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Krisenmodus als neue Normalität

| 9. Juni 2026 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 223, Fazitthema

Foto: Fazit/KI

Seit Jahrzehnten kommen wir vom Regen in die Traufe. Der Krisenmodus ist zum Dauerzustand geworden. Sorglosigkeit kennt unsere Gesellschaft fast nur noch aus Erzählungen. Die Lust an der Katastrophe in klassischen Medien und die Algorithmen der sozialen Medien verändern unsere Wahrnehmung dessen, was wir für normal halten. Das hat gravierende Folgen. Trotzdem bleibt die Überzeugung: Wir schaffen das! Ein Text von Johannes Roth.

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Jeder Krise, sagt eine alte Binsenweisheit, wohne auch eine Chance inne. Woher diese Weisheit kommt, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Mal wird sie Konfuzius zugeschrieben, mal dem Dalai Lama, mal einem der Existenzialisten. Tatsächlich ist ihr Ursprung unbekannt. Häufig wird auch behauptet, das chinesische Wort für Krise bestehe aus den Schriftzeichen für Gefahr und Chance. Diese Deutung wird seit Jahrzehnten in Managementseminaren und politischen Reden wiederholt und unter anderem John F. Kennedy zugeschrieben. Sprachwissenschaftlich ist sie jedoch verkürzt und irreführend. Das zweite Zeichen bedeutet eher kritischer Punkt, Wendepunkt oder entscheidender Moment. Es meint also nicht schlicht Chance. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Chance weist bereits in eine positive Richtung. Ein entscheidender Moment kann dagegen auch in eine ganz andere Richtung führen.

Im antiken Griechenland bezeichnete das Wort Krisis jenen Augenblick, in dem sich bei einem Kranken entschied, ob er überleben oder sterben würde. Krise war also nie bloß Katastrophe. In diese Richtung weist auch Oswald Spengler. Er deutete Krisen in seiner geschichtsphilosophischen Analyse als evolutionäre Wendepunkte von Systemen und Kulturen. »Krise ist jener seltene Moment, in dem die Entscheidung zwischen dem Alten und dem Neuen fällt, ohne dass der Weg für beide klar vorgezeichnet ist.« Genau darin liegt ihre Zumutung. Sie erzwingt Bewegung, ohne Sicherheit zu geben. Etwas härter sahen das die Denker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Friedrich Nietzsche etwa schrieb: »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.«

Schöpferische Zerstörung
Wenn die Philosophie davon ausgeht, dass Menschen in existenziellen Krisen an sich wachsen können, dann ziehen auch andere wissenschaftliche Disziplinen nach. In der Ökonomie war es Joseph Schumpeter, der mit seiner Theorie der schöpferischen Zerstörung Generationen von Krisendeutern in der Wirtschaftstheorie geprägt hat. Dabei geht es weniger um Krise im engeren Sinn als um Verdrängung. Die Theorie beschreibt, wie neue Technologien, Produkte oder Geschäftsmodelle alte Märkte und Unternehmen ersetzen. Dieser Prozess gilt als wesentlicher Motor des wirtschaftlichen Fortschritts, weil der Wohlstand von morgen durch das Ersetzen veralteter Strukturen entsteht, so Schumpeter sinngemäß. Nach dieser Logik wäre etwa die Krise der westeuropäischen Automobilindustrie notwendig, um einer neuen Technologie wie dem Elektromotor den Weg zu bereiten.

Tulpenkrise als erste Spekulationsblase
Naturgemäß sehen das nicht alle Ökonomen so optimistisch. Schon gar nicht jene, die selbst vom Niedergang der Automobilindustrie in Westeuropa betroffen sind. Am großen Bild ändert das wenig. Krise ist entweder persönlich, wie bei der Midlife-Crisis, oder sie betrifft ganze Gesellschaften und hat dann meist starke wirtschaftliche Folgen. Wikipedia definiert Krise als Höhepunkt oder Wendepunkt einer gefährlichen Konfliktentwicklung in einem natürlichen oder sozialen System. Ihr geht demnach eine massive und problematische Funktionsstörung über einen gewissen Zeitraum voraus. Meist dauert sie eher kürzer als länger.
Blickt man auf die Wirtschaft, reichen globale Krisen Jahrhunderte, teilweise sogar Jahrtausende zurück. Fans des Blockbusters Wall Street 2 erinnern sich vielleicht an die Tulpenkrise. Die Tulpenkrise, auch Tulpenmanie genannt, gilt als eine der ersten Finanzkrisen und Spekulationsblasen der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Die Tulpe war gegen Ende des 16. Jahrhunderts in den Niederlanden zu einem begehrten Sammel- und Handelsobjekt geworden. Vor allem Adelige und gebildete Liebhaber exotischer Pflanzen zahlten hohe Summen für seltene Zwiebeln. In den 1630er-Jahren stiegen die Preise in schwindelerregende Höhen, ehe der Markt im Februar 1637 abrupt kollabierte.

