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Mit offenen Augen

| 28. Mai 2014 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 103, Kunst und Kultur

Foto: Manfred Werner

Michael Glawogger ist gestorben, sein Wikipedia-Artikel bleibt. Dem Wikipedia-Artikel entnehme ich, dass »Michael Glawogger (3 December 1959 – 22 April 2014) was an Austrian film director, screenwriter and cinematographer«. Natürlich schlage ich in der englischen Wikipedia nach, die deutsche Wikipedia ist … Nein, bleiben wir höflich. »4 days after incorrectly being diagnosed with typhus, he died from malaria on 22 April 2014 shortly before midnight in Monrovia, Liberia, during a movie production.« So ist das also passiert, in Afrika, wo die großartigen Schlachthof-Szenen von »Workingman’s Death« spielen.

Glawoggers skurrile Komödien und elegante Dokumentarfilme gehören zum Kanon des österreichischen Films. Ob überdrehte Drogen- und Pornokomödie oder dokumentarische Erkundung globaler Realitäten des Zusammen- und Überlebens, man findet in seinen Filmen stets eine gewisse Haltung, einen Blick, der nicht zurückweicht, nicht bagatellisiert … eine Haltung der offenen Augen. Große, offene Augen, die erstaunt registrieren, mit einem Blick für das Absurde der Existenz, aber ebenso für das Schöne und Überwältigende … Glawogger war kein Ideologe, sondern ein Beobachter. Sein Werk ist pluralistisch, aber nicht ohne rote Fäden. Glawogger zeigt, was ist, er erkundet Milieus, konstruiert Bilder, die sagen: All das gibt es. Diese Haltung der offenen Augen findet sich in den Dokumentar- wie in den Spielfilmen, sie hat realitätsöffnende Wirkung, wie wenn jemand sagt: Sperr die Augen ganz weit auf!

Die titelgebende Praxis des »Slumming« etwa ist nicht weniger real als die farbverschmierten, angestrengten Körper der Arbeiter und Huren, äh, Sexarbeiterinnen am anderen Ende der Welt. Wir treffen uns im Café Sultan … Was Sebastian & Alex, die beiden »slummenden« Hipster, tun, ist letztlich auch nur eine Überlebensstrategie, die der Film nicht kommentiert, sondern nur zeigt. Deshalb passen Glawoggers Filme auch nicht in das gehypte Genre der globalisierungskritischen Dokumentation, für das exemplarisch Erwin Wagenhofers Filme stehen. Dokumentarfilmer wie Wagenhofer produzieren Propaganda: »We feed the world«, »Let’s make money« … Schon die Titel sind manipulativ, wie das gesamte Werk Michael Moores. Dass das Kino primär ein Ort der schönen, seltsamen, interessanten Bilder ist, das wusste Glawogger. Politische Bildung bedarf anderer Medien.

Unsere Wikipedia-Artikel überleben uns … Es war ein kleiner Schock, von diesem so plötzlichen Tod zu erfahren – auf Twitter natürlich, wo die Todesmeldungen hereinrauschen wie die Katzenbilder und alles andere auch. In gewisser Hinsicht freilich tritt jeder Tod mit absoluter Plötzlichkeit ein. Vielleicht hat es ja Christoph, mit dem ich einige Filme Glawoggers im Kino gesehen habe, am besten ausgedrückt: So eine depperte Fliege.

Text von Michael Bärnthaler, Foto von Manfred Werner
Alles Kultur, Fazit 103 (Juni 2014) – Onlinelayout

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