s soweit. »Wenn man die Maschinen dazurechnet, haben wir damals rund zwei Millionen Euro investiert.« Schon davor kamen große Onlinedruckereien auf den Markt – mit teils unverschämt günstigen Preisen. »Das hat uns anfangs geschreckt, keine Frage. Aber wir haben schnell gesehen, dass auch im Digitaldruck gilt, mit Dienstleistung und Beratung konnten und können wir uns vom Mitbewerb abheben.«
Alles außer Papier
Apropos Digital. Da denkt man schnell an all die Handys, Tablets oder Kindles. Aber auch Displays, die Werbeplakate ersetzen. Oder QR-Codes, die Flyer ersetzen. Und schon ist man bei der Endzeitstimmung und dem Gedanken, ob Papier ganz aus unserem Alltag verschwinden könnte? Peter Scharmer ist sich sicher, »es wird eine Koexistenz geben. Etwas Gedrucktes bleibt viel besser im Gedächtnis als eine Wischaktion. Jeder braucht irgendwann irgendwas Gedrucktes – aber halt nicht immer gleich 100.000 Stück, sondern vielleicht auch einmal nur ein Stück. Und da ist Digitaldruck perfekt.« In Fürstenfeld bei Peter Scharmer setzt man daher nicht zuletzt auf Spezialisierungen. Zum Beispiel dank des Flachbettdruckers, der uns gleich beim Eingang in die moderne Produktionsstätte voll im Einsatz begrüßt. »Der Drucker ist dreimal zwei Meter groß und schafft bis zu fünf Zentimeter Materialstärke.« Da wird Leder genauso individualisiert wie die Bau- oder Firmentafel. Auch Textildruck ist für Peter Scharmers Geschäftszweig ein wichtiges Standbein. »Wir bedrucken T-Shirts, Jacken oder Polos.« Und wie ist das mit Papier, woran man bei einer Druckerei eigentlich als Erstes denkt? »Auch das ist ein Thema bei uns. Aber in den kleineren Auflagen«, erklärt er. »Wenn ein Brief oder eine Karte personalisiert ist, dann machst das mit Digitaldruck – auch bei mehreren Tausend Stück. Ansonsten gilt, dass Offset ab einer Auflage von 500 Stück effizienter ist.« Da wäre dann Bruder Gerhard Scharmer-Rungaldier in Feldbach Ansprechpartner.
Auf den Spuren Gutenbergs
Und den besuchen wir jetzt. Er begrüßt uns in seinem Büro am zweiten Firmenstandort, der eigentlich der erste ist, begann doch hier 1891 die Unternehmensgeschichte. Zunächst näher am Zentrum der Stadt. »Wir waren ursprünglich direkt in Feldbach am Torplatz. 2004 sind wir auf die grüne Wiese ins Gewerbegebiet – endlich mehr Platz, keine LKW-Probleme bei der Anlieferung und Abholung mehr.« Am alten Standort in Feldbach begann auch die Mitarbeit der beiden Brüder im Betrieb. »Wir haben früh unser Taschengeld aufgebessert und mitgeholfen«, erinnert sich Gerhard Scharmer-Rungaldier, der in Wien an der sogenannten »Grafischen«, einer HTL, Drucktechnik gelernt hat. Sein ältester Sohn sei dort jetzt auch, aber es gibt keinen Karrieredruck für die Karriere mit Druck. »Wir halten da den Ball sehr flach. Es muss jeder selber entscheiden, wir zwingen keinen«, erklärt Scharmer-Rungaldier, der noch zwei weitere Kinder hat. Samt der beiden Kinder von Peter Scharmer gibt es also fünf potentielle Nachfolger für die beiden aktuellen Geschäftsführer. Wenn der älteste Sohn an der Grafischen fertig wird, ist der Gautschbrief nicht weit. Jener von Gerhard Scharmer-Rungaldier hängt prominent im Empfangsbereich des Standorts in Feldbach. Am 24. Juni 1995, so steht es beurkundet, erhielt er nach »altem Brauch und herkömmlicher Sitte« die »Wassertaufe«. Was damit gemeint ist? »Das Gautschen ist die Taufe als Sohn Gutenbergs. Wenn einer die Lehre abschließt, wird er in einen Wasserbottich geschmissen. Das ist sogar immaterielles Weltkulturerbe«, weiß Scharmer-Rungaldier, der uns gleich noch mehr erklärt. Bei der Führung durch die Produktionshalle. Die grundlegenden Informationen gibt’s schon im ersten Raum, wo die Druckplatten belichtet werden. Wir sind hier bei Scharmers in Feldbach – da steht eben Offset im Mittelpunkt. Bei diesem Verfahren wird Farbe nicht direkt auf das Papier gedruckt, sondern zunächst auf eine Druckplatte übertragen – und erst von dort auf das Papier. Das Prinzip ermöglicht gleichbleibend hohe Qualität bei großen Auflagen und ist deshalb seit Jahrzehnten der Standard, wenn es um hohe Stückzahlen geht. Über? Richtig. 500 Stück. Gut gemerkt. »Pro Farbe brauche ich eine eigene Druckplatte«, erklärt Scharmer-Rungaldier. Vier gibt es im Standard – Cyan, Magenta, Yellow (Gelb) und Key (Schwarz). Aber zusätzlich bei manchen Maschinen etwa auch eine Sonderfarbe – Gold oder Silber zum Beispiel. Die Druckplatte besteht aus Aluminium, darauf befindet sich eine spezielle Schicht. »Diese Schicht wird bebildert und ausgewaschen. Früher hat man immer noch den Film auf die Platte legen müssen – heute geht das direkt wie ein Laserdrucker.« Die Aluplatte könne man nur einmal verwenden. »Früher hat man sie archiviert, weil es Wiederholungsaufträge gab. Heutzutage ist das nicht mehr üblich.«
