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Der kleine Rebus

| 24. Oktober 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 147, Fazitportrait

Foto: Sabine HoffmannUrsula Schinko steht im kleinen Rebus und verkauft Wolle. Dieser Satz steht nicht nur da, weil er ein wunderbarer erster Satz ist – es gibt ganze Bücher über erste Sätze in der Literatur – oder weil er wahr ist – das ist er natürlich auch – sondern, weil er aus Sicht der Trendforschung im übertragenen Sinn aussagt, was sich Konsumenten in Zukunft wünschen.

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Der kleine Rebus ist ein Fachgeschäft für Wolle, Bekleidung und Nähzubehör und befindet sich in der Grazer Radetzkystraße. Das klingt so einfach und profan und das ist es auch, wenn man zum Beispiel einfach Wolle oder Knöpfe einkaufen will. Einfachheit ist nach Schiller ja das Resultat der Reife. Hinter der Geschäftsidee, mit Wolle Handel zu betreiben, steht seit 15 Jahren die reifliche wie kluge Überlegung von Ursula Schinko, auch entsprechendes Zubehör in Form von sogenannten Kurzwaren anzubieten und sich mit Bekleidung ein weiteres Standbein zu schaffen. Für den Romantiker bildet der kleine Rebus das Pendant zur großen Welt. Rebus ist der sechste Fall vom lateinischen »res« und bedeutet »durch die/mit den Sachen« und hat nichts mit dem ehemaligen Rebus in der Herrengasse zu tun, nur die Ware ist zum Teil ähnlich. Wir wissen aus Fantasy- und Sciencefictionliteratur, aus Filmbelletristik, aus Fazitabschweifungen im Zuge dieser Portraitserie, aber auch aus wissenschaftlicher Forschung, dass unsere Rolle im Weltganzen sandkornhaft klein und unser Universum möglicherweise nur eines von unendlich vielen ist. Ein anschauliches Bild liefern Hollywoods »Men in Black«-Filme, wenn Tommy Lee Jones und Will Smith ganze Welten im Anhänger eines Katzenhalsbands oder in einem Bahnhofschließfach vorfinden und erkennen müssen, dass auch die unsrige nur in einer unter vielen Boxen existiert.

Bedienung, Beratung und Trost
Ursula Schinko wurden die Wollknäuel nicht in die Wiege gelegt. »In der Schule habe ich Handarbeiten gehasst«, gibt sie unumwunden zu. Umso fachkundiger ist sie heute gebildet und bedient ihre Kunden entsprechend kompetent. Welche Wolle für welche Zwecke, welche Nadeln, wenn man fester strickt. Welche Möglichkeiten hier, was tut man da. Was, wenn der oder die Fragende nicht nur Rat, sondern auch Trost sucht oder gar Journalist ist, der von nichts eine Ahnung hat, davon aber sehr viel. Nein, korrekterweise muss es heißen: der von allem etwas weiß, aber von nichts alles. Ich verweise fast ohne Koketterie auf meinen ersten und letzten Pullover, den ich vor dreißig Jahren mit 10er-Nadeln aus Holz zweimal selbst gestrickt habe, bevor er nicht fertig wurde und den dann die Motten gefressen haben. Schinko weiß warum, als ich stolz erzähle, dass ich extra naturbelassene, handgesponnene, ungewaschene Schafwolle auf dem Kunsthandwerksmarkt am Färberplatz gekauft hatte, deren Eigenfett für besonders anhaltende Wärme hätte sorgen sollen: Dies sei eine ausgesprochene Delikatesse für Motten. Interessant auch das Qualitätsbewusstsein dieser Tiere, die sich bis heute die teuersten Stücke aussuchen.

