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Die gute Bücherstube

| 26. März 2014 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 101, Fazitportrait

Foto: Marija Kanizaj

Angelika Schimuneks »Bücherstube« in der Grazer Prokopigasse sorgt seit über 33 Jahren für die literarische Nahversorgung und trotzt Online-Händlern und Fachmarktketten mit Persönlichkeit und Individualität. Nun holt sie auch noch den CD-Laden mit Werner Fauland zurück. Die Legende lebt. Text von Volker Schögler

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Wer in diese gute Stube in der Grazer Prokopigasse eintritt, geht doppelt in die Falle. Die niedrige Eingangstür schaffen die meisten noch – einfach sehenden Auges oder weil einen der erste Schritt ohnehin eine unvermittelte Stufe nach unten kippen läßt. Wer dabei in Rücklage gerät, wird eine Sekunde später seine Stirn, wer in Vorlage gerät, seine Schädeldecke spüren: Wie immer man sich zwei Schritte später wieder aufrichtet oder auch ohne gestolpert zu sein bloß weitergeht – man knallt mit gut 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit in der lichten Höhe von nicht viel mehr als 1,60 m mit dem Kopf gegen einen vorbildlich gepolsterten massiven Holztram, der die ungewöhnlich niedrige Decke der Stube (1,80 bis 1,85 m Kopffreiheit) nach oben hält. Buchstäblich schlagartig erwachsen in der Bücherstube – wo sonst? – die Erkenntnisse, dass manchmal jeder Schuhabsatzzentimeter zählt oder warum die Ritterrüstungen im Grazer Zeughaus eigentlich so klein sind. Damit ist nach der physischen auch schon die zweite Falle geoffenbart. Die Falle der Erkenntnis; genauer die Falle der möglichen Erkenntnis, der Chance auf sie. Denn in guten Büchern steht all das, was bei Google nicht zu finden ist – solange noch nicht alle Bücher dieser Welt eingescannt sind – und auch aus coolsten Algorithmen wird niemals warme Literatur; allerdings können sie den Weg dorthin weisen. Womit wir vorschnell bei Online-Händler Amazon sind. Davon später.

Wie alles begann
»Der 4. August 1980 war mein erster Arbeitstag« – Angelika Schimunek, damals »unter 30«, gerade Mutter geworden, zuvor zehn Jahre als Buchhändlerin beim bekannten Buch- und Musikalienhändler Pock am Grazer Hauptplatz im Parterre des Rathauses beschäftigt, wagte den Sprung in die Selbständigkeit. In der innersten Innenstadt, der Prokopigasse, eröffnete sie in den Räumlichkeiten eines vormaligen Geschenkartikelgeschäfts die »Bücherstube«, Untertitel »Gemischtwaren«. Die Prokopigasse verläuft parallel zur Herrengasse, mit der sie über zwei Passagen und die Pomeranzengasse direkt verbunden ist, wird auf der anderen Seite vom Mehl- und vom Färberplatz begrenzt, ist somit integraler Bestandteil des legendären »Bermudadreiecks«, aber selbst bei alteingesessenen Grazern fast so unbekannt wie die Goldgasse. Diese geht direkt neben dem Geschäft quasi als Verlängerung der Prokopigasse weiter bis zur Enge Gasse; zumindest theoretisch, denn das knapp einen Meter breite Gässchen ist seit mehreren Generationen mit Brettern und Gittern versperrt. So liegt die Bücherstube romantisch-verwunschen am Ende einer Sackgasse und kennt Laufkundschaft nur vom Hörensagen. Aber zahlreiche Stammkunden leisten die beste Schützenhilfe. Sie haben sich im Laufe der drei Jahrzehnte gebildet und schätzen neben der guten Ware den Buchladen als kleinen feinen Sozialknotenpunkt. »Wir waren auch die erste Buchhandlung mit ,Non-Books‘«, sagt Angelika Schimunek von sich in der Mehrzahl, obwohl sie seit jeher den Laden im wahren Sinn des Wortes allein schupft: Deshalb ist sie auch jeden Tag bereits um 6 Uhr 30 im Geschäft, um sämtliche Arbeiten von A bis Zett, von der Buchhaltung bis zu den Bestellungen, sämtliche Wege von Pontius bis Pilatus, kubikmeterweise Katalogmaterial, sowie ihr Lese-Pensum auf der Suche nach guter Literatur zu erledigen. Bevor sie um 9 Uhr 30 aufsperrt. Das Dreigestirn der Buchliebhaberin »kein Urlaub – kein Auto – kein Luxus« läßt erahnen, warum von rund 30 Grazer Buchhandlungen in den 80-er Jahren nur eine Handvoll übrig geblieben ist.

