Anzeige
FazitOnline

Die Geigen des Herrn Hofer

| 28. November 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 148, Fazitportrait

Foto: Heimo BinderEin großer, grauer Koffer in Form einer großen Violine schwankt über die Murbrücke. Erst als er näherkommt, ist darunter der kleine Bub zu erkennen, der sich mit schnellen Schritten, vorbei an der Franziskanerkirche, einem kleinen Geschäft nähert und darin verschwindet. In der Werkstatt lauscht er aufmerksam Meister Brückners Erzählungen, während dieser sein Cello pflegt.

Lebend stand ich in den Wäldern,
wurde geschlagen mit hartem Beil.
Während ich lebte, schwieg ich,
gestorben klinge ich süß.
Übersetzung einer lateinischen Inschrift
auf der Zarge einer alten Geige.

Hofers Geschichte
So beginnt die Geschichte von Rupert Hofer in der Hauszeitung Nummer 1/1998 seines eigenen Unternehmens, das er im Herbst 1997 in der Leonhardstraße gegründet hat: Aus dem kleinen Buben ist ein Geigenbaumeister geworden. Das klingt so – prosaisch, so profan: Geigenbaumeister. Das kann, das darf man nicht einfach dahinsagen, nicht bloß beiläufig erwähnen. Würden Sie diesen Text nicht lesen, sondern hören, hätten Sie bemerkt, dass dieses Wort mit gehobener Stimme ausgesprochen wird. Akzentuiert, fast mit einem Rufzeichen, jedenfalls mit anerkennendem Unterton, der bei sensitiven Zeitgenossen sogar leicht ehrfürchtig ausfallen kann, fälschlicherweise auch sorgenvoll erschrocken: »Geigenbaumeister (– du gute Güte, ein Künstler, wovon wird er leben?).« Niemand macht das, wenn aus einem Maurerlehrling ein Baumeister wird.

::: Hier im Printlayout online lesen

Nichts gegen Baumeister, Bob ist sogar ein Star; und der einzige Baumeister, den ich kenne, ist okay und witzig und reich. Jedenfalls macht Rupert Hofer das seit beruhigenden einundzwanzig Jahren und er ist nicht Künstler – abgesehen davon, dass er Cello spielt – sondern Kunsthandwerker. Und das ist sicher wie nur was, schließlich ist er auch noch Landesinnungsmeister der Kunsthandwerker (1000 Betriebe in der Steiermark) und Bundesinnungsmeister der Musikinstrumentenerzeuger (7000 Betriebe in Österreich) und er bildet Lehrlinge aus. Der Mann kennt sich aus. Aber das war nicht immer so, doch davon später.
 
Holz lebt
Die meisten verbinden mit Holz etwas Angenehmes. Kein Wunder, ist es doch als Baum zweifellos ein Lebewesen und scheint noch als zugerichteter Werkstoff den göttlichen Funken nicht zu verlieren. Holz lebt – und sei es auch nur wegen seiner hygroskopischen Eigenschaften. Es nimmt Luftfeuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab, was etwa raumklimatische Vorteile bringt. Aber es »arbeitet« dabei auch, schwindet bei Trockenheit und Wärme und dehnt sich bei feuchter Luft aus. Deshalb werden etwa Parkettböden auch »schwimmend« verlegt, mit gewissem Abstand zum starren Mauerwerk. Auch wer jemals bloß ein Regalbrett aus Vollholz zugeschnitten oder auch nur an der Wand befestigt oder irgendwo eingebaut hat, kennt die angenehme Haptik und die relativ einfachen Bearbeitungsmöglichkeiten dieses Werkstoffs. Oft aber auch die überraschenden, schwer berechenbaren Eigenschaften von Holz, insbesondere, wenn es sich verzieht, sei es wegen der klimatischen Bedingungen oder weil es schlecht aufgeschnitten ist. Wissen und Erfahrung eines Fachkundigen sind dann gefragt. Man kann wissen, welches Holz für welche Zwecke geeignet ist, wie das mit den stehenden und den liegenden Jahren ist oder mit der linken und der rechten Seite eines Bretts. Erfahrung ist vergleichsweise die höhere Dimension. Sie läßt sich naturgemäß nicht einfach erlernen, ist zeit- und energieaufwendig, ihre Skala ist nach oben hin offen und in den Grenzbereichen an der Schwelle zu Zauberei und wahrem Glauben. Wir kommen zur Magie des Holzes. Damit ist jetzt gar nicht die Kommunikationsfähigkeit von Pflanzen und damit auch Bäumen untereinander gemeint, um den Ton geht es aber doch.

