Anzeige
FazitOnline

Alltagssexismus – die alltägliche Sexismusdebatte

| 30. November 2017 | Keine Kommentare
Kategorie: Essay, Fazit 138

Foto: Stefan KristoferitschEin Essay von Klaus F. Rittstieg. Die »#MeToo-Debatte«, ausgelöst durch sexuelle Übergriffe männlicher Hollywood-Produzenten, geistert seit einigen Wochen durchs Internet. Klaus Rittstieg befasst sich in seinem aktuellen Buch mit dem Thema Alltagssexismus. Wir bringen einen Auszug.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Dr. Klaus F. Rittstieg, geboren 1971 in Hamburg, hat an der Technischen Universität Graz Chemie und Umweltbiotechnologie studiert. Er arbeitet bei einer Grazer High-Tech-Firma als Produktmanager für optische Messsysteme. stille-gegenrevolution.com

***

Christiane kommt aus Hamburg-Harburg. Sie ist Marketingleiterin bei Schülke & Petersen – Lebensmittelgroßhandel – und 38 Jahre alt. Christiane sitzt gerade dort, wo sie am liebsten sitzt: in einem Strandcafé in Rimini. Wenn ihr im Büro alles auf die Nerven geht, reist sie in Gedanken genau hier her – mit Blick aufs Meer. Der Kellner begrüßt sie mit einem charmanten Lächeln: »Ciao bella ragazza!«– Sabine lächelt und versucht, nicht rot zu werden. Er hat sie wiedererkannt! Ja, sie weiß, dass er heute wahrscheinlich noch zwanzig andere weibliche Gäste im Alter von zehn bis Mitte vierzig »bella ragazza« (also »schönes Kind«) nennen wird, aber egal – ist dieser italienische Esprit nicht einfach hinreißend? Warum gibt es so etwas nicht in Deutschland?

Cut. Christiane sitzt in ihrem Büro bei Schülke & Petersen in Hamburg-Harburg. Sie brütet gerade über der Marketingplanung für das kommende Jahr. Da kommt ihr Kollege Horst herein und wirft ihr ein fröhliches »Hallo, schönes Kind!« zu. Sein Pech ist, dass Christiane gerade nicht im Urlaubsmodus ist. Was fällt ihm eigentlich ein! Typisch Macho: Er will sie auf ihr Äußeres reduzieren und ihr damit zeigen, dass er sie als Marketingleiterin nicht für voll nimmt. Das könnte ihm so passen. Was jetzt kommt, wollen wir uns an dieser Stelle gar nicht weiter ausmalen, ob sie ihn nur verbal in seine Schranken weist oder das Ganze der zuständigen Gleichstellungsbeauftragten meldet – auf jeden Fall ist es ein Skandal. Auch wenn wir den Vergleich etwas weniger hinkend in ein Café in Hamburg-Harburg verlegen, würde Christiane auch hier die Anrede als »schönes Kind« ganz sicher nicht durchgehen lassen. Das ist nämlich Alltagssexismus. Und das geht gar nicht.

Aber wäre Horst nicht Horst, sondern vielleicht Luigi aus Perugia, und würde das Ganze auf Italienisch vortragen oder zumindest mit einem deutlich hörbaren italienischen Akzent – das wäre natürlich etwas ganz anderes. Auch Carlos aus Madrid dürfte selbstverständlich »Hola Guapa!« rufen (also »Hallo, Hübsche!«), und selbst dem Anton aus Tirol wäre noch einiges erlaubt, was für Horst aus Hamburg-Harburg ein ganz klares No-Go wäre. Die Grenze zwischen Esprit und Sexismus, zwischen einem charmanten Kompliment und einer erniedrigenden Beleidigung, zwischen einem leichten Erröten und moralinschwangerer Empörung ist eine geografische. Und zwar eine sehr differenziert geografische. Es ist nämlich keine einfache Nord-Süd-Grenze, sondern sie scheint sich eher an Kulturkreisen zu orientieren. Es muss jemand aus diesem mittelmeerisch angehauchten Charmegürtel so von Sizilien über Norditalien und dann weiter bis Südspanien sein. Auch mit einem weichen französischen Akzent oder als Lateinamerikaner kann man mit einer wohlwollenden Reaktion rechnen, mit Einschränkungen auch als fescher Österreicher. Türken oder Araber dagegen sind zwar auch Südländer, aber wenn der Mesut vom Nachbarbüro ein »Hallo, schönes Kind« zur Begrüßung anbringen würde, dann wäre das fast noch schlimmer als beim Horst. Das Thema Alltagssexismus wird immer wieder gern im Zusammenhang mit der Diskriminierung von Frauen diskutiert. Wenn aber bei einem Italiener oder Spanier Alltagssexismus nicht nur okay, sondern sogar erwünscht ist, während genau dasselbe Verhalten bei einem Deutschen oder Türken ein Skandal wäre, dann ist die politisch korrekte Reaktion auf sogenannten Alltagssexismus eigentlich – eine Diskriminierung von Männern.

