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Im Zeichen der Tanne

| 4. Oktober 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 146, Fazitportrait

Foto: Marija Kanizaj55 Jahre Tann und 60 Jahre Spar in der Steiermark und Südburgenland heißt es heuer. Tann ist sozusagen die Fleischabteilung des Lebensmittelkonzerns Spar, mit sechs Niederlassungen in Österreich. Das Tann-Werk in Graz/Puntigam weist die höchste Produktivität auf und wurde gerade um 30 Millionen Euro erweitert. Eine Entwicklungsgeschichte.

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Wären Fritz und Theo Poppmeier im Jahr 1963 nicht mit ihrem Vater in die USA gereist, würde es Tann wahrscheinlich gar nicht geben. Dort beobachteten sie, dass Lebensmittelhändler auch Fleisch- und Wurstspezialitäten zum Verkauf anboten. Intuitiv erkannten die Studienreisenden die damit verbundenen Chancen für den heimischen Lebensmittelhandel und wagten nach ihrer Rückkehr die Realisierung einer Vision: Frischfleisch aus dem Supermarkt. Unvorstellbar für die meisten in einer Zeit, in der der Fleischer ums Eck zur Alltagskultur zählte. Entsprechend groß waren auch die Widerstände, die sie in der Heimat erwarteten. Kein Fleischer wollte mit Spar kooperieren. Gegenwind gab es ohnehin genug, denn schon die Großhändlerkollegen hatten fünf Jahre zuvor das Konzept der niederländischen De Spar (»die Tanne«) nicht verstanden, dass es Marktplätze im Einzelhandelsverkauf geben muss, wohin man die Ware als Großhändler liefern kann. Das hatte sich die Familie Poppmeier zuvor beim österreichischen Spar-Pionier Hans Reisch in Kufstein genau angesehen: den Zusammenschluss der Einzelhändler unter einer Marke. »Wären wir damals nicht in die Spar eingestiegen, dann hätte es uns als Großhändler bald nicht mehr gegeben«, wird Dr. Fritz Poppmeier, Miteigentümer der Spar Österreich und Mitbegründer der Spar Steiermark und Südburgenland, im Magazin zum Jubiläumsjahr zitiert. Das bekamen viele der Großhändler am eigenen Leib zu spüren – sie verschwanden von Markt. Die übrigen Großhändler unterschrieben in der Handelskammer, der heutigen Wirtschaftskammer, sogar einen »Anti-Spar-Vertrag« wegen vorgeblicher kartellrechtlicher Bedenken.

Eine Revolution
Heute kann man sagen, dass Spar den Markt revolutioniert hat und dies gelang auch mit der Tann, über die man als erster Trockensortimenter auch Frischfleisch hinter der Theke anbot. Wie schon die Großhändler erkannten auch die Fleischer, von denen es in Graz damals noch 240 gab, nicht die Zeichen der Zeit und waren nicht bereit, in einen Entwicklungsprozess einzusteigen, der letztlich von den sich verändernden Kundenbedürfnissen, aber auch von angehobenen, anspruchsvolleren Hygienevorstellungen bestimmt wurde. »Damals wurde in einem Raum geschlachtet, das Tier zerlegt, gewurstet und das Fleisch für den Verkauf hergerichtet – heute wäre so eine Vorgangsweise aufgrund der Hygienevorschriften undenkbar«, wie sich Theo Poppmeier im Jubiläumsmagazin zurückerinnert.