Klangsuche
Der Klang der Geige ist mystifiziert. Auch Meister Hofer baut Geigen nach alten Vorbildern. Das sind in erster Linie die italienischen Geigenbauer des 18. Jahrhunderts, allen voran Stradivari, Amati und Guarneri. Zum einen sehen alle Geigen gleich aus. Ja, das stimmt so nicht, ich höre den Aufschrei der Auskenner, spreche aber von respektive mit den Augen des Laien und betrachte die wenigen echten Designausnahmen für die Bestätigung der Regel. Vor allem aber wird versucht, dem Klang der Vorbilder möglichst nahe zu kommen. Die Größe dieser Herausforderung und die fast sakrale Würde dieses Abenteuers dürften nur wenigen bewußt sein. Natürlich weiß man, dass alles Handarbeit ist, aber wie aufwendig die Anwendung alter Methoden mit althergebrachten Werkzeugen ist, macht schon Staunen. Die bauchige Wölbung von Decke und Boden der Violine wird nicht etwa mit einem Fräser gefertigt, sondern mit sogenannten Abstecheisen und mit Wölbungshobel aus Messing in wirklich vielen Größen, wobei der kleinste geschätzte drei Zentimeter winzig ist. Allein der Gedanke an das Schärfen der Hobeleisen kann einen angesichts der sonstigen Rasanz des Lebens unrund machen. Aber es kommt noch ärger: Der Geigenbauer verwendet kein Schleifpapier – zumindest Rupert Hofer nicht. Es werden ausschließlich unterschiedlich geformte Ziehklingen eingesetzt, auch bei der schwierig zu putzenden Schnecke am oberen Ende des Halses. Wer schon einmal auch nur eine einfache, gerade Ziehklinge oder gar einen Schwanenhals zugerichtet und händisch mit einem Grat versehen hat, kann ermessen, was das an Aufwand und Geschick bedeutet. Jeder Unternehmensberater würde zum Outsourcen raten, wie es etwa Tischler mit den zu schleifenden Werkzeugen handhaben. Er kann nicht wissen, dass ein traditionsbewusster Geigenbauer auch anders denken können muss. Quer und gegen die Ströme von Zeit und manchmal auch Raum.

Foto: Heimo Binder

Der Sitz der Seele
Richtig fasziniert aber erst das Innere der Geige. Zugegeben, das ist bei uns Halbgebildeten nicht schwer zu bewirken, fehlt doch immer die Hälfte an Wissen, aber gleich hundert Prozent? Ebenfalls zugegeben, ich weiß nicht einmal, was in meiner eigenen Gitarre drinnen ist, ob überhaupt etwas drinnen ist und man sieht auch so selten hinein. Bei der Geige noch weniger, die hat ja nur zwei schmale F-Löcher. Die heißen so. Eher der bildenden Kunst Verhaftete kennen sie aufgemaltermaßen von einem weiblichen Rückenakt, die »Violine von Ingres« von Man Ray. Was ist nun im Inneren der Violine? Erstens der Bassbalken. Er ist aus Fichtenholz und wird, nachdem er an die Wölbung der Geigendecke angepasst ist, an ihrer Unterseite angeleimt. Er verteilt die Schwingungen, die ein Ton erzeugt, über die ganze Geigendecke. Die wiederum aus langsam gewachsenem, nach klanglichen Aspekten ausgesuchtem Fichtenholz sein muss. So wie der Rest der Geige, jedenfalls aber der Korpus, genauer der Boden und die Seitenwände, die sogenannten Zargen, aus möglichst stark geflammtem Ahornholz sein sollte. Zweitens der Stimmstock. Das ist ein dünner runder Stab aus Fichte, sie sogenannte »Seele« des Instruments. Er steht aufrecht und verbindet Decke und Boden miteinander und muss so genau passen, dass er ohne Leim stehen bleibt. Darüber hinaus bestimmt er die so wichtige Klangfarbe mit. Rupert Hofer lässt einige Stimmstöcke nacheinander auf den Tisch fallen und tatsächlich: Jeder klingt anders. Der Legende nach suchte Antonio Stradivari in klaren Vollmondnächten jene Fichten aus, aus denen er seine Geigen fertigte. Er schälte etwas Rinde ab, legte sein Ohr an den Stamm, klopfte mit einem Hammer gegen das Holz und lauschte. War er mit der Resonanz zufrieden, wurde der Baum gefällt. Die harten Winter zu seiner Zeit ließen das Holz langsamer wachsen, was für die besonders gleichmäßige Dichte gesorgt haben mag, die 2008 mit computertomografischen Untersuchungen an der niederländischen Universität Leiden nachgewiesen wurde. Das unterstützt auch die »Kleine-Eiszeit-Theorie«, eine von vielen, die das Geheimnis um die besondere Klangfarbe einer dreihundertjährigen und millionenschweren Stradivari-Geige zu lüften versuchen. Andere Hypothesen führen den außerordentlichen Klang auf eine hauchdünne Grundierung unter der rötlichen Lackschicht zurück. Wieder andere machen seinerzeit verwendete Holzschutzmittel für den besonderen Sound verantwortlich. Fast an Blasphemie grenzt hingegen ein Blindtest des Wissenschaftsmagazins PNAS mit 21 Musikern, denen es nicht gelang, aus insgesamt sechs Violinen die zwei Stradivaris und eine Guarneri herauszuhören. Dieser Test legt nahe, dass ein psychologischer Effekt den altehrwürdigen Geigen zu bleibendem Ruhm verhilft: Wer eine Geige spielt oder hört, die Millionen wert und von einer Aura der Überlegenheit umgeben ist, den begeistert schon dieses besondere Erlebnis so, dass der Klang überirdisch schön wirken muss. So wird auch der niederschmetternde Blindtest den Mythos der alten Geigen kaum beenden.