Österreich, das gleichberechtigtste Land der Erde

»Hängt sie auf, die schwarze Sau, hängt sie auf …!« – Fröhlich und beschwingt, in gelöster Volksfestatmosphäre, singen die Fans des GAK (Grazer Athletiksport Klub) ihr Lied. Ich bin etwas schockiert und verstehe gar nichts mehr. Auf dem Spielfeld – der GAK spielt gerade gegen Rapid Wien – steht nur ein schwarzafrikanischer Spieler, nämlich Benedict Akwuegbu aus Nigeria. Aber der spielt ja für den GAK! Was für ein unglaublicher Rassismus, noch dazu gegen einen eigenen Spieler! Mein fußballbegeisterter Freund Manfred klärt mich auf: »Die schwarze Sau ist doch nicht unser Akwuegbu – der Schiedsrichter ist gemeint, weil der ja früher immer schwarz gekleidet war. Heute hat er zwei Tore für uns wegen Abseits nicht gelten lassen. Daher schwarze Sau – logisch, verstehst?« Wie heißen die Deutschen am Würstelstand in Wien? Scheipis – Abkürzung für Scheiß Piefkes. Und jeder Wiener kennt diese Abkürzung. Die nichtwienerischen Österreicher, aus Sicht der Wiener allesamt provinziell, sind die Gscherten. Leute mit ländlichem Dialekt gelten als provinziell. Leute, die Hochdeutsch sprechen, als arrogant. Wenn man zusätzlich zu hochdeutscher Intonation auch noch der deutschen Grammatik inklusive aller vier Fälle mächtig ist, gerät man in den Verdacht des Piefketums. Auch Ausländer jeder anderen Gattung werden diskriminiert, wobei natürlich fein nach Herkunft differenziert wird. Schwule und Lesben werden diskriminiert, Frauen entsprechend sämtlicher Klischees und natürlich bekommen auch die Männer ihr Fett ab. Wer wird noch diskriminiert? Sehr Große, sehr Kleine, sehr Dicke, sehr Dünne, Lehrer sind natürlich Besserwisser, Politiker dafür Berufslügner und wenn jemand eine Polizeiuniform trägt, wird er liebevoll »Kieberer« genannt.

Wie gesagt – Österreich ist das gleichberechtigtste Land der Erde. Hier wird nämlich alles und jeder diskriminiert. Eigentlich werden alle sogar mehrfach diskriminiert. Man ist beispielsweise gleichzeitig dick, Mann und Polizist und heißt vielleicht auch noch Mesut – das reicht für eine schöne Vierfachdiskriminierung, im Dialekt »blader Migrantenkieberer«, und das ist noch eine höfliche Variante. Der Mensch, der in Österreich nicht diskriminiert wird, muss erst geboren werden. Wie kann man in so einem Land leben? Ganz ausgezeichnet, wenn man realisiert hat, dass es nicht so gemeint ist. Es ist ein Volkssport, der lustvoll, meist auch unterschwellig humorvoll-augenzwinkernd betrieben wird.

Natürlich gibt es auch in Österreich eine Art von Diskriminierung, die ganz und gar nicht lustig ist. Woran kann man nun aber den Unterschied zwischen folkloristischer und wirklich bösartiger Diskriminierung festmachen? Das ist manchmal gar nicht so leicht. Die Grenzen sind fließend. Dennoch: Sie werden in Österreich oder Deutschland kaum einen Schwarzafrikaner treffen, der nicht der Meinung ist, wegen seiner Hautfarbe diskriminiert zu werden. Das ist keine Frage der Wahrnehmung und der Dünnhäutigkeit – das weiß jeder und das spürt jeder. Wenn sie dagegen zehn hellhäutige Frauen auf der Straße fragen, ob sie diskriminiert werden, ohne ihre Eigenschaft als Frau in der Frage zu erwähnen, werden die meisten nicht einmal die Frage verstehen oder darauf kommen, dass ihr Geschlecht ein Thema sein könnte. Eine Diskriminierung, die den meisten Diskriminierten in ihrem ganzen Leben nicht ein einziges Mal auffällt – das ist keine Diskriminierung, sondern liebevoll-spöttische Alltagsfolklore.

Auch in meiner alten Heimat Deutschland kann sich jeder diskriminiert fühlen: der Polizist, der ganz selbstverständlich als Bulle angesprochen wird, Lehrer, Politiker, Dicke, Dünne, Männer und Frauen. Als Hamburger war ich in Bayern ein Fischkopf und ein Bayer, der sich in die Gefilde nördlich des Weißwurstäquators verlaufen hat, ist eben ganz einfach ein Bayer. Und jeder Hamburger kann das Wort »Bayer« so aussprechen, dass es schon Strafe genug ist. Ja, und die Ösis, die sind ja so nett! Aber Menschen, die so einen niedlich klingenden Dialekt sprechen, und die so bemüht aber doch so erfolgsabstinent Fußball spielen, ernst nehmen – nee, das ist für einen Hamburger dann doch zu viel verlangt.

Sisyphos und der Alltagssexismus

Natürlich gibt es auch bei der zuvor beschriebenen, harmlosen folkloristischen Form der Diskriminierung Grenzüberschreitungen in Worten und Taten und Leute, die sich einfach danebenbenehmen. Es ist daher eine Daueraufgabe von Eltern und Pädagogen, durch gute Erziehung und Vorbildwirkung dafür zu sorgen, dass diese Vorfälle so selten wie möglich vorkommen. Sisyphos lässt grüßen.

