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Auf einander schauen

| 25. April 2014 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 102, Fazitportrait

Foto: Marija KanizajSeit 133 Jahren ist das Odilien-Institut in der Beratung, Bildung und Betreuung von Menschen mit Sehbehinderung, Blindheit und zusätzlichen Behinderungen engagiert. Es war ein weiter Weg vom Zöglingsdenken bis zu Integration und Inklusion und er ist noch lange nicht zu Ende.

Text von Volker Schögler; Fotos von Marija Kanizaj

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt: »Auf einander schauen« heißen Zeitschrift wie Motto des Odilien-Instituts in Graz. Man sollte sie zwar nicht ständig bemühen, trotzdem ist es letztlich immer sie, die dahinter steht; sie ist es, auf die der Mensch sich bezieht, stützt und beruft, sie ist es, die den Lebensrahmen deutet, in dessen Gefüge sich jeder bewegt, ob vom Schicksal durchgebeutelt oder begünstigt: die Philosophie – egal ob bewusst oder unbewusst gelebt. »Auf einander schauen« ist mehrdeutig und entbehrt nicht eines gewissen Witzes, wenn es sich auf Sehbehinderung und Blindheit bezieht. Frohsinn und Lebensfreude sind denn auch Grundlage für die offene und entspannte Atmosphäre im Odilien-Institut. Wie in einem Dorf leben hier Alt und Jung, Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Rudolf Zangl, stellvertretender Geschäftsführer: »Als Dienstleistungsanbieter betreuen wir hier Menschen von 0 bis 99, nämlich von der Frühförderung über Pflicht- und Fachschulen bis zum Seniorenheim.« Und das auf gar nicht so engem Raum: Eine Handvoll Gebäude, vom mittelalterlichen Bürgerhaus bis zum modernen Glas-Kubus, verteilen sich über zweieinhalb Hektar Parklandschaft mitten im Bezirk Leonhard, eingebettet in beste Infrastruktur. Am markantesten ist das schlossähnliche Haupthaus aus der Jahrhundertwende, das über hundert Meter lang ist und über eine eigene Kapelle mit Turm verfügt.

Verwechslungsgefahr bei Haustürgeschäften
In den letzten Jahren sorgte ein Spendenskandal beim Grazer Blindenhilfswerk für einen derart veritablen Imageschaden, dass im Vorjahr sogar der Aufdecker, der Blinden- und Sehbehindertenverband Steiermark, in die Insolvenz schlitterte. Grund: Durch Verwechslungen sind die Spenden ausgeblieben. Auch bei den Odilien kennt man diese Problematik. Rudolf Zangl: »Es kommt immer wieder vor, dass jemand wegen eines bei einem Haustürgeschäft erworbenen Gegenstands wie einer Bürste oder einem Besen reklamieren will und der festen Überzeugung ist, dass das von uns stammt – von den Blinden halt. Das Odilien-Institut macht aber keinerlei Haustürgeschäfte«. Auch der Spendenrückgang sei spürbar, wenngleich der Großteil des 7-Millionen-Euro-Budgets, über das Geschäftsführer Peter Haberer und Zangl verfügen, von der öffentlichen Hand stammt. Da beide aus der Bankbranche kommen – Haberer war im Vorstand der Raiffeisenlandesbank und seit 1998 als Finanzreferent auch im Vereinsvorstand, dem Kuratorium der Odilien, – sind die Voraussetzungen für eine ordentliche finanzielle Gebarung besonders gut. Außerdem wachen 13 honorige Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Bereichen im Rahmen des Kuratoriums unter der Leitung des ehrenamtlichen Odilien-Verein-Obmanns, Christoph Binder, vormals als Hofrat Leiter der Landesbibliothek, gestrengen Auges auf das exakt 133 Jahre alte Institut und die Einhaltung des Gründungsauftrags.