Reparieren statt herstellen
Der heute 47jährige Rupert Hofer wußte bereits im Musikgymnasium BRG Dreihackengasse über seine Berufung Bescheid und wurde als einziger Nichtdeutscher in der Prä-EU-Zeit an der renommierten Geigenbauschule im bayerischen Mittenwald aufgenommen. Praxis sammelte er bei Benedek in München, bei Max Möller & Zoon in Amsterdam sowie in Berlin. Mit der Routine kam die Perfektion. Der Schlüssel dazu: »Durch das Sehen, Reparieren und Restaurieren von alten Meistern wie Guadagnini, Stradivari, Goffriller, Amati, Busseto, Stainer, Jacobs und vielen mehr war es mir möglich, umfangreiche Erkenntnisse zu gewinnen und mich mit alten Arbeitsweisen intensiv auseinanderzusetzen«, so Hofer. Rund 25 neue Geigen und Bratschen hat der Meister bislang gebaut. Für ein Stück benötigt er 200 Arbeitsstunden. Für ihn wesentlich sind dabei eigener Charakter und Stil, und dass Klang- und Formschönheit überzeugen. Der Preis? 14.000 Euro plus Steuer. Schülergeigen hingegen schlagen gerade einmal mit einem Zehntel zu Buche. Natürlich gibt es die Billiggeigen aus dem Internet und China. »Aber alles unter 1.700 Euro zahlt sich nicht aus« , spricht er sein tägliches Geschäft mit den Eltern an. Das Spielfertigmachen einer billigen Onlinegeige, damit sie überhaupt funktioniert, kommt schnell einmal auf 1.000 Euro, plus Bogen und Kasten sind wir bei 1.900, erläutert Hofer. »Und dann habe ich noch immer bloß den China-Mist. Da zahlt sich ein Set mit solider heimischer Ware um insgesamt 2.500 Euro sicher aus. Das noch dazu eintauschbar ist für die nächste Geigengröße.« Außerdem kann man die Instrumente bei Hofer auch mieten. Sein Zubehörgeschäft in der Größenordnung von rund 10.000 verschiedenen lagernden Produkten ist gigantisch, unschlagbar seine Auswahl etwa an Etuis für Celli »nahe am Netzpreis«. Hauptgeschäft ist und bleiben aber die Reparatur und das Service von Geigen bis zu Gitarren. Wann soll sich da wieder ein Neubau eines Instruments ausgehen? Die Frage war rhetorisch.

Geigenbaumeister Rupert Hofer
8010 Graz, Leonhardstraße 36
Telefon +43 316 373911
geigenbau.at

Fazitportrait, Fazit 148 (Dezember 2018) – Fotos: Heimo Binder

Share |
 
Anzeige
 

Kommentare

Antworten