Das seit Jahrzehnten diskutierte Alltagssexismus-Problem ist also keine politische Frage, sondern eine erzieherische. Und dass sich Jungen mit zehn bis zwanzig Mal mehr Testosteron im Blut anders danebenbenehmen als Mädchen, ist biologisch betrachtet völlig klar und auch nicht anders zu erwarten. Mädchen benehmen sich subtiler und raffinierter daneben, das fällt natürlich nicht so unangenehm auf. Dass sich Feministinnen hier als Moralapostel aufspielen, erscheint doch irgendwie befremdlich: Sie arbeiten seit Jahrzehnten an der Schwächung angeblich rückständiger familiärer Strukturen. Wenn man mit Lehrern redet und fragt, welche Kinder besonders zu schlechtem Benehmen neigen, bekommt man fast immer die gleiche Antwort: die, die aus zerrütteten Familien kommen. Wieder einmal wettern Feministinnen also gegen die Folgen von Entwicklungen, an denen sie selbst fleißig mitgearbeitet haben.

Auch was die Wahrnehmung und Grundeinstellung der Kinder und angehenden Erwachsenen betrifft, ist der sogenannte Alltagssexismus im Kern eine erzieherische Frage: Erziehe ich mein Kind oder mir anvertraute Kinder so, dass sie sich vor dem Geschlechterrollenspiel fürchten und sich bei jedem kleinsten Anlass als Opfer sehen, oder zeige ich ihnen, wie man selbstbewusst mitspielt, die eigenen Trümpfe findet und diese dann mit Augenmaß einsetzt? Pflanze ich ihnen destruktive Leitbilder ein, wonach die Geschlechter sich in einem nie endenden, neidgetriebenen Geschlechterkampf befinden, oder zeige ich ihnen Wege eines synergetischen Miteinanders, auf der Basis von gleicher Würde und gegenseitigem Respekt, auch und gerade vor den Unterschiedlichkeiten?

Ein weiterer bizarrer Aspekt der Alltagssexismus-Diskussion ist die Tatsache, dass die Frauen dabei generell als wehrlose, schutzbedürftige Wesen dargestellt werden, die selbst durch ein Kompliment oder gar einen Blick aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht werden können. Andererseits wird vehement gefordert, dass dieselben Frauen die Hälfte aller Vorstands- und Ministerposten bekleiden sollen, weil sie ja genauso hart im Nehmen sind wie Männer. Hat man schon einmal einen Mann gesehen, den es aus dem Gleichgewicht bringt, wenn sein trainierter Oberkörper lobend erwähnt wird? Oder wenn ihm eine Frau in der U-Bahn einen langen, tiefen Blick zuwirft?

Wie baue ich mir eine Diskriminierung? Eine Anleitung in einem Schritt

Wollen Sie sich gerne so richtig diskriminiert fühlen, um dann nach Herzenslust empört sein zu können? Dann müssen Sie nur eine Kleinigkeit tun: Sie müssen die Latte des Beleidigtseins so tief wie möglich legen – und dann noch ein bisschen tiefer. Für anregende Beispiele empfehle ich die Lektüre von Anne Wizorek. [1] Momentan sieht es ganz danach aus, als wäre sie gerade dabei, Alice Schwarzer als deutsche Cheffeministin abzulösen, von daher denke ich, dass ihre Diskriminierungskriterien als einigermaßen amtlich angesehen werden können.

Sexistisch ist dementsprechend ein Kompliment, das Bezug auf die äußerliche Erscheinung nimmt. Blicke sind sexistisch. Einem Mädchen etwas Rosafarbenes zu kaufen ist sexistisch. Ein weibliches Wesen in Büchern oder Filmen in einer traditionellen Frauenrolle oder einer dazugehörigen Tätigkeit zu beschreiben ist sexistisch. Empörend findet es Frau Wizorek auch, wenn Frauen, die über 18 Jahre alt sind, als Mädchen angesprochen werden. Also, wer in Zukunft korrekt sein will: Vor dem Ansprechen eines weiblichen Wesens sicherheitshalber die Vorlage eines Ausweisdokumentes verlangen. Weil man sich bei einer Schätzung des Alters aufgrund äußerlicher Gegebenheiten leicht verschätzen kann und – ein genaueres Hinschauen ja wiederum den Tatbestand des Sexismus erfüllt. Komischerweise sprechen nicht wenige Frauen selbst von Mädelsrunden oder Mädchenabenden, auch in deutlich höheren Altersklassen. Es scheint hier also eine Tendenz zur Selbstdiskriminierung zu geben.

Männliche Blicke sind ganz besonders sexismusverdächtig: Wie lange darf ein Mann eine Frau ansehen, ohne Sexismus zu betreiben? In den USA gibt es die 5 Sekunden-Regel – alles darunter ist okay. Also, Männer, während eines Vieraugengesprächs mit einem weiblichen Wesen ganz einfach alle fünf Sekunden kurz aus dem Fenster schauen, und alles ist gut. Was gibt es noch zu beachten? Beim Schreiben auf die  Innen oder _innen zu verzichten, gilt als besonders frevelhaft. Leider sind die Regeln kompliziert. Daher sind alle Menschen, die unterhalb eines gewissen Mindestbildungsniveaus agieren, automatisch Sexisten. In der mündlichen Rede können die Genderregeln selbst vom Profi kaum eingehalten werden – somit ist das Sprechen per se schon ein Akt des Sexismus. Es ist ein bisschen wie in der katholischen Kirche – wir alle sind Sünder. Anders als in der katholischen Kirche gibt es hier aber keine liebende und verzeihende Instanz, es gibt nur die Schuld. Echte Old-School-Feministinnen finden es sexistisch, wenn man einer Frau die Tür aufhält. Weil man damit zum Ausdruck bringt, dass man sie für hilflos hält. Und neuerdings wird darüber diskutiert, dass es sexistisch sei, Toiletten als Damen- oder Herrentoilette auszuweisen. Weil man damit transsexuellen Menschen ein klares Bekenntnis zu einem Geschlecht abnötige.

