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Tandl macht Schluss!

| 25. Mai 2012 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 83, Schlusspunkt

Eigentlich halt ich den deutschen Stern-Reporter   für einen klassischen „Hupf-ins-Bild“ – jemand, der davon lebt, langweilige Talkshows mit seiner künstlichen Empörung oder mehr oder weniger gescheiten, aber jedenfalls polarisierenden Kommentaren aufzupeppen.
Da sich die „neutralen“ Moderatoren solch eine Polemik meist verkneifen müssen, holen die Sendungsverantwortlichen gerne Leute wie Hans-Ulrich Jörges oder gar Henryk Broder als „Agent Provocateur“ in die Shows. Und dort heizen sie dann mit manch extremer Position, die sie mithilfe ihres journalistischen Hintergrundes als deutschen Mainstream verkaufen, die Diskussion an.
Dieser Herr Jörges spielt in den zahlreichen Talkshows, zu denen er geladen ist, seine gut vorbereitete Rolle zur Steigerung der Spannung für die Zuseher. Er ist daher jemand, den man als Journalist nicht zitieren sollte. Doch genau das tue ich im Folgenden – und noch dazu aus dem Zusammenhang gerissen: Als ich nämlich vor wenigen Tagen des Nächtens durch die deutsche TV-Landschaft „switchte“, blieb ich bei folgendem Jörges-Statement hängen: „Manchmal wird aus einem Tiger ein Bettvorleger, aber mir ist kein Fall bekannt, bei dem aus einem Bettvorleger jemals ein Tiger geworden ist.“ Herrlich! Mein erster Gedanke: Die reden da im deutschen Fernsehen doch tatsächlich über den Michael Spindelegger.  Dass sich die Talkshow um FDP-Chef Philipp Rösler drehte, tut aus bereits erwähnten Gründen nicht viel zur Sache. Aber tatsächlich hat Rösler einiges mit seinem glücklosen Pendant bei der ÖVP gemein. Denn beide können inzwischen tun, was sie wollen, sie werden es nicht mehr schaffen, sich die Unterstützung der Medien und damit der Bevölkerung oder auch nur die ihrer Parteifreunde zurückzuholen.
Dabei werden sowohl Michael Spindelegger als auch Philipp Rösler für Dinge geprügelt, die eigentlich nichts mit ihrer Performance als Politiker zu tun haben. Die österreichische Außenpolitik ist erfolgreich wie eh und je. Wer ihn persönlich erlebt, ist sogar davon überzeugt, einen „klassen Burschen“ vor sich zu haben, der weiß, was getan werden muss, um Österreich durch die Schuldenkrise zu geleiten. Auch die Maßnahmen zur Budgetsanierung erscheinen erfolgversprechend und sozial ausgewogen. Dennoch: Michael Spindelegger wird die Rolle des Sündenbocks für den Unmut der Menschen über die ÖVP-Affären von Strasser bis Grasser nicht mehr loswerden. Dazu kommt, dass er ein Niederösterreicher ist und das ist, solange Erwin Pröll herrscht, längst zu einem medialen Todesurteil für jeden Politiker mit ÖVP-Hintergrund geworden.
Eigentlich hat Michael Spindelegger nichts zu verlieren, denn er hat längst alles verloren. Der ÖVP-Chef sollte sich ein Beispiel am steirischen LH-Vize Hermann Schützenhöfer nehmen. Der muss auch keine Rücksicht mehr auf irgendwelche Wahlchancen nehmen und erlebt dank seines SPÖ-Gegenübers Landeshauptmann Franz Voves und eines Teams, das an einem Strang zieht, einen politischen Frühling wie kaum ein anderer Wahlverlierer vor ihm. Auf einmal löst sich manch gordischer Knoten, der über Jahrzehnte als unaufknüpfbar galt, wie von selbst. Schützenhöfer beweist mit seinem selbstmörderischen Mut zur Unpopularität täglich, dass er keinen politischen Schönheitspreis mehr gewinnen will und gewinnt dadurch Respekt und Anerkennung. Sein neues politisches Mantra ist so einfach wie glaubwürdig: „Was gut für das Land ist, kann nicht schlecht für die ÖVP sein!“
Was gut für das Land ist, kann nicht schlecht für die ÖVP sein, Herr Spindelegger! Nutzen Sie die Zeit, die Ihnen noch als ÖVP-Chef bleibt, und versuchen Sie, Bundeskanzler Werner Faymann endlich zu nachhaltigen Reformen zu motivieren, denn der steirische Landeshauptmann Franz Voves hat ganz sicher recht, wenn er behauptet, dass Reformen nur gelingen können, wenn die erforderlichen schmerzhaften Einschnitte gleich auf die handelnden Partner verteilt sind. Wenn Sie das wider alle Erwartungen schaffen, würden Sie beweisen, dass manchmal doch sogar aus einem Bettvorleger ein Tiger werden kann.

Tandl macht Schluss, Fazit 83 (Juni 2012)

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