Wie alles begann
Am 10. Mai 1881 wurde das Odilien-Institut unter dem Vereinstitel »Odilien-Erziehungs- und Versorgungsanstalt für Blinde in Steiermark unter dem Protektorate Ihrer kaiserl. königl. Hoheit der durchlauchtigsten Kronprinzessin von Oesterreich Erzherzogin Stephanie« gegründet und mit fünf »Zöglingen« als Volksschule mit Internat feierlich eröffnet. Der blinde Organist Gustav Garzaner war 1879 beim »inbrünstigen Gebete« auf die Idee gekommen. In der Folge ermöglichten private und öffentliche Zuwendungen und ein großes Vermächtnis den weiteren Ausbau. Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Erwachsene in blindengerechten Berufen wurden geschaffen, 1892 folge der erste Gewerbeschein für das Bürstenbindergewerbe. Seit seiner Gründung hat das Odilien-Institut fünf Regierungsformen, fünf Währungsumstellungen, zwei Weltkriege und zwei Weltwirtschaftskrisen überdauert und ist heute noch immer die einzige lebensbegleitende Einrichtung für sehbehinderte und blinde Menschen im Süden Österreichs. Jedes Jahr werden von rund 170 Mitarbeitern und 50 Lehrern zwischen 800 und 1.000 blinde, seh- und mehrfachbehinderte Menschen beraten, ausgebildet und betreut, davon etwa die Hälfte im Haus selbst. Das große Ziel ist letztlich immer die weitestgehende Erreichung von Selbstbestimmtheit. Die Voraussetzungen dafür sind lebenspraktische Fertigkeiten (wie schneidet man dünne Brotscheiben, wie geht man mit Schuhbändern um, wie kombiniert man Kleidung?), Orientierung und Mobilität (wie finde ich zum Bahnhof, zum Supermarkt, wie kann ich kochen, einkaufen?). Auch verschiedene Wohnmöglichkeiten, darunter besonders die Trainingswohnungen, dienen zur Unterstützung, sich Routine anzueignen.

Inklusion für Integration
Blindheit ist keineswegs immer Voraussetzung, um im Odilien-Institut aufgenommen zu werden. Im Seniorenheim etwa gehören allgemeine Sehprobleme schon altersbedingt regelmäßig zum Alltag. Man denke an den grauen und den grünen Star oder an die Makuladegeneration. In der Volksschule ist das Konzept des Hauses noch klarer zu erkennen: Nach dem Prinzip der Integration lernen Kinder ohne und Kinder mit besonderen Bedürfnissen nebeneinander; dass es nicht wirklich nur ein Nebeneinander, sondern ein Miteinander ist, soll der zeitgemäße Begriff »Inklusion« (Einschließung, Enthaltensein) ausdrücken. Denn oft geht es nicht um die alleinige Beeinträchtigung der Sehkraft, sondern um mehrfache Behinderungen. Hier hat sich seit den 1980er Jahren vieles getan; Vorreiter waren die skandinavischen Staaten, Holland und die USA.

Sehfrühförderung zur Gehirnentwicklung
Zur Zeit werden im Odilien-Institut 70 blinde, seh- und mehrfachbehinderte junge Menschen in den Berufen Metallbearbeitung, Korb- und Möbelflechterei, Weberei, Informationstechnik, Bürokaufmann/-frau und Hauswirtschaft ausgebildet. In der beruflichen Lehranstalt und in den Werkstätten des Hauses wird individuell auf die Bedürfnisse der zu Betreuenden eingegangen, und bei entsprechender Qualifizierung kann die jeweilige Ausbildung mit einer Lehrabschlussprüfung der Wirtschaftskammer abgeschlossen werden. So gibt es auch die Chance, am ersten Arbeitsmarkt unterzukommen. Bei der Jobsuche hilft die Arbeitsassistenz des Odilien-Instituts, die auch Unternehmer bei Fragen zur Arbeitsplatzausstattung berät. Teilqualifiziert Ausgebildete – meist Menschen mit höhergradigen Behinderungen – finden in anderen Organisationen oder den Werkstätten des Odilien-Instituts Beschäftigung. Unter den vielen Angeboten des Odilien-Instituts findet sich auch die Sehfrühförderung für 60 Kleinkinder bis zum Schuleintritt. Zangl: »Schon lange wurde erkannt, dass der Großteil frühkindlicher Synapsenaktivität und damit die Gehirnentwicklung über das Sehen stattfindet. Auch wenn nur Sehreste vorhanden sind, müssen diese unbedingt aktiviert und speziell gefördert werden, weil sie sonst verkümmern.« Das Beratungszentrum mit (öffentlicher) Bibliothek und Ludothek führt pro Jahr rund 350 kostenlose Beratungen für Betroffene und Angehörige durch. Die in den Behindertenwerkstätten des Odilien-Instituts hergestellten Produkte werden im hauseigenen Geschäft verkauft. Rudolf Zangl dazu: »Wir wollen weg von dem Klischee ,Gebt’s was für die Blinden‘. So ein Korb zum Beispiel ist eben nicht von Kindern in Bangladesch gemacht, er ist von uns und von guter handwerklicher Qualität. Provokant gesagt, interessiert mich als Kunde in erster Linie das Preis-Leistungsverhältnis und weniger die Frage, wie viele Menschen mit Behinderung dort arbeiten. Und genau das wiederum ist es ja, wenn wir von ,gelebter Integration‘ sprechen.«

Odilien-Institut für Menschen
mit Sehbehinderung oder Blindheit
8010 Graz, Leonhardstraße 130
Telefon +43 (0) 316 3226670
odilien.at

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Fazitportrait, Fazit 102, (Mai 2014) – Foto: Marija Kanizaj

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