Das Toiletten-Thema ist geradezu sinnbildlich für den Genderdiskurs: Wir haben Tausende von gut bezahlten Gleichstellungsbeauftragten, Genderforscherinnen und anderen feministischen Lobbyisten, und diese haben ein großes Problem: Die echten Probleme sind gelöst, und deshalb müssen sie neue Probleme erfinden, weil sie sonst arbeitslos werden – in der Genderbranche ist im Moment Kreativität gefragt. Das, was einmal die Frauenbewegung war, ist zu einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme geworden, ironischerweise zu einer extrem ungleichberechtigten: 95 Prozent der Genderforschenden sind Frauen – und von einem männlichen Gleichstellungsbeauftragten habe ich auch noch nie gehört.

Hilfe, ich bin ein Opfer!

Ende der 1990er-Jahre habe ich an einem Forschungsinstitut der TU-Graz als Doktorand gearbeitet. Eines Tages traf die Sekretärin des Institutes aus mir nicht näher bekannten Gründen die Entscheidung, mich mit sofortiger Wirkung nicht mehr beim Vornamen zu nennen, sondern stattdessen »mein Hase« zu mir zu sagen. Ich war etwas verwundert über diese Entscheidung und darüber auch nicht besonders begeistert. Als Doktorand fängt man doch langsam an, das Bedürfnis zu entwickeln, wenigstens ein bisschen ernst genommen zu werden. Schließlich ist man ja kein Student im engeren Sinne mehr.

Erst jetzt, beim Recherchieren für dieses Buch, ist es mir plötzlich klar geworden: Ich bin ein Opfer gewesen. Das war Alltagssexismus, der an mir verübt wurde! Interessant in diesem Zusammenhang sind wieder ein paar Gedankenspiele. Was wäre gewesen, wenn ich zu ihr »mein Hase« gesagt hätte? Oder vielleicht sogar »mein Häschen?« – Ein absolutes No-Go. Wenn die Gleichstellungsbeauftragte davon Wind bekommen hätte, hätte sie mir ordentlich die Leviten gelesen. Umgekehrt: Was wäre passiert, wenn ich zur Gleichstellungsbeauftragten gegangen wäre und mich darüber beschwert hätte, von der Sekretärin »mein Hase« genannt zu werden? Sie hätte sich wahrscheinlich köstlich amüsiert, und ich wäre zum allgemeinen Gespött des Instituts geworden.

Nach Anne Wizoreks Maßstäben wurde ich auch aus einem anderen Grund im Alter von ca. 18 bis 35 Jahren zum Opfer: So wie sie darunter gelitten hat, als volljährige Frau »Mädchen« genannt worden zu sein, war es für mich immer sehr erniedrigend, wenn ich mit »Junge« oder in Österreich entsprechend »Bursche« angesprochen wurde. Nur war ich damals noch zu unsensibel und unaufgeklärt, um diese alltagssexistische Diskriminierung zu bemerken. Wo ich gerade so in meinen Opfer-Erinnerungen krame – da fällt mir doch noch eine Situation ein. Als Schüler besuchten wir in Hamburg-Altona regelmäßig einen italienischen Eissalon. Und die Dame, die uns das Eis verkaufte, begrüßte mich ebenso regelmäßig mit einem »Ciao Bello!« (also »Hallo Hübscher!«). Schon wieder Sexismus. Fällt in diesem Fall aber wohl unter die Amnestie für Cappuccino-Sexismus. Gilt die eigentlich auch für Italienerinnen?

Im Reich des Bösen: Sexismus in der Werbung

Als Zentralorgan des frauenfeindlichen Sexismus wird regelmäßig die Werbebranche angeprangert: Frauen werden dort immer noch in klassischen Rollenbildern und in nicht besonders genderkonformen Outfits gezeigt. Aber warum gibt es so viel nackte weibliche Haut in der Werbung? Botschaften werden immer auf verschiedenen Ebenen transportiert. Zunächst gibt es die Sachbotschaften, also im Wesentlichen die Eigenschaften des beworbenen Produktes und warum es so toll ist. Eine Werbung, die nur auf dieser Ebene den Verstand des Konsumenten anspricht, wird nie wirklich erfolgreich sein. Daher versuchen Werber, Botschaften auch im emotionalen Bereich zu platzieren. Ein Mittel dabei ist beispielsweise der Humor, der jedoch von Land zu Land und von Zielgruppe zu Zielgruppe sehr unterschiedlich sein kann. Will man einen Werbespot für eine möglichst breite Zielgruppe und für mehrere Länder machen, so besteht der einfachste und sicherste Weg darin, sexuell attraktive Menschen mit dem zu bewerbenden Produkt zu zeigen. Das schafft einerseits Aufmerksamkeit, andererseits kommt die Botschaft an: Wenn du zu den Alphamännchen oder Superweibchen dazugehören willst, musst du Produkt XY benutzen! Und das wirkt immer – Trefferquote 100 Prozent.