Umweltbewusst und nachhaltig
Doch Nachhaltigkeit wird hier, wie sowieso überall bei den Scharmers, nichtsdestotrotz großgeschrieben. »Die Platte ist ein Rohstoff – das Aluminium wird wieder verarbeitet. Es ist ein Kreislauf.« Apropos Nachhaltigkeit. Da ist eigentlich das Gebiet von Rosemarie Scharmer-Rungaldier, Prokuristin im Druckhaus Scharmer und – falsch, nicht die Frau von Gerhard Scharmer-Rungaldier, sondern von Peter Scharmer. »Wir haben uns früh der Nachhaltigkeit verschrieben«, erklärt sie. »Viele glauben, dass Druck noch immer umweltschädlich ist, aber es gibt keine chemischen Fixier- und Entschichtungsbäder mehr oder auch Papier kann sieben bis neun Mal wiederverwertet werden.« Das Druckhaus Scharmer habe auch das österreichische Umweltzeichen. »Das ist unserer Meinung nach das Beste, was es für die Druckbranche gibt. Es wird nicht nur geprüft, ob das Papier recycelt ist – das ganze Unternehmen wird durchgecheckt.« Und ja, wir lösen noch schnell auf. Also, die Frau von Peter Scharmer heißt im Nachnamen wie sein Bruder Gerhard. Das klingt verwirrend? Ist es aber eigentlich gar nicht. Denn die Scharmer-Brüder haben halt die Rungaldier-Schwestern geheiratet. So einfach ist das. »Das hat Vorteile bei Familienfeiern«, meint Gerhard Scharmer-Rungaldier. »Allerdings Nachteile bei der Kinderbetreuung – es fehlen halt ein paar Großeltern«, ergänzt er mit einem Lächeln, ehe er wieder zurückkehrt in den Branchenerklärmodus.
»In der Stunde drucke ich hier 100.000 Seiten«, sagt Gerhard Scharmer-Rungaldier, während hinter ihm gerade Seiten geprüft werden und die Maschinen laut werken. »Das ist der große Unterschied zwischen Offset- und Digitaldruck – die Geschwindigkeit.« Dazu kommt noch, dass Offsetmaschinen etwa 20 Jahre halten, digitale nur fünf oder sechs Jahre – größere Abhängigkeit vom Hersteller ob der Wartungsverträge inklusive. Wobei das heiklere Thema bei den Fixkosten in der jüngeren Vergangenheit ein anderer Kostentreiber war. »Die größte Herausforderung war der Krieg in der Ukraine. Die Energiekosten und vor allem der Papierpreis sind enorm gestiegen. 2022 hat er sich innerhalb kürzester Zeit verdoppelt.«
Einsatz für die ganze Branche
Das beschäftigt übrigens die gesamte Branche, für die sich Scharmer-Rungaldier steiermark- und österreichweit einsetzt – als Fachgruppenobmann für Druck bei der Wirtschaftskammer Steiermark. Rund 160 Gewerbeanmeldungen gäbe es in der Steiermark. »Aber richtige klassische Drucker, so wie wir. sind es wesentlich weniger.« Umso mehr ein Grund, gut zusammenzuarbeiten. Etwa durch »Gedruckt in der Steiermark«., ein Qualitätssiegel, »das wir vor zehn Jahren eingeführt haben, um Wertschöpfung in der Steiermark zu behalten.« Außerdem engagiert sich Scharmer-Rungaldier noch im Fachverband der WKO als Hauptgruppenstellvertreter für rund 800 Unternehmen in ganz Österreich.
Auch in anderen Firmen, die mit Druck am besten arbeiten, wird eine ähnlich alte Heidelberg-Maschine stehen wie jene, die uns Gerhard Scharmer-Rungaldier am Ende der Führung zeigt. »Mit ihr veredeln wir Druckwerke«, sagt er. In diesem Fall wurde gerade eine Heißfolienprägung angebracht. »Ich habe sie erst vor vier Jahren gekauft«, erklärt Scharmer-Rungaldier. Für Veredelungen ist die Maschine schon weitaus länger zuständig, 50 Jahre sind es bald. Manche Dinge ändern sich eben nicht. Vielleicht gilt das ja auch für das Magazin, das Sie gerade in den Händen halten.
Druckhaus Scharmer GmbH
8330 Feldbach, Europastraße 42, Telefon +43 3152 2318
8280 Fürstenfeld, Flurstraße 67, Telefon +43 3382 52715
scharmer.at
Fazitportrait, Fazit 223 (Juni 2026) – Fotos: Heimo Binder
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