Baumarkt für Frauen?
Die Welt des kleine Rebus ist durchaus ergründlich. Das ungeschulte Männerauge identifiziert im Angebot zunächst viel Wolle. Der Düringer würde sagen: »So a G´schicht: a Baumarkt für Frauen.« Er ist eben doch ein Macho. Oder er tut nur so, egal, aber gestrickt hat der nie! Außerdem sind gemäß Aussage der Chefin nur 90 Prozent der Kunden weiblich, fünf bis zehn Männer kämen regelmäßig, um sich mit Material einzudecken. Allein aufgrund des mannigfaltigen Zubehörs ist der kleine Rebus eine echte Fundgrube für Bastelfans und Volksschüler beziehungsweise deren Eltern, denn wo bekommt man heute noch eine Strickliesl? Überhaupt sind die Kurzwaren einen Exkurs wert, nicht nur, weil sie so heißen, wie sie heißen, auch weil sie zum Teil zumindest subjektiv exotisch bis anachronistisch anmuten, zugleich aber auch extrem praktisch. Jedenfalls dann, wenn man genau das braucht, zum Beispiel Druckknöpfe oder spezielle Anorakdruckknöpfe. Oder ein Stopfholz, auch Stopfpilz genannt; manche sammeln so etwas sogar. Etwas spezieller schon die BH-Verlängerungen – nicht jeder Rücken ist schließlich gleich breit – oder BH-Bügel zum Austauschen, Gründe unbekannt, Rost vielleicht? Von der Funktion nicht mehr ganz erinnerlich sind Saumvlies mit Trägerpapier sowie Schrägbandformer, sehr wohl aber der Nahttrenner, ein Must-Have, will man nicht mit der Schere mehr Schaden als Nutzen anrichten. Meine Favoriten seit jeher sind die Aufbügelflicken, sei es für die Ellenbogen oder um ein Loch zu kaschieren, besonders beliebt die kleineren Applikationen zum Aufbügeln mit Motiven wie Eule, österreichische Fahne, Autos oder »Ich war‘s nicht«-Spruch. Highlight ist aber eine persönliche Neuentdeckung: Hosentaschen (innen) zum Anbügeln – grenzgenial.

Wolle von Alpaka, Yak und Kamel
Zu achtzig Prozent kommen Stammkunden in den insgesamt 130 Quadratmeter großen Laden, der sich die ersten siebeneinhalb der 15 Jahre halb so groß in der Schönaugasse befand, und können sich über die riesige Auswahl an Wolle von Firmen wie Katia, Filati oder Lang freuen. Neben der Wolle vom Merinoschaf, das als Standard gilt, erhält die Kundschaft in der Radetzkystraße auch Wolle vom Alpaka, Kamelhaarwolle, aber auch vom Yak sowie Yak-Seidenmischungen, Seide-Alpaka, Alpaka-Merino, Merino-Seide, reine Seide und Baumwolle. Auch bei Baumwolle legt Ursula Schinko Wert auf Qualität, da es vor allem im Billigsegment auch mit Giften kontaminierte auf dem Markt gibt. Allein bei der Hauptwolle hat man die Auswahl aus bis zu zweihundert Farben. Immer wieder aufkommende Modewellen beleben in unregelmäßigen Abständen das Geschäft. »Ein typisches Beispiel war die Myboshi-Haube. Plötzlich musste sie jeder haben«, so Schinko. Ganze Sets gehen dann über den Ladentisch und regen noch mehr junge Leute an, zu Strick- und Häkelnadel zu greifen.

Handarbeiten und insbesondere Stricken hat in der Regel eine beruhigende Wirkung, regt die Kreativität an und schließt mit einem Erfolgserlebnis ab, spätestens, wenn die Haube (leicht) oder der Pullover (schwieriger, siehe oben) dann auch passen. Deswegen haben Stricken, Sticken oder Häkeln auch ein therapeutische Wirkung und folgedessen Eingang in therapeutische Behandlungen gefunden. Natürlich wurde das Stricken in vorigen Generationen viel regelmäßiger gepflogen und gehörte zum Alltag, wie Schinko weiß. »Wenn der Pullover endgültig untragbar war, weil die Ärmel schon Löcher hatten, wurde er aufgetrennt und die Wolle wiederverwendet, zum Beispiel für Socken. Das macht heute natürlich niemand mehr.« Klarerweise war das auch eine Geldfrage. Der durchschnittliche Preis für einen Wollknäuel liegt im kleinen Rebus bei vier Euro. Es beginnt bei 1,90 Euro und geht hinauf bis 30 und 40 Euro. Ein Wollknäuel hat zwischen 40 und 900 Laufmeter. Am Beispiel eines 120 Laufmeter langen Knäuels rechnet man für einen Damenpullover mit 10 Knäuel, das sind somit 1,2 Kilometer. Für einen Herrenpulli können es schnell zwei Kilometer werden. Wer es wünscht, kann seinen Pullover beim kleinen Rebus auch in Auftrag geben, die Chefin strickt persönlich.