Dabei werden tatsächlich Frauen stark unter Druck gesetzt. Es werden leicht bekleidete, sehr schlanke und operativ optimierte Supermodels gezeigt, raffiniert geschminkt, perfekt beleuchtet und in Szene gesetzt. Hinterher wird dann noch nachbearbeitet, die Beine werden verlängert, kleine Hautmakel am Computer beseitigt und die Zähne noch weißer gemacht. Für junge Frauen lautet die Botschaft: Wenn du gut aussehen willst – das ist der Maßstab! Stimmt also die Verschwörungstheorie, dass Werbemacher die Frauen gezielt aufs Korn nehmen, um sie in unangemessene Rollen zu drängen? Ich denke nicht. Werbemacher haben nur ein Ziel: ihre Produkte optimal zu bewerben, damit sie selbst wieder gebucht werden. Sie wollen ganz einfach Geld verdienen, und das geht in ihrem Metier nun mal nicht ohne den Griff in die Trickkiste. Wenn sie nur an die Vernunft appellieren, dann kauft der Konsument das Produkt nur, wenn er es wirklich braucht. Die Werber aber wollen, dass er das Produkt auch dann kauft, wenn er es nicht braucht. Dafür müssen sie den Konsumenten dort erwischen, wo seine Vernunft machtlos ist: im Unterbewusstsein. Dort, wo die Triebe zu Hause sind. Und in diesem Bereich ticken Mann und Frau grundverschieden. Für die Werber besteht daher die Herausforderung darin, bei beiden Geschlechtern jeweils genau den wunden Punkt zu treffen. Daher werden Männer und Frauen in der Werbung nicht gleich dargestellt, aber gleichberechtigt: Die Werber wissen nicht nur bei den Frauen, wo es wehtut, sondern auch bei den Männern.

Hier kommt der Auftritt des jovialen Alphamännchens, umgeben von den Insignien von Macht, Erfolg, Wohlstand und Sportlichkeit. Architekten-Villa, Sportwagen, attraktive, leicht bekleidete Frauen, die ihn anhimmeln. Das Alphamännchen sieht unglaublich gut aus. Durchtrainierter Körper, perfektes Styling, lässig und immer in entspannter Urlaubslaune. Ein Ideal, das für 99,9 Prozent der Männer genauso unerreichbar ist wie die optimierte Superblondine für 99,9 Prozent der Frauen. Der Druck ist derselbe, nur inhaltlich und bildlich auf den Mann abgestimmt. Die Auswirkungen sind genauso ungesund, nur eben anders. Während Frauen zu verzweifelten Stylingorgien und Radikaldiäten verleitet werden, steigern sich Männer noch mehr in die Arbeit, kämpfen noch verbissener um die nächste Beförderung – natürlich ohne beim Fitnessprogramm nachzulassen – und enden im Extremfall im Burn-out oder mit 55 beim Herzinfarkt.

Also: Natürlich ist die Werbung sexistisch. Sie trieft nur so vor Sexismus. Aber sie ist gleichzeitig vollkommen gleichberechtigt. Weil sie sowohl Frauen als auch Männer in die jeweiligen Klischeekäfige sperrt und so lange weich kocht, bis sie die Designersonnenbrille endlich kaufen. Und das funktioniert prima. Warum? Weil unser Unterbewusstsein zutiefst sexistisch und sehr gut manipulierbar ist. Das hat Siegmund Freud schon vor über 100 Jahren herausgefunden. Letztlich spiegelt Werbung einen unausgesprochenen Grundkonsens unserer westlichen Industriegesellschaft wider: Wir wollen materiellen Wohlstand, und dafür sind wir bereit, alle Opfer zu bringen, die notwendig sind. Ohne Werbung würde es in der Wirtschaft nicht so gut laufen. Wir brauchen die Generierung nicht vorhandener und eigentlich auch nicht sinnvoller Bedürfnisse, um Umsatz zu machen. Je unsinniger und ungesünder ein Produkt ist, desto mehr muss es beworben werden. Und dafür ist die Gesellschaft stillschweigend bereit, psychische Belastungen bei den Konsumenten zu akzeptieren. Genauso wie man stillschweigend die Verschmutzung der Umwelt und die Ausbeutung von Menschen in der dritten Welt akzeptiert.

Die Forderung, den Druck der Werbung auf die Frauen zu reduzieren, wird im Namen der Gleichberechtigung erhoben, ist aber bei genauer Betrachtung erneut eine Forderung nach Privilegierung der Frauen – die man auch Diskriminierung der Männer nennen kann. Weil der Druck auf die Männer eben kein Thema ist. Die Grundhaltung ist immer die gleiche: Frauen sind die Opfer und brauchen Sonderregeln, und wie es den Männern geht – ist doch egal.
Übrigens: Die Marketingteams, mit denen ich bisher beruflich zu tun hatte, hatten einen ziemlich hohen Frauenanteil – eine kreative, kommunikative Tätigkeit eben. Die angebliche Diskriminierung der Frauen wird hier also wieder nicht von den üblichen Verdächtigen auf die Beine gestellt, sondern überwiegend – von Frauen.

