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Welt der Wunderlampen

| 26. April 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 142, Fazitportrait

Foto: Marija KanizajEr ist ein Liebhaber der alten Dinge, ein Sammler und Restaurierer. Er verkauft nicht gern, aber da er ein Lampengeschäft in der Sackstraße hat, bleibt ihm nichts anders übrig. Wolfgang Reinberger hat ausgesuchte Preziosen aus dem Jugendstil, Art Deco, Historismus und Bauhaus. Sowie hochqualitatives Zubehör, wie Lichtschalter aus Bakelit und Keramik. Aber auch günstige Ersatzgläser für Lampen und Leuchten sämtlicher Zeiten, so auch aus den 1950er und 1960er Jahren. Davon aber gleich Tausende.

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Manchmal, ganz selten, hat man das Glück, mit einem Schritt in eine neue, eine andere Welt zu steigen. Ein Schritt über die Schwelle des Hauses Sackstraße 25 in Graz läßt den Besucher in eine Welt einsickern, in der die Stundentrommel einen verzögerten Rhythmus vorgibt, wo sich die Raumzeit krümmt oder, einem Aleph gleich, sich ein Blick auf die Gesamtheit der Welt offenbart und alles gleichzeitig geschieht. Es ist die wunderbare Welt des Wolfgang Reinberger. Eine rätselhafte Welt, bestehend aus Relikten, Preziosen und Versatzstücken. Jedes einzelne Stück scheint bewohnt von einer Seele und allesamt erzählen sie Dir Geschichten aus längst vergangenen Tagen, als das Handwerk so alltäglich wie angesehen war. Geschichten von Anmut und Würde, von Qualität und Präzision, aber auch von der unsterblichen Schönheit des Einfachen und Klaren.

Da wäre einmal das Faszinosum der Materialien. Keramik und Porzellan, Messing und Glas. Daraus sind sie im Wesentlichen gemacht, die Lampen, Luster und Leuchter, wie auch die Schalter, Fassungen und Stecker, die man sonst nirgendwo mehr bekommt. Außer durch Zufall oder Dorotheumsauktionen.

Ferrari ist nicht Ferrari
Hierin steckt ein weiterer Reiz der Reinberger‘schen Ware: Für viel Geld läßt sich vielleicht ein neuer Ferrari kaufen, aber bei einem Ferrari GTO Berlinetta von 1962 wird es schwierig. Er gilt als teuerster Oldtimer der Welt, seit ein Exemplar im Jahr 2014 um mehr als 38 Millionen Dollar verkauft wurde. Selbst wenn man das Geld hat – man kann das Ding nicht einfach beim nächsten Ferrarihändler kaufen. So lassen sich Reinbergers Schätze auch nicht bei Amazon bestellen. Es ist somit der Reizwind des Seltenen und Besonderen, der dieses als Geschäft getarnte Sammlerlager umweht. Eine enorme Hemmschwelle für Millionäre aller Art könnte auch sein, dass Wolfgang Reinberger nicht alles verkauft, was er hat. So zum Beispiel seine drei unterschiedlichen Wandtelephonstationen für Induktorenanruf, Modell »Oesterreichische Staatstype« aus den Anfängen der Telefonie, die laut Originalprospekt mit bis zu 240 Kronen ausgepreist sind, theoretisch zumindest. Aber sie hängen als real existierende Zeitzeugen an der Wand und können von jedermann bestaunt werden. Fragen sollte man schon, denn sie hängen weiter hinten und da wird es dunkel und eng. Eigentlich könnte man sagen chaotisch, aber das stimmt natürlich nur halb, handelt es sich doch um eine Art geniales Chaos. Manche Zeitgenossen kennen das von ihren eigenen Schreibtischen – wenn dort ein Fremder aufräumt, läßt sich nichts mehr finden. Bleibt alles unangetastet, erinnert sich der Urhebeber der bloß nach außen hin vermeintlichen Unordnung noch nach Jahrzehnten, wo genau er was findet. Und das beschränkt sich nicht auf Schreibtische.

