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Sex, Geld und Kurt Weill

| 29. Mai 2013 | Keine Kommentare
Kategorie: Aktuell, Fazit 93, Kunst und Kultur

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»Mahagonny« war eigentlich als kleiner Skandal angekündigt. Stattdessen gab es in Graz eine Oper für Leute, die keine Opern mögen. Foto: Werner Kmetitsch

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Bereits nach 15 Minuten war der erste nackte Hintern auf der Bühne zu sehen, das Publikum saß trotzdem gefasst auf den seinigen und die große Flucht aus dem Opernsaal ist auch trotz der zahlreich folgenden Nackt-, Bums- und Masturbationsszenen ausgeblieben. Wer auf so etwas keine Lust hatte, blieb der Vorstellung dank vorherigen Warnungen fern – alle anderen wussten oder ahnten bereits, was an diesem Abend auf sie zukommt.

Der spanische Regisseur Calixto Bieito hat die Oper von Kurt Weill vor zwei Jahren für die Vlaamse Opera Antwerpen inszeniert, nun feiert sie ihre Premiere in Graz. Leider ist dieser Interpretation des Kurt-Weill-Stückes inzwischen anzumerken, dass sie 2011 auf dem Höhepunkt der Krise entstanden ist. Die verzweifelte Wut der Occupy-Bewegung und der »Empörten« ist gegenwärtig – die penetrant bemühte Kapitalismuskritik wirkt aber abgegriffen. Zu gewöhnlich sind die Klischees vom großen Geld, billigen Alkohol und schnellen Sex. Dieses Kernproblem wird auch vom fulminanten Bühnenbild (Rebecca Ringst) und den schillernden Kostümen (Ingo Krügler) nicht geöst. Mit dem farbenfrohen Wimmelbild und einem gewohnt eindrucksvollen Orchester unter Neuzugang Julien Salemkour hätte es trotz inhaltlicher Schwächen ein guter Premierenabend werden können – wäre nicht Fran Lubahn als Witwe Begbick bei vielen Einsätzen über die eigene Stimme gestolpert. Nur selten schaffte sie es, den Orchestergraben zu überwinden und ihrer Rolle das entsprechende Gewicht zu verleihen. Herbert Lippert entwickelte als Jim Mahony hingegen eine mitreißende Dynamik und auch Margareta Klobučar als Jenny Hill reizte das Spektrum ihrer Rolle aus.

In der von Kurt Weill nicht vorgesehenen Rolle eines kleinen Mädchens beeindruckte Teresa Stoiber. Sie war – obwohl ohne Sprechrolle – der eigentliche Star des Abends. Eigentlich als Hospitantin bei den Proben anwesend, wurde sie von Regisseur Bieito auf die Bühne geschickt und bewegt sich dort, unschuldig und begeistert, durch das laute und schrille Mahagonny. Sie tänzelt, ignoriert von ihrem Vater (Daniel Doujenis), durch die Orgien der Erwachsenen und feiert am Ende ihren Aufstieg zur Queen of Porn. Ausgerechnet dieses entscheidende Moment – die Zerstörung der Unschuld durch Geld, Sex und Sucht – findet in dieser exhibitionistischen Welt hinter geschlossenen Jalousien und damit nur in den Köpfen der Zuschauer statt.

Mahagonny ist eine Oper ganz im Sinne Brechts, also weit weg von allem, was sonst unter dieses Genre fällt. Eine perfekte Gelegenheit für alle, die sonst keine Opern mögen, in den Genuss eines fantastischen Orchesters zu kommen und sich dazu von einem Bühnenbild erschlagen zu lassen, das in seinen Details ebenso pointiert und brilliant ist wie die Musik.

::: Weitere Vorstellungen: 24., 26., 28. und 29. Mai
::: Zum Stück auf der Webseite der Oper Graz

Kunst undsoweiter, Fazit 93 (Juni 2013)

Erstveröffentlicht am 26.5.2013

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