Tann wird gegründet
Dementsprechend mühevoll verlief der Start. Fleischermeister Karl Loidl war der Einzige, der daran geglaubt hat, dass der Frischfleischverkauf funktionieren kann. So begann 1963 eine freundschaftlich verbundene Partnerschaft, die bis heute anhält, und es erfolgte die Gründung der Tann. Im angeführten Interview kommt auch Karl Loidl zu Wort und es ist teils erschreckend, teils amüsant, wie es damals zugegangen ist. Die beiden brauchten einen langen Atem, als zeitgleich ein Spar-Supermarkt in der Grazer Humboldtstraße mit Frischfleisch-Sortiment eröffnet – eine Sensation aus damaliger Sicht. Auch für Mitgründer Karl Loidl war das Unternehmen ein Wagnis. Der Fleischermeister wurde für den Tabubruch verhöhnt und angefeindet. Doch das Start-up bewies Geduld und Konsequenz. Qualitätsbewußtsein und smarte Preisgestaltung lieferten das Fundament. Karl Loidl: »In den ersten zehn Jahren wurde das Tann-Fleisch ausschließlich verpackt und zur Selbstbedienung verkauft. 1974 haben wir begonnen, das frische Fleisch auch hinter der Theke zu verkaufen. Ab 1980 hatten wir aufgrund eines Vorstandsbeschlusses in den Sparmärkten nur noch das Fleisch mit Bedienung hinter der Theke verkauft. Heute haben Kunden bei Spar zwei Möglichkeiten, Fleisch zu kaufen, hinter der Fleischtheke mit Bedienung und Beratung oder verpackt im Kühlregal.« Theo Poppmeier: »Wir waren damals die Ersten, die das Fleisch netto, sprich ohne Knochen, verkauft haben. Damals haben uns die Fleischer alle gefragt, ob wir »deppert« sind. Es war seinerzeit üblich, dass man überall den Knochen dabei gelassen hat. Beim Schnitzelfleisch hat es auf der Waage gleich um 25 Prozent mehr ausgemacht. Am Anfang waren wir ein bisschen teurer als die Fleischer. Die Kunden haben es aber bald zu schätzen gewusst, dass sie von uns ein gut aufbereitetes Fleisch, welches auch besser schmeckt, bekamen.« Die beiden Gründer erinnern sich auch, wie sich die Zeiten sonst geändert haben. Damals war das Schweinefleisch gefragt und sehr teuer. Das Rindfleisch wesentlich billiger. Heute ist es genau umgekehrt. Karl Loidl: »Ich kann mich auch erinnern, dass die Fleischer uns boykottiert haben. Meine drei Onkel waren Fleischhauer, die haben nie mehr mit mir gesprochen.« Und zur Hygiene: »Das war damals bei weitem nicht so streng wie heute. Wenn man bedenkt, dass Kälber bis 1978 nur mit Fell angeliefert wurden. In den Räumlichkeiten der Tann war es dann so, dass das Schweinefleisch verkaufsfertig aufgearbeitet wurde und daneben hing das Kalb im Fell. Heute wäre das unvorstellbar.«

Eine weitere Reise spielt eine wichtige Rolle. Die beiden lernten sich bei einer dreiwöchigen Schweiz-Reise näher kennen. Sie besuchten die Schweizer »Migros«, damals das fortschrittlichste Unternehmen, um sich dort weiterzubilden, vor allem hinsichtlich der Selbstbedienung von Fleisch. Diese Reise war ein besonders wichtiger Schritt für die Gründung von Tann. Bei einem internen Seminar erfuhren die beiden, dass Konsum mit 25 Prozent Marktanteil an erster Stelle stand, Meinl mit 20 Prozent an zweiter und Spar gerade einmal vier Prozent erreichte. Karl Loidl: »Dr. Fritz  Poppmeier hat uns bei der Präsentation sein Ziel genannt, nämlich den Konsum zu überholen.« Theo Poppmeier schmunzelnd: »Und wir haben beide gekauft!«

Husarenstücke
Um die Marke Tann bekannt zu machen, waren die beiden zu manchem Husarenstück bereit. Eines Tages waren in der Grazer Fleischhalle 5.000 Stück Karree liegen geblieben, die nicht verkauft werden konnten. Da es damals keine Kühlung gab, war das für den Verkäufer ein großes Problem und auch ein finanzieller Aderlass. Karl Loidl kaufte die gesamte Partie, was den ganzen Markt in großes Erstaunen versetzte. Die beiden verkauften anschließend alle 5.000 Karrees zu einem sehr günstigen Preis an nur einem Wochenende in den Sparfilialen. Diese Aktion hat das Image von Tann rasant gehoben und die Geschäftsleute wurden ernst genommen. Die ersten zehn Jahre gingen zäh voran. Der Durchbruch erfolgte mit einem Stand auf der Grazer Messe. Dort haben sie ein paar Frankfurter Würstel mit Senf und Semmel um fünf statt um 15 Schilling verkauft und handelten sich damit 50 Anzeigen ein. Sowie das Gerücht, dass man von ihren Würsteln krank wird. Bis das Gesundheitsamt zur Überprüfung anrückte und bestätigte, dass alles in Ordnung war. So konnten sie um elf Uhr ihren Stand wieder aufsperren.