Wolfgang Reinberger tritt immer wieder den Beweis dafür an. Zum Beispiel, wenn er kurz in einem Original-Katalog aus der Jahrhundertwende – vom 19. ins 20. natürlich – etwas nachschauen will, in das dunkle Nirwana der hinteren Räumlichkeiten abtaucht und bereits nach zwei oder drei Minuten mit einem mittlerweile seltenen, vorzüglich erhaltenen Verkaufskatalog zurückkehrt, der mit Lustern bebildert ist, die je zur Hälfte für den Betrieb mit Stadtgas und zugleich mit elektrischem Strom konstruiert waren. So war der eine Arm eines zweiarmigen Lusters, zumeist waren es Wandleuchten, mit einer Fassung für eine Glühbirne versehen, der andere mit einem Glühstrumpf für das Gas – Zeugen der Übergangszeit von der Gaslaterne zur Elektrifizierung. »Die meisten dieser Leuchten sind später ganz auf Strom umgebaut worden«, weiß Reinberger. »Und hier hängt ein Beispiel dafür«, führt er den Besucher in einen der drei Parallelräume, die alle einen verglasten Eingang von der Sackstraße hätten. Mit derartigen Anleitungen betrachtet man die ausgesuchte Sammlung von vorwiegend Jugendstilleuchten mit anderen Augen. Und bekommt auch eines für die zahllosen Nachbauten am Markt, bei denen oft irgendetwas nicht zu stimmen scheint, weil sich die Nachbauer offensichtlich dieser Gasumbaukonstruktionen nicht im Klaren gewesen waren.

Bauhaus und »Frankfurter Register«
Da ist Reinberger in seinem Element. Sein Fachwissen ist beeindruckend und präzise, bis hin zu alten Seriennummern und Stempelungen, Namen von Entwürfen, aber auch Einzelheiten zu Kunst- und Kulturepochen, vornehmlich auf Kunsthandwerkliches bezogen. Als der Besucher glaubt, einen Lampenschirm aus seiner alten Schule wiederzuerkennen, so ein billiges Ding aus Plastik und Blech, wird er flugs eines Besseren belehrt. »Bauhaus«, sagt der Meister, »die Stufenspiegelleuchte von Zeiss ist ein Entwurf von Adolf Meyer, dem Assistenten von Walter Gropius. Sie besteht zur Gänze aus Glas und der Schirm ist verspiegelt.« Sofort ist wieder ein Katalog zur Hand, diesmal aus dem Jahr 1929, im »Frankfurter Register« ist die Lampe mit 33 Reichsmark ausgepreist. »Heute zahlt man 600 Euro«, meint Reinberger fast entschuldigend, »aber im Internet kostet sie mehr.« Doch in einem gibt er dem Besucher recht, seinerzeit waren Bauhaus-Produkte nicht nur funktionell, sondern auch günstig: »Bauhaus war sozusagen das erste Ikea.«

Das Lager als Stärke
Reinbergers Ware besteht ausschließlich aus Originalen der jeweiligen Zeit. Etwaige Ergänzungen – und mögen sie noch so gering sein, wie etwa Schrauben oder ein Beschlagteil – werden dem Kunden mitgeteilt. »Alle Originale entsprechen aber dem Stand der Technik, werden in meiner Werkstatt restauriert, sind voll funktionstüchtig und betriebssicher.« Als Diplomingenieur der Elektrotechnik legt er darauf besonderen Wert. Reinbergers echte Stärke liegt in seinen Lagerbeständen. Alte Ferraris und Jugendstillampen mag man irgendwo ergattern können, aber was, wenn zu Hause eine gute alte Nachttischleuchte aus den 1960er-, 1950er- oder noch früheren Jahren bis zurück in die Jahrhundertwende in die Brüche gegangen ist oder einer von mehreren Glasschirmen eines Lusters, der einem ans Herz gewachsen ist? (Wer jetzt meint »Neue Lampen kaufen« – bitte nicht weiterlesen.) Wolfgangs Großvater hat das Geschäft im Jahr 1948 erworben. Gefunden hat er es übrigens auf ganz ähnliche Weise wie 65 Jahre davor der Gründer des in derselben Straße ansäßigen Kaufhauses Kastner und Öhler: Ein Zwischenstopp mit dem Zug am Grazer Bahnhof verschlug den einen wie den anderen in die Innenstadt. Am Haus in der Sackstaße 25 hing ein Zettel, dass es wegen eines Bombenschadens zu verkaufen wäre. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich ein riesiger Fundus an Leuchtern und Lustern vieler Stilrichtungen, aber auch an Ersatzteilen angehäuft.