Über sexistische Steine und Glashäuser

Was ist das Kernprogramm der heutigen feministischen Bewegung? Männer werden pauschal mit Vorwürfen eingedeckt – ganz einfach weil sie Männer sind. Sie gründen finstere Männerseilschaften, die dafür sorgen, dass Frauen nicht gerecht bezahlt werden und ihnen der wohlverdiente Aufstieg ins Topmanagement verwehrt bleibt. Bei nüchterner und unvoreingenommener Betrachtung lösen sich diese Vorwürfe in Luft auf: Männer und Frauen haben unterschiedliche Ziele im Leben, verhalten sich unterschiedlich und haben eine deutlich unterschiedliche Risikobereitschaft. Die schlechtere Bezahlung in klassisch weiblichen Branchen wird nicht von Männerseilschaften bestimmt, sondern hängt mit der geringeren Wertschätzung traditionell weiblicher Tätigkeiten zusammen, die eine Frage des Zeitgeistes ist, der von Männern und Frauen gemeinsam geprägt wird. Kollektive ungerechtfertigte Schuldzuweisungen, einzig aufgrund einer Geschlechtszugehörigkeit, wie nennt man so etwas nochmal? Ja, richtig: Sexismus. Willkommen im feministischen Glashaus – wer mag den ersten Stein werfen?

Wie nennt man es, wenn eine Frau nicht befördert wird? Gläserne Decke. Wie nennt man es, wenn ihr männlicher Kollege ebenfalls nicht befördert wird? Der ist einfach nicht gut genug. Die gläserne Decke besteht nicht aus Glas, sondern aus Sexismus. Das Gleiche gilt auch umgekehrt: Wenn ein Mann eines Ministeramtes enthoben wird, dann war er unfähig oder es gab Meinungsverschiedenheiten mit dem Chef. Wenn eine Ministerin entlassen wird, gibt es einen landesweiten Aufschrei in der Presse – der Ministerpräsident ist ein Frauenfeind. [2]

Auch beim allseits beliebten Thema Alltagssexismus fliegen die Steine: Die Debatte ist voller sexistischer Unterstellungen – über Männer. Wenn ein Mann einer Frau ein Kompliment macht, weil sie ein schickes Kleid anhat, will er sie natürlich auf Äußerlichkeiten reduzieren – und er will sie anmachen. In Wirklichkeit kann man aus dieser Situation aber nur eines sicher schließen, nämlich, dass ihm das Kleid gefällt – alles andere ist im feministischen Sexismus-Generator entstanden. Diese simple Möglichkeit wird jedoch nicht einmal in Erwägung gezogen – Männer haben ja grundsätzlich schmutzige Gedanken zu haben. Darf es noch ein Steinchen sein? Was ist eine Frau, die nicht berufstätig ist und sich um vier Kinder kümmert? Ein Retroweibchen, ein Hausmütterchen und etwas naiv. Was ist ein Mann, der das gleiche tut? Ein Hausväterchen? Nein, ein Held!

Sexismus in Gesetzesrang: Über Risiken und Nebenwirkungen der Quotenregelung

Endlich gibt es ihn wieder: den Sexismus per Gesetz. Seit Jahrzehnten wird die Quotenregelung angepriesen als das Wundermittel gegen die Benachteiligung der Frauen – über Risiken und Nebenwirkungen informieren Arzt oder Apotheker. Schauen wir uns doch einmal das Kleingedruckte auf dem Beipackzettel an. Da fallen als Erstes Berufe ins Auge, bei denen es um Leben oder Tod geht, entweder in Extremsituationen oder im Berufsalltag.

Bei Aufnahmetests für Piloten werden beispielsweise das räumliche Denk- und Sehvermögen sowie das Verhalten in Extremsituationen geprüft. Wenn man möchte, dass mehr Frauen in den Cockpits Platz nehmen, wird man die Testkriterien wohl ändern müssen oder Frauen mit geringeren Fähigkeiten einfach durchwinken, womit man stillschweigend in Kauf nimmt, dass hier und da ein Flugzeug mehr abstürzt. Was nützt es mir in diesem Fall als Passagier, wenn die Pilotin zwar weniger gut räumlich sehen kann, dafür aber über besonders ausgeprägte Soft Skills verfügt? Wird sie mich feinfühliger auf mein bevorstehendes Ableben hinweisen? Und wie sieht es aus mit den Menschen, die Flugzeuge entwickeln, bauen und warten? Möchte man hier nicht auch die am besten geeigneten, welchen Geschlechts auch immer, am Werk sehen? Was ist mit Entwicklern und Betreibern von Atomkraftwerken? Soll im Ernstfall die Quotenfrau das Kommando im Kontrollraum führen, wenn die Verseuchung eines ganzen Landstriches droht? Was ist mit dem Chirurgen, der einen möglicherweise einmal auseinandernehmen und hoffentlich richtig wieder zusammenflicken wird? Statistisch betrachtet: Wie viele Todesfälle pro Jahr nehmen wir für die Quote in Kauf? Diese Fragen sind wirklichkeitsnäher, als sie zunächst erscheinen mögen. In Österreich wurden im Jahr 2013 weibliche Bewerberinnen um Medizinstudienplätze bei den Aufnahmetests aus Quotengründen offiziell bevorzugt. Diese Regelung wurde später allerdings durch eine Klage zu Fall gebracht.
Auch bei der Feuerwehr wird gefordert, dass die körperliche Eignung bei Frauen in Zukunft anders bewertet wird. Frauen sollen nicht länger benachteiligt werden. Wenn dann ein 90 Kilo-Feuerwehrmann mit voller Ausrüstung und Sauerstoffflasche mit einer zierlichen Frau im vierten Stock einen Brandherd bekämpft, weiß er genau: Wenn sie ohnmächtig wird, wird er sie raustragen können. Umgekehrt: Pech gehabt. Sterben für die Quote, eine innovative Form des Heldentodes.
 
