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Zu welchem Pathos sind wir berechtigt?

| 27. Oktober 2017 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 137, Kunst und Kultur

Foto: Democratic UndergroundEinige Gedanken zu Kunst und Politik der Gegenwart im Anschluss an die Rede von Georg Friedrich Haas zum Festakt »50. Steirischer Herbst«. Text von Michael Bärnthaler.

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Es gibt Kugelfische, die sich künstlerisch betätigen. Auf dem Meeresboden erschaffen sie beeindruckende Strukturen aus Sand, die zwar – wegen der Strömung – nicht von Dauer, jedoch von großer Regelmäßigkeit und ästhetischer Wirkung sind. Der männliche Kugelfisch schafft diese kreisförmigen Kunstwerke, um Weibchen anzulocken und zur gemeinsamen Fortpflanzung zu motivieren. Es lässt sich wohl kaum entscheiden, ob von einem »ästhetischen Empfinden« der Fische die Rede sein kann; jedoch steht die große Bedeutung dieser unterseeischen Bauten für den Kugelfisch außer Frage.

Es gibt auch Menschen, die sich künstlerisch betätigen. Zu ihnen gehört der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas, der heuer eine viel beachtete Rede zum Festakt »50. Steirischer Herbst« gehalten hat. Es geht in dieser Rede um Kunst und Politik und – wieder einmal, mag man seufzen – um Österreichs Nazivergangenheit. Es geht um Haas‘ eigene Familie, steirische Kulturpolitik, dann weitet sich der Fokus zu einer Betrachtung der Zusammenhänge von Kunst, Politik und Leben überhaupt. Haas lobt etwa die »Bitterkeit« und »aggressive Resignation« einer Elfriede Jelinek, die er als typisch österreichisch und als Reaktion auf nationalsozialistische Kontinutität in unserer Gesellschaft verstanden wissen möchte. Aggressive Bitterkeit – kann daraus etwas Positives, etwas Gutes entstehen?

Der Kugelfisch kennt keine Bitterkeit. Und seine Kunst kann auch nicht »der archimedische Punkt sein, an dem die Welt der Inhumanität aus ihren Angeln gehoben wird«, wie Haas das Potential von Kunst beschreibt. Nun sind wir natürlich Menschen, nicht Kugelfische. Doch das Pathos, mit dem hier ein Künstler die Kunst feiert und zugleich einer Politik unterordnet oder zumindest assoziiert, dieses Pathos wirkt auf mich hohl – ein bisschen lächerlich und nicht mehr zeitgemäß. Meine Generation lebt in weiter Entfernung vom Nationalsozialismus, in einer mehr von den berühmt-berüchtigten 68ern und internationalen Trends als von irgendwelchen »Nazis« geprägten Welt. Unsere Kunst kann nicht verspätet Widerstand leisten. Sie kann auch nicht die Welt aus den Angeln heben.

Zu welchem Pathos sind wir berechtigt? Eigentlich wollte ich diese Frage beantworten, aber … Vielleicht ist uns mit einer neuen Bescheidenheit besser gedient. Vielleicht sind wir zu gar keinem Pathos berechtigt, derzeit. Weder in der Politik noch in der Kunst. Vielleicht sollten wir weniger von »Humanität« reden und mehr von Kugelfischen. Die Kunst ist immer mehr als jedes Programm und jede Politik, sie muss auch nicht »der Menschheit« dienen. Sie entsteht da, wo jemand sich ernsthaft mit ästhetischen Phänomenen beschäftigt. Die Kunst ist jenseits von Gut und Böse, wie der Kugelfisch.

Alles Kultur, Fazit 137 (November 2017) – Foto: Democratic Underground

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