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Biopioniere

| 2. Juli 2014 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 104, Fazitportrait

Foto: Marija Kanizaj

Das »Verpackungszentrum Graz« ist ein kleines Unternehmen, geführt von zwei Schwestern, die eine gelernte Drogistin und Diplomkosmetikerin, die andere Modedesignerin. Susanne Meininger und Bettina Reichl machen mit 51 und 50 das, was die meisten sich irgendwann einmal vorgenommen haben: Sie verbessern die Welt. Und dies ist ihre Geschichte.

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Zunächst sei vorweggenommen, dass sie kürzlich eine Weltneuheit auf den Markt gebracht haben, dass sie seit einem Vierteljahrhundert vor Ideen sprühen, dass sie seit über 20 Jahren – für einen Handelsbetrieb völlig unüblich – in Forschung investieren und vier Patente halten, dass sie mit Preisen und Nominierungen überhäuft werden, dass sie von offiziellen Stellen regelmäßig gebeten werden, nationale und internationale Delegationen zu empfangen und dass sie kein Großbetrieb, sondern ein gerade einmal insgesamt acht Köpfe zählendes Unternehmen sind: das »Verpackungszentrum Graz«. Als solches vertreiben die Schwestern Verpackungsmaterial aus nachwachsenden Rohstoffen, vorwiegend für den Lebensmittelhandel. Zu den neuesten Kunden zählen seit etwas über einem Jahr der Lebensmittelkonzern Rewe (Billa, Merkur, Penny) und Hofer (Aldi Österreich) – sie sind dem Grazer Familienbetrieb sprichwörtlich ins (Bio)Netz gegangen: In ihren Bio-Linien (»Ja!Natürlich« bzw. »Zurück zum Ursprung«) verpacken die Konzerne Kartoffel, Zwiebel, rote Rüben, schwarzen Rettich sowie Zitrusfrüchte in die neuen kompostierbaren Netze des VPZ, statt in solche aus Kunststoff.

Netze und Säcke aus Naturfasern
Als Rohstoff kommt Buchenholz zum Einsatz, das in Zentraleuropa bei der Durchforstung der Wälder anfällt und bei der Lenzing AG nach höchsten Umweltstandards CO2-neutral zu sogenannten Modalfasern verarbeitet wird. Das trifft auf höchstes Interesse der Kunden, die in sozialen Netzwerken bereits enormen Druck auf die Konzerne ausgeübt haben. Denn wer »bio« einkauft, verlangt auch Bioverpackungen. Tatsächlich ist der Umsatz mit den so verpackten Produkten bei Rewe um ein Drittel gestiegen und macht somit den Verzicht auf die billigen Kunststoffnetze mehr als wett. Außerdem werden allein bei Rewe Österreich 3,2 Tonnen Plastik jährlich eingespart. Der europäische Markt öffnet sich, der kanadische und damit der US-amerikanische klopft auch schon leise an – im Familienunternehmen wird tief Luft geholt.
»Begonnen hat alles mit der Algenpest in der oberen Adria im Sommer 1989«, erzählt Firmenchefin Susanne Meininger. Im selben Jahr hat sie den Betrieb von Vater Helmut Meininger übernommen, der vor der Betriebsgründung schon im Vorläuferbetrieb jahrelang angestellt und anschließend in der Versicherungsbranche selbstständig gewesen war. 1982 übernahm er die Konkursmasse des alten Verpackungsgroßhandels mit einer Produktpalette von 600 Artikeln, überwiegend Lebensmittelverpackungen. Mit unternehmerischer Verve wollte er gemeinsam mit den Töchtern aktiv etwas gegen die Algenpest machen und so entwickelten sie das erste Forschungsprojekt. Die Idee: Wenn die Algen schon einmal da sind, könnte man sie gleich sinnvoll verwerten, zum Beispiel als Verpackungsmaterial. Der 73-jährige ist in finanziell prekären Verhältnissen aufgewachsen und war in sudetendeutscher Tradition schon als Kind ein Sammler, unterwegs mit einem Leiterwagerl (»Fetzen, Baana, altes Eisen«). Recycling und Ressourcenschonung waren damals zwar Fremdworte, aber gelebter Alltag. Auch eine andere Sache fiel ihm auf: Erdbeeren waren plötzlich in Kunststoffbecher verpackt und hielten nicht mehr so lange, sondern schimmelten und faulten schneller. Dabei gab es bereits ab den 1950-er Jahren die sogenannte Holzschliff-Verpackung, in der sich die empfindlichen Früchte drei bis vier Tage länger hielten, weil das natürliche Material überschüssige Feuchtigkeit aufnimmt und bei Bedarf wieder abgibt – ähnlich den erwähnten neuen Netzschläuchen für Gemüse. Hergestellt aus Wasser und Schwachholz, das beim Durchforsten der Wälder anfällt, wird eine Pulpe zu Formschalen gepresst und getrocknet. Das natürliche Harz des Holzes hält die Masse ohne Zugabe von Klebstoffen zusammen, die Holzschliff-Verpackung verrottet rückstandsfrei (Kompost) oder kann mit dem Altpapier recycliert werden. Die Wiedereinführung dieses genialen Verpackungsmaterials, ideal auch für Beerenobst, Steinobst, Gemüse und Eier, ist auch ein Verdienst des »Verpackungszentrums Graz« und bis heute ein Verkaufsschlager.
Von Anfang an spezialisierte sich das VPZ auf werbende Verpackung (zum Beispiel Tragtaschen), ebenfalls bis heute ein wichtiger Geschäftszweig. Um sich als kleines Unternehmen zu positionieren, folgte die zusätzliche Konzentration auf biogene Verpackungen. Dass man sich zunächst auf alte Methoden wie die Faserformverpackungen aus Holzschliff besann, lag auch daran, dass in den 1980-er und 90-er Jahren die heute so geläufigen »green jobs« kein großes Thema in der Wirtschaft waren.