Gemischtwarenhandlung gegen Onlinehandel
Der erwähnte Onlinehandel und auf Bestseller konzentrierte, unpersönliche Fachmarktketten holen sich nach Einschätzung des Hauptverbands des österreichischen Buchhandels rund 10 bis 20 Prozent des Umsatzes, die Zahl der Buchhändler verringert sich stetig, die literarische Nahversorgung ist gefährdet. Doch die Grazer Buchhändlerin ist guten Mutes: »Ich bewundere Amazon sogar und nutze es auch.« Wenn sie ein nicht lagerndes Buch schnell für einen Kunden braucht, kann die Buchhändlervereinigung mit ihrem VLB (Verzeichnis lieferbarer Bücher) und  ihren langen Lieferzeiten nicht mithalten. – Amazon liefert am nächsten Tag. Als voriges Jahr von Missständen bei Amazon berichtet wurde, bescherte ihr das einen Schub neuer Kunden. Das Fundament dafür hat Angelika Schimunek mit den erwähnten »Non-Books« aber schon vor über 30 Jahren gelegt. Damit sind jene Dinge gemeint, die bis heute die Magie ihrer »Gemischtwarenhandlung« ausmachen: Ein scheinbar wildes Durcheinander von Puppenstubenzubehör und Blechspielzeug, Billets und Karten, Schuco-Autos, Paperweights und den legendären selbstgemachten (!) oder von Steiff hergestellten Teddybären sorgt zusammen mit den Büchern – Literatur der Gegenwart, Kunst, Design, Bilderbücher, Reprints – für die harmonische Atmosphäre eines Heimkommens. Vielleicht sind die vermeintlichen Fallen im Eingangsbereich nur listige Initiationsübungen zur Förderung der Aufnahmebereitschaft für die guten Schwingungen der Bücherstube? »Bei mir muss man einfach stöbern«, schweigt sie vielsagend und bedauert, dass es den Bücherbasar am Hauptplatz nicht mehr gibt, seit die Buchhandlung Kienreich vor einigen Jahren insolvent geworden ist.

Informelle Drehscheibe und Gedankenaustauschbörse
Eine witzig und originell gestaltete Auslage in der Altstadtpassage auf dem Weg von und zur Herrengasse ruft so manchem Passanten die buchstäblich bloß ums Eck entlegene Bücherstube wieder ins Gedächtnis. In den Köpfen so unterschiedlicher Schriftsteller wie Günter Eichberger, Andrea Stift, Willi Hengstler, Clemens J. Setz, Mathias Grilj oder Herms Fritz ist sie naturgemäß besser verankert. Einige von Ihnen freuen sich zur Zeit aber ganz besonders. Und mit ihnen zahlreiche andere Musikliebhaber: Nach dreijähriger Pause hat der an die Bücherstube angeschlossene winzige CD-Laden, zugleich informelle Drehscheibe und Gedankenaustauschbörse, wiedereröffnet. Geführt wird er wieder von Werner Fauland, der ihn zwischen 1991 und 2011 zur Legion gemacht hat. Die Prokopigasse schlägt an ihrem Ende noch einmal einen Haken nach links und endet dort nach wenigen Metern endgültig im Sack. Man muss schon vorsätzlich um dieses Eck schauen, um das Geschäft überhaupt zu sehen.

