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Skandaltouristen sind hier falsch

| 20. Dezember 2012 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 89, Kunst und Kultur

Wer bloß mitreden will über das neue Hassobjekt des Vatikans, über den Gewinner des Spezialpreises der Jury in Venedig, muss auf den zweiten Teil von Seidls Paradies-Trilogie warten. Alle anderen dürfen sich schon jetzt freuen. Text von Thomas Eder

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Einige Kinogeher zeigen sich enttäuscht: Sie hätten schon ärgere Seidl-Filme gesehen. Die Kleine Zeitung konstatiert: Kein Skandal bei der Vorführung in Cannes – in den Sexszenen werde nichts gezeigt, was nicht schon mal auf Festival-Leinwänden gelaufen wäre. Und eine breitere Öffentlichkeit horcht bei dem Namen Seidl ohnehin nur deswegen auf, weil da doch irgendwas Grausliches mit einem Kruzifix und Selbstbefriedigung war – und das kommt in diesem Film nicht vor. Da könnte man doch glatt den Eindruck gewinnen, Seidl wäre gleich Skandal, und daraus den Schluss ziehen, dass ersterer ohne letzteren nichts wert sei. So viel zur Erwartungshaltung, die den Blick auf das Kunstwerk verstellt.
Reduziert man Seidl auf einige quasi-pornografische Szenen, ist das nämlich in etwa so, wie Thomas Bernhard auf Österreichhass und Heldenplatz zu reduzieren – ein billiger Abwehrmechanismus, um sich nicht näher mit einem unangenehmen, aber vielschichtigen Werk auseinandersetzen zu müssen. Und unangenehm ist auch »Paradies: Liebe« – vor allem deshalb, weil es überraschend leicht fällt, die Handlungen aller Personen nachzuvollziehen. Wer kann es der 50-jährigen, übergewichtigen Sextouristin Teresa, grandios verkörpert von Margarethe Tiesel, schon verdenken, nach Kenia zu fliegen, um dort so etwas wie Liebe zu finden? Und wer kann es den einheimischen, in ärmlichen Verhältnissen lebenden Beachboys schon verübeln, eben jenes Bedürfnis für Geld zu befriedigen? Mit Kategorien wie Gut und Böse oder Richtig und Falsch kommt man den Charakteren und deren Handlungen nicht bei. Und doch ist man unglaublich verärgert über so viel Naivität und den Verkauf der menschlichen Würde. Eben dieser doppelte Boden, dieses »sowohl als auch« bestimmt den Inhalt und die formale Anlage des Films.

Gekonnt verwischt Seidl die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Die improvisierten Dialoge, die große Anzahl an Laienschauspielern – all das erweckt den Eindruck, ein Stück Realität, vielleicht eine neue Alltagsgeschichte von Elizabeth T. Spira, vorgesetzt zu bekommen. Dieser Duktus wird kontrastiert durch perfekt komponierte Bilder, die in ihrer Symmetrie, in ihren klaren Linien einem Werk Kubricks entsprungen zu sein scheinen. Filmmusik gibt es keine. »Paradies: Liebe« breitet sich mit der Monotonie und Langsamkeit eines Strandurlaubs vor dem Seher aus. Mit jeder Enttäuschung Teresas schließt sich ein weiterer Kreis, mit jedem neuen Beachboy wird der Film trostloser. Ihrer Naivität beraubt, wird Teresa zum unverschämten Konsumenten. Und dann ist sie da, die holprig besoffene Orgie. Ja, auch das ist Seidl. Auch das ist Realität. Und man lacht, stockt, erschaudert.

Paradies: Liebe Mit Margarethe Tiesel, Peter Kazungu und Inge Maux. Regie von Ulrich Seidl, Drehbuch von Ulrich Seidl und Veronika Franz. Ca. 120 Minuten.

Produzenten: Ulrich-Seidl-Film (AT) in einer Koproduktion mit Société Parisienne (FR) und Tatfilm (DE).

paradies-trilogie.at

Kultur undsoweiter, Fazit 89 (Jänner 2013) – Foto © Ulrich-Seidl-Film

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