Hingabe und Begeisterung gegen Online
In der persönlichen Betreuung und Beratung liegt auch das Erfolgsgeheimnis dieses Ein-Personen-Unternehmens. Wie so oft im Handel hat Schinko am meisten mit der Online-Konkurrenz zu kämpfen. Nur mit Hingabe kann man Kunden halten und zum Wiederkommen verführen. Dass das wirklich so ist, belegte kürzlich eine wunderbare Kolumne von Nils Minkmar in einer Beilage zum Spiegel-Magazin. Darin schildert er, dass er immer zum gleichen Optiker geht, aber nicht wegen der Qualität und Leistung, sondern aus Mitleid – der Laden steht immer leer. Doch seine Zuneigung wird nicht erwidert. Auch wegen kleinster Servicearbeiten an seiner Brille muss er dieselbe meist über Nacht dort lassen. Er konstatiert ein Muster, das in vielen Geschäften anzutreffen sei: Der eigene, bewährte Ablauf dient als Schutz gegen das Chaos, das mit dem Kunden kommt. Diese Ignoranz in der analogen Welt treibt den Konsumenten geradezu ins Internet, hin zum Onlinehandel. Des Kollegen Gegenbeispiel sei dem Fazit-Leser nicht vorenthalten: Nach dem Kauf einer Hose in Indien, wollte der Verkäufer den Saum anpassen, doch der Journalist sagte, er habe keine Zeit mehr, weil er schon auf dem Weg zum Flughafen war. Der Verkäufer blickte hocherfreut auf seine Armbanduhr, dann zu seinem Kollegen und fragte: »Wieviel Sekunden haben wir?« Zu zweit erledigten sie es, noch während der Journalist bezahlte. Sein Schlusssatz: »Ihnen machte die Arbeit Spaß – und den gibt es nun mal nicht digital.« Diese Begeisterung vermittelt auch Ursula Schinko. Und damit liegt sie, wie eingangs erwähnt, aus Sicht der Trendforschung genau richtig.

Konsumentenwünsche der Zukunft
Ursula Schinko steht im kleinen Rebus und verkauft Wolle. Sie sagt: »Man muss gern arbeiten wollen.« Und genau das spüren ihre Kunden. Punktlandung. Auch für die Zukunft. Die Trendforscherin Lidewij Edelkoort sagt uns warum: Angst vor der Zukunft läßt das Bedürfnis nach Zusammensein wachsen. Die Menschen füllen ihr Leben mit Freunden, Tieren, Filmen und Essen. Das Leben übernimmt die Fersehserie und die Onlinepräsenz ersetzt unser wahres Ich. Wir spüren, dass uns die Welt nicht mehr braucht. Alles ist automatisiert. Das Humane gewinnt deshalb immer mehr an Wert. Deshalb erlebt Handgefertigtes ein Revival. Daran halten wir uns im wahrsten Sinne fest. Das Zusammenkommen von Mann und Frau wird schwieriger, die Chemie zwischen zwei Menschen wird nicht mehr gespürt. Die Aufmerksamkeit, die wir Telefonen schenken, nimmt überhand. Eingehende Nachrichten sind immer wichtiger als das Gespräch, das wir gerade mit jemandem führen. Läden und Geschäfte müssen Refugien sein, die Menschen umsorgen und sich positiv auf Körper und Geist auswirken. Shopping-Stress wird durch bewusste Erlebnisse abgelöst. Töne und Licht sind wichtige Mittel, um das Einkaufen wieder mit dem Leben zu verbinden. Weg von Depression und Angst, hin zu emotionaler Ausgeglichenheit. Ursula Schinko steht im kleinen Rebus und verkauft Bekleidung und Wolle und Knöpfe und Handarbeit zum Festhalten.

Der kleine Rebus
8010 Graz, Radetzkystraße 7
Telefon +43 316 819105
der-kleine-rebus.at

Fazitportrait, Fazit 147 (November 2018) – Fotos: Sabine Hoffmann

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