Wie man die Türen zur Neuen Musik öffnet
Ursprünglich hatte Angelika Schimunek den Laden nach einer sechs Jahre dauernden, drei Nachbarhäuser umfassenden Baustelle in der Prokopigasse, als die Geschäfte praktisch still standen, dem 2002 verstorbenen Schriftsteller Franz Innerhofer (»Schöne Tage«) eingerichtet. Das war 1986. Innerhofer führte darin fünf Jahre lang eine italienische Bücherstube. Dann engagierte sie mit Werner Fauland ihren Taxifahrer (!), der zwar keine Spur von italophil war, aber den damaligen CD-Boom erkannte und kurzerhand einen CD-Laden daraus machte.  Als Suchender ohne Berührungsängste entwickelte er nicht zuletzt unter dem Eindruck von Marcel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« eine grenzenlose Offenheit für Kunst und Qualität. »Kafka hat gemeint, dass ein Buch nicht geschrieben werden muss, um glücklich zu machen, denn so ein Buch könne man selbst schreiben. Ein Buch müsse treffen wie der Verlust eines geliebten Menschen«, erklärt sich Fauland. So hält er sich auch an Kafkas Ausspruch, dass »Kunst die Axt« sein müsse »für das gefrorene Meer in uns«. Werner Faulands Entwicklungsprozess von Null zum Musikexperten hatte viele Väter. Einer der wichtigsten war für ihn der mittlerweile renommierte und an der Grazer Musikhochschule unterrichtende Komponist Bernhard Lang. »Er hat mir den Zugang zur Neuen Musik als Fortsetzung der Klassik ermöglicht.« Wie vielen war ihm die Wiener Schule mit Schönberg, Webern und Berg ein unzugängliches Geheimnis mit sieben Siegeln, bis er Langs Rat folgte und die Musik beiläufig und nur nebenher hörte. Im Laufe von zwei Wochen, so Fauland, »haben sich Türen  geöffnet.« Es waren die Zugangstore zur Neuen Musik, in Folge aber auch Quantensprünge hinsichtlich grundsätzlicher Musikqualität, was ihm zu feinerer Sensorik und verbesserten Filterfunktionen verhalf, die anzuwenden er auch in Bereichen wie Jazz, Pop, Klassik oder Weltmusik in der Lage ist. Mit weiteren Kunden, wie zum Beispiel Komponist Beat Furrer, anderen Musikern und Künstlern aus verschiedenen Bereichen entwickelte sich Fauland zu einem Fixstern in Sachen Musik und Beratung, der nach 20 Jahren aber durch das tiefe Tal der Musikindustrie mit- und selbst untergehen musste. Aufgerüstet mit DVD-Filmen, natürlich auf Fauland-Niveau, kehrt er nun zurück aus der Pension, um konsequenterweise jene Lücke zu füllen, die er als Hauptursache der Musikindustrie-Krise sieht: das Fehlen von Fachgeschäften und direkter Kommunikation mit dem Kunden.
Angelika Schimuneks Steuerberaterin bezweifelt angesichts des enormen Aufwands für einen einzelnen, dass – irgendwann – sich so leicht ein Nachfolger finden wird. Doch die gute Stubenherrin (»Bin fit wie ein Turnschuh!«) ist mit der sich und andere beruhigenden Gabe tiefer Erdung ausgestattet, was Laszlo Varvasovszky schon vor vielen Jahren dazu veranlasste, sie in seinem (Kinder-)Buch »Jakob der Zaubärer« als Waldeule zu zeichnen und mit folgendem Satz zu verewigen: »Du wirst mit deinen blöden Tatzen mir alle Bücher noch zerkratzen.« Die Bücherstube ist ein besuchenswerter Glücksfall.

Bücherstube
8010 Graz, Prokopigasse 16
Telefon und Fax: 0316 825026

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