Viele Spekulanten hatten Tulpenzwiebeln zu extrem hohen Preisen gekauft, oft auf Kredit oder über Termingeschäfte. Als die Preise plötzlich einbrachen, verloren zahlreiche Händler und Käufer erhebliche Summen. Der Zusammenbruch betraf allerdings vor allem bestimmte Händlerkreise und wohlhabende Bürger. Die niederländische Gesamtwirtschaft wurde nicht dauerhaft erschüttert. Die oft erzählte Vorstellung eines landesweiten wirtschaftlichen Zusammenbruchs gilt heute als übertrieben. Eine eindeutig belegbare Ursache für den Kollaps konnte bis heute nicht festgestellt werden. Eine zentrale Lehre blieb dennoch. Wenn Preise sich zunehmend vom realen Wert lösen und nur noch von Erwartungen und Hoffnungen getragen werden, entsteht eine fragile Dynamik, die jederzeit in einen Marktzusammenbruch münden kann.

Nichts gelernt bei der Südseeblase
Ein Jahrhundert später zeigte sich dieses Muster erneut, diesmal in Großbritannien bei der sogenannten Südseeblase. Ausgangspunkt war die South Sea Company, die gegründet wurde, um britische Staatsschulden zu übernehmen. Im Gegenzug erhielt sie Handelsrechte mit Südamerika, denen enorme Gewinnchancen zugeschrieben wurden. Obwohl die tatsächlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten begrenzt waren, entwickelte sich eine gewaltige Euphorie an den Finanzmärkten. Im Jahr 1720 stieg der Aktienkurs der Gesellschaft innerhalb weniger Monate von rund 100 auf über 1.000 Pfund.

Immer mehr Menschen investierten, vom Adel bis zu einfachen Bürgern. Selbst Isaac Newton beteiligte sich und verlor dabei viel Geld. Die Spekulation griff auf zahlreiche weitere Unternehmen über, darunter auch dubiose Gesellschaften ohne reales Geschäftsmodell. Im Herbst 1720 platzte die Blase abrupt. Die Aktienkurse brachen ein, viele Anleger verloren ihr Vermögen. Dazu kamen politische Skandale, weil zahlreiche Politiker in das Geschäft verstrickt waren. Die Krise erschütterte das Vertrauen in die Finanzmärkte nachhaltig. Die Südseeblase gilt heute als frühes Beispiel für die Dynamik moderner Finanzkrisen. Am Anfang stehen Euphorie, steigende Preise und spekulatives Verhalten. Am Ende folgt der plötzliche Zusammenbruch des Vertrauens.

Urkatastrophe Weltkrieg
Kleinere und größere Krisen sowie Kriege folgten. Kriege sind schließlich auch eine Form eskalierender Krisen. Der Urkatastrophe der Moderne, dem Ersten Weltkrieg, folgte die Spanische Grippe, die weltweit bis zu 50 Millionen Todesopfer forderte. In der Weltwirtschaftskrise, ausgelöst 1929 durch den New Yorker Börsencrash, zeigte sich, wie eine zunehmend globalisierte Welt auf zunächst einzelne Ereignisse reagieren kann. Massenarbeitslosigkeit, deflationäre Trends und der Zusammenbruch des internationalen Handels führten in vielen Ländern zu politischem Extremismus. Sie ebneten den Weg für Faschismus und Nationalsozialismus in Europa. Der Rest ist Geschichte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die westliche Welt zumindest über längere Phasen von großen Systemkrisen verschont. Das änderte sich in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren. Die Kubakrise machte den Kalten Krieg so richtig deutlich. Die 68er-Bewegung erschütterte die Fundamente der Gesellschaft. Die Ölkrise zwang Bruno Kreisky dazu, zwischen Sommerzeit und Winterzeit zu unterscheiden und autofreie Tage einzuführen.