Graz als »Steak-Drehscheibe«
Direkter Nachfolger von Karl Loidl ist heute Siegfried Weinkogl als Leiter von Tann. Unter seiner Ägide wurde der Standort Graz-Puntigam allein mit der letzten Investition von 4.320 auf 8.581 Quadratmeter praktisch verdoppelt. Technologische Neuerungen bei der Zerlegung oder der Verpackungslinie sowie eine neue Linie für Faschiertes in Selbstbedienung sorgen für einen weiteren Entwicklungsschwung. Die »Dry-Aged«-Reiferäume wurden so vergrößert, dass 650 halbe Rinderrücken gleichzeitig die erforderlichen 21 Tage bei 0 bis 2 Grad Celsius und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit abliegen können, was sogar für die Belieferung für die Sparmärkte im gesamten Bundesgebiet reicht. Graz ist damit zur »Steak-Drehscheibe« geworden. Der gelernte Fleischermeister hat in Graz 130 Mitarbeiter (800 Tann-Mitarbeiter sind es österreichweit), die hier pro Jahr 10.500 Tonnen Fleisch und Wurst verarbeiten (österreichweit 65.000 Tonnen ausschließlich heimisches Fleisch). In der Steiermark und dem Südburgenland werden 255 Kunden (Filialen und selbstständige Spar-Kaufleute) beliefert. Der 58jährige zweifache Vater, einst jüngster Fleischermeister Österreichs, ist seit 35 Jahren bei Tann und leitet das Grazer Tann-Werk seit 1994. Ganz zur Unternehmensphilosophie von Spar und Tann passend, nicht Trends hinterherzulaufen, sondern sie selbst zu setzen, ist er ein »Treiber« und legt Wert darauf, das  Unternehmen als branchenweiten Innovationsführer immer weiter zu entwickeln. Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß er, dass und wie sich Kundenverhalten verändert: »Das hat etwa auch mit den Fernsehköchen zu tun. Kunden verlangen zum Beispiel gezielt nach einem Tomahawk-Steak oder einer Lamm- oder Kalbskrone. Aber auch das Thema Steak ist in aller Munde und da hat unsere Kundschaft mittlerweile eine große Auswahl. Ob Filet-Steak, Rump-Steak oder auch Steaks mit Knochen wie das  Tomahawk-Steak. Oder trocken gereifte »Dry-Aged«-Steaks.« Immer wichtiger wird das Thema Fleischqualität. »Manche Kunden entscheiden sich bewusst dazu, weniger Fleisch zu essen. Wenn doch, dann wollen Sie etwas Besonderes wie beispielsweise ein Steak von unserem Murbodnerrind oder Tann-Alpenochs oder auch Produkte vom Weizer Berglamm oder vom Vulkanlandschwein.« Nachhaltigkeit und Regionalität sind für Tann ein wichtiges Thema. Die Wertschöpfung soll in der Region bleiben, Bauernfamilien das Einkommen gesichert sein. Der Tann-Alpenochs ist ein »Qualitätsfleisch-Programm mit mehr Tierwohl«. Die Tiere haben 40 Prozent mehr Platz, Mutterkuhhaltung und eingestreute Liegeflächen. Außerdem verfügt das gesamte Frischfleischangebot über das AMA-Gütesiegel. Stolz ist der Tann-Leiter auf die Verwirklichung seiner eigenen Vision: »Ich wollte das beste Rindfleisch von Österreich machen. Resultat ist das Murbodner Rindfleisch. Eine Marke mit hohem Genusswert und mit einer Geschichte. Eine vom Aussterben bedrohte Rasse wurde gerettet und aus anfangs 200 Züchtern sind bereits 500, meist Bergbauern, geworden.«

Trotz eines offenkundigen Trends bei einem Teil der Konsumenten zu vegetarischer und veganer Ernährung investiert Spar in den Ausbau von Fleischwerken. Christoph Holzer, der Geschäftsführer in Graz, selbst Flexitarier, kennt den Grund: Die, die gern Fleisch essen, werden in Zukunft vermehrt auf die Qualität schauen. Spar will Ihnen die beste Fleischqualität anbieten.

Spar-Zentrale Graz
8055 Graz, Hafnerstraße 20
Telefon +43 316 248*0
spar.at

Fazitportrait, Fazit 146 (Oktober 2018) – Fotos: Marija Kanizaj

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