Interessant ist auch die Frage, wie viele Arbeitsplätze und wie viel Wohlstand wir bereit sind, für die Quote zu opfern. Die freie Entscheidung über die Besetzung von Führungspositionen ist für den Erfolg eines Unternehmens von großer Bedeutung. Wenn wichtige Positionen nicht mehr nach Eignung, sondern nach Geschlechtszugehörigkeit vergeben werden müssen, wird das die Attraktivität eines Standortes negativ beeinflussen und Arbeitsplätze kosten. Schon ohne Quotenregelung ist es für viele Unternehmen eine Herausforderung, geeignete Führungskräfte in ausreichender Zahl zu finden. Arbeitslos für die Quote – wer will als Erster?

Wie so oft ist »gut gemeint« das Gegenteil von »gut«. Die systematische Benachteiligung von Frauen im Berufsleben gibt es schon lange nicht mehr, daher hat eine Quotenregelung nichts mit Gerechtigkeit zu tun, sondern mit einer Diskriminierung der Männer. Und: Starke Frauen brauchen die Quotenregelung nicht und werden durch diese eher geschwächt, weil niemand weiß, ob sie durch ihre Qualifikation oder aus Quotengründen in eine Position gelangt sind. Schwache Frauen kommen dagegen leicht in Situationen, die sie überfordern und in denen sie sich nicht wohlfühlen – ihnen ist also auch nicht geholfen. Auch die Unternehmen profitieren nicht, die haben auch ohne Quotenregelung schon genug Bürokratie am Hals. Auf dem Beipackzettel für die von ideologischen Fundamentalisten verordneten Wundermittel steht letztlich immer das gleiche: Eine – mehr oder weniger eingebildete – Ungerechtigkeit wird durch eine andere Ungerechtigkeit ersetzt. Der Weg führt dann tatsächlich vom Regen direkt in das Land, wo Milch und Honig fließen, aber nur für die ideologischen Funktionäre selbst, für die anderen geht es zur Traufe.

Endlich Nichtsexist! – Eine Anleitung in ziemlich vielen Schritten

Was müsste ich als Mann tun, um vom Generalverdacht des Sexismus freigesprochen zu werden – quasi die frauenbewegte Absolution zu empfangen? Da wäre zunächst einmal die Verpflichtung zum Gedankenlesen. Weil ja Sexismus nicht am Verhalten des Mannes festgemacht werden kann, sondern nach Ansicht der Genderelite daran, was die Frau ob dieses Verhaltens empfindet. Aber wie soll ein Mann das wissen, wenn er nicht Gedanken lesen kann? Es kann nämlich sein, dass eine Frau den Mann sympathisch oder gar attraktiv findet, der ihr gerade ein Kompliment macht – dann hat er Glück gehabt. Wenn sie ihn nicht attraktiv findet? Sein Pech, dann wird er des Sexismus überführt.

Ganz wichtig also: Keine Komplimente zu Äußerlichkeiten! Die moderne Frau will aufgrund ihres Seins und ihrer Leistung gewürdigt werden. Gleichzeitig ist es aber so, dass auch gängige Frauenzeitschiften – unisono mit den Männerzeitschriften – im Falle eines Annäherungsversuches dringend empfehlen: Mann soll ein Kompliment machen. Natürlich ein charmantes, aufmerksames und ehrlich gemeintes. Im Idealfall ist es auch noch originell. Da wird es jetzt schwierig. Nehmen wir einmal an, bei einer Party, auf einem Konzert oder wo auch immer lernt man eine Dame kennen. Nach einer Weile merkt man, es knistert. Jetzt wäre der ideale Zeitpunkt für ein kleines, unaufdringliches Kompliment. Was tun? Man kennt sie ja kaum. Soll man vielleicht die poetische Kraft ihrer Sprache lobend erwähnen? Oder die Tatsache, dass sie korrekt Hochdeutsch spricht und alle vier Fälle beherrscht? Was muss der gendersensible Mann noch drauf haben? Er muss in jeder Lebenslage die gültigen Vorschriften kennen und umsetzen. Also Jungen nie etwas Hellblaues kaufen, Mädchen nie etwas Rosafarbenes oder Glitzerndes. Auf gar keinen Fall sollte er Frauen die Tür aufhalten, in die Jacke helfen oder sie gar zum Essen einladen. Wer meint, nun die Basisübungen in sexueller Korrektheit zu beherrschen, kann sich an die Königsdisziplin wagen: Frauen die Tür aufhalten, aber dennoch politisch korrekt bleiben. Zugegeben, ein verwegener Gedanke. Wie soll das gehen? Vielleicht könnte man die Türschwelle passieren und dann wie zufällig stehen bleiben, sodass man quasi absichtslos die Tür aufhält. Wichtig dabei ist die Körperhaltung. Die sollte so schlaff und körperspannungsfrei wie möglich sein, als Antithese zum angedeuteten Strammstehen des Old-School-Gentlemans. Am besten, man trainiert das ein paarmal außerhalb der Öffentlichkeit, damit es dann im Ernstfall auch wirklich klappt.

Fassen wir also zusammen: Wie ist er denn nun, der gendersensible Mann? Auf jeden Fall einmal ein Platoniker. In einer Gesellschaft, die vor sexuellen Signalen nur so trieft, nimmt er derlei Profanes ganz einfach nicht wahr und steht souverän drüber. Er beherrscht die unmögliche Kunst, sich durch das Minenfeld der Sexual Correctness einen Weg zu einem brauchbaren Kompliment zu bahnen, das nicht peinlich ist und die Dame zum Schmelzen bringt. Nebenbei kann er auch Gedankenlesen und beachtet feinfühlig den feministischen Verhaltenskodex inklusive No-Go-Farben und des genderkorrekten Türaufhalte-Codes. Sportliche Zielvorstellung für ein gesellschaftliches Umerziehungsprogramm. Für die Nicht-Genies unter uns Männern wird es eng.