Das Millennium und zwei Megakrisen
Dann kam das Millennium. Gleich zu Beginn brachte es zwei erschütternde Ereignisse. Der Anschlag auf das World Trade Center in New York veränderte den Blick auf Islamismus, Terrorismus und Sicherheitspolitik. Auch die folgenden Kriege im Irak und in Afghanistan hinterließen tiefe Spuren im gesellschaftlichen Gefüge. Dazu kam erstmals seit langer Zeit wieder eine Weltwirtschaftskrise. Die Dotcom-Blase platzte. Allerdings erholte man sich davon relativ schnell. Die Branche konsolidierte sich, Verluste für Banken und Kapitalgeber wurden ausgebucht, die Wirtschaft kam wieder in Schwung. Eine Zeit lang eilte die Konjunktur fast krisenlos von einer Höhe zur nächsten.

Krisen en suite
Dann kam das Jahr 2008. Es markiert bis heute den Beginn eines neuen gesellschaftlichen Zustands. Es ist der Zustand des permanenten Krisenbewusstseins. Seit damals reiht sich Krise an Krise. Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, Terroranschläge, Pandemie, Krieg in Europa, Energiekrise, Inflation, Klimakrise, KI-Angst, Rezession und Demokratiekrise. Jede einzelne davon hätte historisch betrachtet ausgereicht, um eine Epoche zu prägen. Gemeinsam erzeugen sie etwas anderes. Sie erzeugen eine Gesellschaft, die den Ausnahmezustand nicht mehr als Ausnahme erlebt.

Der deutsche Soziologe Ulrich Beck beschrieb moderne Gesellschaften in seiner Theorie der Risikogesellschaft als Systeme, die zunehmend von selbst produzierten Unsicherheiten geprägt werden. Risiken entstehen demnach nicht mehr primär durch Naturkatastrophen oder äußere Feinde, sondern durch die Nebenwirkungen der Moderne selbst. Dazu zählen globale Finanzmärkte, technologische Beschleunigung, ökologische Zerstörung und geopolitische Vernetzung. Beck unterschied scharf zwischen Risiko und Katastrophe. Risiko bedeutet die permanente Erwartung einer Katastrophe. Die Gesellschaft lebt damit nicht nur in der Krise. Sie lebt in der Erwartung der nächsten Krise. Für das Lebensgefühl seit 2008 war das prägend. Die Finanzkrise erschütterte einmal mehr das Vertrauen in die ökonomische Rationalität westlicher Demokratien. Die kurz darauf folgende Eurokrise stellte plötzlich die Stabilität Europas infrage.

Vollbremsung der Gesellschaft
Noch während die Eurokrise abflaute, kündigte sich eine andere Krise an. Ihr Ausmaß wurde lange unterschätzt, obwohl sie die Gesellschaften Europas noch über Jahrzehnte beschäftigen wird. Schon damals war klar, wie fragil gesellschaftlicher Konsens sein kann. Die Flüchtlinge, die plötzlich vor den Grenzbalken in Ungarn und Slowenien darauf warteten, nach Deutschland weitergebracht zu werden, machten das sichtbar. Der islamistische Terror brachte zusätzlich die Rückkehr diffuser Angst in den Alltag.

Dann kam die Covid-Pandemie und mit ihr eine globale Vollbremsung. Eine ganze Generation lernte in wenigen Jahren Begriffe wie Lockdown, Inzidenz und Lieferkettenproblem. Staatsschulden wurden ausgedehnt, als gäbe es kein Morgen. Die Haltung »koste es, was es wolle« mündete in einen staatlichen Ausgabenexzess, wie es ihn zuvor kaum gegeben hatte. Knapp 47 Milliarden Euro Steuergeld kostete es die Bundesregierung, Unternehmen für die Folgen der Lockdowns zu kompensieren. Die Gesamtkosten des Umgangs mit der Covid-Krise lassen sich in einem vernünftigen Rahmen kaum noch abschätzen. Wie die Flüchtlingskrise davor und der politisch aufgeladene Klimakrisenklimax danach sind auch die Folgen der Pandemie bis heute nicht ausgestanden.
Noch bevor sich die Gesellschaft psychologisch von der Pandemie erholen konnte, begann 2022 der Krieg in der Ukraine. Erstmals seit Jahrzehnten erschien in Europa wieder ein militärischer Großkrieg denkbar. Gleichzeitig verschärften sich Inflation, Energiepreise und Zukunftsängste.