Styropor aus Algen
Aus erwähntem ersten (Algen-) Forschungsprojekt entwickelten sich die Dinge weiter, so etwa die Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Graz und mit jener in Puntas Arenas, Chile. Von dort kam auch der Anstoß, Schaumstoff auf Algenbasis herzustellen. Susanne Meininger: »Wir begleiten und finanzieren Forschungsprojekte zur Förderung des nachhaltigen Wirtschaftens in jenen Phasen, da das Forschungsrisiko noch hoch ist.« Etwa drei Prozent des Umsatzes (2013: 2,1 Millionen Euro) oder die Hälfte des Gewinns fließen in die Forschung. Von diesem Engagement profitieren neben den Kunden und der Umwelt auch andere. Das Projekt Algenschaumstoff entwickelte sich äußerst vielversprechend. Algen, die bis zu einem Meter pro Tag wachsen, stellen die Versorgung mit dem Rohstoff sicher, für die Herstellung ist im wesentlichen bloß das Einblasen von Luft notwendig und das Endprodukt, eine Art Bio-Styropor ohne Kunststoffe und Entsorgungsproblematik, ist zwar nicht weiß, somit für die Lebensmittelverpackung nicht gut geeignet, aber im Gegensatz zu Styropor unbrennbar und daher ideal als Bau- und Dämmmaterial. Da dies nicht zu den Kompetenzen des Verpackungsgeschäfts zählt, wurde ein Partner gesucht und mit dem weltweit größten Styroporproduzenten, der Dow Chemicals, auch gefunden. Doch offenbar wurde der Bock zum Gärtner gemacht: Trotz oder gerade wegen des enormen Potenzials des natürlichen Algen-Rohstoffs, sah Dow Chemicals ihr Kerngeschäft gefährdet und drehte den Hahn zu.  Dass ein kleiner Betrieb auf dem großen Weltmarkt nur unter erschwerten Bedingungen bestehen kann, zeigt das Beispiel eines zweiten Projekts des VPZ: Als Alternative zu Kunststoffsäcken (z.B. 25-kg-Kartoffelsack) wurden Bio-Netzsäcke entwickelt, die aus Hanf, Flachs, Baumwolle oder Zellulose hergestellt werden. Auch sie halten die Ware länger frisch.
Sie sollen die aus den Selbstbedienungsbereichen der Supermärkte bekannten Plastiknetzsäcke, die seit rund 40 Jahren für Gemüse, Obst und Saatgut üblich sind, ablösen. Um die Reißfestigkeit zu erhöhen, wurde ein spezielles Webverfahren erfunden, die sogenannte Double-Twist Technology. Zugleich wird gegenüber Kunststoffsäcken bis zu 40 Prozent Material eingespart. Meininger: »Als wir das Patent für diese Webtechnik einreichen wollten, hat der BP-Konzern Einspruch erhoben.« Das daraus resultierende Gerichtsverfahren kostete sie damals die Summe von 300.000 Schilling (22.000 Euro). »So versuchen die Großen, innovative Ideen zu unterdrücken.« Als Erdölkonzern sah BP sein Geschäft mit der Kunststoffindustrie gefährdet. Doch das oberste Prinzip der Schwestern ist schließlich Nachhaltigkeit – und dafür waren sie unter anderem auch für den Österreichischen Klimaschutzpreis nominiert, haben die Umweltschutzpreise der Stadt Graz und der steiermärkischen Landesregierung erhalten oder den ÖGUT-Umweltpreis oder den Daphne Umwelttechnologiepreis oder den Fast Forward Award des Landes Steiermark oder den Energy Globe Award Austria – um nur einige von bisher rund 30 Preisen und Nominierungen zu nennen. Bettina Reichl formuliert sehr klar das Ziel: »Wir müssen von dieser Chemiewelt wegkommen.«

Kunststoff aus Agrarabfällen
Reichl ist es auch, die – neben ihrer Tätigkeit als Modedesignerin (»Pell Mell« in der Griesgasse, mit dem eigenen Label »Odrowaz«) mit Vorliebe für Biologie – nicht nur für das Erscheinungsbild der Produkte, sondern auch für die Öffentlichkeitsarbeit und für die Forschung zuständig ist. Dabei erweist sie sich als pragmatisch und bodenständig: »Unser Motto lautet nicht ,Hauptsache Naturstoff‘, uns ist wichtig, dass kein wertvoller Ackerboden vergeudet wird.« So gibt es ein weiteres Projekt, aus dem Verpackungen aus Biopolymeren, hergestellt aus Zucker oder Stärke, hervorgegangen sind. Da Zucker wie Stärke letztlich auch Lebensmittel sind, sollen sie durch landwirtschaftliche Abfälle, durch Zuckerrübenschnitzel oder andere Rückstände der lebensmittelverarbeitenden Industrie ersetzt werden. Letztlich alles eine Frage des politischen Willens. Obwohl das Interesse enorm ist, schätzt Reichl, dass es noch rund zehn Jahre brauchen wird, bis biogene Verpackungen Standard sind: »Man muss bedenken, dass es sich dabei um eine Materialrevolution handelt, auf die sich alle Beteiligten vom Rohstoffhersteller bis zum Konsumenten einstellen müssen. Die Entwicklung von Styropor zur Marktdurchdringung hat auch 30 Jahre gedauert.«

Verpackungszentrum Graz
8053 Graz, Anton-Mell-Weg 14
Telefon +43 (0) 316 2725680
vpz.at

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Fazitportrait, Fazit 104, (Juli 2014) – Foto: Marija Kanizaj

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