Vom Nichtsexisten zum Antisexisten

Werden wir den Sexismus wirklich besiegen, indem wir alle Nichtsexisten werden? Die schockierende Wahrheit ist: Nein. Nichtsexismus kann nur ein Anfang sein. Denn es ist ja nicht so, dass der Homo Sapiens das einzige sexistische Lebewesen auf unserem Planeten ist. Biologisch betrachtet besteht der größte Teil des Tierreiches, wenn man einmal von den Schnecken und anderen zwitterartigen Tieren absieht – aus sexistischen Lebewesen. Der Grashüpfer und die -hüpferin, der Hahn und die Henne, auch der Lurch und die Lurchin, in Summe 99,8 Prozent aller Tierarten [3]  – sie alle sind schuldig, sie sind durch und durch Sexisten, denn sie behandeln Vertreter des anderen Geschlechts mit völliger Selbstverständlichkeit ganz anders als Ihresgleichen.

In diesem Zusammenhang tut sich eine ganz neue Fragestellung auf: Ist es überhaupt politisch korrekt, wenn man sich von sexistischen Tieren ernährt? Damit fördert man ja deren Haltung, Zucht und Vermehrung. Ohne die ganzen Schnitzelesser unter uns würde es diese Macho-Stiere und  Eber gar nicht mehr geben, abgesehen von ein paar Wildschweinen. Und am allerschlimmsten sind natürlich die Biobauern: Bei denen kommt es wirklich noch vor, dass der Eber auf der Weide die Sau anmacht, und nebenan belästigt der Stier die Kühe – von den armen Hühnern ganz zu schweigen. Bei denen herrscht Polygamie mit haremsartigen Zuständen, von Gleichstellung keine Spur. Unsere Weiden sind Hochburgen der politischen Unkorrektheit! Gut, dass es heute die moderne Massentierhaltung gibt, wo die Sau einen Eber nicht mal von weitem sieht. Die Befruchtung erledigt der Tierarzt und der ist in den allermeisten Fällen sexuell ziemlich korrekt. Es lebe der Fortschritt!

Leider muss aus biologischer Sicht gesagt werden, dass die geschlechtliche Fortpflanzung auch unter Zuhilfenahme des Tierarztes auf zellulärer Ebene ein Akt des Sexismus bleibt: Die Eizelle und die Samenzelle sind nicht gerade der Inbegriff von Gleichheit. Die Eizelle schwimmt völlig passiv und willenlos herum, während die kleinen Macho-Samenzellen rüpelhaft um die Wette schwimmen müssen und die Eizelle zu einer Trophäe degradieren, um ihre Egokomplexe zu befriedigen. Liegt sicher an ihrer Erziehung.

Was also tun? Zum Glück gibt es einen Ausweg: Bei der antisexistischen Ernährung wird zu 100 Prozent auf sexistische Lebensformen verzichtet. Unbedenklich sind zunächst einmal alle pflanzlichen Produkte. Pflanzen pflanzen sich zwar auch überwiegend geschlechtlich fort, aber ohne dass dabei jemand belästigt oder in nachteilige Rollen gedrängt wird. Akzeptabel sind auch Schnecken als zwitterartige Tiere, und natürlich sollte man sich als Antisexist immer so viel wie möglich Honig aufs Brot schmieren. Honig gilt als das reinste Anti-Sexismus-Lebensmittel, das derzeit verfügbar ist, denn: die Bienenweibchen sind alle berufstätig, auf Vollzeitbasis, und es gibt eine satte 100-Prozent-Quote für die Vorstandsvorsitzende. Die Drohnen sind nur für Sex zum Zwecke der Fortpflanzung vorgesehen und werden danach aus dem Stock vertrieben. Und die lästigen Maden kommen schon in der Kindertagesstätte zur Welt! Vom ersten Tag an werden sie dort versorgt, und zwar 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, weil die Mama ja die Vorstandsvorsitzende ist und Wichtigeres zu tun hat, als sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Da wird einem erst einmal klar, welchen pädagogischen Wert die Biene Maja hat!

*

Fußnoten

[1] Anne Wizorek: »Weil ein Aufschrei nicht reicht: Für einen Feminismus von heute«, Fischer (2014)

[2] Doris Hummer war Landesrätin (entspricht in Deutschland einer Ministerin eines Bundeslandes) von Oberösterreich und wurde 2015 ihres Amtes enthoben, worauf der Landeshauptmann (entspricht einem Ministerpräsidenten) in der Presse als Frauenfeind angefeindet wurde.

[3] Axel Meyer: »Adams Apfel und Evas Erbe«, C. Bertelsmann (2015)

*

Vorliegender Text ist ein Auszug aus dem Buch »Die stille Gegenrevolution. Haben wir mit dem Gender-Mainstreaming über das Ziel hinausgeschossen?« von Klaus F. Rittstieg. Erschienen im Frühjahr 2017 im Braumüller Verlag (Wien). stille-gegenrevolution.com

Essay, Fazit 138 (Dezember 2017), Foto: Stefan Kristoferitsch

Share |
 
Anzeige
 

Kommentare

Antworten