Krisenmüdigkeit und Abstumpfung
Aus all dem entstand eine neue Form gesellschaftlicher Erschöpfung. Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt diese Entwicklung als Müdigkeitsgesellschaft. Nicht mehr Repression sei die dominante Erfahrung moderner Menschen, sondern Überforderung. Der Mensch werde zum Projekt seiner selbst, gefangen in permanenter Optimierung, permanenter Alarmbereitschaft und permanenter Selbststeuerung. Han diagnostiziert keine klassische Angstgesellschaft, sondern eine Gesellschaft der Erschöpfung.
Gerade die ständige Verfügbarkeit von Kriseninformationen über digitale Medien verstärkt diesen Zustand. Der Nachrichtenstrom endet nicht mehr. Tatsächlich spielen die sozialen Medien bei der Verbreitung von Krisen und beim Gefühl, in einer Dauerkrise zu leben, eine große Rolle. In der Ära der klassischen Informationsgesellschaft waren es meist ein oder zwei Themen, an denen sich die Medien abarbeiteten. Heute laufen Dutzende Krisenerzählungen parallel. Pushmeldungen erzeugen unabhängig von Ort und Zeit eine Dauerpräsenz der Bedrohung. Wenn der Pandemie-Ticker nahtlos in den Klimawandel-Ticker übergeht, bleibt der Psyche wenig Raum für Erholung. Parallel dazu beschreibt der deutsche Soziologe Hartmut Rosa die moderne Gesellschaft als System permanenter Beschleunigung.

Technologische Entwicklung, soziale Veränderung und Lebensrhythmus treiben einander gegenseitig an. Die Folge ist ein Verlust von Resonanz, also echter emotionaler Beziehung zur Welt. Menschen erleben Ereignisse immer schneller, aber immer oberflächlicher. Darin liegt eine der gefährlichsten Folgen des Dauerkrisenmodus. Die Gesellschaft stumpft ab.
Am Beginn der Pandemie lösten täglich steigende Todeszahlen Schock aus. Wenige Monate später wurden dieselben Zahlen routiniert konsumiert wie Wetterberichte. Bilder zerstörter Städte in der Ukraine bewegten Millionen, bis der Alltag zurückkehrte. Klimawarnungen erzeugen kurzfristige Aufmerksamkeit, aber selten nachhaltige Veränderung. Die Gesellschaft entwickelt eine psychologische Schutzreaktion. Sie geht auf emotionale Distanz. Der Ausnahmezustand verliert seinen Ausnahmecharakter.

Medien tragen Mitschuld
Der französische Philosoph Jean Baudrillard beschrieb früh eine Medienrealität, in der Katastrophen nicht mehr unmittelbar erlebt, sondern konsumiert werden. Krisen werden Teil eines permanenten Informationsstroms, der weniger zur Handlung motiviert als zur passiven Beobachtung.

Das erzeugt einen paradoxen Zustand. Die Menschen fühlen sich permanent bedroht und zugleich handlungsunfähig. Daraus entsteht ein gesamtgesellschaftlicher Fatalismus. Wenn jede Woche eine neue Krise beginnt, verliert die einzelne Krise ihre mobilisierende Kraft. Die Gesellschaft gewöhnt sich an Instabilität. Zukunft erscheint nicht mehr als Versprechen, sondern als Bedrohungskulisse. Besonders junge Generationen wachsen inzwischen mit einem Grundgefühl struktureller Unsicherheit auf. Dazu zählen unsichere Arbeitsmärkte, geopolitische Instabilität, hohe Wohnkosten, Klimawandel und digitale Überforderung.
Nicht zufällig steigen psychische Belastungen weltweit deutlich an. Studien zeigen zunehmende Werte bei Angststörungen, Erschöpfung und Depressionen, besonders seit den multiplen Krisenjahren der vergangenen anderthalb Jahrzehnte.