»Ich habe das Geschäft im Jahr 2009 übernommen, als meine Mutter gestorben ist. Es sind tausende Ersatzgläser auf Lager, von denen ich mich nicht trennen kann«, erklärt der 58jährige. Er weiß selbst, dass das etwas kauzig klingen mag, aber wer das Lager kennt, kann verstehen, dass es der sprichwörtlichen Sünde gleichkäme, solche Schätze einfach zu entsorgen, auch wenn die Nachfrage nach Ersatzgläsern für 1960er-Lampen naturgemäß gering ist. Nicht naturgemäß ist hingegen der Umstand, dass sie sehr günstig sind, trotzdem es sich wohl um die letzten ihrer Art handelt. Und von den mit viel Fachkenntnis und handwerklichem Geschick reparierten und restaurierten Lampen trennt sich Wolfgang Reinberger auch ungern. Das ist der Nachteil, wenn man ein Sammlerherz besitzt. Das Restaurieren ist neben den Ersatzteilen quasi sein zweites Standbein. Vom Drehen bis zum Hartverlöten und die gesamte Elektrik reicht dabei sein Spektrum. Nicht schlecht für jemanden, der zuvor an der Montanuniversität Leoben am Department Chemie der Kunststoffe mit dem Köpfchen geforscht hat. Und über zwei Patente verfügt. Drittens, er repariert. Wohin kann man heute noch mit seinen kaputten Gerätschaften gehen, außer zu Selbsthilfegruppen?

Lebenskunst
Die meisten seiner Kunden sind Kenner, Architekten, Ärzte mit Altbauwohnungen oder Erben von Jugendstilvillen. Aber auch jene, die sich keine neue Nachtischlampe leisten wollen oder können. Einig sind sie sich offenbar darin, sich nicht von der zurückhaltenden, spartanischen Auslagengestaltung abschrecken zu lassen. Kein Firmenschriftzug, kein grelle Werbung, kein »Sale« springen den Passanten an oder stören die Einfachheit der Aufmachung. Man sieht Einzelstücke, aufgereiht wie auf einer Perlenschnur von sprödem Charme. Erst drinnen wird das Herz warm: eine delikate Doppellampe aus irisierendem Lötz-Glas, eine tropfenförmige Hängeleuchte nach einem Entwurf von Kolo Moser, verschiedene Art Deco-Lampen, Leuchten der Berliner U-Bahn von 1932, eine Kaiser-Idell-Schreibtischlampe von Bauhaus. Aber auch preiswerte einfache weiße Kugellampen mit Keramiksockel, ebenfalls von Bauhaus, günstige Außenleuchten und Industrielampen aus Stahlblech, die allesamt heute wieder nachgebaut werden, allerdings meist aus Kunststoff oder Küchenlampen mit Keramik-Ei zur Höhenverstellung. Ein weiteres Faszinosum sind Kleinteile wie Lichtschalter, die von selbst erklären, warum es heute noch »Licht aufdrehen« heißt. Wolfgang Reinberger zitiert gern Wilhelm Busch: »Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man läßt.« Und über sich selbst: »Meine Aufgabe ist es, die Dinge so zu erhalten, dass sie funktionieren«. Was anderes ist das als Lebenskunst.

Elektro Reinberger
8010 Graz, Sackstraße 25
Telefon +43 316 825401
lampen-reinberger.at

Fazitportrait, Fazit 142 (Mai 2018) – Foto: Marija Kanizaj

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