Gesamtgesellschaftliches ADHS
Der Dauerkrisenmodus hat aber eine zweite, noch tiefgreifendere Konsequenz. Er schwächt die gesellschaftliche Konzentrationsfähigkeit. Krisen benötigen normalerweise kollektive Aufmerksamkeit. Doch Aufmerksamkeit ist heute, vorsichtig formuliert, fragmentiert. Jede Krise verdrängt die vorige, bevor sie gesellschaftlich verarbeitet werden kann. Die Pandemie verdrängte die Klimakrise. Der Krieg verdrängte die Pandemie. Die Inflation verdrängte den Krieg. Die KI-Debatte verdrängt die Inflation. Nichts bleibt lange genug im Zentrum, um gesellschaftlich wirklich verstanden zu werden. Das beeinträchtigt auch die Lernfähigkeit. Wenn man nicht weiß, wie man mit Krisen umgehen soll, und stattdessen nur dem Panikmodus Raum gibt, entsteht das Gefühl permanenter Überforderung. Die Menschen erleben zwar mehr Information als je zuvor, aber weniger Sinnzusammenhang. Byung-Chul Han beschreibt diesen Zustand als Verlust narrativer Ordnung. Die Zeit stürzt fort, schreibt er sinngemäß, weil moderne Gesellschaften keinen stabilen Bedeutungsrahmen mehr besitzen. Die Folge ist eine Gesellschaft, die ständig alarmiert wird, aber immer seltener kollektiv handelt. Das Problem des Dauerkrisenmodus liegt daher nicht allein in der Angst. Es liegt vor allem in der Gewöhnung an Angst. Das hat auch eine politische Komponente. Demokratien leben von der Fähigkeit, zwischen normalem politischen Konflikt und echter Gefahr unterscheiden zu können. Wenn aber alles permanent als Krise erscheint, verliert der Krisenbegriff selbst seine Wirkung.

Armutsgefährdung steigt
Die Folgen der sich überlappenden Krisen sind selbstverständlich auch ganz real spürbar. Diese Folgen sind zwar den einzelnen Krisen selbst zuzuschreiben, etwa Teuerung, Energiepreisen oder Krieg. Die Überlagerung verstärkt aber das Gefühl einer Dauerbelastung. Finanzkrise, Pandemie, Inflation, Krieg, Energieunsicherheit und geopolitische Spannungen überlagern einander, ohne dass die Folgen der jeweils vorherigen Krise vollständig verarbeitet wären.

Die Zahlen der Statistik Austria zeigen, wie tief sich diese Dauerbelastung bereits in den Alltag eingeschrieben hat. 336.000 Menschen in Österreich waren 2023, also kurz nach Ausbruch des Ukraine-Krieges, erheblich materiell und sozial benachteiligt. Das waren um 135.000 Menschen mehr als ein Jahr zuvor. Dieser Trend hat sich fortgesetzt. Die relative Armut ist gestiegen. Im vierten Quartal 2025 wurde die 17. Welle der Befragung »So geht’s uns heute« von Statistik Austria durchgeführt. Die finanzielle Situation vieler Haushalte in Österreich bleibt weiterhin angespannt. 26 Prozent der befragten 18- bis 74-Jährigen gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten Einkommensverluste erlitten zu haben. Für 42 Prozent blieb die soziale Lage stabil. Für 31 Prozent verbesserte sich die Einkommenssituation. Das bedeutet auch, dass die Schere weiter aufgeht. Vulnerable Bevölkerungsgruppen waren häufiger als die Gesamtbevölkerung von einer Verschlechterung ihrer finanziellen Lage betroffen. Besonders einkommensschwache und arbeitslose Haushalte standen Ende 2025 unter Druck.

Und dennoch bleibt die große gesellschaftliche Reaktion oft aus. Vielleicht, weil die permanente Krisenerfahrung zu einer paradoxen Gewöhnung geführt hat. Aus Empörung wird Müdigkeit, aus Unsicherheit Fatalismus. Die eigentliche Gefahr des Dauerkrisenmodus liegt daher nicht nur in den Krisen selbst, sondern in der schleichenden Abstumpfung gegenüber ihren sozialen Folgen.
Dass die Armutsgefährdung trotz massiver Inflation nicht noch stärker gestiegen ist, verdankt Österreich vor allem seinem Sozialstaat. Ohne Sozialleistungen und Pensionen wären bereits 2024 42 Prozent der Menschen armutsgefährdet gewesen, hat die Statistik Austria erhoben. Auch das ist eine Botschaft dieser Zeit. Krisenresilienz entsteht nicht durch Durchhalteparolen, sondern durch gesellschaftlichen Zusammenhalt, funktionierende Institutionen und das Vertrauen, dass in einer unsicheren Welt nicht jeder allein gelassen wird.

Fazitthema Fazit 223 (Juni 2026), Foto: Fazit/KI

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